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Seelsorge

Diese Gedanken entwickelten sich in einem Gespräch mit Benny auf seinem Blog: http://blog.debenny.de/2014/09/14/kirche-und-computer-ein-diskussionsbeitrag/. Danke an Benny für diese Kooperation!

Zur meiner Rolle des Pfarrers gehört es, Seelsorger zu sein. Da ich zu der glücklichen Gruppe von Menschen gehöre, die ihr Hobby zum Beruf machen konnte, bin ich „immer“ Pfarrer. D.h., auch wenn ich unter Pseudonym auf Twitter unterwegs bin, lese ich die Tweets auch als Seelsorger. Ein Beispiel dafür ist das, was ich als “Seelsorge auf Twitter” erlebt habe. In einem Fall entwickelte sich tatsächlich ein Seelsorgegespräch, das ausgerechnet von Kollegen ge- bzw. zerstört wurde, die plötzlich schrieben: Hey, kommt alle her, Güntzel führt ein Seelsorgegespräch auf Twitter! Da war es mit der Vertraulichkeit natürlich schlagartig vorbei … Wobei es nicht so war, dass ich nicht selbst im Laufe des Gespräches ein mulmiges Gefühl bekommen hätte und schon den Gesprächspartner daran erinnern wollte, dass alle mitlesen können, was er schreibt. Um in einem vertraulichen Rahmen miteinander zu sprechen, wie er zum Seelsorgegespräch unbedingt gehört, könnte man theoretisch bei Twitter auf DMs ausweichen. Aber ich denke, damit wäre auch ein Gespräch, das sich in der TL anbahnte, erledigt. Also, natürlich muss ich als Seelsorger darauf achten, dass die Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Aber auf Twitter geht man ja nicht zum Seelsorger (obwohl ich mich damals explizit als Pfarrer geoutet hatte, was ich heute nicht mehr tue – jetzt muss man sich die Mühe machen, dem Link auf meinen WordPress-Blog zu folgen, um herauszufinden, dass ich Pfarrer bin), sondern es entwickelt sich ein (im weitesten Sinne) seelsorgerliches Gespräch, wenn man bei einem Tweet genau “hinhört”, wenn man versucht und es gelingt, sich in das Gegenüber einzufühlen. Dann kann u.U. schon ein einziger Tweet hilfreich sein. Ich vergleiche diese Erfahrung für mich mit der Krankenhausseelsorge, deren Setting mit dem der Social Media vergleichbar ist:

  1. Keine Privatheit (im Krankenzimmer hört mind. eine/r mit),
  2. nur ein Versuch, das Gegenüber zu verstehen, und
  3. begrenzte Zeit (20 min bzw. einer oder wenige Tweets/ Posts).

Eine Social Media-Seelsorge lässt sich nicht einfach aus bestehenden Seelsorgemodellen übertragen. Man muss sie erst entwickeln, und das schließt Irrtümer mit ein – doch das spricht m.E. nicht dagegen, sich als Seelsorger/in anzubieten. Neben der Empathie, einem liebevollen Interesse für das Gegenüber und einem genauen Lesen (Hinhören) ist für mich eine Erfahrung aus Beerdigungsansprachen wichtig geworden: Ich habe diese Traueransprachen immer sehr persönlich gehalten, dabei aber die Fakten – besonders die „heiklen“ – nur angedeutet, sozusagen kodiert, indem ich Begriffe verwendete, die im Trauergespräch gefallen waren, oder Bilder zeichnete, die denen korrespondierten, die im Trauergespräch eine Rolle spielten (sowohl Metaphern als auch reale Fotos). So war den Freunden und Familienmitgliedern völlig klar, worüber ich sprach, während Außenstehende diese Passagen überhörten oder bestenfalls als “nettes Detail” mitnahmen. Ich meine, dass man in den Social Media ähnliche Codes der Kommunikation entwickeln kann bzw. dass sie schon verwendet werden. Wenn ich als Seelsorger/in (durch sorgfältiges Hinhören – das kostet keine Anstrengung, sondern wird nach einigen Jahren sowieso zur Gewohnheit) solche Codes entdecke, kann ich versuchen, auf sie zu reagieren. Wenn ich Glück habe bzw. mit einiger Erfahrung treffe ich den Code meines Gegenübers, und Verstehen ist möglich, ohne dass mein Gegenüber sich bloßgestellt fühlen muss, weil wir ja in Codes kommunizieren. Ich behaupte also, eine Seelsorge, wie wir sie aus einem Vieraugen-Setting kennen, in den Social Media gar nicht möglich ist. Statt dessen muss und wird sich eine andere Form der Seelsorge entwickeln – wahrscheinlich eine extrem medienspezifische.

