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Kirche

@adloquii fragte mich nach meiner Meinung zur #NoRadioShow014 zum Thema „Wissenschaft und Religion“, wohl auf dem Hintergrund des Kommentars von @gunterlierschof.

 

@gunterlierschof kritisiert in seinem Blog die „Machtgeilheit“, die „in der Anmaßung zwei Worte, zwei Begriffe zu nehmen, hinter denen sich sehr schwierig zu fassende Phänomene verbergen“, steckt.
Ich kann diese Kritik nicht teilen; ich finde es legitim, „dicke Bretter“ zu bohren, indem man über Begriffe wie „Wissenschaft“ und „Religion“ nachdenkt. Zumal es den drei Diskutanden nicht darum geht, diese Begriffe zu definieren oder zu kritisieren, sondern die Unterscheidung im Blick auf das Thema der #NoRadioShow: die Auswirkungen des Computers auf unser Leben, abzuklopfen.
Aber in einer Hinsicht empfinde ich doch Sympathie für den Vorwurf der Anmaßung, nämlich was die Länge des Podcasts angeht. So gern ich den schweizer Zungenschlag von @laStaempfli und @sms2sms höre, über zwei Stunden Podcast sind eine echte Zumutung. „Ein Pfarrer darf über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“ – diese Regel sollte auch für Podcasts gelten 😉

Ich fand die Unterhaltung trotz ihrer Länge sehr erhellend und habe in meine Mitschrift bereits meine Assoziationen eingetragen. Das, was @laStaempfli kritisch zur Macht der Fiktion sagt, wendet @Ballkultur in seinen Arbeiten ins Positive, indem er von der „kooperativen Webgesellschaft“ als einer Erzählung spricht, die das Internet eben nicht als Bedrohung unserer Existenz sieht, sondern ihm das Potenzial unterstellt, unsere Welt zu retten und zu einer gerechteren Welt zu machen. Ich teile seine Ansicht und glaube, dass die Macht der Fiktion positiv angewendet werden kann, nicht notwendigerweise „Opium für’s Volk“ sein muss, und dass hier ein Potenzial für die „Stories“ (Dietrich Ritschl) der Bibel liegt.

Religion und Wissenschaft sehe ich nicht als Gegensatzpaar. Theologie hat immer Wissenschaft sein wollen. Dass das der Theologie nicht gut getan hat und nicht gut tut, steht auf einem anderen Blatt.
Viel anfangen kann ich mit Diesseits und Jenseits als räumlichen Begriffen. Rilke hat das Nebeneinander dieser beiden Räume in das Bild zweier benachbarter Zimmer gefasst:

„Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.“
(Rilke, Das Stundenbuch)

Hier finde ich auch die von @laStaempfli erwähnte Inkarnation oder Inkorporation des Transzendenten wieder, die freilich fragil ist – es gibt eben den einen Namen nicht, mit dem man Gott „bannen“ könnte. Das wird deutlich in der besonderen Namenlosigkeit Gottes im Judentum: Gott hat einen Namen – יהוה -, aber man darf/kann ihn nicht aussprechen, was zur putzigen Verlesung des Qere perpetuum zu „Jehova“ geführt hat, weil der neugierige Mensch den Namen eben doch aussprechen will, dem Tabu zum Trotz.

Widersprechen möchte ich @laStaempflis Behauptung, Ziel jeder Religion sei die Vorbereitung auf das Jenseits. Nein, Ziel jeder Religion ist das Bestehen des Diesseits. Im Judentum gab es z.B. Strömungen, die den Auferstehungsglauben radikal ablehnten. Und noch heute spielt die Auferstehung m.W. im Judentum keine solche Rolle, wie sie in der Theologie des Paulus spielt. Shalom Ben-Chorin äußerte sich (wenn ich mich richtig erinnere) verwundert darüber, dass die Christen sein Lied „Freunde, dass der Mandelzweig“ so gerne sängen, wo es doch angesichts des Leides nicht aufs den Himmel vertröstet, sondern ganz im Diesseits bleibt:

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering,
in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.

Im Christentum ist der Auferstehungsglaube ein fester Bestandteil des Glaubens und ein Dogma, aber nicht für alle Christ*innen und christlichen Gruppen zentral. Das war früher sicherlich einmal anders, und es gibt christliche Gruppierungen, die die Vorbereitung auf das Jenseits als Ziel ihres Glaubens bezeichnen würden – das gilt meiner Wahrnehmung nach v.a. für viele nordamerikanische Kirchen. Aber gerade in den USA entwickelt sich gerade auch eine sehr diesseitsorientierte kirchliche Arbeit, die sich für sozial Schwache einsetzt oder dafür, der weißen Suprematur etwas entgegenzusetzen: #DecolonizeLutheranism. Insgesamt wird immer mehr erkannt, dass Kirche und Glaube nur eine Zukunft haben, wenn sie gelebt, nicht, weil sie gelehrt, gepredigt und doziert werden.
Man kann durchaus sagen, dass Jesus einen diesseitigen Glauben gelebt hat. Ihm ging es um die Liebe, die keinen Unterschied zwischen Menschen macht – Kollaborateure, Prostituierte, aus der Gemeinde Ausgeschlossene waren seine Freunde; er galt als „Fresser und Weinsäufer“, weil die gemeinsame Mahlzeit mit Menschen aller Klassen und Herkünfte sein „Markenzeichen“ war: daran entschied (und entscheidet) sich, wie ernst man es mit der Liebe meint. Insofern ist Jesus vielleicht der erste, der radikal die Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben hat, indem er erklärte, das Reich Gottes sei in ihm nahe herbeigekommen. Er hat auch den Tod Gottes vorweggenommen – nicht durch seinen Tod am Kreuz, sondern indem er Gott vom Himmel herabholte und das Heilige komplett profanisierte: Die Gegenwart Jesu ist der Himmel auf Erden, nicht ein Tempel, ein Altar oder ein heiliges Buch. Diese Profanisierung des Heiligen durch Jesus ist heute ein kritisches Instrument gegen den von Walter Benjamin beschriebenen „Kapitalismus als Religion“, der alles „heiligt“, also der Religion unterwirft, indem alles „Ware“ ist oder werden kann. Demgegenüber sind z.B. Kirchen letzte Rückzugsräume vor der Religion des Kapitalismus, weil sie einen Raum bereitstellen, in dem man nicht nach seinem Wert beurteilt wird. Aber auch Kirchen werden inzwischen verkauft …

