Kriegsspuren

Ein Text zur diesjährigen FriedensDekade

Wenn man Ende der 80er Jahre mit der S-Bahn durch Berlin fuhr, sah man sie noch, die Einschusslöcher. Von der S-Bahn aus blickte man auf die Hinterseite der Häuser. Während die Fassade repariert und verputzt war, hatte man die Ziegel der Rückseite so gelassen, wie sie waren: übersät mit Einschusslöchern von Gewehren, Maschinengewehren, Granatsplittern. Spuren eines Krieges, der damals bereits 40 Jahre zurück lag. Am Reichstag und an der Museumsinsel waren sie besonders eindrücklich.
Auch in anderen Städten waren sie zu sehen, diese Spuren – in Dresden z.B. die Ruine der Frauenkirche. Die auffälligen Lücken zwischen zwei Häusern: Da hatte ein Haus gestanden, das von einer Luftmine weggesprengt worden war. Ganze Stadtviertel waren durch Bomben dem Erdboden gleichgemacht worden, waren im Feuersturm verbrannt. Nur die Kirchen, fensterlos, ihre Türme ohne Hauben, Dach und Gewölbe eingestürzt, waren stehen geblieben. Die Straßen waren beim Wiederaufbau neu angelegt, verbreitert worden. Manchmal wussten nur die Alten noch, wie es hier früher einmal ausgesehen hatte.

Das sind die äußerlichen Kriegsspuren, die man auch heute noch in unseren Städten entdecken kann, wenn man sie sehen will. Dann gibt es aber noch die innerlichen Kriegsspuren derer, die diesen Krieg miterlebten. Die sieht man meist nicht, aber sie sind viel tiefer, haben viel mehr zerstört als ein Haus, ein Kulturdenkmal oder ein Stück Geschichte. Die Geflüchteten tragen sie in sich, die aus ihrer Heimat Vertriebenen, die Ausgebombten, die Verschleppten und Umgesiedelten. Es gibt wohl keine Familie in unserem Land, die nicht von diesem Krieg betroffen wurde. Die nicht ihre inneren und äußeren Verletzungen weitergab an die nächste Generation. Daran bewahrheitet sich der Fluch, der am Anfang der 10 Gebote steht, dass Gott die Missetat der Väter heimsuchen wird bis zur 3. und 4. Genreation (2.Mose 20,5). Wir erkennen heute, dass es kein Fluch ist, sondern eine Beschreibung der Realtität: Unter der Schuld, die die Väter auf sich luden, leiden Enkel und Urenkel besonders, und sie leiden daran in unserem Land bis heute. Sie leiden unter dem Zwiespalt, dass wir Deutschen mit dem zweiten Weltkrieg und besonders mit dem Holokaust eine Schuld auf uns luden, die für immer mit unserem Land verknüpft bleiben und uns immer wieder begegnen und vorgehalten wird – gerade uns, die wir angeblich die „Gnade der späten Geburt“ besitzen.

Auf der anderen Seite haben auch unsere Vorfahren Unsagbares erlitten; sind aus Orten vertrieben worden, die über Generationen ihr Zuhause, ihre Heimat waren; haben Familienmitglieder, ihre Existenzgrundlage verloren. In diesem Zwiespalt, und weil die Kriegsspuren in den Jahren nach dem Krieg noch allen vor Augen standen, entschieden sich viele für den Hass, für Feindschaft und Revanchismus.
In der ehemaligen DDR trat dieser Zwiespalt nicht so offen zutage, weil man im Bündnis mit der Sowjetunion auf der Seite der Guten stand. Die deutsche Schuld wurde sehr schnell verdrängt und auf die Westdeutschen geschoben, obwohl viele, die gestern noch glühende Nazis waren, heute als überzeugte und hundertpozentige Kommunisten auftraten.
In Westdeutschland gelang es erst den 68ern, den „Muff von tausend Jahren“ unter den Talaren aufzuwirbeln. Der in der BRD sehr umstrittene Kniefall, den Willy Brandt 1970 vor dem Mahnmal am Warschauer Ghetto tat, setzte den Landsmannschaften der Schlesier, Ostpreußen und Sudetendeutschen, die nicht von ihrer Heimat lassen wollten, die Scham über die Verbrechen der Deutschen entgegen.

