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Archiv für den Monat April 2017

Eine „Rezension“ zu Hubertus Halbfas, Glaubensverlust
Ostfildern (Patmos) 2011, 6. Aufl. 2017, ISBN 978-3-8436-0100-9

Ich teile (zu) vieles an Halbfas’ Kritik. Seine Kritik am kirchlichen Dogma, das nicht an die Erkenntnisse der Wissenschaft angepasst wurde, hat eine in mir rumorende Unzufriedenheit bestätigt und beim Namen genannt. Sein Anliegen, das Glaubenswissen mit der Naturwissenschaft auszusöhnen, ist indes nicht neu und ist ein Thema, das Kirche „seit jeher“ begleitet – Anselm von Canterbury schrieb sein „Fides quaerens intellectum“ – der Glaube verlangt nach Verstehen -, was Karl Barth zu seiner Kirchlichen Dogmatik inspirierte. Barth hat die Frage des Verhältnisses von Glaube und Naturwissenschaft dadurch umschifft, dass er den Glauben einfach zu einer geschlossenen Veranstaltung erklärte, ohne Schnittmenge mit der „Welt“, in den man „hineinspringen“ müsse. Halbfas fegt diese und andere Lösungen des (Un)Verhältnisses von Glaube und Vernunft (z.B. Dietrich Ritschl, Zur Logik in der Theologie, um einen anderen Schweizer zu nennen) einfach beiseite. Das macht Mut, die ehrwürdigen Traditionen und Dogmen der Kirche kritisch unter die Lupe zu nehmen. Und macht doch zugleich misstrauisch: Macht er es sich nicht zu leicht?
Dieses Misstrauen wächst, wenn man sich seine Kernthese anschaut: Die „Lücke“ im Glaubensbekenntnis, die angeblich in der Auslassung des Lebens und Wirkens Jesu besteht – dabei bemerkt Halbfas selbst, dass man das Handeln aus Liebe nicht „bekennen“ kann, weil das Handeln selbst Bekenntnis ist.
Halbfas stellt fest, dass die Kirche Paulus „aufgesessen“ ist und spätestens seit der konstantinischen Wende den fatalen Weg dessen eingeschlagen hat, der Jesus nie persönlich gekannt hat, während die Botschaft der Evangelien nicht mehr als Anleitung zur Nachfolge („Ein Beispiel habe ich euch gegeben“), sondern als Quelle für die Dogmenbildung „missbraucht“ wurde.
Diese Kritik verkennt den historisch-kritischen Befund, auf den Halbfas selbst großen Wert legt, der aber auch lautet: Die Briefe des Paulus sind die ältesten neutestamentlichen Texte, nicht die Evangelien. Das heißt aber, dass Paulus, wenn er von „Evangelium“ spricht, nicht den Begriff verkehrt, wie Halbfas unterstellt (S. 21), sondern ihn vor der Entstehung der Literaturgattung „Evangelium“ quasi als erster benutzt. Und: Die Evangelien wollen keine Berichte des Lebens Jesu sein; sie sind vielmehr „Passionsgeschichten mit Anlauf“: konsequent von hinten nach vorn, vom Heilsereignis der Kreuzigung und Auferstehung her geschrieben. Das heißt: Auch sie tun das, was Halbfas Paulus vorwirft: Sie ignorieren historische Tatsachen, konstruieren vielmehr das Leben Jesu von diesem für sie zentralen Heilsereignis seines Kreuzestodes her auf dieses hin. Nicht nur die (eindeutig „erfundenen“) Kindheitsgeschichten, auch alles andere wird ihm vorgelagert und dienstbar gemacht.