Ich habe den Eindruck, dass ich dem Podcast mit meinem Kommentar nicht gerecht werde. Ich bin kein Theoretiker, und ich habe nichts von der Literatur gelesen, auf die im Podcast Bezug genommen wird. Ich kann eben nur auf meinem Niveau antworten – ich hoffe, dass @adloquii nicht allzu enttäuscht ist.

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Anfrage eine Kollegen:

ich interessiere mich für deine Homepage – du erstellst diese mit wordpress: wie sind dene Erfahrungen – lässt sich das auch als Computer-laie bewältigen?

Ich kann wordpress nur wärmstens empfehlen – wobei es natürlich davon abhängt, was Du von einer Homepage willst und erwartest.
Hier die Gründe, die aus meiner Sicht für WordPress sprechen:

  • es ist kostenlos. Wer mit der domain „kg_xyz.wordpress.com“ zufrieden ist (wobei kg_xyz natürlich für den Namen der Gemeinde steht), kostet die Homepage gar nichts. „Früher“ einmal hieß es, man solle sich „sprechende“ Namen für seine Homepage aussuchen. Aber heutzutage tippt man kaum noch Namen ein, sondern folgt irgendwelchen Links – oder wenn, dann tippt man den Namen max. einmal ein und bookmarkt ihn dann. Für den Anfang würde ich ohnehin mit der kostenlosen Version starten. Später kann man für die Homepage immer noch für rd. 20,- Euro/Jahr eine eigene Domain a la „www.kg_xyz.de“ bestellen. Ein kostenpflichtiges Upgrade ist jederzeit möglich 😉

  • wordpress ist eine Software für Blogs, d.h. es ist für die leichte Erstellung und Veröffentlichung von v.a. Texten, aber auch Bild- und Audio-Dateien optimiert.
    Der Editor, den man im Browser öffnet, hat alles, was man für die Formatierung von Texten braucht; wer mit LibreOffice/OpenOffice, WORD oder PAGES umgehen kann, hat keine Probleme damit. Mit einem Klick ist der Beitrag veröffentlicht.

  • eine „Blogroll“ hat immer den aktuellen Artikel oben, dann folgt eine festgelegte Anzahl von Artikeln (zwischen 3 und 10) darunter; der Rest wird archiviert und ist über die Seitenleiste zugänglich. Damit ist ein Blog sehr gut geeignet, um Veranstaltungen/Nachrichten anzukündigen, weil die aktuellste automatisch oben landet und die alten archiviert werden, aber noch zugänglich sind (weil man mal was nachlesen möchte oder eine Vorlage für den Gemeindebrief braucht).

  • neben dem Blog gibt es auch „statische“ Seiten: Das sind Seiten, die man (ebenfalls mit dem Editor) erstellt und die dann mehr oder weniger unverändert bleiben: Das Impressum (Pflicht!!!), ein Verzeichnis der Anschriften, Ansprechpartner und Gruppen, eine Übersicht der Gottesdienstzeiten und -orte und der Termine (das wären 4 Seiten). Auf diese Seiten kann man im Kopf („Header“) der Seite verlinken, so dass man von dort aus auf die Seiten zugreifen kann.
    Es gibt nur diese beiden Arten von Seiten, d.h. man kann nicht auf zwei statischen Seiten je einen Blog für eine Gemeinde einrichten. Dann sollte man lieber für jede Gemeinde eine eigene Homepage erstellen und die untereinander verlinken – das bringt dann auch höhere Rankings bei den Suchmaschinen, weil der Grad der Verlinkung ein wichtiges Kriterium für die Bewertung der Relevanz einer Seite ist. Je mehr andere Seiten auf eine verweisen, desto wichtiger muss diese sein.