Dieser Zwiespalt, zugleich Täter und Opfer zu sein, ist wohl mit allen Kriegen auf der Welt verbunden. Natürlich sind die Frauen und Kinder, die in einem Krieg am meisten leiden, keine Täter. Aber wenn man sich die Geschichte des Konfliktes genauer ansieht, entdeckt man einen gordischen Knoten von Schuld und Sühne: Ein Verbrechen wurde begangen – es wurde gerächt – die Rache führte zur Gegen-Rache, was wiederum eine Rache nach sich zog, usw.
Kein Mensch kann mehr sagen, wer den ersten Stein warf, weil jeder mindestens einen Stein geworfen und mindestens einen abbekommen hat. Am bedrückendsten ist dies an dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu beobachten, die seit dem zweiten Weltkrieg in einem Dauerkrieg miteinander leben. Israel wurde mehrfach von den Arabern das Existenzrecht abgesprochen; sie wurden von vereinigten arabischen Armeen angegriffen mit dem Ziel, Israel ein weiteres Mal auszulöschen. Aber bei der Besiedlung Palästinas und beim Aufbau des Staates Israel wurden auch Rechte der Palästinenser verletzt. Land wurde enteignet, Familien vertrieben, die Araber als Menschen zweiter Klasse behandelt. Vor allem um das knappe Wasser entbrannten immer wieder Konflikte.
Man kann diesen Krieg nicht dadurch beenden, dass man einen Schuldigen sucht. Beide Seiten haben Schuld auf sich geladen, und beide Seiten sind Opfer. Je mehr man sich in die Geschichte jeder Seite hineinarbeitet und hineinversetzt, desto schwieriger wird es, für eine Seite Partei zu ergreifen.
Natürlich, in diesem Konflikt ist unser Platz an der Seite Israels. Allein durch unsere Geschichte, durch unsere Schuld dürfen wir uns nicht gegen Israel stellen. Aber das bedeutet nicht, die andere Seite nicht auch zu sehen, nicht auch mit den Palästinensern zu fühlen. Gott bewahre uns aber davor, Partei zu ergreifen oder den Israelis gar einen „guten Rat“ geben zu wollen!

Wenn jedem Krieg so ein Zwiespalt zugrunde liegt, dass viele der Opfer zugleich Täter sind und umgekehrt: Wie lässt sich dieser gordische Knoten dann lösen?
Wer die Geschichte vom gordischen Knoten kennt, weiß: Es war ein unlösbarer Knoten; angeblich hat niemand es geschafft, ihn zu entwirren – bis Alexander der Große kam, der ihn mit dem Schwert einfach durchhieb. Seitdem gilt sein Schwerthieb als Muster für den Umgang mit unübersichtlichen, unentwirrbaren Konflikten: Einfach mal draufhauen, dann geht der Knoten schon irgendwie auf.
Man kann den Eindruck gewinnen, dass die westlichen Mächte unter der Führung der USA genau dies im nahen Osten, im Irak und in Afghanistan versuchen: Sie wollen die Konflikte lösen, indem sie wie Alexander einfach mal draufhauen und hoffen, dass dadurch der Knoten aufgeht. Wie wir aber inzwischen erkennen, wird der Knoten durchs Draufhauen nur noch größer und schlimmer, weil dadurch immer neue Opfer und Schuldzusammenhänge entstehen – und inzwischen kommen die Opfer als Terroristen auch zu uns, um sich für die von unseren Soldaten in ihrem Land begangenen Taten zu rächen.

Jesus, der 300 Jahre nach Alexander dem Großen lebte, schlägt einen anderen Umgang mit gordischen Knoten vor. Und wie so oft bei den Vorschlägen, die Jesus macht, wird es nicht einfacher, sondern komplizierter. Statt den Knoten einfach durchzuhauen, will Jesus ihn dadurch entwirren, dass er einseitg abrüstet, indem er auf Vergeltung verzichtet. Jesus sagt in der Bergpredigt:

„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ (Matthäus 5,44).

Man kann die Kette von Gewalt und Gegenwalt, von Verbrechen und Rache dadurch beenden, dass man auf die Gegengewalt, auf die Rache verzichtet. Das heißt nicht, dass man das Böse nicht beim Namen nennt, dass man ein Verbrechen nicht als Verbrechen bezeichnet und dafür Bestrafung fordert.
Am Umgang der Norweger mit dem Massenmörder Anders Breivik können wir lernen, was Feindesliebe bedeuten könnte. Viele haben für sein schreckliches Verbrechen auf der Insel Utøya, bei dem er 77 zumeist Jugendliche ermordete, die Todesstrafe gefordert. Aber die Mehrheit der Norweger bestand auf einem rechtsstaatlichen Verfahren – mit dem für viele unerträglichen Ausgang, dass er nun wie ein ganz normaler Krimineller in seiner Zelle sitzt, zwar seiner Freiheit beraubt, aber ansonsten nichts weiter für seine Taten büßen oder erleiden muss. Die Norweger entschieden sich gegen die Todesstrafe, weil sie nicht so sein wollten wir Breivik: Sie wollten ihre Menschlichkeit nicht verlieren.

