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Epiktet, Diatriben Buch I, Kapitel 18:
Dass man sich über Leute, die Fehler machen, nicht zu ärgern braucht.

[1] Wenn es wahr ist, was die Philosophen sagen, dass alle Menschen einen Anfangspunkt gemein haben, nämlich die Erfahrung: wie man zustimmt, wenn man erfährt, dass es sich so verhält und etwas verneint, wenn man erfährt, dass es sich nicht so verhält und, bei Gott!, sich zurückhält, wenn man erfährt, dass etwas unsicher ist. [2] So erstrebt man auch etwas, wenn man erfährt, dass es mir nutzt. Aber es ist unmöglich, eines interessant zu finden und ein anderes zu begehren, oder eines als Pflicht zu erkennen, aber ein anderes in Angriff zu nehmen. Warum ärgern wir uns dann noch über die Vielen? [3] – Diebe, sagt einer, sind sie, und Betrüger. – Was ist ein Dieb und Betrüger? Es sind Leute, die sich über Gut und Böse geirrt haben. [4] Muss man sich also über sie ärgern, oder mit ihnen Mitleid haben? Aber zeige ihnen ihren Irrtum auf, und du wirst sehen, wie sie von ihren Fehlern Abstand nehmen. Wenn sie aber keine Einsicht zeigen, haben sie keinen Standpunkt außerhalb ihrer Meinung erlangt.
[5] Muss man diesen Piraten und diesen Ehebrecher nicht umbringen? [6] – Keineswegs, sondern frage dich eher: „Muss nicht der umgebracht werden, der sich irrte und völlig über die wichtigsten Angelegenheiten täuschte; der blind ist nicht in Bezug auf das Sehen, das zwischen Weiß und Schwarz unterscheidet, sondern in Bezug auf die Erkenntnis, die zwischen Gut und Böse unterscheidet?“ Und wenn du so sprichst, erkenne [7], wie unmenschlich das ist, was du sagst und dass du ebensogut sagen könntest: „Muss man nicht den Blinden umbringen und den Tauben?“ [8] Wenn nämlich der Verlust der wichtigsten Dinge der größte Schaden ist, das wichtigste bei jedem aber die Überzeugung ist, nach der man handelt, und jemand dessen beraubt ist, was ärgerst du dich über ihn? [9] Mensch, wenn du schon widernatürlich von anderer Leute Schlechtigkeiten aufgebracht wirst, bemitleide ihn lieber, als ihn zu hassen. Unterdrücke deine Neigung zum Anstoßnehmen und zum Hassen. [10] Trage nicht diese Reden vor, die die Menge der Kritiker im Munde führt: „Diese verfluchten und verruchten Trottel!“ [11] Sei’s drum. Wie bist du doch plötzlich weise geworden, dass dir andere Trottel zuwider sind? Warum ärgern wir uns denn? Weil wir das Material wichtig nehmen, dessen wir beraubt werden. Sobald du also deine Kleidung nicht wichtig nimmst, ärgerst du dich auch nicht über den Dieb. Nimm die Schönheit der Frau nicht so wichtig, und du ärgerst dich nicht über den Ehebrecher. [12] Erkenne, dass ein Dieb und ein Ehebrecher keinen Platz haben in den Dingen, die dein sind, sondern in fremden Dingen und dem, was nicht in deiner Macht steht. Lässt du diese Dinge und hältst sie für nichts, über wen ärgerst du dich dann noch? Solange du aber diese wichtig nimmst, ärgere dich eher über dich als über jene Diebe. [13] Überlege dir: Du besitzt schöne Kleidung, dein Nachbar nicht. Du besitzt eine Tür und willst die Kleidung lüften. Jener Nachbar weiß nicht, was das Gute im Menschen ist, sondern bildet sich ein, es sei der Besitz schöner Kleidung, [14] was auch du dir einbildest. Wird er folglich nicht kommen und sie nehmen? Aber wenn du Leckermäulern einen Kuchen zeigst, um ihn allein zu verschlingen, willst du dann nicht, dass sie ihn sich schnappen? Reize sie nicht, besitze keine Tür, lüfte nicht deine Kleidung.
[15] Auch ich hatte jüngst noch einen eisernen Leuchter, der stand neben den Hausgöttern, als ich bei der Tür ein Geräusch hörte und hinlief. Ich fand den Leuchter als einen Gestohlenen vor. Ich überlegte, dass der Dieb nichts Ungehöriges empfunden hat. Was folgt daraus? [16] Morgen, sag ich, wirst du einen irdenen Leuchter finden. Denn man verliert nur das, was man besitzt. „Ich habe meine Jacke verloren!“ – Ja, du hattest eine Jacke. „Ich habe Kopfschmerzen!“ – Du hast doch nicht etwa Schmerzen in den Hörnern? Denn diese Verluste, diese Schmerzen kommen nur vom Eigentum.
[17] „Aber der Tyrann wird fesseln …“ – wen? Das Bein. „Aber er wird abschneiden …“ – was? Den Nacken. Was wird er folglich weder fesseln noch abschneiden können? Die Überzeugung. Darum rieten die Altvorderen: Erkenne dich selbst! [18] Was folgt daraus? Dass man, bei den Göttern!, sich um die kleinen Dinge bemühen muss und von jenen beginnend fortschreiten muss zu den größeren. [19] „Ich habe Kopfschmerzen!“ – Sag nicht: „Oh weh!“. „Ich habe Öhrchenschmerzen!“ – Sag nicht: „Oh weh!“. Und ich sage damit nicht, dass man nicht seufzen darf. Aber innerlich sollst du nicht seufzen. Auch sollst du nicht schreien und das Gesicht verziehen und sagen: „Alle hassen mich!“, wenn der Diener den Verband zu langsam bringt. Wer würde so jemanden nicht hassen? [20] In Zukunft lebe richtig, im Vertrauen auf diese Grundsätze, aufrecht und frei, und vertraue nicht auf die Größe des Körpers wie ein Athlet. Denn man braucht nicht wie ein Esel unbesiegbar zu sein.
[21] Wer also ist unbesiegbar? Wen nichts Unvorhergesehenes aus der Fassung bringt. Also betrachte ich im Folgenden jeden der Umstände und nehme ihn durch wie beim Athleten. „Dieser Athlet erzwang den Sieg in der ersten Disziplin. Was wird in der zweiten sein? Was, wenn es Hitze gibt? Was in Olympia?“ Und hier ist es dasselbe: Wenn du ihm ein Silbermünzlein hinwirfst, wird er es ignorieren. Was aber, wenn es ein Mädchen ist? Was, wenn es dunkel ist [= wenn es niemand sieht]? Was, wenn es eine kleine Ehre ist? Was, wenn es eine Kränkung ist? Was, wenn es ein Lob ist? Was, wenn es der Tod ist? [23] Er kann über all das siegen. Was, wenn es brütend heiß wäre, das meint: Was, wenn er betrunken wäre? Was, wenn er depressiv wäre? Was, wenn er schläft? So einer ist für mich ein unbesiegbarer Athlet.

