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Computer

@adloquii fragte mich nach meiner Meinung zur #NoRadioShow014 zum Thema „Wissenschaft und Religion“, wohl auf dem Hintergrund des Kommentars von @gunterlierschof.

 

@gunterlierschof kritisiert in seinem Blog die „Machtgeilheit“, die „in der Anmaßung zwei Worte, zwei Begriffe zu nehmen, hinter denen sich sehr schwierig zu fassende Phänomene verbergen“, steckt.
Ich kann diese Kritik nicht teilen; ich finde es legitim, „dicke Bretter“ zu bohren, indem man über Begriffe wie „Wissenschaft“ und „Religion“ nachdenkt. Zumal es den drei Diskutanden nicht darum geht, diese Begriffe zu definieren oder zu kritisieren, sondern die Unterscheidung im Blick auf das Thema der #NoRadioShow: die Auswirkungen des Computers auf unser Leben, abzuklopfen.
Aber in einer Hinsicht empfinde ich doch Sympathie für den Vorwurf der Anmaßung, nämlich was die Länge des Podcasts angeht. So gern ich den schweizer Zungenschlag von @laStaempfli und @sms2sms höre, über zwei Stunden Podcast sind eine echte Zumutung. „Ein Pfarrer darf über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“ – diese Regel sollte auch für Podcasts gelten 😉

Ich fand die Unterhaltung trotz ihrer Länge sehr erhellend und habe in meine Mitschrift bereits meine Assoziationen eingetragen. Das, was @laStaempfli kritisch zur Macht der Fiktion sagt, wendet @Ballkultur in seinen Arbeiten ins Positive, indem er von der „kooperativen Webgesellschaft“ als einer Erzählung spricht, die das Internet eben nicht als Bedrohung unserer Existenz sieht, sondern ihm das Potenzial unterstellt, unsere Welt zu retten und zu einer gerechteren Welt zu machen. Ich teile seine Ansicht und glaube, dass die Macht der Fiktion positiv angewendet werden kann, nicht notwendigerweise „Opium für’s Volk“ sein muss, und dass hier ein Potenzial für die „Stories“ (Dietrich Ritschl) der Bibel liegt.

Religion und Wissenschaft sehe ich nicht als Gegensatzpaar. Theologie hat immer Wissenschaft sein wollen. Dass das der Theologie nicht gut getan hat und nicht gut tut, steht auf einem anderen Blatt.
Viel anfangen kann ich mit Diesseits und Jenseits als räumlichen Begriffen. Rilke hat das Nebeneinander dieser beiden Räume in das Bild zweier benachbarter Zimmer gefasst:

„Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.“
(Rilke, Das Stundenbuch)

Hier finde ich auch die von @laStaempfli erwähnte Inkarnation oder Inkorporation des Transzendenten wieder, die freilich fragil ist – es gibt eben den einen Namen nicht, mit dem man Gott „bannen“ könnte. Das wird deutlich in der besonderen Namenlosigkeit Gottes im Judentum: Gott hat einen Namen – יהוה -, aber man darf/kann ihn nicht aussprechen, was zur putzigen Verlesung des Qere perpetuum zu „Jehova“ geführt hat, weil der neugierige Mensch den Namen eben doch aussprechen will, dem Tabu zum Trotz.

Widersprechen möchte ich @laStaempflis Behauptung, Ziel jeder Religion sei die Vorbereitung auf das Jenseits. Nein, Ziel jeder Religion ist das Bestehen des Diesseits. Im Judentum gab es z.B. Strömungen, die den Auferstehungsglauben radikal ablehnten. Und noch heute spielt die Auferstehung m.W. im Judentum keine solche Rolle, wie sie in der Theologie des Paulus spielt. Shalom Ben-Chorin äußerte sich (wenn ich mich richtig erinnere) verwundert darüber, dass die Christen sein Lied „Freunde, dass der Mandelzweig“ so gerne sängen, wo es doch angesichts des Leides nicht aufs den Himmel vertröstet, sondern ganz im Diesseits bleibt:

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering,
in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.