Und genau sie, die Menschlichkeit, ist es, die als erstes in einem Krieg verloren geht. Wann immer es auch nur als eine Möglichkeit erscheint, einen anderen Menschen zu töten, geht die Menschlichkeit verloren. Sobald man einen Grund findet und für akzeptabel hält, einen anderen Menschen zu töten – welcher Grund auch immer es sei; ob durch den Tod eines Einzelnen eine Vielzahl von Menschenleben gerettet werden könnte; ob einem Tyrann wie Hitler dadurch Einhalt geboten werden könnte – immer wird dadurch eine unsichtbare Grenze überquert. Wenn man sich einmal auf die Logik des Aufrechnens eingelassen hat, hat man seine Menschlichkeit verloren. Denn ein Menschenleben lässt sich nicht aufrechnen. Jedes Menschenleben, sogar das des größten Widerlings und Verbrechers, ist unendlich wertvoll.

Ich weiß, die Vorstellung ist schwer auszuhalten, dass jemand, der das Leben anderer Menschen für nichts geachtet hat; der auf anderen Menschen mit Füßen herumgetrampelt, sie mißhandelt, ihnen unsagbare Grausamkeiten angetan hat – dass man ein solches Menschenleben ebenso achten muss wie das jedes anderen Menschen. Ich will damit auch nicht sagen, dass man ihm seine Verbrechen nicht vorhalten, ihn seine Schuld nicht tragen lassen soll. Aber man darf ihm nicht dasselbe antun, was er anderen angetan hat. Man darf ihm nicht das Leben nehmen.

Auf manchen Autos sieht man den Aufkleber „Todesstrafe für Kinderschänder“. Es ist der Versuch von Neonazis, die unsichtbare Grenze der Menschlichkeit an einem Punkt zu überschreiten, über den viele sich zu recht entsetzen: Verbrechen an Wehrlosen, vor allem an Kindern. Aber auch hier gilt: Wer diese eine Ausnahme macht, hat eine Tür geöffnet, die in unsagbares Grauen führt. Wenn es einmal möglich war, einem Menschen seine Menschlichkeit zu nehmen, wird es immer wieder möglich werden. Ein Mensch, dem man seine Menschlichkeit nahm, wird zum „Monster“, zum „Untermenschen“, zur „Zecke“ – oder wie sonst die Begriffe lauten, mit denen man Menschen ihr Menschsein absprechen will. Es gibt aber keinen Unterschied zwischen Menschen, „wir sind allesamt Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23) – und sind alle zugleich ohne unser Verdienst Kinder Gottes.

Jesus sagt:

„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“.

Wir sind Kinder Gottes, wenn wir jeden Menschen als Kind Gottes sehen. Und also zu trennen lernen von dem Menschen und seiner Tat. Die Tat mag schlecht sein, verachtenswert, teuflisch, unmenschlich – aber der Mensch ist es nicht. Er ist und bleibt ein Kind Gottes wie ich; bleibt meine Schwester, mein Bruder, selbst, wenn sich alles in mir dagegen sträubt, ihn oder sie so zu nennen.

Wir werden Kriege nicht beenden, wenn wir die gordischen Knoten immer wieder mit Gewalt durchzuschlagen versuchen. Wir werden sie nur beenden, wenn wir uns selbst überwinden, auf Vergeltung verzichten und lernen, selbst in den bösen Menschen weiterhin den Menschen zu sehen und diesen Menschen zu lieben, so weit wir es eben vermögen. Nur die Liebe – oder ein Wunder – kann solche Menschen ändern. Mit Gottes Hilfe und wenn Gott will, wird es gelingen. Das mindeste, das wir dazu tun können, ist, ihnen ihre Menschlichkeit nicht zu nehmen.

Bis heute tragen wir an den Folgen des Krieges, den unser Land über die Welt gebracht hat. Bis heute sind die Kriegsspuren zu sehen und zu spüren. Wenn der Fluch am Beginn der 10 Gebote stimmt, werden noch weitere Generationen daran zu tragen haben. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, welche Wunden die weltweiten Kriege in den Herzen und Seelen zahlloser Menschen schlagen.

Im Buch Exodus folgt auf den Fluch der Segen:

„Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ (2.Mose 20,6).

Dass sich die Liebe über viele tausend Generationen erstreckt:
Das ist eine Verheißung, für die es sich lohnt, Feindesliebe zu wagen.

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