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Ein Text zur diesjährigen FriedensDekade

Wenn man Ende der 80er Jahre mit der S-Bahn durch Berlin fuhr, sah man sie noch, die Einschusslöcher. Von der S-Bahn aus blickte man auf die Hinterseite der Häuser. Während die Fassade repariert und verputzt war, hatte man die Ziegel der Rückseite so gelassen, wie sie waren: übersät mit Einschusslöchern von Gewehren, Maschinengewehren, Granatsplittern. Spuren eines Krieges, der damals bereits 40 Jahre zurück lag. Am Reichstag und an der Museumsinsel waren sie besonders eindrücklich.
Auch in anderen Städten waren sie zu sehen, diese Spuren – in Dresden z.B. die Ruine der Frauenkirche. Die auffälligen Lücken zwischen zwei Häusern: Da hatte ein Haus gestanden, das von einer Luftmine weggesprengt worden war. Ganze Stadtviertel waren durch Bomben dem Erdboden gleichgemacht worden, waren im Feuersturm verbrannt. Nur die Kirchen, fensterlos, ihre Türme ohne Hauben, Dach und Gewölbe eingestürzt, waren stehen geblieben. Die Straßen waren beim Wiederaufbau neu angelegt, verbreitert worden. Manchmal wussten nur die Alten noch, wie es hier früher einmal ausgesehen hatte.

Das sind die äußerlichen Kriegsspuren, die man auch heute noch in unseren Städten entdecken kann, wenn man sie sehen will. Dann gibt es aber noch die innerlichen Kriegsspuren derer, die diesen Krieg miterlebten. Die sieht man meist nicht, aber sie sind viel tiefer, haben viel mehr zerstört als ein Haus, ein Kulturdenkmal oder ein Stück Geschichte. Die Geflüchteten tragen sie in sich, die aus ihrer Heimat Vertriebenen, die Ausgebombten, die Verschleppten und Umgesiedelten. Es gibt wohl keine Familie in unserem Land, die nicht von diesem Krieg betroffen wurde. Die nicht ihre inneren und äußeren Verletzungen weitergab an die nächste Generation. Daran bewahrheitet sich der Fluch, der am Anfang der 10 Gebote steht, dass Gott die Missetat der Väter heimsuchen wird bis zur 3. und 4. Genreation (2.Mose 20,5). Wir erkennen heute, dass es kein Fluch ist, sondern eine Beschreibung der Realtität: Unter der Schuld, die die Väter auf sich luden, leiden Enkel und Urenkel besonders, und sie leiden daran in unserem Land bis heute. Sie leiden unter dem Zwiespalt, dass wir Deutschen mit dem zweiten Weltkrieg und besonders mit dem Holokaust eine Schuld auf uns luden, die für immer mit unserem Land verknüpft bleiben und uns immer wieder begegnen und vorgehalten wird – gerade uns, die wir angeblich die „Gnade der späten Geburt“ besitzen.

Auf der anderen Seite haben auch unsere Vorfahren Unsagbares erlitten; sind aus Orten vertrieben worden, die über Generationen ihr Zuhause, ihre Heimat waren; haben Familienmitglieder, ihre Existenzgrundlage verloren. In diesem Zwiespalt, und weil die Kriegsspuren in den Jahren nach dem Krieg noch allen vor Augen standen, entschieden sich viele für den Hass, für Feindschaft und Revanchismus.
In der ehemaligen DDR trat dieser Zwiespalt nicht so offen zutage, weil man im Bündnis mit der Sowjetunion auf der Seite der Guten stand. Die deutsche Schuld wurde sehr schnell verdrängt und auf die Westdeutschen geschoben, obwohl viele, die gestern noch glühende Nazis waren, heute als überzeugte und hundertpozentige Kommunisten auftraten.
In Westdeutschland gelang es erst den 68ern, den „Muff von tausend Jahren“ unter den Talaren aufzuwirbeln. Der in der BRD sehr umstrittene Kniefall, den Willy Brandt 1970 vor dem Mahnmal am Warschauer Ghetto tat, setzte den Landsmannschaften der Schlesier, Ostpreußen und Sudetendeutschen, die nicht von ihrer Heimat lassen wollten, die Scham über die Verbrechen der Deutschen entgegen.

Dieser Zwiespalt, zugleich Täter und Opfer zu sein, ist wohl mit allen Kriegen auf der Welt verbunden. Natürlich sind die Frauen und Kinder, die in einem Krieg am meisten leiden, keine Täter. Aber wenn man sich die Geschichte des Konfliktes genauer ansieht, entdeckt man einen gordischen Knoten von Schuld und Sühne: Ein Verbrechen wurde begangen – es wurde gerächt – die Rache führte zur Gegen-Rache, was wiederum eine Rache nach sich zog, usw.
Kein Mensch kann mehr sagen, wer den ersten Stein warf, weil jeder mindestens einen Stein geworfen und mindestens einen abbekommen hat. Am bedrückendsten ist dies an dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu beobachten, die seit dem zweiten Weltkrieg in einem Dauerkrieg miteinander leben. Israel wurde mehrfach von den Arabern das Existenzrecht abgesprochen; sie wurden von vereinigten arabischen Armeen angegriffen mit dem Ziel, Israel ein weiteres Mal auszulöschen. Aber bei der Besiedlung Palästinas und beim Aufbau des Staates Israel wurden auch Rechte der Palästinenser verletzt. Land wurde enteignet, Familien vertrieben, die Araber als Menschen zweiter Klasse behandelt. Vor allem um das knappe Wasser entbrannten immer wieder Konflikte.
Man kann diesen Krieg nicht dadurch beenden, dass man einen Schuldigen sucht. Beide Seiten haben Schuld auf sich geladen, und beide Seiten sind Opfer. Je mehr man sich in die Geschichte jeder Seite hineinarbeitet und hineinversetzt, desto schwieriger wird es, für eine Seite Partei zu ergreifen.
Natürlich, in diesem Konflikt ist unser Platz an der Seite Israels. Allein durch unsere Geschichte, durch unsere Schuld dürfen wir uns nicht gegen Israel stellen. Aber das bedeutet nicht, die andere Seite nicht auch zu sehen, nicht auch mit den Palästinensern zu fühlen. Gott bewahre uns aber davor, Partei zu ergreifen oder den Israelis gar einen „guten Rat“ geben zu wollen!

