Kommentar zu #NoRadioShow014

@adloquii fragte mich nach meiner Meinung zur #NoRadioShow014 zum Thema „Wissenschaft und Religion“, wohl auf dem Hintergrund des Kommentars von @gunterlierschof.

 

@gunterlierschof kritisiert in seinem Blog die „Machtgeilheit“, die „in der Anmaßung zwei Worte, zwei Begriffe zu nehmen, hinter denen sich sehr schwierig zu fassende Phänomene verbergen“, steckt.
Ich kann diese Kritik nicht teilen; ich finde es legitim, „dicke Bretter“ zu bohren, indem man über Begriffe wie „Wissenschaft“ und „Religion“ nachdenkt. Zumal es den drei Diskutanden nicht darum geht, diese Begriffe zu definieren oder zu kritisieren, sondern die Unterscheidung im Blick auf das Thema der #NoRadioShow: die Auswirkungen des Computers auf unser Leben, abzuklopfen.
Aber in einer Hinsicht empfinde ich doch Sympathie für den Vorwurf der Anmaßung, nämlich was die Länge des Podcasts angeht. So gern ich den schweizer Zungenschlag von @laStaempfli und @sms2sms höre, über zwei Stunden Podcast sind eine echte Zumutung. „Ein Pfarrer darf über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“ – diese Regel sollte auch für Podcasts gelten 😉

Ich fand die Unterhaltung trotz ihrer Länge sehr erhellend und habe in meine Mitschrift bereits meine Assoziationen eingetragen. Das, was @laStaempfli kritisch zur Macht der Fiktion sagt, wendet @Ballkultur in seinen Arbeiten ins Positive, indem er von der „kooperativen Webgesellschaft“ als einer Erzählung spricht, die das Internet eben nicht als Bedrohung unserer Existenz sieht, sondern ihm das Potenzial unterstellt, unsere Welt zu retten und zu einer gerechteren Welt zu machen. Ich teile seine Ansicht und glaube, dass die Macht der Fiktion positiv angewendet werden kann, nicht notwendigerweise „Opium für’s Volk“ sein muss, und dass hier ein Potenzial für die „Stories“ (Dietrich Ritschl) der Bibel liegt.

Religion und Wissenschaft sehe ich nicht als Gegensatzpaar. Theologie hat immer Wissenschaft sein wollen. Dass das der Theologie nicht gut getan hat und nicht gut tut, steht auf einem anderen Blatt.
Viel anfangen kann ich mit Diesseits und Jenseits als räumlichen Begriffen. Rilke hat das Nebeneinander dieser beiden Räume in das Bild zweier benachbarter Zimmer gefasst:

„Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.“
(Rilke, Das Stundenbuch)

Hier finde ich auch die von @laStaempfli erwähnte Inkarnation oder Inkorporation des Transzendenten wieder, die freilich fragil ist – es gibt eben den einen Namen nicht, mit dem man Gott „bannen“ könnte. Das wird deutlich in der besonderen Namenlosigkeit Gottes im Judentum: Gott hat einen Namen – יהוה -, aber man darf/kann ihn nicht aussprechen, was zur putzigen Verlesung des Qere perpetuum zu „Jehova“ geführt hat, weil der neugierige Mensch den Namen eben doch aussprechen will, dem Tabu zum Trotz.

Widersprechen möchte ich @laStaempflis Behauptung, Ziel jeder Religion sei die Vorbereitung auf das Jenseits. Nein, Ziel jeder Religion ist das Bestehen des Diesseits. Im Judentum gab es z.B. Strömungen, die den Auferstehungsglauben radikal ablehnten. Und noch heute spielt die Auferstehung m.W. im Judentum keine solche Rolle, wie sie in der Theologie des Paulus spielt. Shalom Ben-Chorin äußerte sich (wenn ich mich richtig erinnere) verwundert darüber, dass die Christen sein Lied „Freunde, dass der Mandelzweig“ so gerne sängen, wo es doch angesichts des Leides nicht aufs den Himmel vertröstet, sondern ganz im Diesseits bleibt:

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering,
in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.

