Musikalische Passionsandacht III

Musikalische Passionsandacht am 3. März 2021
über EG 83 „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld”

Orgelmusik

Begrüßung

Heute wollen wir uns der Passion,
also dem Leid und der Leidenschaft,
von einer ungewöhnlichen Seite nähern:
über den Ohrwurm.
Ein „Ohrwurm” ist ein Musikstück,
das beide Seiten der Passion in sich trägt,
die Leidenschaft und das Leid.
Zu einem Ohrwurm wird eine Musik,
wenn sie einem gut gefällt
und man sie immer wieder hören möchte.
Für die Mitmenschen kann es aber sehr leidvoll sein,
immer wieder dasselbe Musikstück anhören zu müssen,
und auch man selbst hat es irgendwann über.

Es gibt aber Musikstücke,
die bleiben einem im Gedächtnis haften,
weil sie etwas ganz Besonderes sind.
Man kann und man möchte sie immer wieder hören.
Zu einem dieser „Ohrwürmer” im besten Sinne
gehört der heutige Passionschoral:
”Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld”.

Choral

1. Strophe mit Auslegung

1. „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
und spricht: „Ich will’s gern leiden.”

Erinnern Sie sich an das Stofftier, das Sie als Kind besaßen?
Wissen Sie noch, wie es hieß?
Das Stofftier war unser bester Freund,
unsere Erinnerung an Zuhause, wenn wir auf Reisen,
unser Beschützer, wenn wir allein zuhause waren,
und es half uns, in den Schlaf zu finden.
Es war ein Bärchen, ein Häschen
oder auch, wie in diesem Lied, ein Lämmlein.

Ein süßes, reizendes Lämmlein malt uns Paul Gerhard vor Augen,
als wäre es eins unserer Kuscheltiere.
Aber schon im nächsten Moment legt er es auf die „Würgebank”,
wo es „Schmach, Hohn, Spott,
Angst, Wunden, Striemen und Tod” erleidet.
Paul Gerhardt, der Dichter des Liedes,
hat das Lamm aus dem Buch der Offenbarung vor Augen,
das „wie geschlachtet” aussieht
und von dem es heißt:
„Das Lamm, das geschlachtet ist,
ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit
und Stärke und Ehre und Preis und Lob” (Offb. 5,12).
Den sieben Leiden aus dem Lied
stehen sieben Ehrbezeigungen gegenüber,
die dem Lamm gelten.

Das zarte, wie zerbrechlich wirkende Lamm hat das Leiden überlebt
und wird nun mit Ehren überhäuft.
So, wie die Stofftiere unsere oft derbe Zuneigung überlebten.
Darum ist das Lamm auf der „Würgebank”,
so schrecklich die Vorstellung ist,
doch kein schrecklicher Anblick.
Unseren Stofftieren sah man unsere intensive Zuneigung auch an,
und trotzdem behielten wir sie, und behielten sie lieb.
Das Lamm, das Paul Gerhardt besingt,
wird an Stelle des Stofftiers unserer Kindheit
unser Tröster und Begleiter.

Choral

2. Strophe mit Auslegung

4. „Mein Lebetage will ich dich aus meinem Sinn nicht lassen,
dich will ich stets, gleich wie du mich, mit Liebesarmen fassen.
Du sollst sein meines Herzens Licht,
und wenn mein Herz in Stücke bricht,
sollst du mein Herze bleiben;
ich will mich dir, mein höchster Ruhm,
hiermit zu deinem Eigentum
beständiglich verschreiben.

Das Lämmlein, das die Schuld trägt,
ist wie das Stofftier aus Kindertagen
unser bester Freund, der uns Trost spendet, wenn wir traurig sind,
der uns in Einsamkeit und Verzweiflung beisteht,
den wir über alles lieben.
Aber natürlich ist das Lämmlein, das die Schuld trägt,
mehr als unser Stofftier.
Es erwidert unsere Liebe nicht nur tatsächlich,
es hat uns auch zuerst geliebt
und um dieser Liebe willen auch unsere Schuld auf sich genommen.
Darum wird es auch einmal an die Stelle unseres Herzens treten,
wenn unser Herz zerbricht.

Was das Stofftier für das Kind,
oder das Lämmlein für uns Gläubige,
das ist in der Musik der Ohrwurm:
Eine geliebte Melodie, die man immer mit sich trägt
und immer wieder in den Sinn kommt, tröstet oder aufmuntert,
wenn man nicht mit ihr rechnet.
Die Melodie des heutigen Passionsliedes hat das Zeug zum Ohrwurm.
Sie nimmt uns mit in beschwingtem Schritt,
hüpfend fast wie ein Kind,
das sein Kuscheltier spazieren führt.
Im Fortschreiten der Melodie werden auch wir mitgezogen,
wir kommen wieder in Gang,
unser Schritt wird leichtfüßig,
und so führt diese Melodie uns ins Leben.
Spendet Trost, wenn wir traurig,
Spornt uns ans, wenn wir müde sind.
Und erinnert uns dabei stets an das Lämmlein,
das geht und unsere Schuld trägt.
Das Lämmlein, das mit uns durchs Leben geht.

Choral

3. Strophe mit Auslegung

6. „Das soll und will ich mir zunutz zu allen Zeiten machen;
im Streite soll es sein mein Schutz, in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel;
und wenn mir nichts mehr schmecken will,
soll mich dies Manna speisen;
im Durst soll’s sein mein Wasserquell,
in Einsamkeit mein Sprachgesell
zu Haus und auch auf Reisen.”

Manchmal hat man eine Melodie im Kopf
und wird sie nicht mehr los: Einen Ohrwurm.
Manchmal findet man ein Bild, das einen tröstet.
Das Passionslied vom Lämmlein vereint beides,
einprägsames Bild und Ohrwurm,
und wird so unser Sprachgesell,
wie das Kuscheltier der Gesell unserer Kindheit war.

Ein „Sprachgesell” vertreibt die Einsamkeit und spendet Trost,
spricht Mut zu und macht Hoffnung.
Das alles bewirkt dieses Lied.
Und wenn wir vielleicht auch seinen Wortlaut wieder vergessen,
bleibt doch die Melodie,
bleibt auch das Bild vom Lämmlein,
das uns in der Kirche an vielen Orten wiederbegegnet.
Zum Beispiel beim Abendmahl,
wenn wir singen:
„Christe, du Lamm Gottes,
der du trägst die Sünd der Welt”.

Christus, das Lamm Gottes,
trägt, woran wir tragen,
und nimmt uns ab, was uns belastet.
Er begleitet uns durch diese Zeit der Passion
und durch unser ganzes Leben.

Darum beten wir,
wie er es uns gelehrt hat:

Vaterunser
Segen

Orgelmusik

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