Aber ist Seelsorge im Internet überhaupt statthaft, wenn jede/r mitlesen kann – und die Geheimdienste das ja auch ausgiebig tun? Vertraulichkeit im Internet gibt es nicht. Durch Snowdens Enthüllungen ist uns nur bewusst geworden, was die ganze Zeit schon Fakt war, was wir nur nicht wahrhaben wollten oder verdrängt haben, weil die Illusion einer freien Kommunikation und eines Freien Netzes einfach zu verlockend war. Ich bin Jg. 1966 und an der ehem. Grenze zur DDR aufgewachsen. Solange die DDR bestand, war es völlig klar, dass Telefonate und Briefe von und nach “drüben” abgehört oder mitgelesen wurden (oder jedenfalls die Möglichkeit dazu bestand, mit der man zu rechnen hatte). Ich denke, wir wollten damals wie auch nach dem Fall der Mauer nicht wahr haben, dass “unsere” Geheimdienste nicht nur nicht besser sind als die Stasi, sd sogar viel effektiver. Kurz: eine geschützte Kommunikation im Internet wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Mein Hinweis oben auf die DMs sollte keine Alternative aufzeigen, sd nur illustrieren, dass ein solcher Wechsel des Mediums zum Abbruch des Gesprächs führt. Also haben wir hier eine Crux: es gibt seelsorgerliche – sagen wir mal: – Gelegenheiten z.B. auf Twitter, aber es ist als verantwortungsvolle Seelsorgerin im Blick auf den Gesprächspartner egtl nicht möglich, diese Gelegenheit zu ergreifen. M.E. gibt es drei (sich ergänzende oder bedingende) Lösungen dieser Crux.

a) Der Inhalt des Gesprächs orientiert sich am Medium.

Spätestens seit Snowden schickt niemand wirklich vertrauliche Inhalte übers Internet. Ich jdfs habe mir von Anfang an angewöhnt, alles, was ich im Internet schreibe, auch in den Händen potenzieller Gegner sehen zu können. Die Erfahrung lehrt, dass nicht nur im Internet, sondern sogar in vier-Augen-Gesprächssituationen das Setting eine entscheidende Rolle für die Offenheit des Gegenübers spielt (neben anderen Faktoren wie der Professionalität der Seelsorgerin, Alter, Geschlecht, Vertrautheit usw.): wenn ich mich total sicher fühle, bin ich eher bereit, etwas von mir preiszugeben, als wenn ich fürchte, jmd könnte mithören. Ein Gespräch im Amtszimmer der Pastorin, neben dem, nur durch die geschlossene Tür getrennt, die Sekretärin sitzt, bietet nicht die gleiche Vertraulichkeit wie ein separater Raum in einem anderen Teil des Hauses oder ein Spaziergang im Freien. Will sagen: die Gesprächspartnerin weiß i.d.R. intuitiv, was und wie viel sie mir in diesem bestimmten Setting anvertrauen kann und will. Das entbindet mich nicht von meiner Sorgfaltspflicht und meiner Verantwortung gegenüber der Gesprächspartnerin. Ich meine, man kann dieses Wissen der Gesprächspartnerin aber als regulatives Element beobachten und in Betracht ziehen. Auf Twitter wie den anderen Social Media wird mir i.d.R. niemand etwas mitteilen, das in irgendeiner Weise gegen sie/ihn verwendet werden könnte. Wenn er/sie in der Gefahr steht, es zu tun, muss ich als Seelsorgerin natürlich eingreifen. Evtl. muss man aber auch seine eigenen Erwartungen an das, was in einem Seelsorgegespräch passiert, hinterfragen: Das Spannende ist nicht, was mitgeteilt wird, sondern vielmehr, dass sich die Gesprächspartnerin überhaupt traut, etwas von sich preiszugeben. Der große Schritt der Gesprächspartnerin in der Seelsorge ist nicht die Mitteilung eines für sie beschämenden, kompromittierenden, nachteiligen Sachverhalts. Sondern mir überhaupt etwas Persönliches von sich zu erzählen. Dieser Schritt wiederum, etwas Persönliches von sich preiszugeben, ist in der (scheinbaren) Anonymität des Netzes leichter geworden. Dazu passt, dass die Geheimdienste gar nicht so sehr an den Inhalten unserer Tweets, Posts und Blogeinträge interessiert sind, sd an bestimmten Stichworten, die eine Beobachtung triggern, und v.a. an den Metadaten. Natürlich kann das Eingestehen eines bestimmten Sachverhalts, der für mich nachteilig ist, jederzeit im Netz aufgefunden werden – wenn denn einer danach sucht. Aber in Seelsorgegesprächen geht es i.d.R. nicht um spektakuläre Verbrechen, schräge Fetische oder abwegige Vorlieben, sondern darum, jemanden zu finden, der mir zuhört. Mich ernst nimmt. Meine Fragen, Zweifel, Ängste nicht blöd findet, sondern respektiert. Es geht um Fragen wie: Bin ich ein guter Mensch? Kann ich vor Gott, vor anderen, vor mir bestehen? Natürlich möchte niemand, dass der Chef von solchen Fragen weiß. Aber die Gefahr, dass solche Dinge im Netz gefunden werden, ist m.E. vertret- und kalkulierbar. Doch man muss sich gar nicht erst solchen Gefahren aussetzen, denn die Kommunikation im Netz funktioniert gar nicht im Klartext, sondern verschlüsselt durch Codes, und damit komme ich zu Punkt