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Gedanken zu einer Predigt über Lukas 11,14-23:

Hier, auf Wunsch, das Transkript:

Kann man stärker sein als der Teufel?

Luther -> Tintenfass | Wartburg
Was ist das für ein Teufel,
den man mit einem Tintenfass* in | * Ein Wörtlein kann ihn fällen (EG 362,3)
die Flucht treiben kann?
|
Plagegeist?
|
Widerspricht den Vorstellungen vom +
Ängsten der Menschen vor d. Teufel
als einer Macht

I. In d. Bibel
Satan = Widersacher Bsp. Jesus
διαβολος = Ankläger Bsp. Hiob
„es kann der Beste nicht in Frieden leben,
wenn’s seinem bösen Nachbarn nicht gefällt”
|
d. Teufel ist/hat keine eigene Macht
sondern versucht                         |
Menschen anzuklagen*           „dunkle Seite der Macht”
und ihnen dadurch zu schaden                                              | * vor wem? Gewissen?
|
Selbstanklage/
Selbstverdammung
|

Freud: Über-Ich

II. These: Der Mensch ist nicht autonom
Er wird von etwas geritten
– Gott oder … => Bibel nennt sie δαιμονια* (urspr. griech. positiv!) | * δαιμων = 1. θεος
|                                                              2. göttl. Wesen ->
„Gottfunktionen“                                             Geschick, Verhängnis
το δαιμονιον = Gottheit,
bes. Genius: der Schutzgeist
δαιμονιος – 1. von e. Dämon besessen -> unbegreiflich, ver-rückt
2. göttlich, übernatürlich, außerordentlich

Erweiterung der These:
III. Der Mensch kann nicht ohne einen (Gott) Reiter sein.

