Archiv

Gesellschaft

@adloquii fragte mich nach meiner Meinung zur #NoRadioShow014 zum Thema „Wissenschaft und Religion“, wohl auf dem Hintergrund des Kommentars von @gunterlierschof.

 

@gunterlierschof kritisiert in seinem Blog die „Machtgeilheit“, die „in der Anmaßung zwei Worte, zwei Begriffe zu nehmen, hinter denen sich sehr schwierig zu fassende Phänomene verbergen“, steckt.
Ich kann diese Kritik nicht teilen; ich finde es legitim, „dicke Bretter“ zu bohren, indem man über Begriffe wie „Wissenschaft“ und „Religion“ nachdenkt. Zumal es den drei Diskutanden nicht darum geht, diese Begriffe zu definieren oder zu kritisieren, sondern die Unterscheidung im Blick auf das Thema der #NoRadioShow: die Auswirkungen des Computers auf unser Leben, abzuklopfen.
Aber in einer Hinsicht empfinde ich doch Sympathie für den Vorwurf der Anmaßung, nämlich was die Länge des Podcasts angeht. So gern ich den schweizer Zungenschlag von @laStaempfli und @sms2sms höre, über zwei Stunden Podcast sind eine echte Zumutung. „Ein Pfarrer darf über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“ – diese Regel sollte auch für Podcasts gelten 😉

Ich fand die Unterhaltung trotz ihrer Länge sehr erhellend und habe in meine Mitschrift bereits meine Assoziationen eingetragen. Das, was @laStaempfli kritisch zur Macht der Fiktion sagt, wendet @Ballkultur in seinen Arbeiten ins Positive, indem er von der „kooperativen Webgesellschaft“ als einer Erzählung spricht, die das Internet eben nicht als Bedrohung unserer Existenz sieht, sondern ihm das Potenzial unterstellt, unsere Welt zu retten und zu einer gerechteren Welt zu machen. Ich teile seine Ansicht und glaube, dass die Macht der Fiktion positiv angewendet werden kann, nicht notwendigerweise „Opium für’s Volk“ sein muss, und dass hier ein Potenzial für die „Stories“ (Dietrich Ritschl) der Bibel liegt.

Religion und Wissenschaft sehe ich nicht als Gegensatzpaar. Theologie hat immer Wissenschaft sein wollen. Dass das der Theologie nicht gut getan hat und nicht gut tut, steht auf einem anderen Blatt.
Viel anfangen kann ich mit Diesseits und Jenseits als räumlichen Begriffen. Rilke hat das Nebeneinander dieser beiden Räume in das Bild zweier benachbarter Zimmer gefasst:

„Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.“
(Rilke, Das Stundenbuch)

Hier finde ich auch die von @laStaempfli erwähnte Inkarnation oder Inkorporation des Transzendenten wieder, die freilich fragil ist – es gibt eben den einen Namen nicht, mit dem man Gott „bannen“ könnte. Das wird deutlich in der besonderen Namenlosigkeit Gottes im Judentum: Gott hat einen Namen – יהוה -, aber man darf/kann ihn nicht aussprechen, was zur putzigen Verlesung des Qere perpetuum zu „Jehova“ geführt hat, weil der neugierige Mensch den Namen eben doch aussprechen will, dem Tabu zum Trotz.

Widersprechen möchte ich @laStaempflis Behauptung, Ziel jeder Religion sei die Vorbereitung auf das Jenseits. Nein, Ziel jeder Religion ist das Bestehen des Diesseits. Im Judentum gab es z.B. Strömungen, die den Auferstehungsglauben radikal ablehnten. Und noch heute spielt die Auferstehung m.W. im Judentum keine solche Rolle, wie sie in der Theologie des Paulus spielt. Shalom Ben-Chorin äußerte sich (wenn ich mich richtig erinnere) verwundert darüber, dass die Christen sein Lied „Freunde, dass der Mandelzweig“ so gerne sängen, wo es doch angesichts des Leides nicht aufs den Himmel vertröstet, sondern ganz im Diesseits bleibt:

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering,
in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.

