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Sehr schöne Darstellung (mehr als eine Zusammenfassung) der Entstehung des Dogmas durch Klaus Kusanowsky

Differentia

1. Dogma
Wie sind Dogmen entstanden? (Nach Erläuterungen von Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte. 5. Auflage Stuttgart 1983, S. 12-25.)

Dogmen waren keineswegs, entgegen der landläufigen Auffassung, unumstößliche Glaubenswahrheiten, die Vorschriften für Bekenntnis sind. Dass man das vermuten kann, hängt mit einer semantischen Veränderung des Begriffs zusammen, die sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts vollzogen hat, nachdem auch in der Theologie die symbolische Ordnung des Mittelalters nicht mehr anschussfähig war, was im 20. Jahrhundert dazu führte, dass auch die Theologie Dogmen abzulehnen begann. (Dazu bei Lohse, Motto: Dogmen abzulehnen heißt, sie zu verschweigen.)
Dogmen waren Reflexionsresultate der nachfolgenden Überprüfung von bereits akzeptierten Glaubensinhalten. Das bedeutet: der Glaube und damit ein Anschlusshandeln innerhalb einer religösen Ordnung hatte keine Gewissheit über eine Glaubenswahrheit zur Voraussetzung. Vielmehr war die Theologie und damit die Entwicklung ihrer Dogmen von der Annahme ausgegangen, dass es keineswegs wahrscheinlich ist, an Gott zu glauben. Die Theologie…

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Eine „Rezension“ zu Hubertus Halbfas, Glaubensverlust
Ostfildern (Patmos) 2011, 6. Aufl. 2017, ISBN 978-3-8436-0100-9

Ich teile (zu) vieles an Halbfas’ Kritik. Seine Kritik am kirchlichen Dogma, das nicht an die Erkenntnisse der Wissenschaft angepasst wurde, hat eine in mir rumorende Unzufriedenheit bestätigt und beim Namen genannt. Sein Anliegen, das Glaubenswissen mit der Naturwissenschaft auszusöhnen, ist indes nicht neu und ist ein Thema, das Kirche „seit jeher“ begleitet – Anselm von Canterbury schrieb sein „Fides quaerens intellectum“ – der Glaube verlangt nach Verstehen -, was Karl Barth zu seiner Kirchlichen Dogmatik inspirierte. Barth hat die Frage des Verhältnisses von Glaube und Naturwissenschaft dadurch umschifft, dass er den Glauben einfach zu einer geschlossenen Veranstaltung erklärte, ohne Schnittmenge mit der „Welt“, in den man „hineinspringen“ müsse. Halbfas fegt diese und andere Lösungen des (Un)Verhältnisses von Glaube und Vernunft (z.B. Dietrich Ritschl, Zur Logik in der Theologie, um einen anderen Schweizer zu nennen) einfach beiseite. Das macht Mut, die ehrwürdigen Traditionen und Dogmen der Kirche kritisch unter die Lupe zu nehmen. Und macht doch zugleich misstrauisch: Macht er es sich nicht zu leicht?
Dieses Misstrauen wächst, wenn man sich seine Kernthese anschaut: Die „Lücke“ im Glaubensbekenntnis, die angeblich in der Auslassung des Lebens und Wirkens Jesu besteht – dabei bemerkt Halbfas selbst, dass man das Handeln aus Liebe nicht „bekennen“ kann, weil das Handeln selbst Bekenntnis ist.
Halbfas stellt fest, dass die Kirche Paulus „aufgesessen“ ist und spätestens seit der konstantinischen Wende den fatalen Weg dessen eingeschlagen hat, der Jesus nie persönlich gekannt hat, während die Botschaft der Evangelien nicht mehr als Anleitung zur Nachfolge („Ein Beispiel habe ich euch gegeben“), sondern als Quelle für die Dogmenbildung „missbraucht“ wurde.
Diese Kritik verkennt den historisch-kritischen Befund, auf den Halbfas selbst großen Wert legt, der aber auch lautet: Die Briefe des Paulus sind die ältesten neutestamentlichen Texte, nicht die Evangelien. Das heißt aber, dass Paulus, wenn er von „Evangelium“ spricht, nicht den Begriff verkehrt, wie Halbfas unterstellt (S. 21), sondern ihn vor der Entstehung der Literaturgattung „Evangelium“ quasi als erster benutzt. Und: Die Evangelien wollen keine Berichte des Lebens Jesu sein; sie sind vielmehr „Passionsgeschichten mit Anlauf“: konsequent von hinten nach vorn, vom Heilsereignis der Kreuzigung und Auferstehung her geschrieben. Das heißt: Auch sie tun das, was Halbfas Paulus vorwirft: Sie ignorieren historische Tatsachen, konstruieren vielmehr das Leben Jesu von diesem für sie zentralen Heilsereignis seines Kreuzestodes her auf dieses hin. Nicht nur die (eindeutig „erfundenen“) Kindheitsgeschichten, auch alles andere wird ihm vorgelagert und dienstbar gemacht.