Im Christentum ist der Auferstehungsglaube ein fester Bestandteil des Glaubens und ein Dogma, aber nicht für alle Christ*innen und christlichen Gruppen zentral. Das war früher sicherlich einmal anders, und es gibt christliche Gruppierungen, die die Vorbereitung auf das Jenseits als Ziel ihres Glaubens bezeichnen würden – das gilt meiner Wahrnehmung nach v.a. für viele nordamerikanische Kirchen. Aber gerade in den USA entwickelt sich gerade auch eine sehr diesseitsorientierte kirchliche Arbeit, die sich für sozial Schwache einsetzt oder dafür, der weißen Suprematur etwas entgegenzusetzen: #DecolonizeLutheranism. Insgesamt wird immer mehr erkannt, dass Kirche und Glaube nur eine Zukunft haben, wenn sie gelebt, nicht, weil sie gelehrt, gepredigt und doziert werden.
Man kann durchaus sagen, dass Jesus einen diesseitigen Glauben gelebt hat. Ihm ging es um die Liebe, die keinen Unterschied zwischen Menschen macht – Kollaborateure, Prostituierte, aus der Gemeinde Ausgeschlossene waren seine Freunde; er galt als „Fresser und Weinsäufer“, weil die gemeinsame Mahlzeit mit Menschen aller Klassen und Herkünfte sein „Markenzeichen“ war: daran entschied (und entscheidet) sich, wie ernst man es mit der Liebe meint. Insofern ist Jesus vielleicht der erste, der radikal die Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben hat, indem er erklärte, das Reich Gottes sei in ihm nahe herbeigekommen. Er hat auch den Tod Gottes vorweggenommen – nicht durch seinen Tod am Kreuz, sondern indem er Gott vom Himmel herabholte und das Heilige komplett profanisierte: Die Gegenwart Jesu ist der Himmel auf Erden, nicht ein Tempel, ein Altar oder ein heiliges Buch. Diese Profanisierung des Heiligen durch Jesus ist heute ein kritisches Instrument gegen den von Walter Benjamin beschriebenen „Kapitalismus als Religion“, der alles „heiligt“, also der Religion unterwirft, indem alles „Ware“ ist oder werden kann. Demgegenüber sind z.B. Kirchen letzte Rückzugsräume vor der Religion des Kapitalismus, weil sie einen Raum bereitstellen, in dem man nicht nach seinem Wert beurteilt wird. Aber auch Kirchen werden inzwischen verkauft …

Ich habe den Eindruck, dass ich dem Podcast mit meinem Kommentar nicht gerecht werde. Ich bin kein Theoretiker, und ich habe nichts von der Literatur gelesen, auf die im Podcast Bezug genommen wird. Ich kann eben nur auf meinem Niveau antworten – ich hoffe, dass @adloquii nicht allzu enttäuscht ist.

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Es ist gar nicht so leicht, sich ein Passwort auszudenken. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass „Passwort“ gar nicht geht, auch „12345“ nicht. Viele Webseiten zwingen durch die Vorgabe einer Mindestanzahl an Zeichen und der Verwendung von Zahlen, Großbuchstaben und Sonderzeichen die Nutzer dazu, ein sicheres Passwort zu wählen. Das ist gut und richtig so – aber wie soll man sich so ein Passwort merken?

Bibelleser*innen sind da ganz klar im Vorteil. Eine Bibelstelle wie 1.Mose 1,1 erfüllt nämlich alle Vorgaben:

  • sie enthält Zahlen und Buchstaben
  • sie verwendet Klein- und Großschreibung und
  • sie verwendet Sonderzeichen (hier: das Komma und die Leertaste)

Bibelstellen lassen sich leicht merken – wenn es ein Bibelwort ist, das einem etwas bedeutet wie der Tauf-, Konfirmations- oder Trauspruch. Man kann aber auch die Tageslosung nehmen und sich im Losungsheft notieren, für welche Webseite man diese Bibelstelle benutzt hat.

Schön und gut, mag man einwenden. Aber durch meinen Post habe ich doch jetzt den Trick verraten. Die nötige kriminelle Energie (bzw. Programmierkenntnisse) vorausgesetzt, könnte ein Angreifer einfach alle Bibelstellen durchprobieren, um mein Passwort zu knacken. Da die Bibelstellen endlich sind und sie einem festen Schema folgen, wäre so ein Angriff nicht schwer zu programmieren.