Im Christentum ist der Auferstehungsglaube ein fester Bestandteil des Glaubens und ein Dogma, aber nicht für alle Christ*innen und christlichen Gruppen zentral. Das war früher sicherlich einmal anders, und es gibt christliche Gruppierungen, die die Vorbereitung auf das Jenseits als Ziel ihres Glaubens bezeichnen würden – das gilt meiner Wahrnehmung nach v.a. für viele nordamerikanische Kirchen. Aber gerade in den USA entwickelt sich gerade auch eine sehr diesseitsorientierte kirchliche Arbeit, die sich für sozial Schwache einsetzt oder dafür, der weißen Suprematur etwas entgegenzusetzen: #DecolonizeLutheranism. Insgesamt wird immer mehr erkannt, dass Kirche und Glaube nur eine Zukunft haben, wenn sie gelebt, nicht, weil sie gelehrt, gepredigt und doziert werden.
Man kann durchaus sagen, dass Jesus einen diesseitigen Glauben gelebt hat. Ihm ging es um die Liebe, die keinen Unterschied zwischen Menschen macht – Kollaborateure, Prostituierte, aus der Gemeinde Ausgeschlossene waren seine Freunde; er galt als „Fresser und Weinsäufer“, weil die gemeinsame Mahlzeit mit Menschen aller Klassen und Herkünfte sein „Markenzeichen“ war: daran entschied (und entscheidet) sich, wie ernst man es mit der Liebe meint. Insofern ist Jesus vielleicht der erste, der radikal die Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben hat, indem er erklärte, das Reich Gottes sei in ihm nahe herbeigekommen. Er hat auch den Tod Gottes vorweggenommen – nicht durch seinen Tod am Kreuz, sondern indem er Gott vom Himmel herabholte und das Heilige komplett profanisierte: Die Gegenwart Jesu ist der Himmel auf Erden, nicht ein Tempel, ein Altar oder ein heiliges Buch. Diese Profanisierung des Heiligen durch Jesus ist heute ein kritisches Instrument gegen den von Walter Benjamin beschriebenen „Kapitalismus als Religion“, der alles „heiligt“, also der Religion unterwirft, indem alles „Ware“ ist oder werden kann. Demgegenüber sind z.B. Kirchen letzte Rückzugsräume vor der Religion des Kapitalismus, weil sie einen Raum bereitstellen, in dem man nicht nach seinem Wert beurteilt wird. Aber auch Kirchen werden inzwischen verkauft …

Ich habe den Eindruck, dass ich dem Podcast mit meinem Kommentar nicht gerecht werde. Ich bin kein Theoretiker, und ich habe nichts von der Literatur gelesen, auf die im Podcast Bezug genommen wird. Ich kann eben nur auf meinem Niveau antworten – ich hoffe, dass @adloquii nicht allzu enttäuscht ist.

Advertisements

Wieviel Gift wären Sie bereit,
für den Erfolg des Freien
Marktes und des Welthandels zu essen? Bitte
nennen Sie Ihre bevorzugten Gifte.

Wie viel Böses wären Sie
um des Guten willen bereit zu tun?
Tragen Sie in die folgenden Leerstellen
die Namen Ihrer Lieblings-
übel und bevorzugten Terrorakte ein.

Welche Opfer sind Sie bereit,
für Kultur und und Zivilisation zu bringen?
Bitte zählen Sie die Denkmäler, Heiligtümer
und Kunstwerke auf, die Sie
am ehesten zu zerstören bereit wären.

Welche Flächen unserer Heimat wären Sie
bereit, im Namen von Patriotismus und Vater-
landsliebe zu entweihen?
Nennen Sie auf den folgenden Feldern
die Berge, Flüsse, Städte und Gehöfte,
auf die Sie am ehesten verzichten können.

