Archiv

Archiv für den Monat Oktober 2016

„Es wird immer schwerer, neue PastorInnen zu finden, wenn eine Stelle frei wird. In den ländlichen Gegenden ist das jetzt schon so … In den kommenden Jahren wird sich die Lage vermutlich noch verschärfen (…) Mehrere Gründe verstärken einander gegenseitig … Zudem ziehe es die frischgebackenen Pastorinnen und Pastoren eher in die Städte. Jost: ‘Je weiter man von den Zentren wegkommt, desto schwieriger wird es, Pfarrstellen zu besetzen.’ Was unter anderem daran liegt, dass auf dem Land in der Regel gleich mehrere Orte und Predigtstätten von einem Pastor oder einer Pastorin zu versorgen sind. Das mache die Stellen für viele BewerberInnen unattraktiv“
Quelle: http://www.hildesheim-kirche.de/hildesheimerland-alfeld/Aktuelles/2016/kirchenkreistag_26-10-16

Die Landeskirche Hannovers hatte diese Meldung auf Twitter verlinkt und getweetet:

Die Reaktion der Landeskirchen auf den Mitgliederschwund war und ist nicht nur in der Landeskirche Hannovers die Zusammenlegung von Gemeinden v.a. auf dem Land. Grundlage dafür bildete eine einfache Rechnung: Teilt man die Zahl der landeskirchlichen Gemeindeglieder durch die noch finanzierbaren Pfarrstellen, erhält man die durchschnittliche Gemeindegliederzahl pro Pfarrstelle – in der Ev. Kirche im Rheinland sind es z.B. 2.500 [1], in der westfälischen Landeskirche 3.000 [2], in Hannover sogar 3.300 [3]. Dass diese Rechnung eine Milchmädchenrechnung ist, zeigte sich schnell, denn die Situationen der Gemeinden auf dem Land ist mit denen der Stadtgemeinden nicht zu vergleichen. Darum wurde versucht, durch zusätzliche Kriterien wie Gesamtfläche der Kirchgemeinden, Zahl der Kindergärten oder der kirchlichen Friedhöfe den Schlüssel etwas gerechter zu machen. Trotzdem blieb und bleibt die Zahl der Gemeindeglieder der bestimmende Faktor.

Warum sind Pfarrstellen auf dem Land unattraktiv?

Die Entscheidung, Pfarrstellen mit der Anzahl der Gemeindeglieder zu koppeln, führte dazu, dass für eine Pfarrstelle auf dem Land mehrere Gemeinden zusammengelegt werden mussten, während in den städtischen Gemeinden zunächst die doppelt oder sogar dreifach besetzten Pfarrstellen abgebaut wurden und es daher i.d.R. bei einer Gemeinde und Predigtstätte in der Stadt blieb. Auf dem Land dagegen haben die Pfarrpersonen mehrere Gemeinden und damit mehrere Predigtstätten zu betreuen, mit einer entsprechend höheren Anzahl von Gemeindekirchenräten, Friedhöfen, Konfirmandengruppen, Seniorenkreise etc., die sich wegen großer räumlicher Distanzen oder der Unbeweglichkeit der Gemeindeglieder nicht ohne weiteres zusammenlegen lassen. Hinzu kommt die Fahrerei von einer Gemeinde zur anderen. Für die Pfarrfamilie bedeutet eine Landpfarrstelle, dass oft keine Einkaufsmöglichkeiten vor Ort vorhanden sind, dass die Kinder zur Schule und der Partner/ die Partnerin zur Arbeit fahren muss. Besonders schwer ist es für Kolleginnen, die „Single“ sind, eine/n Partner/in zu finden – oder überhaupt andere Menschen als die Gemeindeglieder kennen zu lernen.

Das war früher auf dem Land auch schon so, wurde aber aufgewogen durch die Möglichkeit, im Pfarrhaus mit Garten zu wohnen; außerdem galt eine Landgemeinde als weniger „anspruchsvoll“ als eine städtische Gemeinde, so dass den Pfarrpersonen mehr Zeit für anderes blieb – so hatte Paul Billerbeck auf seiner Landpfarrstelle die Muße, seinen berühmten Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch zu erarbeiten, oder Johannes Lepsius, sich für die von den „Jungtürken“ verfolgten Armenier einzusetzen.