Das stimmt. Aber allein für die Bibelstelle 1.Mose 1,1 gibt es eine ganze Reihe üblicher Schreibweisen; ein Angreifer müsste erst einmal wissen, welche ich benutze:

Genesis 1,1
Gen 1,1
1.Mose 1,1
1.Mose 1:1
1.Mose, Kapitel 1, Vers 1
Bereschit 1,1 usw.

Wer noch einen höheren Grad an Sicherheit sucht, kann einen absichtlichen Fehler in die Bibelstelle einbauen, also z.B.

Gennesis 1,1
Gene$is 1,1
1.Mose EinzEinz
1.Mohse I,i usw.

Damit sollten unsichere Passwörter im Pfarramt der Vergangenheit angehören 😉

Anfrage eine Kollegen:

ich interessiere mich für deine Homepage – du erstellst diese mit wordpress: wie sind dene Erfahrungen – lässt sich das auch als Computer-laie bewältigen?

Ich kann wordpress nur wärmstens empfehlen – wobei es natürlich davon abhängt, was Du von einer Homepage willst und erwartest.
Hier die Gründe, die aus meiner Sicht für WordPress sprechen:

  • es ist kostenlos. Wer mit der domain „kg_xyz.wordpress.com“ zufrieden ist (wobei kg_xyz natürlich für den Namen der Gemeinde steht), kostet die Homepage gar nichts. „Früher“ einmal hieß es, man solle sich „sprechende“ Namen für seine Homepage aussuchen. Aber heutzutage tippt man kaum noch Namen ein, sondern folgt irgendwelchen Links – oder wenn, dann tippt man den Namen max. einmal ein und bookmarkt ihn dann. Für den Anfang würde ich ohnehin mit der kostenlosen Version starten. Später kann man für die Homepage immer noch für rd. 20,- Euro/Jahr eine eigene Domain a la „www.kg_xyz.de“ bestellen. Ein kostenpflichtiges Upgrade ist jederzeit möglich 😉

  • wordpress ist eine Software für Blogs, d.h. es ist für die leichte Erstellung und Veröffentlichung von v.a. Texten, aber auch Bild- und Audio-Dateien optimiert.
    Der Editor, den man im Browser öffnet, hat alles, was man für die Formatierung von Texten braucht; wer mit LibreOffice/OpenOffice, WORD oder PAGES umgehen kann, hat keine Probleme damit. Mit einem Klick ist der Beitrag veröffentlicht.

  • eine „Blogroll“ hat immer den aktuellen Artikel oben, dann folgt eine festgelegte Anzahl von Artikeln (zwischen 3 und 10) darunter; der Rest wird archiviert und ist über die Seitenleiste zugänglich. Damit ist ein Blog sehr gut geeignet, um Veranstaltungen/Nachrichten anzukündigen, weil die aktuellste automatisch oben landet und die alten archiviert werden, aber noch zugänglich sind (weil man mal was nachlesen möchte oder eine Vorlage für den Gemeindebrief braucht).

  • neben dem Blog gibt es auch „statische“ Seiten: Das sind Seiten, die man (ebenfalls mit dem Editor) erstellt und die dann mehr oder weniger unverändert bleiben: Das Impressum (Pflicht!!!), ein Verzeichnis der Anschriften, Ansprechpartner und Gruppen, eine Übersicht der Gottesdienstzeiten und -orte und der Termine (das wären 4 Seiten). Auf diese Seiten kann man im Kopf („Header“) der Seite verlinken, so dass man von dort aus auf die Seiten zugreifen kann.
    Es gibt nur diese beiden Arten von Seiten, d.h. man kann nicht auf zwei statischen Seiten je einen Blog für eine Gemeinde einrichten. Dann sollte man lieber für jede Gemeinde eine eigene Homepage erstellen und die untereinander verlinken – das bringt dann auch höhere Rankings bei den Suchmaschinen, weil der Grad der Verlinkung ein wichtiges Kriterium für die Bewertung der Relevanz einer Seite ist. Je mehr andere Seiten auf eine verweisen, desto wichtiger muss diese sein.