Hubertus Halbfas will mit seinem Buch nicht zurück zu irgendeiner früheren Form der Kirche, er will ganz zurück an den Anfang, zurück zu Jesus selbst. Das finde ich nun allerdings extrem problematisch, denn Jesus ist keine historische Person – so sicher er gelebt hat -, sondern eine Figur des Glaubens. Daran ist Paulus (mit)schuld; aber er ist nur die Spitze einer Bewegung der Konzentration auf Jesus als „Heilsereignis“, die offensichtlich sofort nach dem Tod Jesu einsetzte. Wenn das Thomasevangelium, wie Halbfas behauptet, Zeuge einer „anderen“ Jesusbewegung war (was man überprüfen müsste), dann ist diese Bewegung spätestens eine Generation nach Jesu Tod von der „Kirche“ verdrängt worden. Dieses Faktum kann man beklagen, aber dadurch bleibt es doch eine Tatsache – wie die fast 2.000 Jahre Kirchengeschichte. Unser Glaube ist ein Produkt dieser Geschichte der Kirche. Man kann, wie es schon die Renaissance tat, „ad fontes!“ rufen: Zurück zu den Quellen (was Luther tat, indem er radikal die kirchliche Tradition verwarf und nur die Bibel gelten lassen wollte – und dort mit den Apokryphen sogar noch einen Kanon im Kanon bildete). Aber man kommt nie mehr an den Ursprung zurück.
Welcher Ursprung soll das auch sein?
Halbfas nennt die Mahlgemeinschaft das Zentrum der jesuanischen Verkündigung. Nehmen wir an, das sei so: Sie wird in der überwiegenden Zahl der (protestantischen) Gemeinden praktiziert. Ich wüsste keine Gemeinde, die Menschen vom Abendmahl wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, ihres gesellschaftlichen Ranges etc. ausschlösse. Halbfas hat aber mehr im Sinn: Die Hinwendung zu den „anderen“ – den sozial Schwachen und Ausgegrenzten, den Kranken, Gefangenen, den Huren und „Sündern“. Die Kirche hat diese Hinwendung professionalisiert – Klinikseelsorge, Gefängnisseelsorge. Das war vielleicht ein Fehler. Aber, Hand aufs Herz: Es gibt keine Durchlässigkeit der Mileus. Wir haben offiziell keine Klassengesellschaft mehr, aber wir haben noch immer gesellschaftliche Klassen: Es wäre doch Augenwischerei, wollte man verkennen, dass es Klassenunterschiede gibt. Zwar sind die Grenzen durchlässig(er) geworden. Aber man bleibt doch unter sich, in seiner „Filterbubble“, wie es in den Social Media heißt. Keiner von uns hätte Berührungsängste mit Menschen aus anderen gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber wir teilen nichts miteinander – weder Gewohnheiten, noch Interessen, noch Themen. Deshalb sind alle Versuche der Überwindung sozialer Grenzen letzlich verlogen. Die Betroffenen spüren das ganz deutlich, und sie goutieren es nicht. Denn wir kommen als „Helfer“; wir kommen in der Rolle der Überlegenen, wie weiland die Missionare. Wir kommen nicht, weil wir das Leben mit diesen Menschen teilen wollen – das wollen und können wir nicht -, sondern weil wir sie zu uns „heraufheben“ wollen. Wir wollen helfen, aber wir wollen mit diesen Leuten nicht auch noch unsere Freizeit verbringen. Wir hätten uns einfach nichts zu sagen.

Der christliche Glaube war und ist eine Sache, die einen gewissen Intellekt voraussetzt. Auch, wenn die Jünger Jesu angeblich Fischer waren: Die Christen in den ersten Gemeinden, von denen wir wissen, waren es nicht. Die „Volkskirche“ hat das verschleiert, weil es (zu) lange Zeit selbstverständlich war, Kirchenmitglied zu sein – man brauchte nicht darüber nachzudenken (und man sollte es auch nicht!). Heute, wo der Glaube eine Option ist, optiert die Mehrheit dagegen. Das kann man bedauern und betrauern; es ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Glaube, der alle unterschiedslos einlädt, nichts für alle war und nichts für alle ist. Die Christen in Korinth zur Zeit des Paulus passten um einen Küchentisch. Warum wollen wir heute, dass es anders ist?