Im Christentum ist der Auferstehungsglaube ein fester Bestandteil des Glaubens und ein Dogma, aber nicht für alle Christ*innen und christlichen Gruppen zentral. Das war früher sicherlich einmal anders, und es gibt christliche Gruppierungen, die die Vorbereitung auf das Jenseits als Ziel ihres Glaubens bezeichnen würden – das gilt meiner Wahrnehmung nach v.a. für viele nordamerikanische Kirchen. Aber gerade in den USA entwickelt sich gerade auch eine sehr diesseitsorientierte kirchliche Arbeit, die sich für sozial Schwache einsetzt oder dafür, der weißen Suprematur etwas entgegenzusetzen: #DecolonizeLutheranism. Insgesamt wird immer mehr erkannt, dass Kirche und Glaube nur eine Zukunft haben, wenn sie gelebt, nicht, weil sie gelehrt, gepredigt und doziert werden.
Man kann durchaus sagen, dass Jesus einen diesseitigen Glauben gelebt hat. Ihm ging es um die Liebe, die keinen Unterschied zwischen Menschen macht – Kollaborateure, Prostituierte, aus der Gemeinde Ausgeschlossene waren seine Freunde; er galt als „Fresser und Weinsäufer“, weil die gemeinsame Mahlzeit mit Menschen aller Klassen und Herkünfte sein „Markenzeichen“ war: daran entschied (und entscheidet) sich, wie ernst man es mit der Liebe meint. Insofern ist Jesus vielleicht der erste, der radikal die Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben hat, indem er erklärte, das Reich Gottes sei in ihm nahe herbeigekommen. Er hat auch den Tod Gottes vorweggenommen – nicht durch seinen Tod am Kreuz, sondern indem er Gott vom Himmel herabholte und das Heilige komplett profanisierte: Die Gegenwart Jesu ist der Himmel auf Erden, nicht ein Tempel, ein Altar oder ein heiliges Buch. Diese Profanisierung des Heiligen durch Jesus ist heute ein kritisches Instrument gegen den von Walter Benjamin beschriebenen „Kapitalismus als Religion“, der alles „heiligt“, also der Religion unterwirft, indem alles „Ware“ ist oder werden kann. Demgegenüber sind z.B. Kirchen letzte Rückzugsräume vor der Religion des Kapitalismus, weil sie einen Raum bereitstellen, in dem man nicht nach seinem Wert beurteilt wird. Aber auch Kirchen werden inzwischen verkauft …

Ich habe den Eindruck, dass ich dem Podcast mit meinem Kommentar nicht gerecht werde. Ich bin kein Theoretiker, und ich habe nichts von der Literatur gelesen, auf die im Podcast Bezug genommen wird. Ich kann eben nur auf meinem Niveau antworten – ich hoffe, dass @adloquii nicht allzu enttäuscht ist.

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5 Kommentare
  1. Danke für deinen Beitrag – wie immer ausführlich und liebevoll! – ich bin mir aber nicht sicher ob mein Einwand wirklich erfasst wurde? Einmal bezieht er sich auf die logischen Mechanismen die einsetzten, wenn Begriffe, die so umfassend sind verglichen werden – bezieht sich auf alle die unausgesprochenen Voraussetzungen die einfliesen, aber nicht genannt werden – ein Deffinition würde gar nichts helfen, im Gegenteil – bezieht sich darauf, dass Stefan alle kritisiert die schematisieren, selbst nichts anderes tut als über Schemen sprechen – wobei er trotz der Schemen immer wieder zu verblüffenden Ergebnissen kommt – meine Kritik ist eine dem methodischen Denken geschuldet und ist Wertschätzung!
    Günter L.

    • @ImTunnel hat als Antwort auf @adliquiis Frage, was „unmarked space“ bedeutet, getwittert: „Draw a distinction. Watch its form. Work its unrest. Know your ignorance.“ Ausgehend von dieser Antwort verstehe ich das Tun von Stefan so, dass er beobachtet, was passiert, wenn man diese Unterscheidung trifft. Ich denke, eine solche Herangehensweise muss notgedrungen schematisch bleiben, weil man seine eigenen (Vor)Urteile, sein (Un)Wissen mit einträgt. Dadurch „zeigt“ man aber, wer man ist. Auf diese Interpretation haben mich zwei Tweets von Stefan, ebenfalls an @adloquii, gebracht: „ich kann nicht so viele hacken… ich lese es einfach. du sagst LICHT. + ich beobachte, von was du das unterscheidest:“ „<???<

      <schatten<
      <sound<
      <L-a-cht<
      etc
      so lerne ich dich kennen… dich. was LICHT ist, weiss ich nicht.“
      Kurz: Ich glaube, es geht Stefan nicht darum, die Begriffe „Wissenschaft“ und „Religion“ zu durchdringen. Er benutzt sie als Blackboxes, weil er beobachtet, dass sie in einen Gegensatz gebracht werden, um herauszufinden, wie wir diesen Gegensatz benutzen. Von den Begriffen selber behauptet er – ganz sokratisch -, nichts zu wissen. Möglicherweise steckt in Stefan der gleiche Schelm wie in platonischen Sokrates, der uns mit Hilfe seiner Maieutik zeigen will, dass wir eigentlich nichts wissen – daher sein Zwinkersmiley 😉