  • wordpress gibt es auch als app für’s Smartphone. Damit kannst Du bequem von unterwegs (z.B. im Pfarrkonvent 😉 etwas posten. Außerdem können Leute, denen Du das zutraust („Redakteure“), Beiträge posten – jeder, der Nutzernamen und Passwort hat, kann Beiträge auf die Seite posten. Das können Fotos oder kurze Texte sein. Damit kannst Du die Gemeinde, v.a. Jugendliche und jüngere Erwachsene, direkt mit einbeziehen, Dir viel Arbeit ersparen und ein Forum schaffen, auf dem Deine Gemeinde(n) zusammenkommen kann (können).
    In diesem Zusammenhang wäre auch die Kommentar-Funktion zu erwähnen: Nutzer können auf Beiträge reagieren, indem sie einen Kommentar schreiben. Du – oder ein anderer Redakteur – schaltet diesen Kommentar frei, wenn er OK ist, d.h. kein SPAM, keine Werbung oder keine beleidigenden/ rassisistischen/ usw. Aussagen enthält. Durch die Kommentare können sich regelrechte Gespräche entwickeln. Oder Du erfährst auf diese Weise, wie Deine Leser „ticken“. Mach Dir aber bitte keine allzu großen Hoffnungen: Die Kommentare, die ich auf meine Texte bekommen habe, kann ich an einer Hand abzählen …

  • wordpress bietet Dir eine Statistik, die Dir anzeigt, von wieviel Leuten welcher Beitrag gelesen wurde, und woher diese Leute kamen (nur Länder anhand der IP-Adressen, keine Orte). Das machen andere Blogs aber auch – und natürlich auch die Anbieter (Provider) von Webseiten.

Ein wichtiger Gedanke vielleicht noch:
Jede Webseite lebt vom Engagement ihrer Betreiber. Je mehr Du dafür gewinnen kannst, an der Webseite mitzuarbeiten, desto erfolgreicher wird sie werden. Immer mehr Leute sehen zuerst auf die Webseite einer Gemeinde, um sich zu informieren oder ein Bild von der Gemeinde zu machen. Damit wird die Webseite zur Visitenkarte. Deshalb: Wenn Du eine Webseite anfängst, musst Du dranbleiben und sie pflegen!

Weiter ist noch wichtig, dass Du Dir keine Wunder erwartest. Es sind zwar eine Menge Leute im Netz, aber sie haben nicht auf Deine Webseite gewartet. Viele Besucher bekommt man nur durch Interaktion, d.h. ich besuche und „like“ die Seiten anderer, dann besuchen und liken sie vielleicht auch meine – vielleicht aber auch nicht. Es dauert einige Zeit, bis man eine „Reputation“ im Netz aufbaut. Präsenz auf Twitter, Instagram, Facebook kann da hilfreich sein. Wenn es Dir nicht auf eine große Zahl von Lesern ankommt und Du Deiner Gemeinde nur eine Möglichkeit anbieten willst, sich zu informieren, kannst Du die Latte viel niedriger hängen. Dann genügt es wirklich, die Seite einigermaßen aktuell zu halten. Aber, wie gesagt: Sollte es Dir gelingen, andere zur Mitarbeit an der Webseite zu bewegen, kann sich daraus durchaus ein kleines Gemeindeaufbauprojekt entwickeln …

Ein harmloser (?) Hinweis an Stefan M. Seidel (@sms2sms) auf ein Foto, mit dem ein Printmedium (New York Times) versucht, die Social Media zu inkorporieren, führte zu folgendem Gespräch, das in ein Zeigen mündete:

Eine Unterhaltung mit @wtlx und @letterus auf Twitter gab den Anstoß, einige Beobachtungen und Gedanken zu Kirche und Computer – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in Thesenform zusammen- und zur Diskussion zu stellen. Dazu zunächst einige Vorbemerkung in Form eines „historischen Abrisses“:

Als EDV in den Verwaltungen auch der Kirche eingeführt wurde, beging die Institution Kirche den historischen Fehler, nicht auf Linux und Open Source als Betriebssystem und Software zu setzen. Diesen Fehler kann man der Kirche nicht ankreiden – „damals“ war Linux noch nicht so ausgereift, dass man es ohne Vorkenntnisse benutzen konnte, und keine der für die kirchliche Verwaltung benötigten Programme waren auf Linux portiert. Überdies erfolgte die Einführung nicht von oben nach unten, sondern umgekehrt: computeraffine Pfarrerinnen und Pfarrer hatten in ihren Büros und Gemeinden bereits erste Schritte mit der EDV gemacht, so, wie sie später das „Neuland“ Internet betraten, Homepages einrichteten – oft, bevor die Landeskirche dazu kam. Die dabei verwendeten Betriebssysteme spiegelten wahrscheinlich die damals übliche Verteilung wider, d.h. mehrheitlich wurde Microsoft Windows eingesetzt. Die Computerisierung der Kirchengemeinden war somit abhängig vom Angebot auf dem Markt und von den Fähigkeiten und Vorlieben der Pfarrstelleninhaber bzw. engagierter Gemeindeglieder, die Zeit und Knowhow in die Einrichtung und den Support des Gemeinderechners (bzw. -netzwerkes) investierten.

Die Kirche versäumte es, frühzeitig Standards für den Einsatz von Hard- und Software wie auch für die Datenssicherheit zu setzen (immerhin war Kirche in Fragen des Datenschutzes bereits sehr früh sehr sensibel). Auch dies kann man ihr nicht als Fehler ankreiden. Die Bedeutung, die Computer und Vernetzung heute für unseren Alltag spielen, war lange nicht abzusehen. Anfangs galt – zumindest in der Pfarrerschaft – die Beschäftigung mit Computern und Internet als Allotria, denen man allenfalls in seiner Freizeit nachgehen könne, die aber keinesfalls Dienstzeit in Anspruch nehmen dürften. Die Allgegenwart des Internets durch Smartphones und Social Media, deren rasante Ausbreitung und Entwicklung hat die Kirche daher mehr oder weniger kalt erwischt.

Aus dieser Situationsbeschreibung (wenn sie denn konsenfähig ist) ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:

1. Kirche sollte bei Betriebssystem und Software auf Linux und Open Source setzen, weil diese per se dem Organisationsbild von Kirche entsprechen.

Der „Gemeinde“ entspricht die Open Source-Bewegung, weil sie sich einerseits in „communities“ organisiert, weil aber auch die „Allmende“ (wie man Open Source übersetzen könnte) ein Kennzeichen einer Gemeinde ist.
Linux und Open Source ist Software, die von Idealisten hergestellt wird, die damit keinen Shareholder Value generieren müssen. Das bedeutet nicht, dass freie Software immer kostenlos sein muss – im Gegenteil: auch im Bereich der freien Software gilt Dtn 25,4. Aber die Entwicklungs- oder Supportkosten betragen nur einen Bruchteil dessen, was für den Kauf der geschlossenen Software großer Firmen wie Microsoft ausgegeben werden muss.
Für Linux spricht, dass es die geringste Anfälligkeit für Schadsoftware aller Betriebssysteme hat und – durch die strikte Trennung von Benutzer- und Adminkonto – sehr sicher ist. Die Open Source-Bewegung ist zudem in Sachen Privatheit und Datenschutz den etablierten Softwarefirmen weit voraus.
Ein Argument gegen Linux war, dass die Software zu unzuverlässig und die Lernkurve zu steil sei. Beide Argumente stimmten in der Vergangenheit, sind aber überholt. Viele Distributionen wie z.B. Ubuntu sind ebenso intuitiv bedienbar wie z.B. Max OS X. Office-Programme wie Libre Office oder Open Office unterscheiden sich weder in Zuverlässigkeit noch im Funktionsumfang von Microsoft Office, sind vielmehr sogar in der Lage, dessen Dokumentformat zu öffnen und zu speichern.

2. Kirche sollte die Open Source-Bewegung und ihre Ziele der Standardisierung und des Schutzes der Privatsphäre aktiv unterstützen.