Nennen Sie kurz die Ideen, Ideale oder Hoffnungen,
die Energiequellen, die Formen der Sicherheit,
um deretwillen Sie ein Kind töten würden.
Nennen Sie bitte die Kinder, die
Sie zu töten bereit wären.

Wendell Berry

aus: „Leavings“, Counterpoint (April 1, 2011), ISBN-13: 978-1582436241
Original: http://writersalmanac.publicradio.org/index.php?date=2014/03/22

#zawlazaw

I. Zur Genese

a) Ein Auftrag

b) Der hebräische Text

c) Die Übersetzung

d) Die avisierte Predigt

e) Die Absage

Deshalb nun statt Predigt ein Podcast über Jesaja 28,7-15

II. Fahrplan:

1) BEFIEHL du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

2) DEM HERREN musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen:
es muss erbeten sein.

4) WEG hast du allerwegen,
an Mitteln fehlt dir’s nicht;
dein Tun ist lauter Segen,
dein Gang ist lauter Licht.
Dein Werk kann niemand hindern,
dein Arbeit darf nicht ruhn,
wenn du, was deinen Kindern
ersprießlich ist, willst tun.

und

  • eine phänomenologische Annäherung an den Text: ein poetischer Text; Sprecherwechsel; unklare Bezüge (Gott? der Profet?)

  • Nachdenken über #zawlazaw I: die verschiedenen Bedeutungsebenen (Schule? Gebote?) und warum mir die Sesamstraße einfällt

  • der historische Rahmen: wer ist die „strömende Geissel“? 28,1-6 beschreibt die Endzeit Samarias (727-721 v. Chr.): 724 fällt König Hosea von Assyrien ab, indem er die Tributzahlungen einstellt und diplomatischen Kontakt mit Ägypten aufnimmt. Daraufhin belagern assyr. Truppen Samaria und nehmen sie schließlich ein => Ende des Nordreiches Israel. Die Verse 7ff drohen dasselbe Schicksal Jerusalem an, wenn es sich von Assur ab- und Ägypten zuwendet. Die „strömende Geißel“ ist also Assur in Person Sargon II. Wäre der Ruheplatz (Vers 12) also das Ausharren als assyrischer Vasall, statt sich gegen die herrschende Macht mit einer anderen Macht (Ägypten) zu verbünden?

  • Kinderkram

  • Vom Scheißen auf die Tische https://soundcloud.com/stefan-m-seydel-1/der-morgen-nach-podlog-30: Stefan liegt richtig mit der Annahme von Tischledern

  • Nachdenken über #zawlazaw II: Das Wort wird den Spöttern im Munde herumgedreht und kehrt sich gegen sie als Drohwort => Das (im Munde) herumgedrehte Wort als Schlüssel zum Text? Vers 7: Die Sprecher sind besoffen und verdrehen Wahrheit und Recht; Vers 10: Was der Profet sagt, klingt wie Kindergebrabbel => Vers 12: Gott redet nur noch im Gestammel (“Aus dem Mund der Kleinkinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen“, Psalm 8,3); Vers 15: Die Sprecher bedienen sich #alternativeFacts

  • Schlusslied: Wer nur den lieben Gott lässt walten http://www.liederdatenbank.de/song/1595

1) Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

2) Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

6) Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
Den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.

7) Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

III. Der Link zum Predigtcast: http://mixlr.com/güntzel-schmidt/showreel/zawlazaw … 

IV. Berichtigungen

  • Samaria fiel 722 v. Chr., nicht 733

Ein Text zur diesjährigen FriedensDekade

Wenn man Ende der 80er Jahre mit der S-Bahn durch Berlin fuhr, sah man sie noch, die Einschusslöcher. Von der S-Bahn aus blickte man auf die Hinterseite der Häuser. Während die Fassade repariert und verputzt war, hatte man die Ziegel der Rückseite so gelassen, wie sie waren: übersät mit Einschusslöchern von Gewehren, Maschinengewehren, Granatsplittern. Spuren eines Krieges, der damals bereits 40 Jahre zurück lag. Am Reichstag und an der Museumsinsel waren sie besonders eindrücklich.
Auch in anderen Städten waren sie zu sehen, diese Spuren – in Dresden z.B. die Ruine der Frauenkirche. Die auffälligen Lücken zwischen zwei Häusern: Da hatte ein Haus gestanden, das von einer Luftmine weggesprengt worden war. Ganze Stadtviertel waren durch Bomben dem Erdboden gleichgemacht worden, waren im Feuersturm verbrannt. Nur die Kirchen, fensterlos, ihre Türme ohne Hauben, Dach und Gewölbe eingestürzt, waren stehen geblieben. Die Straßen waren beim Wiederaufbau neu angelegt, verbreitert worden. Manchmal wussten nur die Alten noch, wie es hier früher einmal ausgesehen hatte.

Das sind die äußerlichen Kriegsspuren, die man auch heute noch in unseren Städten entdecken kann, wenn man sie sehen will. Dann gibt es aber noch die innerlichen Kriegsspuren derer, die diesen Krieg miterlebten. Die sieht man meist nicht, aber sie sind viel tiefer, haben viel mehr zerstört als ein Haus, ein Kulturdenkmal oder ein Stück Geschichte. Die Geflüchteten tragen sie in sich, die aus ihrer Heimat Vertriebenen, die Ausgebombten, die Verschleppten und Umgesiedelten. Es gibt wohl keine Familie in unserem Land, die nicht von diesem Krieg betroffen wurde. Die nicht ihre inneren und äußeren Verletzungen weitergab an die nächste Generation. Daran bewahrheitet sich der Fluch, der am Anfang der 10 Gebote steht, dass Gott die Missetat der Väter heimsuchen wird bis zur 3. und 4. Genreation (2.Mose 20,5). Wir erkennen heute, dass es kein Fluch ist, sondern eine Beschreibung der Realtität: Unter der Schuld, die die Väter auf sich luden, leiden Enkel und Urenkel besonders, und sie leiden daran in unserem Land bis heute. Sie leiden unter dem Zwiespalt, dass wir Deutschen mit dem zweiten Weltkrieg und besonders mit dem Holokaust eine Schuld auf uns luden, die für immer mit unserem Land verknüpft bleiben und uns immer wieder begegnen und vorgehalten wird – gerade uns, die wir angeblich die „Gnade der späten Geburt“ besitzen.

Auf der anderen Seite haben auch unsere Vorfahren Unsagbares erlitten; sind aus Orten vertrieben worden, die über Generationen ihr Zuhause, ihre Heimat waren; haben Familienmitglieder, ihre Existenzgrundlage verloren. In diesem Zwiespalt, und weil die Kriegsspuren in den Jahren nach dem Krieg noch allen vor Augen standen, entschieden sich viele für den Hass, für Feindschaft und Revanchismus.
In der ehemaligen DDR trat dieser Zwiespalt nicht so offen zutage, weil man im Bündnis mit der Sowjetunion auf der Seite der Guten stand. Die deutsche Schuld wurde sehr schnell verdrängt und auf die Westdeutschen geschoben, obwohl viele, die gestern noch glühende Nazis waren, heute als überzeugte und hundertpozentige Kommunisten auftraten.
In Westdeutschland gelang es erst den 68ern, den „Muff von tausend Jahren“ unter den Talaren aufzuwirbeln. Der in der BRD sehr umstrittene Kniefall, den Willy Brandt 1970 vor dem Mahnmal am Warschauer Ghetto tat, setzte den Landsmannschaften der Schlesier, Ostpreußen und Sudetendeutschen, die nicht von ihrer Heimat lassen wollten, die Scham über die Verbrechen der Deutschen entgegen.