Halbfas trägt seine kommunistische Utopie in seine Sicht auf die Kirche ein. Das gibt ihm ein Instrument an die Hand, Fehlentwicklungen der Kirche zu sehen und zu benennen. Die Alternative, die er nicht klar bennent, die nur via negativa durchscheint, ist eine Utopie: So war Kirche nie, so wird sie nie sein. Und zugleich wurde und wird Kirche längst an vielen Orten so gelebt, wie Halbfas es sich wünscht.
Ich finde es gefährlich, den Glauben derart zu verengen, wie Halbfas es tut, und die Geschichtlichkeit des Glaubens ignorieren zu wollen; da ist er für mich ein „terrible simplificateur“. Mut macht seine Erinnerung daran, dass es immer wieder anders ging und anders geht, als die schwerfällige Institution Kirche gehen kann. Dass der Glaube mit seinem Ansatz eine Renaissance erfährt, gar der negative Trend umgekehrt werden kann, glaube ich nicht.

Ezechiel 34 als Gebet mit Kyrie und Gloria zum Sonntag Miserikordias Domini

So schreibt der Prophet Ezechiel:
Das Wort des Herrn erging an mich:
Du Mensch, weissage gegen die Hirten Israels,
weissage und sprich zu ihnen, zu den Hirten:
So spricht Gott, der Herr:
Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben!
Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden?

Wir hören diese Worte an die Hirten Israels
und erinnern uns, wie Gott Kain fragte:
Wo ist dein Bruder Abel?,
und er antwortete:
Soll ich meines Bruders Hüter sein?
Auch wir denken zu oft an uns
und zu wenig an unsere Mitmenschen.
Darum rufen wir: EG 178.11 Herr, erbarme dich

Das Fett esst ihr
und mit der Wolle bekleidet ihr euch
und die fetten Schafe schlachtet ihr
– ihr weidet die Schafe nicht!

Wir leben in einem reichen Land.
Wir leben von der Armut der anderen.
Wir tragen Kleidung, die sie für uns für wenig Lohn nähen,
kaufen Nahrungsmittel, die sie für uns billig anbauen,
und hindern sie so daran,
sich eine Existenz aufzubauen.
Darum rufen wir: EG 178.11 Herr, erbarme dich

Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt,
und was krank war, habt ihr nicht geheilt,
und was gebrochen war, habt ihr nicht verbunden,
und was versprengt war, habt ihr nicht zurückgeholt,
und was verloren gegangen war, habt ihr nicht gesucht,
und mit Macht habt ihr sie niedergetreten und mit Gewalt.

In unserer Leistungsgesellschaft kommt nur der Stärkere voran.
In der Schule zählen nur die Noten.
Da bleiben Schwache auf der Strecke.
Menschen kommen unter die Räder.
Krankheit, Irrtum, Umwege darf es nicht geben.
Darum rufen wir: EG 178.11 Herr, erbarme dich

Und weil kein Hirt da war, haben sie sich zerstreut
und sind sie zum Frass geworden für alle Tiere des Feldes,
und so haben sie sich zerstreut.
Auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel irren meine Schafe umher,
über das ganze Land sind meine Schafe zerstreut,
und da ist niemand, der nach ihnen fragt,
und niemand ist da, der nach ihnen sucht.

Als Gemeinde sind wir nicht nur für uns da.
Als Gemeinde sind wir nicht uns selbst genug.
Wir sind von Gott gesandt,
Menschen einzuladen und ihnen Gottes Freundlichkeit zu zeigen.
Wir aber haben mit unseren Problemen
und der Sorge um unsere Zukunft zu tun
und vergessen unseren Auftrag.
Darum rufen wir: EG 178.11 Herr, erbarme dich

Darum, Hirten, hört das Wort des Herrn!
So wahr ich lebe, Spruch Gottes, des Herrn,
weil meine Schafe zur Beute
und meine Schafe zum Frass geworden sind für alle Tiere des Feldes, ohne Hirt,
und meine Hirten nicht nach meinen Schafen gefragt haben
und die Hirten sich selbst geweidet und meine Schafe nicht geweidet haben,
darum, Hirten, hört das Wort des Herrn!
So spricht Gott, der Herr:
Seht, ich gehe gegen die Hirten vor
und fordere meine Schafe aus ihrer Hand
und sorge dafür, dass sie keine Schafe mehr weiden,
und auch sich selbst werden die Hirten nicht mehr weiden.
Und ich werde meine Schafe vor ihrem Rachen retten,
und sie werden ihnen nicht zum Frass werden.

