Wenn zwei sich streiten, fehlt oft der Dritte

Zwei kurze Szenen:

  1. Zwei Geschwister streiten sich im Kinderzimmer.
    Vater (aus dem Wohnzimmer): „Nun hört aber mal auf zu streiten und habt euch wieder lieb, ja?“
  2. Mitarbeiter-Jahresgespräch mit dem Superintendenten. Der Sup trägt die vom Pfarrer genannten Arbeitsbereiche in eine EXCEL-Tabelle ein. Am Ende verliest er das Ergebnis: „Sie sind mit über 400 Stunden im Jahr über dem Soll einer halben Stelle. Das ist ja fast eine dreiviertel Stelle. Das müssen wir ändern.“
    Sup beruft eine Sitzung mit den Kirchenvorständen der beiden Gemeinden ein, für die der Pfarrer zuständig ist. Auf der Sitzung klagen die Ältesten über die Überlastung, die sie in ihrem Ehrenamt erleben, und dass sie sich allein gelassen fühlen. Es kommt zu keiner verbindlichen Absprache. Der Sup beschließt die Sitzung mit der Aufforderung, dass der Pfarrer entlastet werden müsse.

Was haben beide Szenen gemein?

Spätestens seit der Wende erleben wir gesamtdeutsch das Sterben der Parochie. Statt der in manchen Gegenden seit 1.000 Jahren geltenden Regel: Eine Gemeinde – ein/e Pfarrer/in (ganz zu schweigen von den Stadtgemeinden, in denen sich zeitweise gleich mehrere KollegInnen tummelten), müssen sich längst mehrere Gemeinden eine/n Pfarrer/in teilen. Dieser Prozess kam nicht von heute auf morgen, aber gemessen an der enorm langen Zeitspanne, in der es anders war, doch zu schnell für Gemeinden, Kirchenvorstände, Pfarrpersonen und Kirchenleitungen, sich vom Bild der Parochie zu lösen und ein neues Denken zu lernen. Die letzte (5.) Kirchenmitgliedschaftsumfrage der EKD zeigt denn auch, dass das offenbar gar nicht möglich ist. Nach wie vor beziehen Gläubige sich auf einen Ort und eine Person – die der Pfarrerin/ des Pfarrers. Das wird sich vielleicht auch nie ändern. Aber die Bedingungen haben sich derart geändert, dass Pfarrpersonen in dieser Weise nicht mehr für die Gemeinde präsent sein können – oder jedenfalls nur noch für eine sehr überschaubare Anzahl von Gemeindegliedern. Ausnahmslos alle Gemeinden, die ich kennen gelernt habe oder deren PfarrerInnen ich kenne, halten nach wie vor am Parochiemodell fest: „Unser/e“ Pfarrer/in ist für uns da und hält für uns Gottesdienste, leitet Gemeindegruppen, führt die Geschäfte usw. Bei den wenigsten Gemeinden ist angekommen, dass „Gemeinde“ nicht bedeutet, eine/n Pfarrer/in zu haben, sondern Gemeinde zu sein und notfalls eben selbst die eigenen Belange in die Hand zu nehmen. Ganz abgesehen davon, dass es an Persönlichkeiten in den Gemeinden mangelt, die sich vor Ort für ihre Kirche oder für die Gemeinde verantwortlich fühlen.

Da also die Gemeinden auf „business as usual“ bestehen, kämpfen Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort um die Begrenzung ihrer Arbeitszeit. Denn dass mehr Gemeinden bedeuten, dass die Pfarrperson in den einzelnen Gemeinden jeweils weniger leisten kann, wird zwar von den Ältesten konzediert, aber im Zweifel soll eben bei der anderen Gemeinde gekürzt werden.
Die Pfarrerin/ der Pfarrer findet sich plötzlich nicht mehr mit seinem Kirchenvorstand an einem Tisch, sondern an der anderen Seite des Tisches wieder, wenn es um rechtlich zustehende freie Tage und Wochenenden geht, die Begrenzung der Arbeitszeit und des Arbeitsumfanges. Sie fühlt sich in solchen Situationen oft von der Leitungsebene allein gelassen, weil die – wie der Vater in der ersten Szene, oder der Sup in der zweiten – sich auf die Moderation des Konfliktes beschränkt.

Wenn man die kirchliche Leitungsebene darauf anspricht, heißt es, dass man dazu keine allgemeine Regelung treffen könne; das müsse individuell vor Ort entschieden werden. Auch KollegInnen fürchten um die Freiheit ihrer Dienstgestaltung – eines der wenigen Schmankerln, das der Pfarrberuf noch bietet -, wenn der Dienst kirchenamtlicherseits „geregelt“ wird.

Was aber tatsächlich geschieht, ist folgendes: Es ist noch nicht erschienen, was die Kirche der Zukunft sein wird. Keine/r hat bisher ein Bild für das gefunden, was nach der Parochie kommt. Die Mehrheit derer, die jetzt ehrenamtlich oder hauptamtlich im Dienst ist, wuchs mit dem „klassischen“ Bild der Pfarrperson auf, die in ihrer Gemeinde für alle und alles da ist. Wie sollen da auch neue Bilder und Denkmodelle entstehen? Aber die Konflikte, die der Tod der Parochie mit sich bringt, werden zwischen Pfarrpersonen und Gemeinden ausgetragen. Zugespitzt formuliert: Die Leitungsebene beschließt die Änderungen, die Basis badet sie aus.
Das mindeste, was die Leitungsebene ihren Pfarrerinnen und Pfarrern schuldet, ist, Rahmenbedingungen und Möglichkeiten für ein gedeihliches Arbeiten festzulegen. Dazu gehört, dass sie Grenzen setzt und diese gegenüber den Gemeinden auch vertritt. Nicht Pfarrer/in, sondern Superintendent/in oder Kirchenrat/-rätin müssen den Gemeinden gegenüber Rede und Antwort stehen, dass und wie die Versorgung der Gemeinden eingeschränkt wird. Die Pfarrperson muss in diesem Prozess bei ihrem Kirchenvorstand sitzen können – nicht auf der Gegenseite.
Zur Verantwortung für die Pfarrpersonen gehört auch, dass man Grenzen nach oben setzt. Nur so kann man tatsächlich mit gutem Gewissen den 3. Gottesdienst am Sonntag, die 5. Beerdigung in der Woche abtreten oder absagen. Nur so endet die latente Konkurrenz unter den Pfarrerinnen und Pfarrern um Gottesdienstbesuch, Konfirmandenzahlen und Dienststunden. Nur so lässt sich vermeiden, dass Pfarrer/innen sich totarbeiten, um sich nicht mit ihren Kirchenältesten oder der Gemeinde streiten zu müssen. Es braucht den Dritten, die Leitungsebene in der Kirche, die für ihre Hauptamtlichen Verantwortung übernimmt. Nicht, indem sie haarklein vorschreibt, wie und in welchem Umfang der Dienst zu leisten ist, wie es in Krankenhäusern und Altersheimen geschieht. Sondern indem sie einen Rahmen schafft und setzt, innerhalb dessen Gestaltung tatsächlich möglich ist, weil er Freiraum zu einer Entfaltung lässt. Das bedeutet allerdings auch, dass Kirchenleitung die Verantwortung für die Veränderungsprozesse, die sie beschlossen hat, nicht länger an die Pfarrpersonen delegieren kann, sondern es aushalten und ihren Kopf dafür hinhalten muss, wenn Gemeinden deswegen auf die Barrikaden gehen.

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