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Archiv für den Monat Mai 2018

Kirchliche Strukturdebatten sind toll. Weil da jede mitreden kann. Denn alles, was man zum Mitreden braucht, ist eine Meinung – und die hat sich jede im Erleiden oder im „Schaffen“ von Strukturen gebildet.
Kirchliche Strukturdebatten sind deshalb toll, weil man dabei so schön seinen Frust über „die da oben“ ablassen und über deren total falsche Entscheidungen lästern kann – wie ich heute in einem Tweet:

An diesem Tweet kann man schön die Charakteristika des „Strukturdebatten-bashings“ studieren: Verallgemeinerung („Kirchenleitungen“, „irgendwas“), Ungeduld („endlich“) und Besserwisserei („reine Beschäftigungstherapie“).

Ich habe diesen Tweet aber nicht aus pädagogischen Motiven geschrieben, sondern weil ich eben auch nicht „besser“ bin als all die anderen kirchlichen Mitarbeiterinnen, die sich von der Aufgabe, den Mangel zu verwalten und möglichst noch zu gestalten, überfordert fühlen. Dabei beobachte ich an mir selbst eine gewisse Schizophrenie: Ich erwarte von den Leitungsorganen innerhalb der Kirche, dass sie Konzepte zum Umgang mit der Situation finden, zugleich lehne ich sie ab wie im Tweet oben. Das bringt mich auf den Gedanken, ob hinter dem gegenwärtigen Leiden an Strukturdebatten und -veränderungen nicht etwas anderes und uns wohl bekanntes steht: Die menschliche Hybris.

Noch immer erwarten wir von Kirchenleitungen auf allen Ebenen – und, sofern wir als kirchliche Mitarbeiterinnen in Leitungsgremien sitzen oder Leitungsaufgaben wahrnehmen, auch von uns – dass sie „wissen, wo’s langgeht“, getreu dem Choral: „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl“*. Und genau hier ist der Irrtum passiert, wie er am Zitat des Chorals deutlich wird. Das „Du“ ist ja nicht die Superintendentin oder die Bischöfin, das bin auch nicht ich als Pfarrerin, sondern es ist ja Gott, der in diesem Choral angeredet wird. Und es ist das Kennzeichen menschlicher Hybris, immer wieder Gelegenheit zu suchen, sich an Gottes Stelle zu setzen.

Aber „man“ fühlt sich eben doch angesprochen, wenn jemand nach dem Weg fragt. Und wenn man auch keine Ahnung hat, so hat man doch zumindest eine Meinung (s.o.), und genau das ist ein Element der Perpetuierung der Strukturdebatte. Ein anderes ist, dass eigentlich niemandem klar ist, wo es langgehen soll. Hier versteckt sich die nächste Gelegenheit zur Hybris: Über den Weg entscheiden, das Ziel bestimmen: Das macht die Anführerin. Und so schauen wir auf die Bischöfin, die Superintendentin oder werden als kirchliche Mitarbeiterin angeschaut: Wo soll es denn nun hingehen? Aber das „wandernde Gottesvolk“ weiß nichts von einem Ziel – außer jenem fernen, dessen man sich im „Maranatha!“ versichert: dem Reich Gottes. Den Weg dahin zu führen ist Menschen weder vergönnt noch bestimmt. So kann man unsere Lage wohl mit der des Volkes Israel in der Zeit der Wüstenwanderung vergleichen. Und vielleicht gilt auch uns das Verdikt, das über das Gottesvolk damals ausgesprochen wurde: „Sie sollen nicht hineinkommen“ (Dtn 1,35)**. Wir richten uns in unserer Kirche, unseren Gemeinden häuslich ein, dabei sind sie doch nur eine Hülle, sollen uns, die wir auf dem Weg sind, ein „leichtes Zelt“ (EG 428,4) sein, keine permanenten und bis in alle Ewigkeit zu perpetuierenden Strukuren (!). Und das Goldene Kalb, um das wir heute tanzen, könnten eben besagte Strukturreformen sein, und unser Massa und Meriba das unaufhörliche Murren über unzumutbare Arbeitsbedingungen, undankbare Gemeinden, unfähige kirchliche Mitarbeiterinnen etc.

Vielleicht wäre es deshalb angebracht, Buße zu tun. Und statt des nächsten Strukturpapiers wäre vielleicht ein Bußwort am Platze, in dem Leitende eingestehen***, dass sie auch nicht wissen, wo es langgeht; dass sie den Druck empfinden, unter dem ihre Mitarbeitenden stehen, aber auch nicht wissen, wie sie ihn von ihnen nehmen sollen; dass wir alle lernen müssen, darauf zu vertrauen, dass der Herr der Kirche weiß, wohin er mit uns will, auch – oder gerade? – wenn die gewohnten Strukturen nicht mehr zu erhalten sind.

 


*) Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Es ist wahrscheinlich kein Verlust, dass dieser Choral Hedwig von Rederns es nicht in den Stammteil des EG geschafft hat. Im Bayerischen EKG ist er im Gebetsteil mit der Entstehungszeit „1915“ und einer rührenden Anekdote aufgeführt; die Braunschweigische Landeskirche hat ihn unter der Nr. 591 in den Regionalteil aufgenommen, weil er in Braunschweig gern auf Beerdigungen gesungen wurde (hier ist als Entstehungsjahr 1901 genannt).

**) Ja, hier deutet das deuteronomistische Geschichtswerk Geschichte, die vielleicht nur als Geschichte existiert. Aber was ist unser Umgang mit der Bibel anderes als Deutung unserer (Lebens-)Geschichte mit Geschichten, die vielleicht nur als Geschichten existieren.

***) Die kirchliche Spielart menschlicher Hybris macht sich besonders daran fest, dass Leitungspersonen niemals Schwäche(n) zeigen dürfen. Man stelle sich eine Kandidatin für das Amt der Superintendentin vor, die öffentlich bekennt, an Depressionen zu leiden oder einen Burnout gehabt zu haben; eine Kirchenrätin, die ihre Ratlosigkeit oder ihre Inkompetenz in einem bestimmten Fachgebiet eingesteht. Dabei sollte das gerade in der Kirche selbstverständlich sein – ja, m.E. sollte es zu einer Voraussetzung eines Leitungsamtes in der Kirche gehören, sich über die eigenen Grenzen im klaren zu sein. Unseren Bischöfinnen würde eine Hofnärrin gut tun, die ihnen den Spiegel vorhält, oder, besser noch, einer jener Sklaven, der hinter dem Triumphator auf dem Triumphwagen stand und ihm ununterbrochen sagte: „Respice post te, hominem te esse memento“.

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