Wir werden immer weniger.
Vielleicht liegt es daran,
dass wir uns zu viel um uns selbst kümmern
und zu wenig um die,
um die sich sonst keiner kümmert.
Vielleicht liegt es daran,
dass wir unseren Auftrag vergessen haben,
vergessen haben, wer unser Nächster ist.
Darum rufen wir: EG 178.11 Herr, erbarme dich

So spricht Gott, der Herr:
Seht, ich selbst, ich werde nach meinen Schafen fragen
und mich um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert
am Tag, da er inmitten seiner Schafe ist, die aufgeteilt worden sind,
so werde ich mich um meine Schafe kümmern
und sie retten aus allen Orten, wohin sie zerstreut worden sind
am Tag des Gewölks und des Wolkendunkels.

Wir haben unseren Auftrag,
unsere Mitmenschen vergessen.
Aber Gott hat sie nicht vergessen.
Gott hört nicht auf, uns daran zu erinnern,
dass wir die Liebe nicht für uns allein haben,
sondern sie weitergeben an andere,
Darum singen wir: EG 180.3 Wir loben dich

Ich werde sie herausführen aus den Völkern
und sie sammeln aus den Ländern,
und ich werde sie auf ihren Boden bringen,
und auf den Bergen Israels,
an den Flussbetten und an allen Wohnorten im Land werde ich sie weiden.
Auf guter Weide werde ich sie weiden,
und auf den hohen Bergen Israels wird ihr Weideplatz sein;
dort werden sie auf gutem Weideplatz lagern,
und auf fetter Weide werden sie weiden auf den Bergen Israels.
Ich selbst werde meine Schafe weiden,
und ich selbst werde sie lagern lassen! Spruch Gottes, des Herrn.

Wir erinnern uns daran,
dass Gott Glück, Gutes und Gerechtigkeit für alle Menschen will,
ungeachtet ihrer Herkunft oder Hautfarbe,
ungeachtet ihres Alters und ihrer Leistungen,
ungeachtet ihres Glaubens oder Unglaubens.
Wir staunen, dass Gottes Liebe so viel größer ist als unsere.
Darum singen wir: EG 180.3 Wir loben dich

Was verloren gegangen ist, werde ich suchen,
und was versprengt worden ist, werde ich zurückholen,
und was gebrochen ist, werde ich verbinden,
und was krank ist, werde ich stärken.
Was aber fett und kräftig ist, werde ich vernichten;
ich werde sie weiden und für Recht sorgen.

Gott ist ein Gott des Rechts und der Gerechtigkeit.
Gott lässt nicht zu, dass der Stärkste gewinnt,
dass der zuerst mahlt, der zuerst kommt,
dass Dreistigkeit, Rücksichtslosigkeit und Frechheit siegen.
Das Schwache, Verlorene, Gebrochene und Kranke
soll die selben Rechte haben.
Darum singen wir: EG 180.3 Wir loben dich

Wir danken dir, Gott,
dass dein Wort uns an deinen guten Willen für uns
und für alle Menschen erinnert.
Gib, dass wir es hören können,
und hilf uns, dass wir auch danach handeln.
Amen.

@adloquii fragte mich nach meiner Meinung zur #NoRadioShow014 zum Thema „Wissenschaft und Religion“, wohl auf dem Hintergrund des Kommentars von @gunterlierschof.