  • wordpress gibt es auch als app für’s Smartphone. Damit kannst Du bequem von unterwegs (z.B. im Pfarrkonvent 😉 etwas posten. Außerdem können Leute, denen Du das zutraust („Redakteure“), Beiträge posten – jeder, der Nutzernamen und Passwort hat, kann Beiträge auf die Seite posten. Das können Fotos oder kurze Texte sein. Damit kannst Du die Gemeinde, v.a. Jugendliche und jüngere Erwachsene, direkt mit einbeziehen, Dir viel Arbeit ersparen und ein Forum schaffen, auf dem Deine Gemeinde(n) zusammenkommen kann (können).
    In diesem Zusammenhang wäre auch die Kommentar-Funktion zu erwähnen: Nutzer können auf Beiträge reagieren, indem sie einen Kommentar schreiben. Du – oder ein anderer Redakteur – schaltet diesen Kommentar frei, wenn er OK ist, d.h. kein SPAM, keine Werbung oder keine beleidigenden/ rassisistischen/ usw. Aussagen enthält. Durch die Kommentare können sich regelrechte Gespräche entwickeln. Oder Du erfährst auf diese Weise, wie Deine Leser „ticken“. Mach Dir aber bitte keine allzu großen Hoffnungen: Die Kommentare, die ich auf meine Texte bekommen habe, kann ich an einer Hand abzählen …

  • wordpress bietet Dir eine Statistik, die Dir anzeigt, von wieviel Leuten welcher Beitrag gelesen wurde, und woher diese Leute kamen (nur Länder anhand der IP-Adressen, keine Orte). Das machen andere Blogs aber auch – und natürlich auch die Anbieter (Provider) von Webseiten.

Ein wichtiger Gedanke vielleicht noch:
Jede Webseite lebt vom Engagement ihrer Betreiber. Je mehr Du dafür gewinnen kannst, an der Webseite mitzuarbeiten, desto erfolgreicher wird sie werden. Immer mehr Leute sehen zuerst auf die Webseite einer Gemeinde, um sich zu informieren oder ein Bild von der Gemeinde zu machen. Damit wird die Webseite zur Visitenkarte. Deshalb: Wenn Du eine Webseite anfängst, musst Du dranbleiben und sie pflegen!

Weiter ist noch wichtig, dass Du Dir keine Wunder erwartest. Es sind zwar eine Menge Leute im Netz, aber sie haben nicht auf Deine Webseite gewartet. Viele Besucher bekommt man nur durch Interaktion, d.h. ich besuche und „like“ die Seiten anderer, dann besuchen und liken sie vielleicht auch meine – vielleicht aber auch nicht. Es dauert einige Zeit, bis man eine „Reputation“ im Netz aufbaut. Präsenz auf Twitter, Instagram, Facebook kann da hilfreich sein. Wenn es Dir nicht auf eine große Zahl von Lesern ankommt und Du Deiner Gemeinde nur eine Möglichkeit anbieten willst, sich zu informieren, kannst Du die Latte viel niedriger hängen. Dann genügt es wirklich, die Seite einigermaßen aktuell zu halten. Aber, wie gesagt: Sollte es Dir gelingen, andere zur Mitarbeit an der Webseite zu bewegen, kann sich daraus durchaus ein kleines Gemeindeaufbauprojekt entwickeln …

Im Jahr 2012 hielt der Kabarettist Georg Schramm eine Rede aus Anlass einer Preisverleihung:

Es geht letztlich ums Kämpfen, ob wir wollen oder nicht. Wir befinden uns in einem Art Kriegszustand. Ich halte dies nicht für übertrieben. (…) Jetzt ist die Frage, wer kämpft gegen wen. Hier gebe ich Ihnen eine Antwort von berufenem Mund: Warren Buffett hat das unmissverständlich beantwortet. Falls Sie ihn nicht kennen; Warren Buffett zählt mit grob geschätzten 50 Milliarden Dollar zu den Top-5 Besitzern auf der Welt. Einer der ganz großen Oligarchen. Auf die Frage, was er für den zentralen Konflikt unserer Zeit hält, hat Warren Buffet gesagt:

Der Klassenkampf natürlich, Reich gegen Arm, und meine Klasse, die Reichen, die gewinnen gerade.’

Ist doch schön, dass einer einmal nicht darum herum redet. Er nennt es einfach beim Namen.“

Jan Pfaff kommentiert in „der Freitag“:

Donald Trump [ist] entgegen der Erwartung der meisten Demoskopen, entgegen der offiziellen Empfehlungen praktisch jeder Zeitungsredaktion der USA und einem Großteil des Establishments seiner eigenen Partei tatsächlich zum nächsten US-Präsidenten gewählt worden. Trump im Weißen Haus, das ist eine weltweite Erschütterung. Das schafft aber vor allem auch für die Menschen in der US-Gesellschaft eine neue Realität, die sich noch nie über den Verlust von Privilegien beschweren konnten, weil sie immer vollauf damit beschäftigt waren, gegen reale Benachteiligungen zu kämpfen.

Einen offen rassistisch argumentierenden, frauenverachtenden und Menschen mit Behinderung mobbenden Mann im Oval Office sitzen zu haben, ist ein Albtraum für jeden halbwegs aufgeklärten Menschen. Für Schwarze, Muslime, Migranten, … Menschen mit Behinderung und die meisten Frauen ist es aber ein Schlag in die Magengrube, den man körperlich zu fühlen meint.“

Wir sind im Krieg.
Damit meine ich nicht die weltweiten Kriege, die trotz der Erfahrungen des 2. Weltkriegs, trotz Vietnam und Afghanistan immer noch geführt werden.
Ich meine einen Krieg, der im Stillen geführt wird. Ein Krieg, der kaum Spuren hinterlässt. Man hört keine Schüsse, keine Explosionen. Es rücken keine Soldaten in zerbombte Städte ein. Aber ab und zu wird ein kleines, ertrunkenes Kind an einem Strand am Mittelmeer angespült.