Frage: Wer/ was reitet mich?
jemand, der Gutes für mich will?
Über-Ich – Ich – Es                                 Ambivalenz: Das Verrückte/ unbegreifliche
jemand, der mir schaden will?        ist zugleich das Außerordentliche/
|                                                                Wunderbare
Bibel: Stummheit
=> der Stumme kann nicht „Ich” sagen
„wie ein Schaf (Lamm), das vor seinem Scherer verstummt” (Jesaja 53,7 =
Acta 8,32)


[Was sind unsere Dämonen?
z.B. Leistung
=> ich kann keine Schwäche zulassen/ zeigen
ich muss immer mehr/ besser werden/ haben/ sein
ich darf keine Fehler machen
|

Sünde]

der Glaube an Jesus
Jesus treibt den Dämon aus            |
Vorwurf: Er treibt ihn mit dem Teufel aus
=> Austreibung des Übels durch etwas Schlimmeres


[z.B. Dämon der Gier
=> ich kenne keine Grenzen
ich muss immer mehr haben
ich verwechsle seelische Bedürfnisse mit physischen
|
wird ausgetrieben durch den Dämon der Leistung -> Sport]


Was macht Jesus?

Freud:   „Wo ‚Es‘ war, soll ‚Ich’ werden“
Paulus: „Nun aber lebe nicht mehr ‚Ich’, sondern Christus lebt in mir.“
|
Jesus vertreibt das Über-Ich und setzt an seine Stelle den gnädigen Gott
(Good Will Hunting, Schlüsselszene: „Du kannst nichts dafür”)

IV. Der Teufel steckt nicht im Detail, sondern in uns selbst:
die Maßstäbe, die wir ungeprüft übernehmen u. an uns selbst anlegen.


Der Teufel, der Luther auf der Wartburg heimsuchte, waren die Maßstäbe/ Regeln seiner Vergangenheit
-> Bruch des Mönchsgelübdes
-> Bruch mit der allein selig machenden Kirche

Tintenfass = Regeln sind Papier, nicht unverrückbar
|
Übersetung des NT:
Suche nach d. neuen Weg
->Barmherzigkeit Gottes

V. Luther hat die Teufel nicht alle austreiben können
-> Antisemitismus
|
Er hat die Barmherzigkeit vergessen, die ihn selbst rettete

=> Stärker als der Teufel ist Gottes Barmherzigkeit

Gliederung der Predigt zum 19.n.Trinitatis

Die ersten drei Schritte ergeben sich aus dem Text, incl. der Gegenrede. Die folgenden beiden Schritte führen den Gedanken der Gebotsübertretung weiter.

Im Hinterkopf habe ich „Terror“ von Ferdinand v. Schirach und einen imaginierten AfD-Anhänger.

In der fertigen Predigt habe ich die fünf Schritte auf sechs Abschnitte (plus kurze Einleitung) verteilt. Man kann sie auf bloghuette.blogspot.de nachlesen.

Sehr schöne Darstellung (mehr als eine Zusammenfassung) der Entstehung des Dogmas durch Klaus Kusanowsky

Differentia

1. Dogma
Wie sind Dogmen entstanden? (Nach Erläuterungen von Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte. 5. Auflage Stuttgart 1983, S. 12-25.)

Dogmen waren keineswegs, entgegen der landläufigen Auffassung, unumstößliche Glaubenswahrheiten, die Vorschriften für Bekenntnis sind. Dass man das vermuten kann, hängt mit einer semantischen Veränderung des Begriffs zusammen, die sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts vollzogen hat, nachdem auch in der Theologie die symbolische Ordnung des Mittelalters nicht mehr anschussfähig war, was im 20. Jahrhundert dazu führte, dass auch die Theologie Dogmen abzulehnen begann. (Dazu bei Lohse, Motto: Dogmen abzulehnen heißt, sie zu verschweigen.)
Dogmen waren Reflexionsresultate der nachfolgenden Überprüfung von bereits akzeptierten Glaubensinhalten. Das bedeutet: der Glaube und damit ein Anschlusshandeln innerhalb einer religösen Ordnung hatte keine Gewissheit über eine Glaubenswahrheit zur Voraussetzung. Vielmehr war die Theologie und damit die Entwicklung ihrer Dogmen von der Annahme ausgegangen, dass es keineswegs wahrscheinlich ist, an Gott zu glauben. Die Theologie…