Wenn jedem Krieg so ein Zwiespalt zugrunde liegt, dass viele der Opfer zugleich Täter sind und umgekehrt: Wie lässt sich dieser gordische Knoten dann lösen?
Wer die Geschichte vom gordischen Knoten kennt, weiß: Es war ein unlösbarer Knoten; angeblich hat niemand es geschafft, ihn zu entwirren – bis Alexander der Große kam, der ihn mit dem Schwert einfach durchhieb. Seitdem gilt sein Schwerthieb als Muster für den Umgang mit unübersichtlichen, unentwirrbaren Konflikten: Einfach mal draufhauen, dann geht der Knoten schon irgendwie auf.
Man kann den Eindruck gewinnen, dass die westlichen Mächte unter der Führung der USA genau dies im nahen Osten, im Irak und in Afghanistan versuchen: Sie wollen die Konflikte lösen, indem sie wie Alexander einfach mal draufhauen und hoffen, dass dadurch der Knoten aufgeht. Wie wir aber inzwischen erkennen, wird der Knoten durchs Draufhauen nur noch größer und schlimmer, weil dadurch immer neue Opfer und Schuldzusammenhänge entstehen – und inzwischen kommen die Opfer als Terroristen auch zu uns, um sich für die von unseren Soldaten in ihrem Land begangenen Taten zu rächen.

Jesus, der 300 Jahre nach Alexander dem Großen lebte, schlägt einen anderen Umgang mit gordischen Knoten vor. Und wie so oft bei den Vorschlägen, die Jesus macht, wird es nicht einfacher, sondern komplizierter. Statt den Knoten einfach durchzuhauen, will Jesus ihn dadurch entwirren, dass er einseitg abrüstet, indem er auf Vergeltung verzichtet. Jesus sagt in der Bergpredigt:

„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ (Matthäus 5,44).

Man kann die Kette von Gewalt und Gegenwalt, von Verbrechen und Rache dadurch beenden, dass man auf die Gegengewalt, auf die Rache verzichtet. Das heißt nicht, dass man das Böse nicht beim Namen nennt, dass man ein Verbrechen nicht als Verbrechen bezeichnet und dafür Bestrafung fordert.
Am Umgang der Norweger mit dem Massenmörder Anders Breivik können wir lernen, was Feindesliebe bedeuten könnte. Viele haben für sein schreckliches Verbrechen auf der Insel Utøya, bei dem er 77 zumeist Jugendliche ermordete, die Todesstrafe gefordert. Aber die Mehrheit der Norweger bestand auf einem rechtsstaatlichen Verfahren – mit dem für viele unerträglichen Ausgang, dass er nun wie ein ganz normaler Krimineller in seiner Zelle sitzt, zwar seiner Freiheit beraubt, aber ansonsten nichts weiter für seine Taten büßen oder erleiden muss. Die Norweger entschieden sich gegen die Todesstrafe, weil sie nicht so sein wollten wir Breivik: Sie wollten ihre Menschlichkeit nicht verlieren.

Und genau sie, die Menschlichkeit, ist es, die als erstes in einem Krieg verloren geht. Wann immer es auch nur als eine Möglichkeit erscheint, einen anderen Menschen zu töten, geht die Menschlichkeit verloren. Sobald man einen Grund findet und für akzeptabel hält, einen anderen Menschen zu töten – welcher Grund auch immer es sei; ob durch den Tod eines Einzelnen eine Vielzahl von Menschenleben gerettet werden könnte; ob einem Tyrann wie Hitler dadurch Einhalt geboten werden könnte – immer wird dadurch eine unsichtbare Grenze überquert. Wenn man sich einmal auf die Logik des Aufrechnens eingelassen hat, hat man seine Menschlichkeit verloren. Denn ein Menschenleben lässt sich nicht aufrechnen. Jedes Menschenleben, sogar das des größten Widerlings und Verbrechers, ist unendlich wertvoll.

Ich weiß, die Vorstellung ist schwer auszuhalten, dass jemand, der das Leben anderer Menschen für nichts geachtet hat; der auf anderen Menschen mit Füßen herumgetrampelt, sie mißhandelt, ihnen unsagbare Grausamkeiten angetan hat – dass man ein solches Menschenleben ebenso achten muss wie das jedes anderen Menschen. Ich will damit auch nicht sagen, dass man ihm seine Verbrechen nicht vorhalten, ihn seine Schuld nicht tragen lassen soll. Aber man darf ihm nicht dasselbe antun, was er anderen angetan hat. Man darf ihm nicht das Leben nehmen.

Auf manchen Autos sieht man den Aufkleber „Todesstrafe für Kinderschänder“. Es ist der Versuch von Neonazis, die unsichtbare Grenze der Menschlichkeit an einem Punkt zu überschreiten, über den viele sich zu recht entsetzen: Verbrechen an Wehrlosen, vor allem an Kindern. Aber auch hier gilt: Wer diese eine Ausnahme macht, hat eine Tür geöffnet, die in unsagbares Grauen führt. Wenn es einmal möglich war, einem Menschen seine Menschlichkeit zu nehmen, wird es immer wieder möglich werden. Ein Mensch, dem man seine Menschlichkeit nahm, wird zum „Monster“, zum „Untermenschen“, zur „Zecke“ – oder wie sonst die Begriffe lauten, mit denen man Menschen ihr Menschsein absprechen will. Es gibt aber keinen Unterschied zwischen Menschen, „wir sind allesamt Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23) – und sind alle zugleich ohne unser Verdienst Kinder Gottes.

Jesus sagt:

„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“.

Wir sind Kinder Gottes, wenn wir jeden Menschen als Kind Gottes sehen. Und also zu trennen lernen von dem Menschen und seiner Tat. Die Tat mag schlecht sein, verachtenswert, teuflisch, unmenschlich – aber der Mensch ist es nicht. Er ist und bleibt ein Kind Gottes wie ich; bleibt meine Schwester, mein Bruder, selbst, wenn sich alles in mir dagegen sträubt, ihn oder sie so zu nennen.

Wir werden Kriege nicht beenden, wenn wir die gordischen Knoten immer wieder mit Gewalt durchzuschlagen versuchen. Wir werden sie nur beenden, wenn wir uns selbst überwinden, auf Vergeltung verzichten und lernen, selbst in den bösen Menschen weiterhin den Menschen zu sehen und diesen Menschen zu lieben, so weit wir es eben vermögen. Nur die Liebe – oder ein Wunder – kann solche Menschen ändern. Mit Gottes Hilfe und wenn Gott will, wird es gelingen. Das mindeste, das wir dazu tun können, ist, ihnen ihre Menschlichkeit nicht zu nehmen.

Bis heute tragen wir an den Folgen des Krieges, den unser Land über die Welt gebracht hat. Bis heute sind die Kriegsspuren zu sehen und zu spüren. Wenn der Fluch am Beginn der 10 Gebote stimmt, werden noch weitere Generationen daran zu tragen haben. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, welche Wunden die weltweiten Kriege in den Herzen und Seelen zahlloser Menschen schlagen.

Im Buch Exodus folgt auf den Fluch der Segen:

„Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ (2.Mose 20,6).

Dass sich die Liebe über viele tausend Generationen erstreckt:
Das ist eine Verheißung, für die es sich lohnt, Feindesliebe zu wagen.