Im Krieg spricht man von „Kollateralschäden“. Das sind Unbeteiligte, die getötet werden, weil die intelligenten Fernlenkwaffen doch nicht so schlau sind, dass sie Soldaten von Zivilisten unterscheiden können; weil die Soldaten, die von Amerika aus die Drohnen steuern, die über Syrien oder dem Irak kreisen, mit den Kameraaugen der Drohen doch nicht so genau erkennen können oder wollen, wen oder was sie da angreifen.

Die Toten an den Stränden des Mittelmeeres starben nicht bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung. Sie ertranken, weil Europa seine Grenzen für Flüchtlinge geschlossen hat.

Wir sind im Krieg. Im Krieg Reich gegen Arm.
Und wir sind Partei in diesem Krieg. Unser Land steht auf der Seite der Reichen, obwohl es auch bei uns mehr als genug Menschen gibt, die Opfer dieses Krieges geworden sind. Und jeden Tag kommen neue Opfer dazu:
Menschen, die noch nicht alt genug sind für die Rente, aber zu alt für den Arbeitsmarkt. Menschen, die in den entvölkerten Dörfern Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts ausharren, in denen es kaum noch Jugendliche und Kinder gibt, weil die alle weggezogen sind, der Arbeit hinterher; Dörfer, die keinen Fleischer, keinen Bäcker, keinen Laden mehr haben, keine Kirchgemeinde, keine Schule, keinen Kindergarten.

So, wie bei uns geht es auch den Menschen in den USA. Nur ist dort alles noch größer und schlimmer. Denn dort gibt es keinen Sozialstaat, und bald auch keine Krankenversicherung mehr. Wenn man sich fragt, warum viele Menschen, die keine Zukunft haben, keine Hoffnung für sich sehen, trotzdem Trump gewählt haben, dann muss man sich nur vor Augen führen, dass die Schwachen sich stark fühlen, wenn sie einen Schwächeren haben, auf dem sie herumtrampeln können. Das hat schon im Nationalsozialismus geklappt. Es funktioniert immer wieder.

Trump hat den armen, abgehängten weißen Männern das Gefühl gegeben, besser zu sein als die Schwarzen, besser zu sein als die Frauen, besser zu sein als all die „andersartigen“ Menschen in ihrem Land: Homosexuelle, oder Muslime, oder Einwanderer. Dafür können sie sich nichts kaufen, aber sie vergessen dadurch das Gefühl der Wertlosigkeit, das Gefühl, abgehängt zu sein: Sie sind wieder wer.

Solche Menschen leben auch mitten unter uns. Auch unter uns könnte ein Demagoge wie Donald Trump viele Stimmen gewinnen. Es passiert ja schon, dass politische Gruppierungen mit den selben Mitteln wie Trump Menschen ohne Zukunft begeistern, indem sie ihnen vorgaukeln, dass sie „was Besseres“ sind, dass sie über anderen Menschen stehen – über denen, die „anders“ sind.

Früher dachte man: Mit Bildung kommt man weiter. Wenn man den sozial Schwächeren die Ideale des Humanismus nahe bringt, wenn Schulen und Kirchen gemeinsam Menschlichkeit lehren, werden alle Menschen besser. Aber diese abgehängten Menschen wollen gar nicht so sein wie wir. Sie verachten unser „Gutmenschentum“ so, wie die Nationalsozialisten Mitleid, Nächstenliebe und Menschlichkeit als „Schwäche“ und „Weichheit“ verächtlich machten.

Und, wenn wir ehrlich sind: Wir wollen mit solchen Leuten auch nichts zu tun haben. Wir wollen unter unseresgleichen bleiben, unter Menschen mit Herz und Verstand, Menschen, die mitleiden und mitfühlen können, Menschen, die sich an einem Choral von Bach erfreuen, an einem Gedicht, an Schönheit, Weisheit und Güte.

 

„Es wird immer schwerer, neue PastorInnen zu finden, wenn eine Stelle frei wird. In den ländlichen Gegenden ist das jetzt schon so … In den kommenden Jahren wird sich die Lage vermutlich noch verschärfen (…) Mehrere Gründe verstärken einander gegenseitig … Zudem ziehe es die frischgebackenen Pastorinnen und Pastoren eher in die Städte. Jost: ‘Je weiter man von den Zentren wegkommt, desto schwieriger wird es, Pfarrstellen zu besetzen.’ Was unter anderem daran liegt, dass auf dem Land in der Regel gleich mehrere Orte und Predigtstätten von einem Pastor oder einer Pastorin zu versorgen sind. Das mache die Stellen für viele BewerberInnen unattraktiv“
Quelle: http://www.hildesheim-kirche.de/hildesheimerland-alfeld/Aktuelles/2016/kirchenkreistag_26-10-16

Die Landeskirche Hannovers hatte diese Meldung auf Twitter verlinkt und getweetet:

Die Reaktion der Landeskirchen auf den Mitgliederschwund war und ist nicht nur in der Landeskirche Hannovers die Zusammenlegung von Gemeinden v.a. auf dem Land. Grundlage dafür bildete eine einfache Rechnung: Teilt man die Zahl der landeskirchlichen Gemeindeglieder durch die noch finanzierbaren Pfarrstellen, erhält man die durchschnittliche Gemeindegliederzahl pro Pfarrstelle – in der Ev. Kirche im Rheinland sind es z.B. 2.500 [1], in der westfälischen Landeskirche 3.000 [2], in Hannover sogar 3.300 [3]. Dass diese Rechnung eine Milchmädchenrechnung ist, zeigte sich schnell, denn die Situationen der Gemeinden auf dem Land ist mit denen der Stadtgemeinden nicht zu vergleichen. Darum wurde versucht, durch zusätzliche Kriterien wie Gesamtfläche der Kirchgemeinden, Zahl der Kindergärten oder der kirchlichen Friedhöfe den Schlüssel etwas gerechter zu machen. Trotzdem blieb und bleibt die Zahl der Gemeindeglieder der bestimmende Faktor.

Warum sind Pfarrstellen auf dem Land unattraktiv?

Die Entscheidung, Pfarrstellen mit der Anzahl der Gemeindeglieder zu koppeln, führte dazu, dass für eine Pfarrstelle auf dem Land mehrere Gemeinden zusammengelegt werden mussten, während in den städtischen Gemeinden zunächst die doppelt oder sogar dreifach besetzten Pfarrstellen abgebaut wurden und es daher i.d.R. bei einer Gemeinde und Predigtstätte in der Stadt blieb. Auf dem Land dagegen haben die Pfarrpersonen mehrere Gemeinden und damit mehrere Predigtstätten zu betreuen, mit einer entsprechend höheren Anzahl von Gemeindekirchenräten, Friedhöfen, Konfirmandengruppen, Seniorenkreise etc., die sich wegen großer räumlicher Distanzen oder der Unbeweglichkeit der Gemeindeglieder nicht ohne weiteres zusammenlegen lassen. Hinzu kommt die Fahrerei von einer Gemeinde zur anderen. Für die Pfarrfamilie bedeutet eine Landpfarrstelle, dass oft keine Einkaufsmöglichkeiten vor Ort vorhanden sind, dass die Kinder zur Schule und der Partner/ die Partnerin zur Arbeit fahren muss. Besonders schwer ist es für Kolleginnen, die „Single“ sind, eine/n Partner/in zu finden – oder überhaupt andere Menschen als die Gemeindeglieder kennen zu lernen.

Das war früher auf dem Land auch schon so, wurde aber aufgewogen durch die Möglichkeit, im Pfarrhaus mit Garten zu wohnen; außerdem galt eine Landgemeinde als weniger „anspruchsvoll“ als eine städtische Gemeinde, so dass den Pfarrpersonen mehr Zeit für anderes blieb – so hatte Paul Billerbeck auf seiner Landpfarrstelle die Muße, seinen berühmten Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch zu erarbeiten, oder Johannes Lepsius, sich für die von den „Jungtürken“ verfolgten Armenier einzusetzen.

Heute gibt es dieses geruhsame Leben auf dem Land nicht mehr. Die Landgemeinden sind so groß geworden, dass eine Pfarrerin es längst nicht mehr schafft, auch nur die Grundversorgung in ihren Gemeinden zu gewährleisten. Da aber die Landgemeinden, mehr noch als die städtischen, an überkommenen Traditionen und am Anspruch auf pfarramtliche Versorgung festhalten, sind Konflikte mit Gemeindegliedern und Kirchenältesten vorprogrammiert, wenn Pfarrerinnen auch nur die ihnen zustehenden freien Tage und Wochenenden durchsetzen wollen. So etwas spricht sich natürlich in der Pfarrerinnenschaft herum.

Die Landpfarrstellen wurden und werden kaputtgespart. Es gibt für eine Pfarrperson keinen Anreiz mehr, sich auf eine Landpfarrstelle zu bewerben – die Pfarrhäuser im desolaten Zustand, die Arbeit nicht zu bewältigen, die Wochenenden mit Gottesdiensten zugekleistert, die Vertretungssituation katastrophal. In der Stadt dagegen ist i.d.R. nur ein Sonntagsgottesdienst zu halten, Vertretung ist relativ unproblematisch zu finden, usw. Natürlich muss auch eine Stadtpfarrerin arbeiten und sich mit ihrem GKR auseinandersetzen, und auch dort klagen viele Kolleginnen über Überlastung. Aber im Gegensatz zum ländlichen Plural herrscht in der Stadt meist noch der Singular vor. Und die Mühe der Predigtvorbereitung wird durch gut besuchte Gottesdienste belohnt, während die Kolleginnen auf dem Land oft verzagen, weil das Häuflein, das sich am Sonntag zusammengefunden hat, so klein ist.

Was tun?

Viele ländliche Gegenden bluten aus, weil es zu wenige Pfarrerinnen vor Ort gibt. Der Gehorsam gegenüber der Zahl, den sich Kirchenkreise und Landeskirchen auferlegt haben, bringt die Landgemeinden in große Not. Auf diese Weise entkirchlicht Kirche selbst große Gebiete, ohne dass Menschen aus der Kirche austreten müssen.