Das Ziel der Open Source-Bewegung, allen Menschen die Möglichkeit zur Kommunikation über das Internet zu geben und dazu Mittel in Form von Betriebssystem und Software unentgeltlich bereit zu stellen, berührt sich mit dem der Kirche, das Evangelium aller Welt zu verkündigen. Die Sozialen Medien lassen sich dazu in besonderer Weise nutzen und werden bereits erfolgreich zur Verkündigung genutzt. Anders als die (notwendigerweise) auf Gewinn ausgerichteten Softwarefirmen wird die Open Source-Bewegung von idealistischen Motiven geleitet. Dennoch ist sie von finanzieller Unterstützung abhängig. Statt Geld in teuere Betriebssysteme und deren Support zu investieren, sollte Kirche in die Open Source-Bewegung investieren.
Ein wichtiges Argument gegen Linux als Betriebssystem war und ist, dass die in der kirchlichen Verwaltung verwendete Software nicht auf diesem Betriebssystem läuft und eine Portierung zu kostspielig wäre. Das elektronische Gesangbuch lässt sich z.B. nur unter Microsoft Windows installieren (eine Version für den Mac wurde wegen zu kleiner Nutzerzahlen nicht entwickelt). Nun ist es heute kein Problem mehr, auf aktueller Hardware Microsoft Windows in eine VM zu installieren. Doch wenn das (was in der Kirche selbstverständlich sein sollte) legal geschehen soll, muss eine Version des Windows-Betriebssystems gekauft werden; dann kann man aber, was den Kostenfaktor angeht, gleich ein Betriebssystem von Microsoft installieren. Statt dessen sollten auf EKD-Ebene für alle Landeskirchen Software-Entwickler anstellt werden, die die in der kirchlichen Verwaltung benötigte Software auf Linux portieren bzw. diese für Linux neu entwickeln.
In der Frage von Standards für Dokumente im Internet gab und gibt es Auseinandersetzungen zwischen Microsoft (das das DOCX-Format zum Standard erheben lassen wollte) und der Open Source-Bewegung (mit dem Open-Document-Format); hier kann und sollte Kirche Stellung für die Offenen Formate beziehen.
Auch in der Frage des Datenschutzes sollte Kirche sich eindeutig positionieren, indem sie z.B. konsequent PGP-Verschlüsselung in ihrem Mailverkehr einsetzt, Daten verschlüsselt und die Gemeinden anweist und anleitet, ihre Daten ebenfalls zu verschlüsseln, sowie ihre Webauftritte nur über sichere https-Verbindungen anbietet.

3. Die Beauftragung und Entwicklung von kirchlicher Verwaltungssoftware sollte nicht Sache der Landeskirchen sein, sondern gehört auf EKD-Ebene.

Bisher ist es m.W. so, dass jede Landeskirche selbständig darüber entscheidet, welche Software sie z.B. für ihre Finanz- und Mitgliederverwaltung verwendet und dazu auf verschiedene kommerzielle Angebote zurückgreift. Deren Weiterentwicklung und der Support sind ebenfalls kostenpflichtig. Dieses „outsourcing“ wurde u.a. aus der Not geboren, dass innnerhalb der kirchlichen Verwaltung keine Kompetenz zur Erstellung von Anforderungskatalogen für Software und zur Beurteilung der Qualität von Software vorhanden ist. Man verfuhr wie beim Kauf des häuslichen Computers: Das, was man brauchte, kaufte man sich bzw. gab es in Auftrag – meist, ohne in der Lage zu sein, das gelieferte Produkt anders als im produktiven Einsatz überprüfen zu können.
Statt dessen sollten die Landeskirchen darüber nachdenken, sich eine Entwicklungsabteilung auf EKD-Ebene zu leisten, die eigene Software-Entwickler anstellt. Dies hätte nicht nur den Vorteil der Kompatibilität der Landeskirchen untereinander, sondern auch den, dass die Entwickler die Bedürfnisse und die interenen Strukturen der Kirche wirklich kennen und verstehen.

