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Archiv für den Monat Februar 2018

Epiktet, Diatriben Buch I, Kapitel 18:
Dass man sich über Leute, die Fehler machen, nicht zu ärgern braucht.

[1] Wenn es wahr ist, was die Philosophen sagen, dass alle Menschen einen Anfangspunkt gemein haben, nämlich die Erfahrung: wie man zustimmt, wenn man erfährt, dass es sich so verhält und etwas verneint, wenn man erfährt, dass es sich nicht so verhält und, bei Gott!, sich zurückhält, wenn man erfährt, dass etwas unsicher ist. [2] So erstrebt man auch etwas, wenn man erfährt, dass es mir nutzt. Aber es ist unmöglich, eines interessant zu finden und ein anderes zu begehren, oder eines als Pflicht zu erkennen, aber ein anderes in Angriff zu nehmen. Warum ärgern wir uns dann noch über die Vielen? [3] – Diebe, sagt einer, sind sie, und Betrüger. – Was ist ein Dieb und Betrüger? Es sind Leute, die sich über Gut und Böse geirrt haben. [4] Muss man sich also über sie ärgern, oder mit ihnen Mitleid haben? Aber zeige ihnen ihren Irrtum auf, und du wirst sehen, wie sie von ihren Fehlern Abstand nehmen. Wenn sie aber keine Einsicht zeigen, haben sie keinen Standpunkt außerhalb ihrer Meinung erlangt.
[5] Muss man diesen Piraten und diesen Ehebrecher nicht umbringen? [6] – Keineswegs, sondern frage dich eher: „Muss nicht der umgebracht werden, der sich irrte und völlig über die wichtigsten Angelegenheiten täuschte; der blind ist nicht in Bezug auf das Sehen, das zwischen Weiß und Schwarz unterscheidet, sondern in Bezug auf die Erkenntnis, die zwischen Gut und Böse unterscheidet?“ Und wenn du so sprichst, erkenne [7], wie unmenschlich das ist, was du sagst und dass du ebensogut sagen könntest: „Muss man nicht den Blinden umbringen und den Tauben?“ [8] Wenn nämlich der Verlust der wichtigsten Dinge der größte Schaden ist, das wichtigste bei jedem aber die Überzeugung ist, nach der man handelt, und jemand dessen beraubt ist, was ärgerst du dich über ihn? [9] Mensch, wenn du schon widernatürlich von anderer Leute Schlechtigkeiten aufgebracht wirst, bemitleide ihn lieber, als ihn zu hassen. Unterdrücke deine Neigung zum Anstoßnehmen und zum Hassen. [10] Trage nicht diese Reden vor, die die Menge der Kritiker im Munde führt: „Diese verfluchten und verruchten Trottel!“ [11] Sei’s drum. Wie bist du doch plötzlich weise geworden, dass dir andere Trottel zuwider sind? Warum ärgern wir uns denn? Weil wir das Material wichtig nehmen, dessen wir beraubt werden. Sobald du also deine Kleidung nicht wichtig nimmst, ärgerst du dich auch nicht über den Dieb. Nimm die Schönheit der Frau nicht so wichtig, und du ärgerst dich nicht über den Ehebrecher. [12] Erkenne, dass ein Dieb und ein Ehebrecher keinen Platz haben in den Dingen, die dein sind, sondern in fremden Dingen und dem, was nicht in deiner Macht steht. Lässt du diese Dinge und hältst sie für nichts, über wen ärgerst du dich dann noch? Solange du aber diese wichtig nimmst, ärgere dich eher über dich als über jene Diebe. [13] Überlege dir: Du besitzt schöne Kleidung, dein Nachbar nicht. Du besitzt eine Tür und willst die Kleidung lüften. Jener Nachbar weiß nicht, was das Gute im Menschen ist, sondern bildet sich ein, es sei der Besitz schöner Kleidung, [14] was auch du dir einbildest. Wird er folglich nicht kommen und sie nehmen? Aber wenn du Leckermäulern einen Kuchen zeigst, um ihn allein zu verschlingen, willst du dann nicht, dass sie ihn sich schnappen? Reize sie nicht, besitze keine Tür, lüfte nicht deine Kleidung.
[15] Auch ich hatte jüngst noch einen eisernen Leuchter, der stand neben den Hausgöttern, als ich bei der Tür ein Geräusch hörte und hinlief. Ich fand den Leuchter als einen Gestohlenen vor. Ich überlegte, dass der Dieb nichts Ungehöriges empfunden hat. Was folgt daraus? [16] Morgen, sag ich, wirst du einen irdenen Leuchter finden. Denn man verliert nur das, was man besitzt. „Ich habe meine Jacke verloren!“ – Ja, du hattest eine Jacke. „Ich habe Kopfschmerzen!“ – Du hast doch nicht etwa Schmerzen in den Hörnern? Denn diese Verluste, diese Schmerzen kommen nur vom Eigentum.
[17] „Aber der Tyrann wird fesseln …“ – wen? Das Bein. „Aber er wird abschneiden …“ – was? Den Nacken. Was wird er folglich weder fesseln noch abschneiden können? Die Überzeugung. Darum rieten die Altvorderen: Erkenne dich selbst! [18] Was folgt daraus? Dass man, bei den Göttern!, sich um die kleinen Dinge bemühen muss und von jenen beginnend fortschreiten muss zu den größeren. [19] „Ich habe Kopfschmerzen!“ – Sag nicht: „Oh weh!“. „Ich habe Öhrchenschmerzen!“ – Sag nicht: „Oh weh!“. Und ich sage damit nicht, dass man nicht seufzen darf. Aber innerlich sollst du nicht seufzen. Auch sollst du nicht schreien und das Gesicht verziehen und sagen: „Alle hassen mich!“, wenn der Diener den Verband zu langsam bringt. Wer würde so jemanden nicht hassen? [20] In Zukunft lebe richtig, im Vertrauen auf diese Grundsätze, aufrecht und frei, und vertraue nicht auf die Größe des Körpers wie ein Athlet. Denn man braucht nicht wie ein Esel unbesiegbar zu sein.
[21] Wer also ist unbesiegbar? Wen nichts Unvorhergesehenes aus der Fassung bringt. Also betrachte ich im Folgenden jeden der Umstände und nehme ihn durch wie beim Athleten. „Dieser Athlet erzwang den Sieg in der ersten Disziplin. Was wird in der zweiten sein? Was, wenn es Hitze gibt? Was in Olympia?“ Und hier ist es dasselbe: Wenn du ihm ein Silbermünzlein hinwirfst, wird er es ignorieren. Was aber, wenn es ein Mädchen ist? Was, wenn es dunkel ist [= wenn es niemand sieht]? Was, wenn es eine kleine Ehre ist? Was, wenn es eine Kränkung ist? Was, wenn es ein Lob ist? Was, wenn es der Tod ist? [23] Er kann über all das siegen. Was, wenn es brütend heiß wäre, das meint: Was, wenn er betrunken wäre? Was, wenn er depressiv wäre? Was, wenn er schläft? So einer ist für mich ein unbesiegbarer Athlet.

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