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Tod Gottes

Noch einmal @guenterlierschof:

„Unverborgenheit“ ist bei Heidegger die Übertragung des griechischen Wortes ἀλήθεια, das wir gemeinhin mit „Wahrheit“ übersetzen. Heidegger versteht das α von ἀλήθεια als α privativum, das den Wortstamm verneint, und leitet damit ἀλήθεια von λανθάνω, verborgen sein, ab. Für diese Ableitung kritisiert ihn Adorno unter Berufung auf seinen Lehrer Karl Reinhardt, der das „als puren Unsinn bezeichnet hat“ (Theodor W. Adorno, Ontologie und Dialektik, Frankfurt am Main (stw 1877) 2008, ISBN 978-3-518-29477-2, S. 173). Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man aber sagen, dass Rudolf Bultmann, der auch ein wenig Griechisch konnte, die selbe Ableitung vornimmt: „ἀλήθεια – etymologisch das Nicht(s)-verheimlichen – bedeutet ursprünglich einen Sachverhalt oder Tatbestand, sofern er gesehen, gezeigt oder ausgesprochen wird und in solchem Sehen, Zeigen oder Reden voll erschlossen wird bzw sich erschließt, so wie er wirklich ist, und zwar im Hinblick darauf, daß er auch verhüllt, verfälscht, verkürzt, verschwiegen sein könnte“ (Rudolf Bultmann, Art.: ἀλήθεια, in: ThWNT I, Stuttgart, 1933, S.233-251, 239). Das heißt nicht, dass diese Etymologie nicht trotzdem falsch oder „purer Unsinn“ ist, sondern dass zu Heideggers Zeit eine solche Etymologie existierte.

Wenn man sich anschaut, wie Heidegger in „Der Ursprung des Kunstwerkes“ mit dem Begriff ἀλήθεια umgeht, drängt sich einem der Eindruck auf, dass er eigentlich „Offenbarung“ sagen möchte, wie er es als Jesuit gelernt hat, es aber als Philosoph nicht kann und deshalb den Weg über die griech. Etymologie wählt.
Im oben zitierten Satz ergeben beide Übersetzungen von ἀλήθεια, Wahrheit oder Offenbarung, den selben, nämlich einen religiösen Sinn: Der Mensch verfügt nicht über die Wahrheit, weil er Mensch ist, die Wahrheit (oder Offenbarung) aber allein von Gott gewusst bzw. geschenkt wird. Ich schlage vor, Heideggers von Adorno (zu recht) kritisierten „Jargon der Uneigentlichkeit“ dadurch zu erklären, dass er versucht, theologische Denkfiguren in die Philosophie zu übertragen.

@guenterlierschof schrieb:

Unter der Voraussetzung, dass Gott existiert, kann der Mensch Gott nicht töten.
Wenn Kate Bush singt:

Hello earth
Hello earth
With just one hand held up high
I can blot you out
Out of sight
Peek-a-boo,
Peek-a-boo, little earth
bezieht sie sich auf ein Kinderspiel, mit dem Kinder Allmachtsphantasien ausleben: Mit einer Hand kann ich die Sonne auslöschen – oder im Lied von Kate Bush: die Erde. Ebenso lebt Nietzsche die Allmachtsphantasie aus, Gott getötet zu haben. Aber unter der Voraussetzung der Existenz Gottes ist das nicht möglich – ebensowenig, wie das Kind die Sonne oder Kate Bush die Erde „auslöschen“ kann, weshalb sie in der 5. Zeile einschränkt: „out of sight“. Was der Mensch tun kann, ist, Gott aus dem Gesichtsfeld zu entfernen, die Existenz Gottes zu leugnen, mit Gott als einer relevanten Größe nicht mehr zu rechnen usw.
Nietzsche kann diesen Satz also nur metaphorisch gemeint – wofür auch seine überschwängliche Sprache ein Indiz ist – und ihn auf den Tod der Metapher Gott bezogen haben. Für den modernen Menschen ist die Metapher „Gott“ sinnlos geworden. Man kann insofern davon sprechen, dass der Mensch Gott getötet hat, als Gott für das Verständnis der Welt und des Daseins nicht mehr notwendig ist, weil andere Erklärungen gefunden wurden bzw. man sich Fragen wie „Erbsünde“ (= das Dasein des Menschen „zum Tode“) oder „Sünde“ (= die Konstitution des Menschen, sein Menschsein zu verraten) nicht mehr stellt.
Für die Anwendung der Metapher Gott ist es übrigens nicht nötig, dass Gott tatsächlich existiert. „Gott“ kann als eine Art „BlackBox“ dienen, mit deren Hilfe man z.B. Phänomene wie „Sünde“ oder „Erbsünde“ erklären kann.