4. Wenn Kirche Computer und Internet will, muss sie auch den Preis dafür bezahlen.

Die Einführung und Unterhaltung von EDV in den Gemeinden (und oft auch in den kirchlichen Verwaltungen) lebte und lebt vom Intersse und vom Enthusiasmus von Mitarbeitern oder Ehrenamtlichen für die Welt der Computer und des Internets. Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer konfigurieren und warten ihre PCs im Büro selbst, installieren Drucker und Netzwerke. Die dabei aufgewendeten Mannstunden werden meist zusätzlich zur regulären Dienstzeit geleistet und nicht vergütet.
Bei Computer- und Netzwerkproblemen greifen kirchliche Institutionen i.d.R. auf externe Dienstleister zurück, die diese auch eingerichtet haben. Dadurch machen sie sich in extremer Weise von diesen Firmen abhängig, was z.B. die Einhaltung von Standards bei der Einrichtung, die Reaktionszeit bei Problemen und Ausfällen, das Verständnis für den Ablauf und die Bedürfnisse bei kirchlichen Verwaltungsvorgängen angeht. Besser wäre es, wenn auf Kirchenkreis- oder Sprengelebene Admins angestellt wären, die für eine einheitliche Hard- und Software, eine einheitliche Ausstattung und Konfiguration in allen Kirchengemeinden und Verwaltungsämtern sorgten. Als kirchliche Mitarbeitende verstünden sie die Bedürfnisse und Anforderungen der Gemeinden und Verwaltungen, wäre in der Lage, Schulungen für Mitarbeitende abzuhalten und bei Problemen schnell Hilfestellung zu leisten – z.B. über einen Remote-Zugriff von ihrer Dienststelle aus.

5. Die Speicherung und Sicherung von Daten sollte nicht Sache der Kirchengemeinde, sondern der übergeordneten Struktur (Kirchenkreis bzw. Landeskirche) sein.

Für die Ablage und Archivierung des (analogen) Schriftverkehrs existiert eine Registraturordnung; eine solche Ordnung gibt es für die Ablage und Archivierung elektronischer Daten bisher nicht. Das hat zur Folge, dass jede/r Pfarrstelleninhaber/in die dienstlichen Daten nach eigenem Gutdünken ablegt, persönliche und dienstliche Daten vermischt und bei Stellenwechsel entweder alle Daten löscht oder private Daten auf dem Dienstrechner belässt.
Die Rechner der Kirchengemeinden und der kirchlichen Mitarbeitenden sollten als Workstations organisiert sein, die ihre Daten auf einem zentralen Server (der vom Kirchenkreisadmin betrieben und gewartet wird) speichern. Die Ordnerstrukturen sollten vorgeschrieben sein, die Speicherung, Sicherung und Verschlüsselung automatisch erfolgen.

6. Computer, Internet und Social Media sind nicht nur technische Entwicklungen, sondern beinhalten gesellschaftliche Veränderungen und haben Auswirkungen auf unser Leben, mit denen Kirche sich auskennen und zu denen sie sich verhalten muss.

Internet und Social Media waren lange kein Thema für die Kirche. Wenn Gemeindeglieder oder Pfarrer sich dafür interessierten, war es ihre Sache; es gab dazu keine Vorgaben oder Handreichungen von Seiten der Kirche. Auch wurden dazu m.W. bisher keine theologischen Überlegungen angestellt. Inzwischen engagiert sich Kirche unter dem Gesichtspunkt der Öffentlichkeitsarbeit im Internet und in den Social Media. Das greift m.E. aber zu kurz. Wenn das Internet und die Social Media das sind, was viele in ihnen sehen: eine gesellschaftliche Revolution, dann muss Kirche sich damit intensiver und vor allem auf ihrem ureigendsten Gebiet, der Theologie, damit beschäftigen. Kirchliche Mitarbeiterinnen müssen ermutigt und u.U. (durch Stellenanteile) ermächtigt werden, die Social Media zu erkunden, ihre Erfahrungen und Einsichten zu reflektieren und der Kirche zugänglich zu machen. Best practices sollten zentral gesammelt und veröffentlicht werden. An dafür geeigneten Orten sollten neue Formen der kirchlichen Verkündigung (z.B. Twittergottesdienste, die #twomplet) ausprobiert und entwickelt werden können. Eine digitale Liturgik steht zur Entwicklung und Erprobung an. Schließlich sollte ein reflektierter Umgang mit den Social Media Ausbildungsinhalt bereits im Theologiestudium, spätestens aber im Vikariat sein.

Wer diese Thesen ergänzen oder korrigieren möchte, kann dies auch auf Hackpad tun: https://hackpad.com/Kirche-und-Computer-z9743YySI70