Wie aber soll man Stellen auf dem Land schaffen, wenn das Geld nun mal nicht da ist?

Wie soll man Pfarrerinnen und Pfarrer für den Dienst auf dem Land gewinnen, wenn es so unattraktiv geworden ist, Landpfarrerin zu sein?

Es ist die Frage, ob das Geld tatsächlich nicht da ist. Angesichts der Situation auf dem Land muss Kirche sich z.B. fragen, ob sie sich die vielen Funktionspfarrämter noch leisten – und ob ein Funktionspfarramt nicht wenigstens mit der Residenzpflicht und dem Predigtauftrag in einer Landgemeinde verknüpft werden kann. Anderseits ist die große Attraktivität der Funktionspfarrämter auch ein Zeichen, dass das Pfarramt nicht nur auf dem Land unattraktiv geworden ist, weil Synoden und Kirchenleitungen den Pfarrpersonen immer mehr Arbeit aufgeladen und zugemutet haben. Die Pflicht wird betont – wo aber bleibt die Kür? Wo bleiben Freude, Erfüllung, die Möglichkeit, Theologie zu treiben, eigene Pläne zu verfolgen und zu verwirklichen, zu experimentieren? Ursprünglich einmal wurde die Pfarrerin alimentiert, um in ihrer Gemeinde vor Ort in einem sehr großzügig gesteckten Rahmen Pfarrerin sein zu können. Inzwischen ist sie eine bezahlte Angestellte, von der nach ihren 56 Stunden Arbeitszeit pro Woche noch ehrenamtliches Engagement und Fortbildung erwartet werden, die zwar theoretisch zur Arbeitszeit zählt, aber eben nicht praktisch – weil niemand da ist, der der Pfarrerin den Rücken dafür frei hält.

Statt das Pfarrstellen-Gemeindeglieder-Problem rein rechnerisch zu lösen, sollten Landeskirchen und Kirchenkreise nach inhaltlichen Kriterien suchen, wonach gekürzt oder eine Stelle geschaffen werden soll. Und sie sollte den Stellenumfang so gestalten, dass er von einer Pfarrperson mit Freude und bei Gesundheit bewältigt werden kann. Das könnte für das Land z.B. bedeuten, dass es keine flächendeckende Versorgung mehr gibt. Statt dessen werden Gemeindepfarrstellen besetzt, bei denen sich längerfristig ein Potenzial erkennen lässt – weil dort viele Menschen leben oder hinziehen, weil es junge Familien gibt usw. Um diese Gemeindepfarrstellen herum könnte ein Seelsorgebezirk angelegt werden, in dem die Pfarrperson für Seelsorge und Amtshandlungen zuständig ist, aber nicht für den Erhalt der Kirchen, Orgeln, Pfarrhäuser und Friedhöfe, nicht für einen regelmäßigen Gottesdienst, nicht für Geburtstagsbesuche und Konfirmandenunterricht und auch nicht für evtl. noch bestehende Kreise.

Dabei wäre es nötig, dass die Festlegung solcher Gemeindepfarrstellen vor der Ausschreibung und Besetzung erfolgt, damit nicht die Stelleninhaberin Kämpfe gegen Windmühlenflügel ausfechten muss, sondern der Kirchenkreis oder die Region mit den Betroffenen in einem sicher nicht leichten Prozess geklärt hat, wo künftig noch „Kirche“ ist – und wo nicht mehr. Es ist ein schmerzhafter Prozess – aber weit besser, als ganze Gegenden langsam absterben zu lassen, weil man Pfarrerinnen mit überdimensionalen Stellenzuschnitten unlösbare Aufgaben gibt und unbesetzbare, weil unattraktive Stellen schafft.

Zum Weiterlesen:
[1] http://www.ekir.de/www/downloads/Aktualisiert-Planung-Errichtung-Aufhebung-Pfarrstellen.pdf
[2] http://www.kirchenkreis-siegen.de/index.php?katid=1&newsid=949
[3] http://wort-meldungen.de/?p=7385

Zwei kurze Szenen:

  1. Zwei Geschwister streiten sich im Kinderzimmer.
    Vater (aus dem Wohnzimmer): „Nun hört aber mal auf zu streiten und habt euch wieder lieb, ja?“
  2. Mitarbeiter-Jahresgespräch mit dem Superintendenten. Der Sup trägt die vom Pfarrer genannten Arbeitsbereiche in eine EXCEL-Tabelle ein. Am Ende verliest er das Ergebnis: „Sie sind mit über 400 Stunden im Jahr über dem Soll einer halben Stelle. Das ist ja fast eine dreiviertel Stelle. Das müssen wir ändern.“
    Sup beruft eine Sitzung mit den Kirchenvorständen der beiden Gemeinden ein, für die der Pfarrer zuständig ist. Auf der Sitzung klagen die Ältesten über die Überlastung, die sie in ihrem Ehrenamt erleben, und dass sie sich allein gelassen fühlen. Es kommt zu keiner verbindlichen Absprache. Der Sup beschließt die Sitzung mit der Aufforderung, dass der Pfarrer entlastet werden müsse.

Was haben beide Szenen gemein?