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Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Jesaja 66,13 (L)

Urtext: כְּאִ֕ישׁ אֲשֶׁ֥ר אִמֹּ֖ו תְּנַחֲמֶ֑נּוּ כֵּ֤ן אָֽנֹכִי֙ אֲנַ֣חֶמְכֶ֔ם

wörtl.: Wie [einer, von dem gilt: seine Mutter tröstet ihn =] einen seine Mutter tröstet, so [werde =] will ich euch trösten.

Der Vers steht im letzten Kapitel des 3. Teils des Jesajabuches, dem sog. „Tritojesaja“. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Sprüchen aus dem 6. Jh. v. Chr.  – aus der Zeit Sacharjas also (um 520). Sie entstand in der Zeit zwischen Exil (Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr.) und Rückkehr der Exilierten nach Israel (Kyrusedikt 538 v. Chr.), aber wohl noch vor Wiederaufbau von Stadtmauer und Tempel (1.4.515 Tempelweihe).

Der Vers 13 steht in einem eschatologischen (bzw. sogar apokalyptischen) Abschnitt, in dem das Heranbrechen von Gottes neuer Welt mit einer (Neu-)Geburt verglichen wird. Dabei wird Zion = Jerusalem als Mutter vorgestellt. Die Geburt erfolgt plötzlich, ohne Wehen (Vers 7+8). Gott ist sozusagen die Hebamme (Vers 9). Die Leser werden zur Freude aufgefordert (Vers 10), weil sie „saugen und euch satt trinken dürft an den Brüsten ihres Trostes“. Jerusalem stillt die Israeliten mit Trost, nimmt sie in die Arme und auf ihren Schoß (Vers 12). In Vers 13 wird aus der Mutter plötzlich das göttliche Ich: „Ich will euch trösten“ – um dann in der zweiten Vershälfte wieder auf Jerusalem gedeutet zu werden: „ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden“.

Aus diesem Bild Jesajas könnte die Vorstellung von den „Wehen der Endzeit“ stammen.
Der Trost, der hier vermittelt wird, ist der, den ein Neugeborenes von seiner Mutter erfährt, indem es die Brust bekommt und auf dem Arm Geborgenheit erfährt. Wenn Gott von sich sagt, dass er uns so tröstet, dann sollen wir uns offenbar ebenso als Neugeborene vorstellen – hier könnte christliche Exegese einen Bogen zur Taufe schlagen, die uns sozusagen zu Neugeborenen macht.
Welchen Trost erfährt ein Säugling auf dem Arm der Mutter? Sättigung und Nähe. Es geht also nicht um Trost bei Angst oder Trauer, sondern um das ganz elementare Bedürfnis des Sattwerdens an Leib und Seele – um den Anschluss an eine Fülle, die nicht versiegt. Dahinter steht die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies = der umfassenden Versorgung durch die Mutter. Das Bild der Mutter steht im Text also für ein neues Paradies (das „Reich Gottes“), das die Sehnsucht nach „Bemutterung“ stillt.
Wenn Gott sich in der Jahreslosung mit dieser Mutter identifiziert, dann zeigt er sich als der, der uns sättigen und erfüllen, d.h. den Hunger und Durst unserer Existenz stillen kann („Leben in Fülle“, vgl. Epheser 3,14-20).

Historisch gesehen sind die Trostbedürftigen die Exilierten, die im babylonischen Exil (noch) auf ihre Rückkehr nach Israel warten. Da Jeremia die Exilierten aufgerufen hatte, sich im Exil einzurichten („Suchet der Stadt Bestes, Jer 29), handelt es sich hier um die (frommen bzw. „orthodoxen“) Teile der Exulantenschaft, die noch in ihre Heimat, die sie seit mind. zwei Generationen nicht gesehen haben, zurück wollen.

Die Trösterin ist Zion = Jerusalem; Zeichen des Trostes ist der Wiederaufbau von Stadtmauer und Tempel, der hier offenbar noch nicht erfolgt ist, aber erwartet wird. An diesen Wiederaufbau knüpfen sich große Hoffnungen auf ein eschatologisches Friedensreich Gottes; es eine Neugeburt des Volkes erwartet.

1 Für den Chorleiter. Mit Saitenbegleitung. Ein Psalm Davids.

2 Wenn ich rufe, reagiere, Gott, der mir zum Recht verhilft!
In Bedrängnis hast du mir Raum verschafft.
Hab Mitleid mit mir und höre mein Gebet!

3 Herrschaften, wie lange wollt ihr mein Ansehen beschädigen?
Ihr liebt Machtspielchen; ihr lügt, ohne rot zu werden. Sela.

4 Aber seht doch endlich ein, wie wunderbar GOTT mit dem umgeht, den er lieb hat!
GOTT hört, wenn ich ihn rufe.

5 Ihr regt euch auf – aber lasst Gott das nicht hören!
Macht es mit euch im stillen Kämmerlein ab, ansonsten seid still! Sela.

6 Beschafft euch Gottes Unterstützung
und vertraut auf ihn.

7 Viele fragen: Von wem können wir Gutes erwarten?
Du, GOTT, hast dich von uns abgewandt.

8 Du hast mir Freude geschenkt,
die größer ist als die Menge ihres Reichtums.

9 In Frieden lege ich mich hin und schlafe gleich ein,
denn allein du, GOTT, lässt mich in Sicherheit wohnen.
Zum Text:

1 Hier handelt es sich um technische Angaben, die wir heute nicht mehr verstehen, weil wir kein Wissen darüber haben, wie die Psalmen im Gottesdienst gebetet oder vorgetragen wurden.
Das Wort למנצח (lemanzeách) könnte sich auf den Chorleiter oder Dirigenten beziehen; der Begriff ist aber unklar.
Möglicherweise hat auch das rätselhafte Wort סלה (Séla) mit der Art des Vortrages zu tun. Es gibt drei grundsätzliche Verstehensmöglichkeiten: 1. könnte es ein Zeichen für ein Zwischenspiel sein (im gregorianischen Psalm die Antiphon), 2. ein Wiederholungszeichen (der vorhergehende Abschnitt wird wiederholt), oder 3. die Aufforderung, sich zu verbeugen.

2 Wörtlich bedeutet ענה (anáh): erhöre mich. Wie soll man sich ein Erhörtwerden von Gott vorstellen? Tritt ein, was der Beter erbittet? Erhören ist mehr als anhören; es ist eine Reaktion mit eingeschlossen. Deshalb kann man vielleicht, um die Antwort offen zu halten, mit „reagieren“ übersetzen.
Der Beter spricht Gott als אלחי צדיקי (Elohé zidkí) an; dabei handelt es sich um eine Gottesbezeichnung: „Gott meiner Gerechtigkeit“. Was will diese Gottesbezeichnung aussagen? Wir befinden uns offenbar in einer Situation, in der Gott dem Beter zu seinem Recht verholfen hat oder verhelfen wird. Es geht nicht um Rechtfertigung von einer Schuld, sondern um Gerechtigkeit in einem konkreten Fall, z.B. einer Anklage oder Verleumdung. Ich stelle mir vor, dass der Psalmbeter sich ungerechten Anschuldigungen oder Vorwürfen ausgesetzt sieht.
Die zweite Vershälfte erinnert an bereits erfahrene Hilfe durch Gott, die darin bestand, dass Gott in einer bedrängenden Situation Raum verschaffte – indem sich Handlungsalternativen auftaten? Indem sich ein Ausweg zeigte? Oder indem das Gefühl der Beklemmung wich?
Diese Hilfe wird auch in der konkreten Situation erfleht, weshalb Gott um sein Erbarmen gebeten wird. Wir sprechen heute kaum noch von Erbarmen, sondern von Mitgefühl.