Heute gibt es dieses geruhsame Leben auf dem Land nicht mehr. Die Landgemeinden sind so groß geworden, dass eine Pfarrerin es längst nicht mehr schafft, auch nur die Grundversorgung in ihren Gemeinden zu gewährleisten. Da aber die Landgemeinden, mehr noch als die städtischen, an überkommenen Traditionen und am Anspruch auf pfarramtliche Versorgung festhalten, sind Konflikte mit Gemeindegliedern und Kirchenältesten vorprogrammiert, wenn Pfarrerinnen auch nur die ihnen zustehenden freien Tage und Wochenenden durchsetzen wollen. So etwas spricht sich natürlich in der Pfarrerinnenschaft herum.

Die Landpfarrstellen wurden und werden kaputtgespart. Es gibt für eine Pfarrperson keinen Anreiz mehr, sich auf eine Landpfarrstelle zu bewerben – die Pfarrhäuser im desolaten Zustand, die Arbeit nicht zu bewältigen, die Wochenenden mit Gottesdiensten zugekleistert, die Vertretungssituation katastrophal. In der Stadt dagegen ist i.d.R. nur ein Sonntagsgottesdienst zu halten, Vertretung ist relativ unproblematisch zu finden, usw. Natürlich muss auch eine Stadtpfarrerin arbeiten und sich mit ihrem GKR auseinandersetzen, und auch dort klagen viele Kolleginnen über Überlastung. Aber im Gegensatz zum ländlichen Plural herrscht in der Stadt meist noch der Singular vor. Und die Mühe der Predigtvorbereitung wird durch gut besuchte Gottesdienste belohnt, während die Kolleginnen auf dem Land oft verzagen, weil das Häuflein, das sich am Sonntag zusammengefunden hat, so klein ist.

Was tun?

Viele ländliche Gegenden bluten aus, weil es zu wenige Pfarrerinnen vor Ort gibt. Der Gehorsam gegenüber der Zahl, den sich Kirchenkreise und Landeskirchen auferlegt haben, bringt die Landgemeinden in große Not. Auf diese Weise entkirchlicht Kirche selbst große Gebiete, ohne dass Menschen aus der Kirche austreten müssen.

Wie aber soll man Stellen auf dem Land schaffen, wenn das Geld nun mal nicht da ist?

Wie soll man Pfarrerinnen und Pfarrer für den Dienst auf dem Land gewinnen, wenn es so unattraktiv geworden ist, Landpfarrerin zu sein?

Es ist die Frage, ob das Geld tatsächlich nicht da ist. Angesichts der Situation auf dem Land muss Kirche sich z.B. fragen, ob sie sich die vielen Funktionspfarrämter noch leisten – und ob ein Funktionspfarramt nicht wenigstens mit der Residenzpflicht und dem Predigtauftrag in einer Landgemeinde verknüpft werden kann. Anderseits ist die große Attraktivität der Funktionspfarrämter auch ein Zeichen, dass das Pfarramt nicht nur auf dem Land unattraktiv geworden ist, weil Synoden und Kirchenleitungen den Pfarrpersonen immer mehr Arbeit aufgeladen und zugemutet haben. Die Pflicht wird betont – wo aber bleibt die Kür? Wo bleiben Freude, Erfüllung, die Möglichkeit, Theologie zu treiben, eigene Pläne zu verfolgen und zu verwirklichen, zu experimentieren? Ursprünglich einmal wurde die Pfarrerin alimentiert, um in ihrer Gemeinde vor Ort in einem sehr großzügig gesteckten Rahmen Pfarrerin sein zu können. Inzwischen ist sie eine bezahlte Angestellte, von der nach ihren 56 Stunden Arbeitszeit pro Woche noch ehrenamtliches Engagement und Fortbildung erwartet werden, die zwar theoretisch zur Arbeitszeit zählt, aber eben nicht praktisch – weil niemand da ist, der der Pfarrerin den Rücken dafür frei hält.

Statt das Pfarrstellen-Gemeindeglieder-Problem rein rechnerisch zu lösen, sollten Landeskirchen und Kirchenkreise nach inhaltlichen Kriterien suchen, wonach gekürzt oder eine Stelle geschaffen werden soll. Und sie sollte den Stellenumfang so gestalten, dass er von einer Pfarrperson mit Freude und bei Gesundheit bewältigt werden kann. Das könnte für das Land z.B. bedeuten, dass es keine flächendeckende Versorgung mehr gibt. Statt dessen werden Gemeindepfarrstellen besetzt, bei denen sich längerfristig ein Potenzial erkennen lässt – weil dort viele Menschen leben oder hinziehen, weil es junge Familien gibt usw. Um diese Gemeindepfarrstellen herum könnte ein Seelsorgebezirk angelegt werden, in dem die Pfarrperson für Seelsorge und Amtshandlungen zuständig ist, aber nicht für den Erhalt der Kirchen, Orgeln, Pfarrhäuser und Friedhöfe, nicht für einen regelmäßigen Gottesdienst, nicht für Geburtstagsbesuche und Konfirmandenunterricht und auch nicht für evtl. noch bestehende Kreise.