Dieser Zwiespalt, zugleich Täter und Opfer zu sein, ist wohl mit allen Kriegen auf der Welt verbunden. Natürlich sind die Frauen und Kinder, die in einem Krieg am meisten leiden, keine Täter. Aber wenn man sich die Geschichte des Konfliktes genauer ansieht, entdeckt man einen gordischen Knoten von Schuld und Sühne: Ein Verbrechen wurde begangen – es wurde gerächt – die Rache führte zur Gegen-Rache, was wiederum eine Rache nach sich zog, usw.
Kein Mensch kann mehr sagen, wer den ersten Stein warf, weil jeder mindestens einen Stein geworfen und mindestens einen abbekommen hat. Am bedrückendsten ist dies an dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu beobachten, die seit dem zweiten Weltkrieg in einem Dauerkrieg miteinander leben. Israel wurde mehrfach von den Arabern das Existenzrecht abgesprochen; sie wurden von vereinigten arabischen Armeen angegriffen mit dem Ziel, Israel ein weiteres Mal auszulöschen. Aber bei der Besiedlung Palästinas und beim Aufbau des Staates Israel wurden auch Rechte der Palästinenser verletzt. Land wurde enteignet, Familien vertrieben, die Araber als Menschen zweiter Klasse behandelt. Vor allem um das knappe Wasser entbrannten immer wieder Konflikte.
Man kann diesen Krieg nicht dadurch beenden, dass man einen Schuldigen sucht. Beide Seiten haben Schuld auf sich geladen, und beide Seiten sind Opfer. Je mehr man sich in die Geschichte jeder Seite hineinarbeitet und hineinversetzt, desto schwieriger wird es, für eine Seite Partei zu ergreifen.
Natürlich, in diesem Konflikt ist unser Platz an der Seite Israels. Allein durch unsere Geschichte, durch unsere Schuld dürfen wir uns nicht gegen Israel stellen. Aber das bedeutet nicht, die andere Seite nicht auch zu sehen, nicht auch mit den Palästinensern zu fühlen. Gott bewahre uns aber davor, Partei zu ergreifen oder den Israelis gar einen „guten Rat“ geben zu wollen!

Wenn jedem Krieg so ein Zwiespalt zugrunde liegt, dass viele der Opfer zugleich Täter sind und umgekehrt: Wie lässt sich dieser gordische Knoten dann lösen?
Wer die Geschichte vom gordischen Knoten kennt, weiß: Es war ein unlösbarer Knoten; angeblich hat niemand es geschafft, ihn zu entwirren – bis Alexander der Große kam, der ihn mit dem Schwert einfach durchhieb. Seitdem gilt sein Schwerthieb als Muster für den Umgang mit unübersichtlichen, unentwirrbaren Konflikten: Einfach mal draufhauen, dann geht der Knoten schon irgendwie auf.
Man kann den Eindruck gewinnen, dass die westlichen Mächte unter der Führung der USA genau dies im nahen Osten, im Irak und in Afghanistan versuchen: Sie wollen die Konflikte lösen, indem sie wie Alexander einfach mal draufhauen und hoffen, dass dadurch der Knoten aufgeht. Wie wir aber inzwischen erkennen, wird der Knoten durchs Draufhauen nur noch größer und schlimmer, weil dadurch immer neue Opfer und Schuldzusammenhänge entstehen – und inzwischen kommen die Opfer als Terroristen auch zu uns, um sich für die von unseren Soldaten in ihrem Land begangenen Taten zu rächen.

Jesus, der 300 Jahre nach Alexander dem Großen lebte, schlägt einen anderen Umgang mit gordischen Knoten vor. Und wie so oft bei den Vorschlägen, die Jesus macht, wird es nicht einfacher, sondern komplizierter. Statt den Knoten einfach durchzuhauen, will Jesus ihn dadurch entwirren, dass er einseitg abrüstet, indem er auf Vergeltung verzichtet. Jesus sagt in der Bergpredigt:

„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ (Matthäus 5,44).