3 Dieser Vers redet die Gegner direkt an. Als „Söhne [eines] Mannes“ wurden vornehme, einflussreiche Leute angesprochen. Mir fällt die Anrede aus dem Lied Le déserteur ein: „Ihr sogenannten Herrn“; auch hier ist die Anrede vielleicht ironisch gemeint. Aber mir gefällt der Ausdruck besser, den Gustav mit der Hupe im „Fliegenden Klassenzimmer“ von Erich Kästner benutzt. Als neutrale Wendung könnte man die Briefanrede „Sehr geehrte (Damen und) Herren“ wählen.
Die vornehmen Leute beschämen den Psalmbeter, indem sie seinen כבוד (kawód) „zur Beschämung“ machen. Das Verb, das diesem Wort zugrundeliegt, bezeichnet das Gewicht – entsprechend ist כבוד das (gesellschaftliche) Gewicht, das jemand hat: das Ansehen oder der Einfluss. Ich stelle mir vor, dass die Vornehmen „das Ansehen“ des Psalmbeters schmälern, indem sie es durch ihre Anschuldigungen oder Vorwürfe beschädigen.
Die Vornehmen lieben „Leeres“ (ריק, rik). Das dem Wort zugrundeliegende Verb bedeutet „ausleeren, ausgießen“; als Adverb „vergeblich“. Das Wort steht nicht für einen konkreten, gar theologischen Begriff; dass sie „Leeres“ lieben, ist eine Bewertung des Psalmbeters. Im Parallelvers geht es um Lüge, nach der die Vornehmen „trachten“. Die Anschuldigungen der Gegner sind erlogen; sie dienen ihren Machtspielen.

4 Der „Fromme“, הסיד (chasíd), ist der, der „Gott lieb ist“. Das „Sehen“ ist kein Wahrnehmen, sondern ein Einsehen (und damit zugeben), dass Gott den Beter besser behandelt als die sogenannten Herrn. Gott hört nämlich auf ihn – und auf die Vornehmen nicht.

5 Deshalb regen sie sich auf. Aber der Psalmbeter warnt sie: sie sollen sich nicht „versündigen“, indem sie ihrem Ärger Gott gegenüber Luft machen, sondern sollen „zu ihrem Herzen“ sprechen „auf ihrem Bett“ – wir sagen dazu: etwas mit sich selbst abmachen im stillen Kämmerlein. Weil er Gott auf seiner Seite weiß, nimmt sich der Beter ganz schön was heraus, indem er ihnen sagt, sie sollen „die Klappe halten“.

6 Was sind „rechte Opfer“? Psalm 4 weiß nichts von der prophetischen Opferkritik und auch nicht von der übertragenen Deutung der Opfer auf „dankbare Lieder“, wie sie Paul Gerhardt in EG 449,3 vornimmt. Hans-Joachim Kraus schlägt vor, die „rechten Opfer“ als Opfer zu verstehen, mit denen Gottes Recht erfleht wird; sie sind also eine Art Rechtshilfe, um die bei Gott im Tempel nachgesucht wird (Hans-Joachim Kraus, Die Psalmen, BK XV,1, Neukirchen-Vluyn 1973, S. 34). Der Psalmbeter, mit Gott im Rücken, schlägt seinen Gegnern ironisch vor, sich durch Opfer Gottes Rechtsbeistand zu verschaffen (den sie natürlich nicht bekommen werden, weil Gott auf seiner Seite ist) und so auf Gott zu vertrauen wie er.

7 Jetzt kehrt sich die Situation um: Nicht mehr der Psalmbeter ist in einer bedrängenden Lage, sondern seine Gegner – oder andere „Viele“ -, die sich im Unglück befinden und meinen, dass Gott sich von ihnen abgewandt hätte. Wie kommt diese Umkehrung zustande?

8 Doch nur, wenn die Gegner erkennen, was der Psalmbeter schon erkannt hat: dass es wichtiger ist, bei Gott im Ansehen zu stehen, als bei den Menschen; dass es wichtiger ist, Gottes Freude im Herzen zu haben als viel zu besitzen. Eine Einsicht, die von jedem Menschen jeder Generation neu erworben werden muss – und zu der mancher nicht in der Lage ist, weshalb Jesus sagt, dass Reiche unmöglich ins Reich Gottes gelangen können (Matthäus 19,24 parr).

9 Die von Gott geschenkte Freude lässt den Beter ruhig schlafen und gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

1 Psalm Davids
bei seiner Flucht vor seinem Sohn Absalom. (2.Samuel 15-18)

2 GOTT, warum sind meine Gegner so zahlreich?
Viele leisten mir Widerstand.
3 Zahlreich sind die, die mir einreden:
Für den gibt’s keine Hilfe bei Gott. SELA
4 Aber du, GOTT, umgibst mich als Schutzschild.
Du bist meine Ehre,
und du lässt mich zu Ehren kommen.
5 Wenn ich laut zu GOTT rufe,
antwortet er mir von seinem heiligen Berg. SELA
6 Ich liege und schlafe ein,
ich wache wieder auf, denn GOTT unterstützt mich.
7 Ich habe keine Angst vor der Menge des Volkes,
die mich umgibt, sich gegen mich stellt.
8 Steh doch auf, GOTT! – – –

Ja, du hast alle meine Gegner beschämt,
den Bösen den Biss genommen.
9 Bei GOTT ist die Hilfe.
Auf dein Volk komme dein Segen. SELA

Zum Text:

1 Die Überschrift ordnet den Psalm einer historischen Begebenheit zu: David muss vor seinem Sohn Absalom fliehen, der eine Revolution angezettelt und sich zum König gemacht hat. Absalom hat viele Anhänger im Volk gefunden. Bei seiner Flucht vor Absalom muss David erleben, dass er als König nicht nur beliebt ist; er sieht sich Ablehnung und Angriffen ausgesetzt.
Der Psalm ist einer konkreten biblischen Geschichte zugeordnet, so als habe David den Psalm in dieser Situation gedichtet, aber er stammt nicht von David. Mit dieser Überschrift wird der Psalm in den Kontext der Bibel eingeordnet und erhält durch die angebliche Verfasserschaft Davids eine Verbindlichkeit, wie sie auch die Deuteropaulinen und die Petrusbriefe im Neuen Testament durch die Pseudepigraphie beanspruchen.