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Eine „Rezension“ zu Hubertus Halbfas, Glaubensverlust
Ostfildern (Patmos) 2011, 6. Aufl. 2017, ISBN 978-3-8436-0100-9

Ich teile (zu) vieles an Halbfas’ Kritik. Seine Kritik am kirchlichen Dogma, das nicht an die Erkenntnisse der Wissenschaft angepasst wurde, hat eine in mir rumorende Unzufriedenheit bestätigt und beim Namen genannt. Sein Anliegen, das Glaubenswissen mit der Naturwissenschaft auszusöhnen, ist indes nicht neu und ist ein Thema, das Kirche „seit jeher“ begleitet – Anselm von Canterbury schrieb sein „Fides quaerens intellectum“ – der Glaube verlangt nach Verstehen -, was Karl Barth zu seiner Kirchlichen Dogmatik inspirierte. Barth hat die Frage des Verhältnisses von Glaube und Naturwissenschaft dadurch umschifft, dass er den Glauben einfach zu einer geschlossenen Veranstaltung erklärte, ohne Schnittmenge mit der „Welt“, in den man „hineinspringen“ müsse. Halbfas fegt diese und andere Lösungen des (Un)Verhältnisses von Glaube und Vernunft (z.B. Dietrich Ritschl, Zur Logik in der Theologie, um einen anderen Schweizer zu nennen) einfach beiseite. Das macht Mut, die ehrwürdigen Traditionen und Dogmen der Kirche kritisch unter die Lupe zu nehmen. Und macht doch zugleich misstrauisch: Macht er es sich nicht zu leicht?
Dieses Misstrauen wächst, wenn man sich seine Kernthese anschaut: Die „Lücke“ im Glaubensbekenntnis, die angeblich in der Auslassung des Lebens und Wirkens Jesu besteht – dabei bemerkt Halbfas selbst, dass man das Handeln aus Liebe nicht „bekennen“ kann, weil das Handeln selbst Bekenntnis ist.
Halbfas stellt fest, dass die Kirche Paulus „aufgesessen“ ist und spätestens seit der konstantinischen Wende den fatalen Weg dessen eingeschlagen hat, der Jesus nie persönlich gekannt hat, während die Botschaft der Evangelien nicht mehr als Anleitung zur Nachfolge („Ein Beispiel habe ich euch gegeben“), sondern als Quelle für die Dogmenbildung „missbraucht“ wurde.
Diese Kritik verkennt den historisch-kritischen Befund, auf den Halbfas selbst großen Wert legt, der aber auch lautet: Die Briefe des Paulus sind die ältesten neutestamentlichen Texte, nicht die Evangelien. Das heißt aber, dass Paulus, wenn er von „Evangelium“ spricht, nicht den Begriff verkehrt, wie Halbfas unterstellt (S. 21), sondern ihn vor der Entstehung der Literaturgattung „Evangelium“ quasi als erster benutzt. Und: Die Evangelien wollen keine Berichte des Lebens Jesu sein; sie sind vielmehr „Passionsgeschichten mit Anlauf“: konsequent von hinten nach vorn, vom Heilsereignis der Kreuzigung und Auferstehung her geschrieben. Das heißt: Auch sie tun das, was Halbfas Paulus vorwirft: Sie ignorieren historische Tatsachen, konstruieren vielmehr das Leben Jesu von diesem für sie zentralen Heilsereignis seines Kreuzestodes her auf dieses hin. Nicht nur die (eindeutig „erfundenen“) Kindheitsgeschichten, auch alles andere wird ihm vorgelagert und dienstbar gemacht.