Man kann die Kette von Gewalt und Gegenwalt, von Verbrechen und Rache dadurch beenden, dass man auf die Gegengewalt, auf die Rache verzichtet. Das heißt nicht, dass man das Böse nicht beim Namen nennt, dass man ein Verbrechen nicht als Verbrechen bezeichnet und dafür Bestrafung fordert.
Am Umgang der Norweger mit dem Massenmörder Anders Breivik können wir lernen, was Feindesliebe bedeuten könnte. Viele haben für sein schreckliches Verbrechen auf der Insel Utøya, bei dem er 77 zumeist Jugendliche ermordete, die Todesstrafe gefordert. Aber die Mehrheit der Norweger bestand auf einem rechtsstaatlichen Verfahren – mit dem für viele unerträglichen Ausgang, dass er nun wie ein ganz normaler Krimineller in seiner Zelle sitzt, zwar seiner Freiheit beraubt, aber ansonsten nichts weiter für seine Taten büßen oder erleiden muss. Die Norweger entschieden sich gegen die Todesstrafe, weil sie nicht so sein wollten wir Breivik: Sie wollten ihre Menschlichkeit nicht verlieren.

Und genau sie, die Menschlichkeit, ist es, die als erstes in einem Krieg verloren geht. Wann immer es auch nur als eine Möglichkeit erscheint, einen anderen Menschen zu töten, geht die Menschlichkeit verloren. Sobald man einen Grund findet und für akzeptabel hält, einen anderen Menschen zu töten – welcher Grund auch immer es sei; ob durch den Tod eines Einzelnen eine Vielzahl von Menschenleben gerettet werden könnte; ob einem Tyrann wie Hitler dadurch Einhalt geboten werden könnte – immer wird dadurch eine unsichtbare Grenze überquert. Wenn man sich einmal auf die Logik des Aufrechnens eingelassen hat, hat man seine Menschlichkeit verloren. Denn ein Menschenleben lässt sich nicht aufrechnen. Jedes Menschenleben, sogar das des größten Widerlings und Verbrechers, ist unendlich wertvoll.

Ich weiß, die Vorstellung ist schwer auszuhalten, dass jemand, der das Leben anderer Menschen für nichts geachtet hat; der auf anderen Menschen mit Füßen herumgetrampelt, sie mißhandelt, ihnen unsagbare Grausamkeiten angetan hat – dass man ein solches Menschenleben ebenso achten muss wie das jedes anderen Menschen. Ich will damit auch nicht sagen, dass man ihm seine Verbrechen nicht vorhalten, ihn seine Schuld nicht tragen lassen soll. Aber man darf ihm nicht dasselbe antun, was er anderen angetan hat. Man darf ihm nicht das Leben nehmen.

Auf manchen Autos sieht man den Aufkleber „Todesstrafe für Kinderschänder“. Es ist der Versuch von Neonazis, die unsichtbare Grenze der Menschlichkeit an einem Punkt zu überschreiten, über den viele sich zu recht entsetzen: Verbrechen an Wehrlosen, vor allem an Kindern. Aber auch hier gilt: Wer diese eine Ausnahme macht, hat eine Tür geöffnet, die in unsagbares Grauen führt. Wenn es einmal möglich war, einem Menschen seine Menschlichkeit zu nehmen, wird es immer wieder möglich werden. Ein Mensch, dem man seine Menschlichkeit nahm, wird zum „Monster“, zum „Untermenschen“, zur „Zecke“ – oder wie sonst die Begriffe lauten, mit denen man Menschen ihr Menschsein absprechen will. Es gibt aber keinen Unterschied zwischen Menschen, „wir sind allesamt Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23) – und sind alle zugleich ohne unser Verdienst Kinder Gottes.

Jesus sagt:

„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“.

Wir sind Kinder Gottes, wenn wir jeden Menschen als Kind Gottes sehen. Und also zu trennen lernen von dem Menschen und seiner Tat. Die Tat mag schlecht sein, verachtenswert, teuflisch, unmenschlich – aber der Mensch ist es nicht. Er ist und bleibt ein Kind Gottes wie ich; bleibt meine Schwester, mein Bruder, selbst, wenn sich alles in mir dagegen sträubt, ihn oder sie so zu nennen.