2 Der Psalm spricht von „Feinden“ – ein Ausdruck, den wir i.d.R. nicht mehr benutzen. Wir sehen uns Gegnern gegenüber, die uns manchmal feind sind, mit harten Bandagen oder sogar fiesen Tricks gegen uns intrigieren und kämpfen. Das Verb im zweiten Versteil meint wörtlich das Aufstehen. Wie sich auch im Dt. der Aufstand vom Aufstehen ableitet, so auch im Hebr.

3 Die Gegner reden zur נֶפֶשׁ des Psalmbeters, zur Seele, zum Gemüt. Was hier beschrieben wird, ähnelt der Erfahrung einer Depression: Der Beter redet sich ein (bzw. bekommt eingeredet), dass Gott sich von ihm abgewendet hat.

4 Zu einer Depression würde auch die Selbstabwertung gehören. Aber der Psalmbeter bekommt die Anerkennung, die ihm seine Gegner verweigern, von Gott. Denn für ihn ist allein wichtig, dass er von Gott anerkannt wird; auf diesem Hintergrund wird das, was Menschen über ihn denken, unwichtig. Gott ist sein Schutzschild vor der Abwertung seiner Gegner.

5 Unser Gebet findet heimlich und lautlos statt; nur im Gottesdienst beten wir stimmhaft. Der Ruf des Beters findet sein Echo auf dem Zion, wo der Tempel steht. Vom Gotteshaus wird der Gebetsruf beantwortet: nämlich durch die Stimmen der Mitbetenden, die dem Beter bewusst machen: Ich stehe nicht allein da. Und durch das Gebäude, das die Stimme auf den Beter zurückwirft und ihm so Klarheit über sein Anliegen verschafft.

6 Noch ein Anklang an die Depression: Das Liegen und Schlafen kann man verstehen als Antriebslosigkeit, als Rückzug von der Welt. Aber Gott (unter)stützt den Beter und bringt ihn dazu, wieder aufzustehen.

7 Die schiere Menschenmenge kann Angst machen, wenn man vor der Gemeinde im Gottesdienst oder auf einer Bühne vor Publikum steht. Wenn man sich einer Demonstration gegenübersieht, deren Zielen man widerspricht. Das „Ich habe keine Angst“ klingt zunächst wie ein Pfeifen im dunklen Wald. Aber der Beter weiß, dass ihm die Menge nichts tun kann.
Wenn wir uns einer Übermacht gegenübersehen, denken wir in Kategorien der Gewalt. Wir fühlen uns von der Übermacht körperlich bedroht, und das sind wir möglicherweise auch. Vor dieser gefühlten Gewalt wird man entweder hart wie Stein, bringt sich in eine Haltung, die den erwarteten Angriff abwehrt. Oder man knickt ein, verleugnet seine Meinung, passt sich an. Ein dritter Weg könnte der Weg des Glaubens sein, bei dem man sich auf Gottes guter Seite weiß und deshalb keine Bestätigung durch Dritte braucht und auch nicht in seiner Haltung von einer großen Menge unsicher gemacht wird.

8 Der Beter ruft Gott zum Aufstand auf – die selbe Vokabel wie im zweiten Halbvers von Vers 2: Dem Aufstand der Gegner begegnet nicht die eigene Gewalt, sondern der Aufstand Gottes. Gott schlägt den Gegnern auf die Wange – eine Geste der Schmähung, vgl. Matthäus 6,39. Gott zerbricht den Gegnern die Zähne – nicht besonders brutale Gewalt wird hier beschrieben; vielmehr wird hier den Gegnern der „Biss“ genommen; ihnen wird der Schneid abgekauft.
In der ursprünglichen, liturgischen Verwendung des Psalms liegt zwischen der Bitte um Hilfe und dem Schlag auf die Wange das Eingreifen Gottes. Eigentlich liegt hier also eine Zäsur; man müsste beim Vortrag an dieser Stelle eine Pause machen.

9 Im Psalm hat sich alles um die Situation des Beters gedreht; es ging um seine persönliche Erfahrung und Befindlichkeit. Im letzten Vers weitet sich der Blick: Die erfahrene Hilfe lässt von sich absehen und für andere bitten. So macht die Gewissheit, bei Gott geborgen zu sein, frei dazu, sich um andere zu sorgen.
Die Anspielung auf Erfahrungen der Depression soll diese Krankheit weder verharmlosen, noch suggerieren, dass Gebet oder Glaube etwas dagegen vermöchten. Gegen eine Depression hilft kein Zuspruch, kein Gebet und kein Wollen. Allerdings erleben alle Menschen depressive Verstimmungen, bei denen man durchaus für Zuspruch von außen offen bleiben kann.

1 Warum machen die Völker so einen Wind?
Warum reden die Nationen dummes Zeug?

2 Staatschefs auf Erden stellen sich breitbeinig hin
und Regierungschefs verschwören sich untereinander
gegen GOTT und seinen Messias:

3 „Lasst uns zerreißen, womit sie uns fesseln!
Wir wollen uns befreien von dem, was uns bindet!“

4 Der im Himmel sitzt, lacht.
Der Herr spottet ihrer.

5 Dann spricht er zu ihnen in seinem Zorn,
und in seiner Zornesglut erschreckt er sie:

6 „Ich selbst habe meinen Staatschef eingesetzt
auf dem Zion, meinem heiligen Berg.“

7 Ich will erzählen, was GOTT vorhat:
Er sprach zu mir: „Du bist mein Sohn.
Ich habe dich heute dazu gemacht.

8 Bitte mich, dann gebe ich dir Völker zu eigen
und die Enden der Erde zum Besitz.

9 Du kannst sie mit eisernem Stab zerbrechen,
sie wie ein Tongefäß zerschlagen.“

10 Darum, Staatschefs, habt Einsicht!
Lasst euch warnen, ihr Richter auf Erden!

11 Dient Gott mit Furcht,
küsst seine Füße mit Zittern,

12 damit er nicht in Zorn gerät
und euer Vorhaben ruiniert, denn sein Zorn ist leicht entzündlich.
Selig alle, die bei ihm Zuflucht suchen!

Zum Text:

1 Das hebräische Verb רגשׁ bedeutet „sich in unruhiger Bewegung befinden“; in der zweiten Vershälfte heißt es wörtlich: „Sie ersinnen Leeres“. Da die beiden Halbverse sich im Parallelismus membrorum befinden, legen sie sich gegenseitig aus, entweder synonym – was hier nicht der Fall sein kann (antithetisch scheidet von vornherein aus), oder synthetisch, d.h. der zweite Halbsatz führt den Gedanken des ersten fort. Was also ist mit Gesellschaften, die sich in unruhiger Bewegung befinden und „Leeres“ ersinnen? Offenbar wird hier aus religiöser Perspektive die Weltpolitik als „much ado about nothing“ charakterisiert, als viel Lärm um Nichts.