Hubertus Halbfas will mit seinem Buch nicht zurück zu irgendeiner früheren Form der Kirche, er will ganz zurück an den Anfang, zurück zu Jesus selbst. Das finde ich nun allerdings extrem problematisch, denn Jesus ist keine historische Person – so sicher er gelebt hat -, sondern eine Figur des Glaubens. Daran ist Paulus (mit)schuld; aber er ist nur die Spitze einer Bewegung der Konzentration auf Jesus als „Heilsereignis“, die offensichtlich sofort nach dem Tod Jesu einsetzte. Wenn das Thomasevangelium, wie Halbfas behauptet, Zeuge einer „anderen“ Jesusbewegung war (was man überprüfen müsste), dann ist diese Bewegung spätestens eine Generation nach Jesu Tod von der „Kirche“ verdrängt worden. Dieses Faktum kann man beklagen, aber dadurch bleibt es doch eine Tatsache – wie die fast 2.000 Jahre Kirchengeschichte. Unser Glaube ist ein Produkt dieser Geschichte der Kirche. Man kann, wie es schon die Renaissance tat, „ad fontes!“ rufen: Zurück zu den Quellen (was Luther tat, indem er radikal die kirchliche Tradition verwarf und nur die Bibel gelten lassen wollte – und dort mit den Apokryphen sogar noch einen Kanon im Kanon bildete). Aber man kommt nie mehr an den Ursprung zurück.
Welcher Ursprung soll das auch sein?
Halbfas nennt die Mahlgemeinschaft das Zentrum der jesuanischen Verkündigung. Nehmen wir an, das sei so: Sie wird in der überwiegenden Zahl der (protestantischen) Gemeinden praktiziert. Ich wüsste keine Gemeinde, die Menschen vom Abendmahl wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, ihres gesellschaftlichen Ranges etc. ausschlösse. Halbfas hat aber mehr im Sinn: Die Hinwendung zu den „anderen“ – den sozial Schwachen und Ausgegrenzten, den Kranken, Gefangenen, den Huren und „Sündern“. Die Kirche hat diese Hinwendung professionalisiert – Klinikseelsorge, Gefängnisseelsorge. Das war vielleicht ein Fehler. Aber, Hand aufs Herz: Es gibt keine Durchlässigkeit der Mileus. Wir haben offiziell keine Klassengesellschaft mehr, aber wir haben noch immer gesellschaftliche Klassen: Es wäre doch Augenwischerei, wollte man verkennen, dass es Klassenunterschiede gibt. Zwar sind die Grenzen durchlässig(er) geworden. Aber man bleibt doch unter sich, in seiner „Filterbubble“, wie es in den Social Media heißt. Keiner von uns hätte Berührungsängste mit Menschen aus anderen gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber wir teilen nichts miteinander – weder Gewohnheiten, noch Interessen, noch Themen. Deshalb sind alle Versuche der Überwindung sozialer Grenzen letzlich verlogen. Die Betroffenen spüren das ganz deutlich, und sie goutieren es nicht. Denn wir kommen als „Helfer“; wir kommen in der Rolle der Überlegenen, wie weiland die Missionare. Wir kommen nicht, weil wir das Leben mit diesen Menschen teilen wollen – das wollen und können wir nicht -, sondern weil wir sie zu uns „heraufheben“ wollen. Wir wollen helfen, aber wir wollen mit diesen Leuten nicht auch noch unsere Freizeit verbringen. Wir hätten uns einfach nichts zu sagen.

Der christliche Glaube war und ist eine Sache, die einen gewissen Intellekt voraussetzt. Auch, wenn die Jünger Jesu angeblich Fischer waren: Die Christen in den ersten Gemeinden, von denen wir wissen, waren es nicht. Die „Volkskirche“ hat das verschleiert, weil es (zu) lange Zeit selbstverständlich war, Kirchenmitglied zu sein – man brauchte nicht darüber nachzudenken (und man sollte es auch nicht!). Heute, wo der Glaube eine Option ist, optiert die Mehrheit dagegen. Das kann man bedauern und betrauern; es ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Glaube, der alle unterschiedslos einlädt, nichts für alle war und nichts für alle ist. Die Christen in Korinth zur Zeit des Paulus passten um einen Küchentisch. Warum wollen wir heute, dass es anders ist?

Halbfas trägt seine kommunistische Utopie in seine Sicht auf die Kirche ein. Das gibt ihm ein Instrument an die Hand, Fehlentwicklungen der Kirche zu sehen und zu benennen. Die Alternative, die er nicht klar bennent, die nur via negativa durchscheint, ist eine Utopie: So war Kirche nie, so wird sie nie sein. Und zugleich wurde und wird Kirche längst an vielen Orten so gelebt, wie Halbfas es sich wünscht.
Ich finde es gefährlich, den Glauben derart zu verengen, wie Halbfas es tut, und die Geschichtlichkeit des Glaubens ignorieren zu wollen; da ist er für mich ein „terrible simplificateur“. Mut macht seine Erinnerung daran, dass es immer wieder anders ging und anders geht, als die schwerfällige Institution Kirche gehen kann. Dass der Glaube mit seinem Ansatz eine Renaissance erfährt, gar der negative Trend umgekehrt werden kann, glaube ich nicht.