b) Kommunikation findet in Codes statt.

Wer sich im Internet bewegt, muss Codes kennen – Codes, die längst Allgemeingut geworden sind. Dazu gehören die Akronyme wie RTFM oder LOL, die Emoticons und Hashtags. Diese Codes sind mehr oder weniger bekannt – man muss sie kennen, wenn man mitreden will (und man kann davon ausgehen, dass die Geheimdienste sie auch kennen). Daneben kodiert aber jede Userin für sich. Gerade auf Twitter mit seinen 140 Zeichen ist es gar nicht anders möglich zu kommunizieren. Ich muss darauf setzen oder zumindest hoffen, dass der eine oder die andere Userin meine Codes entschlüsselt. Die meisten Gesprächspartner, die “erfolgreich” miteinander kommunizieren, kennen sich aus dem RL; das macht es leicht, weil man auf RL-Kommunikation rekurrieren kann und das auch tut. Und es schafft bei denen, die diese Unterhaltungen mitlesen, ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, weil man nicht versteht, worüber geredet wird, weil man die verwendeten Anspielungen und Bilder, eben: die Codes, nicht kennt und deshalb nicht mitreden kann. Das geht einem auch so, wenn man ein Mdm oder einen trending topic verpasst hat oder länger nicht auf Twitter präsent war – so, wie man auf dem Schulhof nach einer Krankheit oder einem Auslandsaufenthalt erst wieder “reinkommen” musste. Aber es ist trotzdem – entsprechenden Willen und Erfahrung vorausgesetzt – möglich, zu einer Verständigung zu kommen, selbst wenn man sich überhaupt nicht kennt. Je unterschiedlicher die Kulturkreise, je fremder die Sprache, desto schwieriger wird es, desto größer und häufiger sind die Missverständnisse. Aber das unumgängliche Scheitern so mancher Kommunikation bedeutet nicht deren prinzipielle Unmöglichkeit. Es braucht eben nur viel Frustrationstoleranz … Um noch einmal meine Paranoia zu bemühen: Selbstverständlich ist es möglich, dass auch Schlapphüte sich die Mühe machen, sich in meine Tweets einzulesen und die von mir verwendeten Codes zu lernen und zu entschlüsseln. Aber dann hätten wir echte Stasi-Verhältnisse, dass sich nämlich ein Mitarbeiter des Geheimdienstes dauerhaft mit mir befasst. Das ist denkbar und möglich, aber nicht wahrscheinlich.