2 Der Psalm spricht von „Königen“ und „Fürsten“; die haben in unserer modernen Welt allenfalls repräsentative Funktion. Dem König als Staatsoberhaupt entspricht heute die Präsidentin, neutral formuliert: der Staatschef; den Fürsten als Berater und Regierungsbeamte des Königs entsprechen die Regierungschefs oder Minister – in diesem Fall wären es die Außenminister. Die Staatschefs stellen sich Gott und seinem Messias gegenüber feindselig hin; das Verb bezeichnet eine Aufstellung zum Kampf. Die Minister beratschlagen (von יסד Perfekt Nif’al). Hans-Joachim Kraus schlägt vor, das Verb von סוד abzuleiten (dafür gibt es keine Belegstelle im AT; es gibt nur das Nomen) und „sich zusammentun“ zu übersetzen. Da es um eine Verabredung gegen Gott geht (die hebräische Präposition על), kann man sie etwas freier mit „Verschwörung“ übersetzen, zumal aus der Sicht des Psalms Gott bzw. sein Messias der legitime Herrscher ist.

3 Die Staats- und Regierungschefs sind oder fühlen sich von Gott gefesselt. Womit könnte Gott einen Menschen fesseln? Es kann sich m.E. nur um Gottes Gebote handeln, also um die Fesselung durch eine religiöse Ethik, die die Handlungsfähigkeit einschränkt, weil sie bestimmte Handlungen verbietet. Deshalb wähle ich für die Übersetzung einen doppeldeutigen Ausdruck, der auch an moralische Bindungen denken lassen kann.

4 Das Lachen und Spotten Gottes weist ihn als den Herrschenden überlegen aus – er macht sich lustig über sie. Gleichzeitig wird damit festgehalten, dass, wenn auch die Herrschenden ihre Bindungen an Gott lösen, sie dennoch an ihn gebunden bleiben, weil er ihnen nach wie vor „über“ ist – symbolisiert durch das Thronen im Himmel. Hier wird nicht der Himmel zum Aufenthaltsort Gottes, sondern gemäß Jesaja 55,8-9 sind Gottes Gedanken und Pläne so viel höher als menschliche, wie der Himmel höher als die Erde ist.

5 Gott lacht, aber er ist kein Kasper, sondern im Gegenteil ein furchtbarer Gott. Rudolf Otto hat in seinem Buch „Das Heilige“ diese furchterregende Seite Gottes das mysterium tremendum genannt. Dahinter steht die Einsicht, dass das, was Macht hat, Leben zu schenken, es auch zerstören kann. Dabei ist nicht an Yin und Yang gedacht – Gott ist nicht Gut und Böse in einem. Aber zur Freiheit Gottes (wenn wir ihn, wie die Bibel es tut, als Person denken) gehört es, unbegreiflich zu sein. Und diese Unbegreiflichkeit kann beängstigend sein. Vor allem aber entfachen die Taten der Menschen, die die Bindungen an Gottes Willen und Gebot abgestreift haben, Gottes Zorn. Mit anderen Worten: Gott ist parteiisch – auf Seiten derer, die von seinen Geboten geschützt werden. Er wendet sich gegen die Verantwortungslosigkeit, wie sie die Verfechter eines liberalen Marktes zeigen. Gott erwartet von den Menschen verantwortliches Handeln.

6 Weil Gott mit dem entfesselten Markt nicht einverstanden ist, setzt er einen eigenen Regierungschef auf dem Zion ein. Es handelt sich nicht um eine Maßnahme, die bereits geschehen ist, sondern um eine, die in der Zukunft liegt.

7 Allerdings lesen wir Christen diese Stelle anders: Für uns hat dieses „Heute“ der Zeugung bereits vor 2.000 Jahren stattgefunden. Es steht das hebräische Verb für „zeugen“ da; es ist also an den Akt der Zeugung gedacht. Gesprochen wird aber zu jemandem, der schon existiert, denn er wird angesprochen.Hintergrund dafür ist das altorientalische Ritual der Einsetzung eines Königs, die einen sakralen Charakter hatte (wie auch bis heute Königinnen die Krone in einer Kirche aufgesetzt wird).
Der „Plan“ Gottes (hebr.: חק) ist im eigentlichen Sinn die Legitimationsurkunde des Königs: das Protokoll, das bei seiner Einsetzung angefertigt wird und ihn als rechtmäßigen Herrscher ausweist. Hinter der „Zeugung“ des Königs durch Gott steht der Gedanke einer Adoption – der König wird zum Sohn Gottes erklärt. Deshalb übersetze ich entsprechend.

8 Die Übertragung der Völker und der „Enden der Erde“ – was heißt: der ganzen Erde – auf den Messias ist eine ideelle Übertragung. Es soll keine Theokratie errichtet werden. Eher ist gemeint, was in Matthäus 28,19 gesagt wird: Alle Völker sollen in den Machtbereich Gottes gelangen – weil das gut für sie ist. Weil die Entfesselung der Mächtigen Leid und Elend über die Welt bringt.

9 Angesichts dieses Leides, das unsere Art zu leben, zu wirtschaften und mit unseren Ressourcen, unserer Umwelt und unseren Mitgeschöpfen umzugehen, verursacht, möchte man manchmal mit eisernem Stab dreinschlagen. Man möchte die Ställe, in denen Hühner, Schweine und Rinder in Massen auf engstem Raum gehalten werden, die Fabriken, die die Umwelt verpesten, die Bankhäuser, die Atomkraftwerke, die Foltercamps kurz und klein hauen, zerdeppern wie altes Geschirr. Aber nicht uns gibt Gott die eiserne Rute in die Hand, sondern seinem Messias. Von Jesus wissen wir, dass er zwar die Tische der Händler umstieß und sie mit der Peitsche aus dem Tempel vertrieb – dass er also durchaus zu solch einem „heiligen Zorn“ in der Lage war, der alles kurz und klein schlägt. Aber wir sind nicht sein verlängerter Arm.

10 Der Psalm spricht eine Warnung gegen die Staatschefs und – hier plötzlich – Richter aus. „Könige“ und „Richter“ stehen in zwei Halbversen im Parallelismus; man kann also in ihnen die selben Personen sehen: Die Herrschenden sind zugleich Richter, weil sie durch ihr Tun Menschen, Bevölkerungsgruppen, ganze Nationen dazu verurteilen, die Konsequenzen ihres Tuns zu tragen.