Spätestens seit der Wende erleben wir gesamtdeutsch das Sterben der Parochie. Statt der in manchen Gegenden seit 1.000 Jahren geltenden Regel: Eine Gemeinde – ein/e Pfarrer/in (ganz zu schweigen von den Stadtgemeinden, in denen sich zeitweise gleich mehrere KollegInnen tummelten), müssen sich längst mehrere Gemeinden eine/n Pfarrer/in teilen. Dieser Prozess kam nicht von heute auf morgen, aber gemessen an der enorm langen Zeitspanne, in der es anders war, doch zu schnell für Gemeinden, Kirchenvorstände, Pfarrpersonen und Kirchenleitungen, sich vom Bild der Parochie zu lösen und ein neues Denken zu lernen. Die letzte (5.) Kirchenmitgliedschaftsumfrage der EKD zeigt denn auch, dass das offenbar gar nicht möglich ist. Nach wie vor beziehen Gläubige sich auf einen Ort und eine Person – die der Pfarrerin/ des Pfarrers. Das wird sich vielleicht auch nie ändern. Aber die Bedingungen haben sich derart geändert, dass Pfarrpersonen in dieser Weise nicht mehr für die Gemeinde präsent sein können – oder jedenfalls nur noch für eine sehr überschaubare Anzahl von Gemeindegliedern. Ausnahmslos alle Gemeinden, die ich kennen gelernt habe oder deren PfarrerInnen ich kenne, halten nach wie vor am Parochiemodell fest: „Unser/e“ Pfarrer/in ist für uns da und hält für uns Gottesdienste, leitet Gemeindegruppen, führt die Geschäfte usw. Bei den wenigsten Gemeinden ist angekommen, dass „Gemeinde“ nicht bedeutet, eine/n Pfarrer/in zu haben, sondern Gemeinde zu sein und notfalls eben selbst die eigenen Belange in die Hand zu nehmen. Ganz abgesehen davon, dass es an Persönlichkeiten in den Gemeinden mangelt, die sich vor Ort für ihre Kirche oder für die Gemeinde verantwortlich fühlen.

Da also die Gemeinden auf „business as usual“ bestehen, kämpfen Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort um die Begrenzung ihrer Arbeitszeit. Denn dass mehr Gemeinden bedeuten, dass die Pfarrperson in den einzelnen Gemeinden jeweils weniger leisten kann, wird zwar von den Ältesten konzediert, aber im Zweifel soll eben bei der anderen Gemeinde gekürzt werden.
Die Pfarrerin/ der Pfarrer findet sich plötzlich nicht mehr mit seinem Kirchenvorstand an einem Tisch, sondern an der anderen Seite des Tisches wieder, wenn es um rechtlich zustehende freie Tage und Wochenenden geht, die Begrenzung der Arbeitszeit und des Arbeitsumfanges. Sie fühlt sich in solchen Situationen oft von der Leitungsebene allein gelassen, weil die – wie der Vater in der ersten Szene, oder der Sup in der zweiten – sich auf die Moderation des Konfliktes beschränkt.

Wenn man die kirchliche Leitungsebene darauf anspricht, heißt es, dass man dazu keine allgemeine Regelung treffen könne; das müsse individuell vor Ort entschieden werden. Auch KollegInnen fürchten um die Freiheit ihrer Dienstgestaltung – eines der wenigen Schmankerln, das der Pfarrberuf noch bietet -, wenn der Dienst kirchenamtlicherseits „geregelt“ wird.

Was aber tatsächlich geschieht, ist folgendes: Es ist noch nicht erschienen, was die Kirche der Zukunft sein wird. Keine/r hat bisher ein Bild für das gefunden, was nach der Parochie kommt. Die Mehrheit derer, die jetzt ehrenamtlich oder hauptamtlich im Dienst ist, wuchs mit dem „klassischen“ Bild der Pfarrperson auf, die in ihrer Gemeinde für alle und alles da ist. Wie sollen da auch neue Bilder und Denkmodelle entstehen? Aber die Konflikte, die der Tod der Parochie mit sich bringt, werden zwischen Pfarrpersonen und Gemeinden ausgetragen. Zugespitzt formuliert: Die Leitungsebene beschließt die Änderungen, die Basis badet sie aus.
Das mindeste, was die Leitungsebene ihren Pfarrerinnen und Pfarrern schuldet, ist, Rahmenbedingungen und Möglichkeiten für ein gedeihliches Arbeiten festzulegen. Dazu gehört, dass sie Grenzen setzt und diese gegenüber den Gemeinden auch vertritt. Nicht Pfarrer/in, sondern Superintendent/in oder Kirchenrat/-rätin müssen den Gemeinden gegenüber Rede und Antwort stehen, dass und wie die Versorgung der Gemeinden eingeschränkt wird. Die Pfarrperson muss in diesem Prozess bei ihrem Kirchenvorstand sitzen können – nicht auf der Gegenseite.
Zur Verantwortung für die Pfarrpersonen gehört auch, dass man Grenzen nach oben setzt. Nur so kann man tatsächlich mit gutem Gewissen den 3. Gottesdienst am Sonntag, die 5. Beerdigung in der Woche abtreten oder absagen. Nur so endet die latente Konkurrenz unter den Pfarrerinnen und Pfarrern um Gottesdienstbesuch, Konfirmandenzahlen und Dienststunden. Nur so lässt sich vermeiden, dass Pfarrer/innen sich totarbeiten, um sich nicht mit ihren Kirchenältesten oder der Gemeinde streiten zu müssen. Es braucht den Dritten, die Leitungsebene in der Kirche, die für ihre Hauptamtlichen Verantwortung übernimmt. Nicht, indem sie haarklein vorschreibt, wie und in welchem Umfang der Dienst zu leisten ist, wie es in Krankenhäusern und Altersheimen geschieht. Sondern indem sie einen Rahmen schafft und setzt, innerhalb dessen Gestaltung tatsächlich möglich ist, weil er Freiraum zu einer Entfaltung lässt. Das bedeutet allerdings auch, dass Kirchenleitung die Verantwortung für die Veränderungsprozesse, die sie beschlossen hat, nicht länger an die Pfarrpersonen delegieren kann, sondern es aushalten und ihren Kopf dafür hinhalten muss, wenn Gemeinden deswegen auf die Barrikaden gehen.

