Musikalische Passionsandacht II

Passionsandacht über EG 76 „O Mensch, bewein dein Sünde groß”

Orgelmusik

Begrüßung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Herzlich willkommen zur musikalischen Passionsandacht.

Leiden und Leidenschaft, die beiden Seiten der Passion,
werden uns auch in dieser Andacht beschäftigen.
Wir werden heute fragen:
Warum musste Jesus den Weg der Passion gehen?
Oder mit dem Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury:
Cur deus homo?, Warum wurde Gott ein Mensch?

Die Antwort auf diese Frage wird uns das Passionslied
„O Mensch, bewein dein Sünde groß” geben,
das wir jetzt von der Orgel gespielt hören.

Orgel: Choralvorspiel

  1. Strophe mit Auslegung
    O Mensch, bewein dein Sünde groß, darum Christus seins Vaters Schoß
    äußert und kam auf Erden;
    von einer Jungfrau rein und zart für uns er hier geboren ward,
    er wollt der Mittler werden.
    Den Toten er das Leben gab und tat dabei all Krankheit ab,
    bis sich die Zeit herdrange,
    dass er für uns geopfert würd, trüg unsrer Sünden schwere Bürd
    wohl an dem Kreuze lange.

Am Ende des 12. Jahrhunderts stellte Anselm von Canterbury sich die Frage,
warum Gott Mensch wurde.
Als Gelehrter, der er war, stellte er sie auf Latein: Cur deus homo?
Gott sein ist doch viel besser, als Mensch zu sein:
Man hat nichts zu erdulden, erlebt nicht die täglichen Mühen und Plagen,
keine Krankheit, und auch nicht die Last des Alters.
Warum tat Gott sich das an, von seinem Thron im Himmel herabzusteigen?
Antwort: Es ist die Sünde des Menschen,
die Gott gleichsam dazu zwang, Mensch zu werden.
Denn die Sünde des Menschen kränkt Gott.
Der Mensch muss diese Kränkung wieder gut machen,
kann es aber nicht, weil er nun einmal Sünder ist und bleibt.
Also bleiben Gott nur zwei Möglichkeiten:
Entweder, er vernichtet aus Zorn die ganze Menschheit –
aber das kann er nicht, denn er hat Noah versprochen,
dass er nie mehr die Menschheit schlagen würde,
wie er es in der Sintflut tat.
Oder er schafft sich Wiedergutmachung,
indem ein sündloser Mensch die Sünde aller Menschen auf sich nimmt:
Jesus, Gottes eigener Sohn, stirbt für unsere Sünde am Kreuz,
um Gott, seinem Vater, Wiedergutmachung zu verschaffen.

Wenn man den Gedanken der Wiedergutmachung begangenen Unrechts
in dieser Kürze und Zuspitzung hört, ist man fassungslos,
wie man so etwas behaupten und glauben kann.
Die Lehre, dass Gott zornig über unsere Sünde ist
und mit dem Opfer seines Sohnes versöhnt werden musste,
war über Jahrhunderte die zentrale Botschaft der Kirche.
Generationen wurden erzogen in dem Bewusstsein ihrer Sündenschuld,
über die Gott so zornig ist, dass er seinen eigenen Sohn am Kreuz sterben ließ.

Dieser Gedanke findet sich in zahlreichen Liedern des Gesangbuchs –
auch in unserem Passionslied, wo es heißt,
dass Christus um unserer Sünde willen den „Schoß des Vaters” verließ,
den denkbar besten und schönsten Ort, an dem man sein kann.
Noch schöner und geborgener als Abrahams Schoß –
und das ist schon der Gipfel der Geborgenheit.
Unserer Sünden wegen wurde Christus für uns geopfert,
um „an dem Kreuze lange” die Last unserer Schuld zu tragen.

Darüber kann man nur weinen,
untröstlich sein, dass wir Jesus das angetan haben,
und sich seiner Schuld und Sünde schämen.

Orgel: Choralfantasie

  1. Strophe mit Auslegung
    So lasst uns nun ihm dankbar sein, dass er für uns litt solche Pein,
    nach seinem Willen leben.
    Auch lasst uns sein der Sünde feind, weil uns Gotts Wort so helle scheint,
    Tag, Nacht danach tun streben,
    die Lieb erzeigen jedermann, die Christus hat an uns getan
    mit seinem Leiden, Sterben.
    O Menschenkind, betracht das recht, wie Gottes Zorn die Sünde schlägt,
    tu dich davor bewahren!

Cur deus homo, warum wurde Gott Mensch?
Weil Gott so zornig ist, dass ihn nur der Tod seines eigenen Sohnes besänftigen konnte?
Ein unglaublicher, ein unmöglicher Gedanke!
Und im Grunde auch viel zu weit hergeholt, viel zu kompliziert.
Viel naheliegender ist doch ein anderer Grund.
Einer, den Jesus selbst immer wieder gepredigt und vorgelebt hat,
indem er Tote auferweckte und Kranke heilte:
Gott wurde Mensch aus leidenschaftlicher Liebe zu uns.
Aus Liebe wurde Gott Mensch:
Um uns frei zu machen von der Sünde
und uns das Leben zu schenken –
ein Leben in Freiheit jetzt und hier,
und das ewige Leben in Gottes Fülle,
wenn Christus wiederkommt.

Ja, Jesus hat am Kreuz gelitten,
ja, er ist für uns gestorben.
Aber nicht, um Wiedergutmachung zu leisten,
um einen zornigen, wutschnaubenden, gewalttätigen Gott milde zu stimmen.
Sondern weil des Menschen blinde Wut,
des Menschen Hass auf das Fremde,
des Menschen Gewalt ihn ans Kreuz schlug.
Jesus nahm unsere Wut, unseren Hass, unsere Gewalt auf sich,
er opferte sich,
damit wir niemanden mehr opfern müssen,
und damit wir nicht mehr wütend sein,
nicht mehr hassen müssen
und niemanden mehr schlagen.
Er tat es aus Liebe zu uns,
damit wir fähig werden zur Liebe
dem Nächsten, der Nächsten gegenüber
und uns selbst.

Vaterunser
Segen

Orgelmusik

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