 

@gunterlierschof kritisiert in seinem Blog die „Machtgeilheit“, die „in der Anmaßung zwei Worte, zwei Begriffe zu nehmen, hinter denen sich sehr schwierig zu fassende Phänomene verbergen“, steckt.
Ich kann diese Kritik nicht teilen; ich finde es legitim, „dicke Bretter“ zu bohren, indem man über Begriffe wie „Wissenschaft“ und „Religion“ nachdenkt. Zumal es den drei Diskutanden nicht darum geht, diese Begriffe zu definieren oder zu kritisieren, sondern die Unterscheidung im Blick auf das Thema der #NoRadioShow: die Auswirkungen des Computers auf unser Leben, abzuklopfen.
Aber in einer Hinsicht empfinde ich doch Sympathie für den Vorwurf der Anmaßung, nämlich was die Länge des Podcasts angeht. So gern ich den schweizer Zungenschlag von @laStaempfli und @sms2sms höre, über zwei Stunden Podcast sind eine echte Zumutung. „Ein Pfarrer darf über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“ – diese Regel sollte auch für Podcasts gelten 😉

Ich fand die Unterhaltung trotz ihrer Länge sehr erhellend und habe in meine Mitschrift bereits meine Assoziationen eingetragen. Das, was @laStaempfli kritisch zur Macht der Fiktion sagt, wendet @Ballkultur in seinen Arbeiten ins Positive, indem er von der „kooperativen Webgesellschaft“ als einer Erzählung spricht, die das Internet eben nicht als Bedrohung unserer Existenz sieht, sondern ihm das Potenzial unterstellt, unsere Welt zu retten und zu einer gerechteren Welt zu machen. Ich teile seine Ansicht und glaube, dass die Macht der Fiktion positiv angewendet werden kann, nicht notwendigerweise „Opium für’s Volk“ sein muss, und dass hier ein Potenzial für die „Stories“ (Dietrich Ritschl) der Bibel liegt.

Religion und Wissenschaft sehe ich nicht als Gegensatzpaar. Theologie hat immer Wissenschaft sein wollen. Dass das der Theologie nicht gut getan hat und nicht gut tut, steht auf einem anderen Blatt.
Viel anfangen kann ich mit Diesseits und Jenseits als räumlichen Begriffen. Rilke hat das Nebeneinander dieser beiden Räume in das Bild zweier benachbarter Zimmer gefasst:

„Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.“
(Rilke, Das Stundenbuch)

Hier finde ich auch die von @laStaempfli erwähnte Inkarnation oder Inkorporation des Transzendenten wieder, die freilich fragil ist – es gibt eben den einen Namen nicht, mit dem man Gott „bannen“ könnte. Das wird deutlich in der besonderen Namenlosigkeit Gottes im Judentum: Gott hat einen Namen – יהוה -, aber man darf/kann ihn nicht aussprechen, was zur putzigen Verlesung des Qere perpetuum zu „Jehova“ geführt hat, weil der neugierige Mensch den Namen eben doch aussprechen will, dem Tabu zum Trotz.

Widersprechen möchte ich @laStaempflis Behauptung, Ziel jeder Religion sei die Vorbereitung auf das Jenseits. Nein, Ziel jeder Religion ist das Bestehen des Diesseits. Im Judentum gab es z.B. Strömungen, die den Auferstehungsglauben radikal ablehnten. Und noch heute spielt die Auferstehung m.W. im Judentum keine solche Rolle, wie sie in der Theologie des Paulus spielt. Shalom Ben-Chorin äußerte sich (wenn ich mich richtig erinnere) verwundert darüber, dass die Christen sein Lied „Freunde, dass der Mandelzweig“ so gerne sängen, wo es doch angesichts des Leides nicht aufs den Himmel vertröstet, sondern ganz im Diesseits bleibt:

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering,
in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.