Hubertus Halbfas will mit seinem Buch nicht zurück zu irgendeiner früheren Form der Kirche, er will ganz zurück an den Anfang, zurück zu Jesus selbst. Das finde ich nun allerdings extrem problematisch, denn Jesus ist keine historische Person – so sicher er gelebt hat -, sondern eine Figur des Glaubens. Daran ist Paulus (mit)schuld; aber er ist nur die Spitze einer Bewegung der Konzentration auf Jesus als „Heilsereignis“, die offensichtlich sofort nach dem Tod Jesu einsetzte. Wenn das Thomasevangelium, wie Halbfas behauptet, Zeuge einer „anderen“ Jesusbewegung war (was man überprüfen müsste), dann ist diese Bewegung spätestens eine Generation nach Jesu Tod von der „Kirche“ verdrängt worden. Dieses Faktum kann man beklagen, aber dadurch bleibt es doch eine Tatsache – wie die fast 2.000 Jahre Kirchengeschichte. Unser Glaube ist ein Produkt dieser Geschichte der Kirche. Man kann, wie es schon die Renaissance tat, „ad fontes!“ rufen: Zurück zu den Quellen (was Luther tat, indem er radikal die kirchliche Tradition verwarf und nur die Bibel gelten lassen wollte – und dort mit den Apokryphen sogar noch einen Kanon im Kanon bildete). Aber man kommt nie mehr an den Ursprung zurück.
Welcher Ursprung soll das auch sein?
Halbfas nennt die Mahlgemeinschaft das Zentrum der jesuanischen Verkündigung. Nehmen wir an, das sei so: Sie wird in der überwiegenden Zahl der (protestantischen) Gemeinden praktiziert. Ich wüsste keine Gemeinde, die Menschen vom Abendmahl wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, ihres gesellschaftlichen Ranges etc. ausschlösse. Halbfas hat aber mehr im Sinn: Die Hinwendung zu den „anderen“ – den sozial Schwachen und Ausgegrenzten, den Kranken, Gefangenen, den Huren und „Sündern“. Die Kirche hat diese Hinwendung professionalisiert – Klinikseelsorge, Gefängnisseelsorge. Das war vielleicht ein Fehler. Aber, Hand aufs Herz: Es gibt keine Durchlässigkeit der Mileus. Wir haben offiziell keine Klassengesellschaft mehr, aber wir haben noch immer gesellschaftliche Klassen: Es wäre doch Augenwischerei, wollte man verkennen, dass es Klassenunterschiede gibt. Zwar sind die Grenzen durchlässig(er) geworden. Aber man bleibt doch unter sich, in seiner „Filterbubble“, wie es in den Social Media heißt. Keiner von uns hätte Berührungsängste mit Menschen aus anderen gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber wir teilen nichts miteinander – weder Gewohnheiten, noch Interessen, noch Themen. Deshalb sind alle Versuche der Überwindung sozialer Grenzen letzlich verlogen. Die Betroffenen spüren das ganz deutlich, und sie goutieren es nicht. Denn wir kommen als „Helfer“; wir kommen in der Rolle der Überlegenen, wie weiland die Missionare. Wir kommen nicht, weil wir das Leben mit diesen Menschen teilen wollen – das wollen und können wir nicht -, sondern weil wir sie zu uns „heraufheben“ wollen. Wir wollen helfen, aber wir wollen mit diesen Leuten nicht auch noch unsere Freizeit verbringen. Wir hätten uns einfach nichts zu sagen.

Der christliche Glaube war und ist eine Sache, die einen gewissen Intellekt voraussetzt. Auch, wenn die Jünger Jesu angeblich Fischer waren: Die Christen in den ersten Gemeinden, von denen wir wissen, waren es nicht. Die „Volkskirche“ hat das verschleiert, weil es (zu) lange Zeit selbstverständlich war, Kirchenmitglied zu sein – man brauchte nicht darüber nachzudenken (und man sollte es auch nicht!). Heute, wo der Glaube eine Option ist, optiert die Mehrheit dagegen. Das kann man bedauern und betrauern; es ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Glaube, der alle unterschiedslos einlädt, nichts für alle war und nichts für alle ist. Die Christen in Korinth zur Zeit des Paulus passten um einen Küchentisch. Warum wollen wir heute, dass es anders ist?

Halbfas trägt seine kommunistische Utopie in seine Sicht auf die Kirche ein. Das gibt ihm ein Instrument an die Hand, Fehlentwicklungen der Kirche zu sehen und zu benennen. Die Alternative, die er nicht klar bennent, die nur via negativa durchscheint, ist eine Utopie: So war Kirche nie, so wird sie nie sein. Und zugleich wurde und wird Kirche längst an vielen Orten so gelebt, wie Halbfas es sich wünscht.
Ich finde es gefährlich, den Glauben derart zu verengen, wie Halbfas es tut, und die Geschichtlichkeit des Glaubens ignorieren zu wollen; da ist er für mich ein „terrible simplificateur“. Mut macht seine Erinnerung daran, dass es immer wieder anders ging und anders geht, als die schwerfällige Institution Kirche gehen kann. Dass der Glaube mit seinem Ansatz eine Renaissance erfährt, gar der negative Trend umgekehrt werden kann, glaube ich nicht.