11 Es gibt eine Hoffnung: Dass die Mächtigen zur Einsicht kommen und sich vor Gott fürchten. Damit ist keine Ehrfurcht, sondern ganz reale Furcht gemeint. Vor der Aufklärung hat die Angst vor dem Unbekannten Menschen davon abgehalten, bestimmte Grenzen zu überschreiten. Heute ist das Unbekannte und Unverstandene Ansporn, auch noch die letzte Grenze zu überwinden. Man tut etwas, weil man es kann, ohne zu fragen, ob es gut, sinnvoll, richtig ist. Die Angst vor Gott besteht in der Einsicht, dass man die Folgen bestimmter Handlungen nicht wirklich abschätzen kann und sie deshalb vielleicht besser lässt, weil man die Konsequenzen selbst nicht tragen kann oder will. Wir sind eben nicht wie Gott; das soll die Geste der Unterwerfung, das Küssen der Füße, deutlich machen.
Noch kurz zu einem Problem der Textüberlieferung. Im hebräischen Text steht wörtlich:
„11 Dient GOTT mit Furcht, frohlockt mit Zittern. 12 Küsst den Sohn …“
Wie soll man sich „zitterndes Frohlocken“ vorstellen? Und warum den Sohn küssen? Das Wort „Sohn“ steht hier im (vergleichsweise) jüngeren Aramäisch. Am sinnvollsten lässt sich das durch eine Verschreibung erklären: Die ersten beiden Worte von Vers 12 gehören vor die letzten beiden von Vers 11; das wurde schon 1908 von A.Bertholet vorgeschlagen (in: ZAW 28, S. 58f). Dadurch ergibt sich die o.a. Übersetzung.

12 Gottes Zorn kann jederzeit entflammen. Das „Heute“, von dem Vers 7 spricht, kann schon morgen sein. Eine Vorstellung, die viele evangelikale Christen und die Zeugen Jehovas teilen – und die in den USA gerade nicht zu einem respektvollen Umgang mit der Natur geführt, sondern deren Raubbau noch beschleunigt hat, weil diese Welt ja sowieso bald untergeht. Die Herrschenden werden sich nicht davon beeindrucken lassen, denn ihre Pläne gehen alle auf. Der Psalm richtet sich auch nicht an sie. Er ist für jene gedacht, die darunter leiden, dass die Welt so ist, wie sie ist. Ihren Zorn teilt Gott. Und zeigt ihnen einen Ausweg an, der in ihm selbst liegt. Nicht so, dass Gott eine Revolution macht. Sondern so, dass Menschen durch Gott zur Vernunft kommen. Die rationale Vernunft, die sich über den Glauben an Gott lustig macht, braucht den Glauben, um nicht in grenzenloser Hybris den Ast gänzlich abzusägen, auf dem sie sitzt.


 

Eine Anmerkung zur Schreibung des Gottesnamens:
Überall, wo in der Übersetzung in Versalien GOTT steht, hat der hebräische Text das Tetragramm. Die Masoreten haben in frommer Ehrfurcht den unaussprechlichen Namen Gottes mit den Vokalzeichen für das Wort „Adonai“, Herr, versehen. Luther hat das in seiner Übersetzung durch Versalien kenntlich gemacht: Da, wo bei ihm HERR steht, steht im Hebräischen der Gottesname. Ich möchte aus Respekt vor meinen jüdischen Glaubensmüttern- und -vätern nicht das Tetragramm ausschreiben, ich finde aber auch „Herr“ nicht ideal, weil es einem patriarchalen Gottesbild Vorschub leistet. Deshalb schreibe ich GOTT.

Psalm 1

1 Gesegnet, wer nicht zu denen gehört, die Gott nicht kennen, die sich um Gottes Gebote nicht scheren oder die sich über den Glauben lustig machen,
2 sondern die Bibel gut findet und ständig darüber nachdenkt.
3 Die ist wie ein Baum, gepflanzt am Ufer eines Gewässers. Dadurch bringt sie Frucht, wenn es Zeit dafür ist, ist immer grün, und alles, was sie tut, gelingt.
4 So sind die nicht, die Gott nicht kennen. Sie sind wie Stücke trockenen Grases, die von jedem Windhauch umhergeweht werden.
5 Darum geben die, die Gott nicht kennen, nichts auf Gerechtigkeit, und die sich um die Gebote nicht scheren, wollen nicht gerecht sein.
6 Gott weiß, wer gerecht handelt. Was die tun, die Gott nicht kennen, hat keinen Bestand.

Zum hebräischen Text:

1 Das Wort אַ֥שְֽׁרֵי leitet einen Segen ein. Dieser Segen spricht zunächst nicht etwas zu – das folgt im 3. Vers -, sondern grenzt die Glaubenden von denen ab, die vom Glauben nichts halten. Der erste Vers des ersten Psalms ist Auftakt und Überschrift des ganzen Psalters, indem er sagt, für wen er nicht bestimmt ist.
Die hebräischen Verben dieses ersten Verses bilden eine Antiklimax, ein Decrescendo. Eine Bewegung kommt zum Stillstand: gehen – stehen – sitzen. Das Gehen – hebr. הלך – ist aber kein Gehen als Fortbewegung, sondern ein Wandeln i.S. des Anschließens wie im Dt. „willst du mit mir gehn?“.
Der Segen gilt
a) dem, der sich nicht dem Plan, wohl eher: der Gemeinschaft der „Gottlosen“ anschließt. Das Wort רשׁע meint zunächst allgemein Menschen, die Böses tun. Aber da der Glaube und das Tun des Willens Gottes stets zusammenhängen, sind die Übeltäter hier im speziellen Fall die Gottlosen: die, die Gott nicht kennen.
b) Weiter gilt der Segen dem, der nicht auf den Weg der Sünder tritt oder auf ihm steht. דרך, der Weg, ist wieder der Lebenswandelt, also der Anschluss an eine Gruppe. Es ist keine neue Gruppe, sondern durch den Parallelismus Membrorum ein anderer Ausdruck für die Gottlosen. Sünder sind die, die sich bei ihren Handlungen nicht nach Gottes Geboten richten.
c) Ein drittes Mal wird variiert: Gesegnet sind die, die nicht bei denen sitzen, die spotten. Auch hier kann sich, wie in a), der Spott über alles mögliche ergießen. Aber da wir es hier mit dem Segen zu tun haben, wird es sich speziell um Spott über den Glauben bzw. über die Gläubigen handeln.

2 Den Menschen, die ohne Gott leben, wird der gegenübergestellt, dem die Tora Freude macht und der sie deshalb Tag und Nacht murmelnd memoriert und meditiert.
Die Tora bezeichnet im engen Sinne die Weisung Gottes, wie sie v.a. in den fünf Büchern Mose aufgezeichnet ist, die deshalb insgesamt als Tora bezeichnet werden.

3 Dieser Toraliebhaber wird einem Baum verglichen, der am Wasser gepflanzt wurde. Er ist nicht von selbst dort gewachsen, wie man auch nicht von selbst zur Tora kommt, sondern in sie gepflanzt wird durch Mütter oder Väter im Glauben. Die Tora wiederum ist das Wasser, durch das der Glaubende Frucht bringt, wenn es so weit ist, das seine Blätter grün erhält und – hier wird das Bild vom Baum verlassen und überschritten – sein Tun zum Ziel führt.