Im Christentum ist der Auferstehungsglaube ein fester Bestandteil des Glaubens und ein Dogma, aber nicht für alle Christ*innen und christlichen Gruppen zentral. Das war früher sicherlich einmal anders, und es gibt christliche Gruppierungen, die die Vorbereitung auf das Jenseits als Ziel ihres Glaubens bezeichnen würden – das gilt meiner Wahrnehmung nach v.a. für viele nordamerikanische Kirchen. Aber gerade in den USA entwickelt sich gerade auch eine sehr diesseitsorientierte kirchliche Arbeit, die sich für sozial Schwache einsetzt oder dafür, der weißen Suprematur etwas entgegenzusetzen: #DecolonizeLutheranism. Insgesamt wird immer mehr erkannt, dass Kirche und Glaube nur eine Zukunft haben, wenn sie gelebt, nicht, weil sie gelehrt, gepredigt und doziert werden.
Man kann durchaus sagen, dass Jesus einen diesseitigen Glauben gelebt hat. Ihm ging es um die Liebe, die keinen Unterschied zwischen Menschen macht – Kollaborateure, Prostituierte, aus der Gemeinde Ausgeschlossene waren seine Freunde; er galt als „Fresser und Weinsäufer“, weil die gemeinsame Mahlzeit mit Menschen aller Klassen und Herkünfte sein „Markenzeichen“ war: daran entschied (und entscheidet) sich, wie ernst man es mit der Liebe meint. Insofern ist Jesus vielleicht der erste, der radikal die Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben hat, indem er erklärte, das Reich Gottes sei in ihm nahe herbeigekommen. Er hat auch den Tod Gottes vorweggenommen – nicht durch seinen Tod am Kreuz, sondern indem er Gott vom Himmel herabholte und das Heilige komplett profanisierte: Die Gegenwart Jesu ist der Himmel auf Erden, nicht ein Tempel, ein Altar oder ein heiliges Buch. Diese Profanisierung des Heiligen durch Jesus ist heute ein kritisches Instrument gegen den von Walter Benjamin beschriebenen „Kapitalismus als Religion“, der alles „heiligt“, also der Religion unterwirft, indem alles „Ware“ ist oder werden kann. Demgegenüber sind z.B. Kirchen letzte Rückzugsräume vor der Religion des Kapitalismus, weil sie einen Raum bereitstellen, in dem man nicht nach seinem Wert beurteilt wird. Aber auch Kirchen werden inzwischen verkauft …

Ich habe den Eindruck, dass ich dem Podcast mit meinem Kommentar nicht gerecht werde. Ich bin kein Theoretiker, und ich habe nichts von der Literatur gelesen, auf die im Podcast Bezug genommen wird. Ich kann eben nur auf meinem Niveau antworten – ich hoffe, dass @adloquii nicht allzu enttäuscht ist.

Wieviel Gift wären Sie bereit,
für den Erfolg des Freien
Marktes und des Welthandels zu essen? Bitte
nennen Sie Ihre bevorzugten Gifte.

Wie viel Böses wären Sie
um des Guten willen bereit zu tun?
Tragen Sie in die folgenden Leerstellen
die Namen Ihrer Lieblings-
übel und bevorzugten Terrorakte ein.

Welche Opfer sind Sie bereit,
für Kultur und und Zivilisation zu bringen?
Bitte zählen Sie die Denkmäler, Heiligtümer
und Kunstwerke auf, die Sie
am ehesten zu zerstören bereit wären.

Welche Flächen unserer Heimat wären Sie
bereit, im Namen von Patriotismus und Vater-
landsliebe zu entweihen?
Nennen Sie auf den folgenden Feldern
die Berge, Flüsse, Städte und Gehöfte,
auf die Sie am ehesten verzichten können.

Nennen Sie kurz die Ideen, Ideale oder Hoffnungen,
die Energiequellen, die Formen der Sicherheit,
um deretwillen Sie ein Kind töten würden.
Nennen Sie bitte die Kinder, die
Sie zu töten bereit wären.

Wendell Berry

aus: „Leavings“, Counterpoint (April 1, 2011), ISBN-13: 978-1582436241
Original: http://writersalmanac.publicradio.org/index.php?date=2014/03/22