      • Mir sind beim Tippen auf dem Smartphone ein paar Fehler unterlaufen:
        – es muss @adloquii heißen
        – der zweite Tweet von Stefan sieht so aus (ich ersetze Stefans Spitzklammern durch eckige Klammern, weil WordPress diese für HTML-tags hält):

        [[LICHT]???[

        [[LICHT]schatten[
        [[LICHT]sound[
        [[LICHT]L-a-cht[
        etc
        so lerne ich dich kennen… dich. was LICHT ist, weiss ich nicht.

  2. Lieber gfschmidt!

    Das, was Dirk Becker, Niklas Luhmann und
    alle systemtheoretisch denkend und sprechenden „Differenz“ nennen,
    ist – für mich – die lächerliche Verniedlichung eines umfassenden Phänomens
    welches ein ganz andere Dimension bekommt
    horche wir auf das, was z.B. Joseph Beuys erzählt

    was schon Nikolaus von Kues in
    De docta ignorantia („Über die belehrte Unwissenheit“, 1440)
    uns sagen hatte

    was hinter dem sich zur Zeit
    verstärkendem Interesse an Religion
    verbirgt.

    Die Ahnung, im
    rational-liberalen Denken
    blieb eineiges
    unbedacht.

    Was, wenn es nur als Differenz genannt wird
    sich mit Unscheinbarkeit tarnt und die
    gewalttätige Dimension der Frage verschleiert !

    Zu Stefan:
    Das Ergebnis zu dem St. S. im Vergleich von Wissenschaft + Religion
    gekommen ist – dass wir beiden Bereichen die Individualität zu verdanken haben –
    lässt mich als Künstler zwei getrennte Verfahren erahnen.

    Eine langwierige, auf vielfältigen Erfahrungen sich gründende Einsicht
    die dann in einen simplifizierenden Schematis gefüllt wird.

    Aber auch das künstlerische Wissen darum, wie Irritationen,
    Spannungen, Widersprüchlichkeiten formal komponiert werden müssen
    scheint Teil des Verfahrens zu sein.

    Meine Kritik bezieht sich auf das Ausgeschlossene
    das in diesen „Großverfahren“ untergeht.
    Naive theoretische Gemüter nehmen diese
    Welt-Urteile dann wie Wahrheiten – die wiederum
    ich irritiere.

    Grüße aus Innsbruck

    G.L

  3. Lieber gfschmidt!

    Das, was Dirk Becker, Niklas Luhmann und
    alle systemtheoretisch Denkend und Sprechenden „Differenz“ nennen,
    ist – für mich – die lächerliche Verniedlichung eines umfassenden Phänomens
    welches ein ganz andere Dimension bekommt
    horche wir auf das, was z.B. Joseph Beuys erzählt

    was schon Nikolaus von Kues in
    De docta ignorantia („Über die belehrte Unwissenheit“, 1440)
    uns zu sagen hatte

    was sich hinter dem
    verstärkendem Interesse an Religion
    verbirgt.

    Ein Ahnung davon wie
    im rational-liberalen Denken
    einiges ungedacht
    gebleibe ist.

    Was, wenn es nur als Differenz genannt wird
    sich mit Unscheinbarkeit tarnt und damit die
    gewalttätige Dimension der Frage verschleiert !

    Zu Stefan:
    Das Ergebnis zu dem St. S. im Vergleich von Wissenschaft + Religion
    gekommen ist – dass wir beiden Bereichen W + R die Individualität zu verdanken haben –
    lässt mich als Künstler zwei getrennte Verfahren erahnen.

    Eine langwierige, auf vielfältigen Erfahrungen sich gründende Einsicht
    die dann in einen simplifizierenden Schematis gefüllt wird.

    Aber auch das künstlerische Wissen darum, wie Irritationen,
    Spannungen, Widersprüchlichkeiten formal komponiert werden müssen
    gelingt dem Stefan.

    Meine Kritik bezieht sich auf das Ausgeschlossene
    das in diesen „Großverfahren“ untergeht.
    Naive theoretische Gemüter nehmen diese grandiosen
    Welt-Urteile dann wie Wahrheiten – die wiederum
    ich irritiere.

    Grüße aus Innsbruck

    G.L

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