Wir werden Kriege nicht beenden, wenn wir die gordischen Knoten immer wieder mit Gewalt durchzuschlagen versuchen. Wir werden sie nur beenden, wenn wir uns selbst überwinden, auf Vergeltung verzichten und lernen, selbst in den bösen Menschen weiterhin den Menschen zu sehen und diesen Menschen zu lieben, so weit wir es eben vermögen. Nur die Liebe – oder ein Wunder – kann solche Menschen ändern. Mit Gottes Hilfe und wenn Gott will, wird es gelingen. Das mindeste, das wir dazu tun können, ist, ihnen ihre Menschlichkeit nicht zu nehmen.

Bis heute tragen wir an den Folgen des Krieges, den unser Land über die Welt gebracht hat. Bis heute sind die Kriegsspuren zu sehen und zu spüren. Wenn der Fluch am Beginn der 10 Gebote stimmt, werden noch weitere Generationen daran zu tragen haben. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, welche Wunden die weltweiten Kriege in den Herzen und Seelen zahlloser Menschen schlagen.

Im Buch Exodus folgt auf den Fluch der Segen:

„Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ (2.Mose 20,6).

Dass sich die Liebe über viele tausend Generationen erstreckt:
Das ist eine Verheißung, für die es sich lohnt, Feindesliebe zu wagen.

Im Jahr 2012 hielt der Kabarettist Georg Schramm eine Rede aus Anlass einer Preisverleihung:

Es geht letztlich ums Kämpfen, ob wir wollen oder nicht. Wir befinden uns in einem Art Kriegszustand. Ich halte dies nicht für übertrieben. (…) Jetzt ist die Frage, wer kämpft gegen wen. Hier gebe ich Ihnen eine Antwort von berufenem Mund: Warren Buffett hat das unmissverständlich beantwortet. Falls Sie ihn nicht kennen; Warren Buffett zählt mit grob geschätzten 50 Milliarden Dollar zu den Top-5 Besitzern auf der Welt. Einer der ganz großen Oligarchen. Auf die Frage, was er für den zentralen Konflikt unserer Zeit hält, hat Warren Buffet gesagt:

Der Klassenkampf natürlich, Reich gegen Arm, und meine Klasse, die Reichen, die gewinnen gerade.’

Ist doch schön, dass einer einmal nicht darum herum redet. Er nennt es einfach beim Namen.“

Jan Pfaff kommentiert in „der Freitag“:

Donald Trump [ist] entgegen der Erwartung der meisten Demoskopen, entgegen der offiziellen Empfehlungen praktisch jeder Zeitungsredaktion der USA und einem Großteil des Establishments seiner eigenen Partei tatsächlich zum nächsten US-Präsidenten gewählt worden. Trump im Weißen Haus, das ist eine weltweite Erschütterung. Das schafft aber vor allem auch für die Menschen in der US-Gesellschaft eine neue Realität, die sich noch nie über den Verlust von Privilegien beschweren konnten, weil sie immer vollauf damit beschäftigt waren, gegen reale Benachteiligungen zu kämpfen.

Einen offen rassistisch argumentierenden, frauenverachtenden und Menschen mit Behinderung mobbenden Mann im Oval Office sitzen zu haben, ist ein Albtraum für jeden halbwegs aufgeklärten Menschen. Für Schwarze, Muslime, Migranten, … Menschen mit Behinderung und die meisten Frauen ist es aber ein Schlag in die Magengrube, den man körperlich zu fühlen meint.“

Wir sind im Krieg.
Damit meine ich nicht die weltweiten Kriege, die trotz der Erfahrungen des 2. Weltkriegs, trotz Vietnam und Afghanistan immer noch geführt werden.
Ich meine einen Krieg, der im Stillen geführt wird. Ein Krieg, der kaum Spuren hinterlässt. Man hört keine Schüsse, keine Explosionen. Es rücken keine Soldaten in zerbombte Städte ein. Aber ab und zu wird ein kleines, ertrunkenes Kind an einem Strand am Mittelmeer angespült.