Ein harmloser (?) Hinweis an Stefan M. Seidel (@sms2sms) auf ein Foto, mit dem ein Printmedium (New York Times) versucht, die Social Media zu inkorporieren, führte zu folgendem Gespräch, das in ein Zeigen mündete:

Als wir auf das Gymnasium wechselten, waren unsere bisherigen Schulfreunde plötzlich keine mehr. Sie wollten mit uns nichts mehr zu tun haben. Mein Freund, der das nicht wahrhaben wollte, holte sich ein „Hau ab, du Gymnasiast!“, ab. Das war meine erste Erfahrung mit dem Nicht Dazugehören. Seitdem habe ich sie unzählige Male gemacht: als Sohn eines Landwirts war ich doch kein Bauer, weil ich, wie mein Vater sagte, von Landwirtschaft keine Ahnung hatte. Aber im Büro hieß es, als ich mal keine Krawatte einband: „Sie sehen aus wie ein Bauer!“ In meinem Heimatdorf aufgewachsen, gehörte ich doch nicht dazu, weil ich manchmal barfuß lief und lange Haare hatte. Aber für die Mitschüler aus der Stadt war ich ein „Dörfler“. Als wir uns im Studentenwohnheim über unsere Herkunft austauschten, sagte ich „Norddeutschland“, worauf mich ein Schleswig-Holsteiner barsch zurechtwies, ich sei doch kein Norddeutscher; das reiche nur bis zur Elbe.
Ich könnte noch viele weitere solche Erlebnisse aufzählen. Sie reichen bis in die Gegenwart. In Thüringen wurde mir gesagt, nie würde ich ein Thüringer sein, obwohl ich seit drei Jahren Bürger dieses Bundeslandes bin. Außerdem, Wessi bleibe Wessi, das würde sich niemals ändern.

Jede dieser Erfahrungen hat mich ratlos und traurig zurückgelassen. Warum nur wird betont, dass ich nicht dazugehöre? Warum ist das so wichtig? Und warum geht man so selbstverständlich davon aus, dass ich dazugehören will?
Anfangs dachte ich, es läge an mir, dass man mich vielleicht nicht dabei haben wolle. Aber dann stellte ich fest, das andere die gleiche Erfahrung machten. Außerdem wollte und will man mich dabei haben. Es war und ist offenbar nur wichtig, dass ich nicht „wirklich“ dazu gehöre, sondern nur ein Gast bin.

„Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland“, dichtet Paul Gerhardt (EG 529). Längst habe ich mich daran gewöhnt, nur Gast zu sein. Und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch gar nicht anders haben. Denn die Dazugehörigkeit gibt es nur um den Preis des Ausgrenzens anderer. Und doch macht mich immer noch traurig, dass gerade in Kirchengemeinden besonders viel Wert auf Zugehörigkeit gelegt wird. Noch immer ist es für die meisten undenkbar, in die Nachbargemeinde zum Gottesdienst zu gehen, mit den Nachbarn zusammenzuarbeiten. Aber auch innerhalb der Gemeinde wird unterschieden zwischen den Engagierten und den „Weihnachtschristen“, die sich nur einmal im Jahr in der Kirche blicken lassen. Dabei hat Jesus immer und immer wieder eingeladen, ohne nach Herkunft oder Würdigkeit zu fragen – im Gegenteil: wer von anderen ausgegrenzt und an den Rand gedrängt wurde, war ihm gerade recht. „Kommt her zu mir, alle, ruft er (Matthäus 11,28). Würdig ist man nicht durch Abstammung, Herkunft, Leistung, sondern „alle, die ihr mühselig und beladen seid“, sind eingeladen.
Darum bin ich Pfarrer geworden: Weil die Kirche der einzige Ort ist, an dem – jedenfalls in der Theorie – kein Unterschied gemacht wird. Weil sie ein Ort ist, an dem man „weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, weder Mann noch Frau“ ist, sondern alle eins sind in Christus“ (Galater 3,28).

Ich wünsche mir, dass in der Kirche aufgehört wird, nach der Herkunft zu fragen, und angefangen wird, die Türen für alle zu öffnen, die kommen wollen. Dass Gemeinden ihre Grenzen nicht schließen, sondern vergessen. Dass man Fremde im Gottesdienst nicht argwöhnisch beäugt und allein sitzen lässt, sondern sie herzlich willkommen heißt und sich neben sie setzt.