4 Die Gottlosen werden dagegen mit Spreu verglichen – das sind die nach dem Dreschen übriggebliebenen, trockenen und toten Ährenreste, die früher durch Hochwerfen des Dreschgutes („worfeln“) vom Wind von den Körnern getrennt wurden: Die schwereren Körner fielen zu Boden, die leichte, nutzlose Spreu wurde vom Wind verweht. Dem zielgerichteten Handeln der Gläubigen wird die leichte Beeinflussbarkeit der Gottlosen durch jeden Windhauch gegenübergestellt.

5 Das Wort משפט ist ein Terminus aus dem Gerichtswesen; er bedeutet Urteil, Fall, Rechtsanspruch oder Gesetz. Das Verb קוּם bezeichnet den Vorgang des Aufstehens, nicht das Stehen selber. Das bedeutet: Gottlose und Sünder stehen im (göttlichen) Gerichtsverfahren bzw. in der Versammlung der Gerechten nicht auf, weil sie gar nicht dazugehören – sie werden nicht zugelassen oder schließen sich selbst aus. Die „Versammlung der Gerechten“ ist übrigens eine messianische Vorstellung, vergleichbar der „Gemeinschaft der Heiligen“ im Glaubensbekenntnis.

6 Der letzte Vers begründet, greift die Weg-Metapher aus Vers 1 wieder auf und führt so den Psalm zu seinem Anfang zurück: Gott kennt den Weg der Gerechten. Hier geht es nicht um ein Vorherwissen oder gar um Prädestination, sondern um ein Wissen um, wie man um seine Familienmitglieder weiß: die Gerechten gehören zu Gott. Ihr Leben wird von Gott wohlwollend begleitet und bewahrt. Die Gottlosen dagegen haben niemanden, der ihr Leben so begleitet. Deshalb geht ihr Leben verloren. Das Bild von der Spreu klingt hier noch einmal an.

Zu den Übersetzungsentscheidungen:

Der Psalm richtet sich an Glaubende. Er versucht nicht, Ungläubige zu gewinnen oder vom Glauben zu überzeugen, sondern Glaubende zu bestärken, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Und er dient als Einleitung zum Psalter, stellt also die Leser zu denen, die über Gottes Tora Tag und Nacht nachdenken. Damit werden die Psalmen zugleich in den Rahmen der hebräischen Bibel, des Tenach, eingeordnet, denn die Psalmen selbst sind keine Tora. Sie sind aber die wohl am häufigsten gebeteten Texte der Bibel – in den Klöstern wurde der gesamte Psalter einmal pro Woche durchgebetet.

Bei der Übertragung des Psalms habe ich versucht, einen zeitgenössischen Text zu schreiben. Darum habe ich auf die Wegmetapher verzichtet, obwohl sie für den Psalm charakteristisch ist (bei Luther mit schöner Alliteration: „Wohl dem, der nicht wandelt …“). Die Metapher vom Weg setzt die Kenntnis des Bildes vom Lebensweg als Lebensentwurf voraus. Hier werden ja zwei unterschiedliche Lebensentwürfe einander gegenübergestellt: ein Leben mit und eines ohne Gott. Ich finde diese Polarität entscheidender als das Bild des Weges.

Weiter habe ich versucht, die theologischen Begriffe „Gottloser“, „Sünder“, „Tora“, „Gerechter“ und „Gericht“ ebenfalls zu übersetzen. Für meine Zielgruppe, LeserInnen mit christlichem Horizont, die wenig Hintergrundwissen haben, ist „Tora“ unverständlich. Als christlicher Übersetzer fand ich es legitim, die Tora als „Wort Gottes“, also als Bibel, wiederzugeben. Auch den Spezialbegriff der „Spreu“, den ich als aus der Landwirtschaft Stammender aus eigener Anschauung kenne, habe ich durch ein allgemein verbreitetes Bild ersetzt: wohl jeder kennt trockenes Gras.

Schließlich habe ich mir erlaubt, statt der im Psalm vorherrschenden männlichen Form die weibliche zu benutzen. Im Judentum war zwar über lange Zeit der Mann der entscheidene Glaubende. Die Frau glaubte auch, aber das „zählte“ nicht – weder für den Minjan, noch für die Beschäftigung mit der Tora. Die Bibel erzählt von Theologinnen wie Miriam oder Hulda und von vielen Frauen, die tragende Rollen übernahmen. Aber die Gesellschaft war damals wie heute patriarchal. Heute allerdings gibt es aber zumindest im Protestantismus und im liberalen Judentum ideell keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen – strukturell sieht das jedoch leider noch immer anders aus.

Die Nachrichten sind voll vom Thema Flüchtlinge. Das erinnert mich daran, dass auch die Bibel voller Fluchtgeschichten steckt, sogar mit einer beginnt: Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben. Der erste der „Patriarchen“, Abraham, verlässt seine angestammte Heimat und zieht später als „Wirtschaftsflüchtling“, wie wir heute sagen würden, für einige Zeit nach Ägypten. Rut, die Urgroßmutter von König David, war eine Fremde. Und auch Josef und Maria mussten mit ihrem Neugeborenen vor Herodes nach Ägypten fliehen. Flucht und Flüchtlinge sind in der Bibel ein wiederkehrendes Thema.

Dabei wird man auch in biblischen Zeiten zwischen „Einheimischen“ und „Auswärtigen“ unterschieden haben, begegnete man auch damals Fremden mit Misstrauen. Aber stärker noch als die Fremdheit des Fremden war das Gebot der Gastfreundschaft – damals so selbstverständlich, dass es geradezu als Frevel galt, sie zu verletzen. Der Untergang von Sodom und Gomorrha wird als Gottes Strafe für die Fremdenfeindlichkeit ihrer Bewohner geschildert.
In biblischen Zeiten waren es oft wirtschaftliche Gründe, die Menschen zum Auswandern in ein anderes Land zwangen. Aber damals sprach man nicht von „Wirtschaftsflüchtlingen“. Man hatte Verständnis für ihre Not, weil man selbst Dürre und Hunger erlebt und vielleicht auch selbst schon an fremde Türen geklopft hatte.
Auch in unserem Land gibt es kaum eine Familie, die ohne Fluchterfahrungen wäre. Aber das ist lange her und fast vergessen; manche haben dabei schlimme Erfahrungen gemacht, an die sie nicht gern erinnert werden. Die Bibel ist ein Vorbild darin, Verständnis zu haben für die, die fliehen müssen oder ein besseres Leben suchen, weil wir oder jemand aus unserer Familie ähnliches erlebt haben. Der Hebräerbrief mahnt: „Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebr 13,2) Oder, mit Worten des Pfarrers und Dichters Wilhelm Willms: „Wer weiß, wer zu uns unterwegs ist. Gott und das Glück kommen incognito.“