Im Krieg spricht man von „Kollateralschäden“. Das sind Unbeteiligte, die getötet werden, weil die intelligenten Fernlenkwaffen doch nicht so schlau sind, dass sie Soldaten von Zivilisten unterscheiden können; weil die Soldaten, die von Amerika aus die Drohnen steuern, die über Syrien oder dem Irak kreisen, mit den Kameraaugen der Drohen doch nicht so genau erkennen können oder wollen, wen oder was sie da angreifen.

Die Toten an den Stränden des Mittelmeeres starben nicht bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung. Sie ertranken, weil Europa seine Grenzen für Flüchtlinge geschlossen hat.

Wir sind im Krieg. Im Krieg Reich gegen Arm.
Und wir sind Partei in diesem Krieg. Unser Land steht auf der Seite der Reichen, obwohl es auch bei uns mehr als genug Menschen gibt, die Opfer dieses Krieges geworden sind. Und jeden Tag kommen neue Opfer dazu:
Menschen, die noch nicht alt genug sind für die Rente, aber zu alt für den Arbeitsmarkt. Menschen, die in den entvölkerten Dörfern Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts ausharren, in denen es kaum noch Jugendliche und Kinder gibt, weil die alle weggezogen sind, der Arbeit hinterher; Dörfer, die keinen Fleischer, keinen Bäcker, keinen Laden mehr haben, keine Kirchgemeinde, keine Schule, keinen Kindergarten.

So, wie bei uns geht es auch den Menschen in den USA. Nur ist dort alles noch größer und schlimmer. Denn dort gibt es keinen Sozialstaat, und bald auch keine Krankenversicherung mehr. Wenn man sich fragt, warum viele Menschen, die keine Zukunft haben, keine Hoffnung für sich sehen, trotzdem Trump gewählt haben, dann muss man sich nur vor Augen führen, dass die Schwachen sich stark fühlen, wenn sie einen Schwächeren haben, auf dem sie herumtrampeln können. Das hat schon im Nationalsozialismus geklappt. Es funktioniert immer wieder.

Trump hat den armen, abgehängten weißen Männern das Gefühl gegeben, besser zu sein als die Schwarzen, besser zu sein als die Frauen, besser zu sein als all die „andersartigen“ Menschen in ihrem Land: Homosexuelle, oder Muslime, oder Einwanderer. Dafür können sie sich nichts kaufen, aber sie vergessen dadurch das Gefühl der Wertlosigkeit, das Gefühl, abgehängt zu sein: Sie sind wieder wer.

Solche Menschen leben auch mitten unter uns. Auch unter uns könnte ein Demagoge wie Donald Trump viele Stimmen gewinnen. Es passiert ja schon, dass politische Gruppierungen mit den selben Mitteln wie Trump Menschen ohne Zukunft begeistern, indem sie ihnen vorgaukeln, dass sie „was Besseres“ sind, dass sie über anderen Menschen stehen – über denen, die „anders“ sind.

Früher dachte man: Mit Bildung kommt man weiter. Wenn man den sozial Schwächeren die Ideale des Humanismus nahe bringt, wenn Schulen und Kirchen gemeinsam Menschlichkeit lehren, werden alle Menschen besser. Aber diese abgehängten Menschen wollen gar nicht so sein wie wir. Sie verachten unser „Gutmenschentum“ so, wie die Nationalsozialisten Mitleid, Nächstenliebe und Menschlichkeit als „Schwäche“ und „Weichheit“ verächtlich machten.

Und, wenn wir ehrlich sind: Wir wollen mit solchen Leuten auch nichts zu tun haben. Wir wollen unter unseresgleichen bleiben, unter Menschen mit Herz und Verstand, Menschen, die mitleiden und mitfühlen können, Menschen, die sich an einem Choral von Bach erfreuen, an einem Gedicht, an Schönheit, Weisheit und Güte.