c) Anonymität

Die Anonymität im Netz erleichtert, etwas von sich preiszugeben. Wenn ich nicht als Realperson, sondern unter einem Pseudonym und mit einem Avatar im Netz auftrete, lassen sich meine Aussagen nicht auf mich als Realperson zurückverfolgen. Natürlich stellt die Verbindung meiner pseudonymen Äußerungen mit meiner Person für eine geschulte Person keine große Hürde dar, und @ballkultur erkannte mich nach über einjähriger Twitterabstinenz allein durch meine Themen und die Personen, denen ich folgte, wieder. Aber wer es wirklich darauf anlegt, anonym zu bleiben, der wird es zumindest für die „normalen“ User auch sein. M.E. ist die Anonymität i.S. von Trennung zwischen RL-Identität und Netzidentität gar nicht das Entscheidende, also der Versuch, unerkannt und unentdeckt zu bleiben. Sondern sie ist die Maske, die wir durch unsere Internetpersönlichkeit aufsetzen und die es uns ermöglicht, selbst zu bestimmen, wie viel wir von uns zeigen und preisgeben wollen. Die die Möglichkeit bietet, sich jederzeit von Aussagen distanzieren zu können, sie umetikettieren (z.B. als Ironie) oder notfalls auch löschen zu können. Das gibt einem möglichen Gesprächspartner in einem Seelsorgegespräch ein hohes Maß an Sicherheit und schafft den „Raum“, den es braucht, um sich einem anderen Menschen öffnen zu können. Auf der anderen Seite ist die Seelsorgerin ein Mensch, von dem die Gesprächspartnerin zunächst gar nichts näheres wissen will. Sie hat kein Interesse an der Seelsorgerin, weil sie von sich und ihrem Problem berichten möchte. Die Probleme, Fragen, Zweifel, die die Seelsorgerin ja auch hat, will sie nicht wissen, sie gehen sie nichts an. Die Gefühle, Eindrücke, Wahrnehmungen, Gedanken der Seelsorgerin haben heuristische Funktion für die Seelsorgerin, darüber hinaus haben sie im Seelsorgegespräch nichts zu suchen. Auch hier kommt also die Anonymität der Seelsorgesituation entgegen bzw. schafft die Voraussetzung, dass ein seelsorgerlicher Kontakt stattfinden kann. Allerdings kann die Seelsorgerin nicht völlig anonym bleiben: Ihre Professionalität und ihre Vertrauenswürdigkeit sind entscheidend für das Gespräch. Es genügt dabei nicht, sich als Seelsorgerin, also z.B. als Pfarrerin, im Netz zu präsentieren, denn das könnte ja nur ein Avatar sein. Deshalb sind Querverweise – Links – sehr wichtig: Querverweise, die auf andere Orte verweisen, an denen die Seelsorgerin im Netz präsent ist und an denen sich ihre Profession und ihre Vertrauenswürdigkeit zeigen. Im Gegensatz zur Gesprächspartnerin kann die Seelsorgerin also nicht völlig anonym bleiben. Wenn sie auch ihre RL-Identität, ihre Adresse usw. geheim halten kann, muss sie doch zeigen, wer sie ist, wofür sie steht, ob man ihr vertrauen kann, indem sie in den Social Media aktiv ist und dort Spuren hinterlässt.

Die Kehrseite der Anonymität, die Möglichkeit zum Missbrauch, soll hier nicht verschwiegen werden. Wenn mein Gegenüber sich hinter einem Avatar versteckt, kann ich als Seelsorgerin auch auf einen Troll hereinfallen. Das kann sehr frustrierend sein. Ich fürchte, diese Erfahrung wird sich nicht gänzlich vermeiden lassen. Aber die Seelsorgesituationen, die ich in den Social Media bisher kennen gelernt habe bzw. die ich mir vorstelle, sind, wie im Krankenhausbeispiel oben gezeigt, punktuelle Begegnungen. Was nicht heißt, dass einem eine Klientin z.B. als Followerin auf Twitter nicht immer wieder begegnet und die punktuelle Seelsorge zu einer dauerhaften Seelsorgebeziehung werden lassen will. Hier ist es für die Seelsorgerin sehr wichtig, sich abzugrenzen und sich nicht auf eine dauerhafte Seelsorgebeziehung einzulassen. Denn der virtuelle Kontakt kann den RL-Kontakt natürlich nicht vollwertig ersetzen, und die Klientin wird nach Mitteln und Wegen suchen, die Beziehung zu intensivieren oder mehr über die Seelsorgerin herauszufinden. Es muss also von vornherein – oder spätestens nach dem Seelsorgekontakt – deutlich werden, dass es sich um eine einmalige Sache handelt und dass für einen längeren oder dauerhaften Seelsorgekontakt eine Fachperson im RL aufgesucht werden sollte.

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