Dabei wäre es nötig, dass die Festlegung solcher Gemeindepfarrstellen vor der Ausschreibung und Besetzung erfolgt, damit nicht die Stelleninhaberin Kämpfe gegen Windmühlenflügel ausfechten muss, sondern der Kirchenkreis oder die Region mit den Betroffenen in einem sicher nicht leichten Prozess geklärt hat, wo künftig noch „Kirche“ ist – und wo nicht mehr. Es ist ein schmerzhafter Prozess – aber weit besser, als ganze Gegenden langsam absterben zu lassen, weil man Pfarrerinnen mit überdimensionalen Stellenzuschnitten unlösbare Aufgaben gibt und unbesetzbare, weil unattraktive Stellen schafft.

Zum Weiterlesen:
[1] http://www.ekir.de/www/downloads/Aktualisiert-Planung-Errichtung-Aufhebung-Pfarrstellen.pdf
[2] http://www.kirchenkreis-siegen.de/index.php?katid=1&newsid=949
[3] http://wort-meldungen.de/?p=7385

Advertisements

Zwei kurze Szenen:

  1. Zwei Geschwister streiten sich im Kinderzimmer.
    Vater (aus dem Wohnzimmer): „Nun hört aber mal auf zu streiten und habt euch wieder lieb, ja?“
  2. Mitarbeiter-Jahresgespräch mit dem Superintendenten. Der Sup trägt die vom Pfarrer genannten Arbeitsbereiche in eine EXCEL-Tabelle ein. Am Ende verliest er das Ergebnis: „Sie sind mit über 400 Stunden im Jahr über dem Soll einer halben Stelle. Das ist ja fast eine dreiviertel Stelle. Das müssen wir ändern.“
    Sup beruft eine Sitzung mit den Kirchenvorständen der beiden Gemeinden ein, für die der Pfarrer zuständig ist. Auf der Sitzung klagen die Ältesten über die Überlastung, die sie in ihrem Ehrenamt erleben, und dass sie sich allein gelassen fühlen. Es kommt zu keiner verbindlichen Absprache. Der Sup beschließt die Sitzung mit der Aufforderung, dass der Pfarrer entlastet werden müsse.

Was haben beide Szenen gemein?

Spätestens seit der Wende erleben wir gesamtdeutsch das Sterben der Parochie. Statt der in manchen Gegenden seit 1.000 Jahren geltenden Regel: Eine Gemeinde – ein/e Pfarrer/in (ganz zu schweigen von den Stadtgemeinden, in denen sich zeitweise gleich mehrere KollegInnen tummelten), müssen sich längst mehrere Gemeinden eine/n Pfarrer/in teilen. Dieser Prozess kam nicht von heute auf morgen, aber gemessen an der enorm langen Zeitspanne, in der es anders war, doch zu schnell für Gemeinden, Kirchenvorstände, Pfarrpersonen und Kirchenleitungen, sich vom Bild der Parochie zu lösen und ein neues Denken zu lernen. Die letzte (5.) Kirchenmitgliedschaftsumfrage der EKD zeigt denn auch, dass das offenbar gar nicht möglich ist. Nach wie vor beziehen Gläubige sich auf einen Ort und eine Person – die der Pfarrerin/ des Pfarrers. Das wird sich vielleicht auch nie ändern. Aber die Bedingungen haben sich derart geändert, dass Pfarrpersonen in dieser Weise nicht mehr für die Gemeinde präsent sein können – oder jedenfalls nur noch für eine sehr überschaubare Anzahl von Gemeindegliedern. Ausnahmslos alle Gemeinden, die ich kennen gelernt habe oder deren PfarrerInnen ich kenne, halten nach wie vor am Parochiemodell fest: „Unser/e“ Pfarrer/in ist für uns da und hält für uns Gottesdienste, leitet Gemeindegruppen, führt die Geschäfte usw. Bei den wenigsten Gemeinden ist angekommen, dass „Gemeinde“ nicht bedeutet, eine/n Pfarrer/in zu haben, sondern Gemeinde zu sein und notfalls eben selbst die eigenen Belange in die Hand zu nehmen. Ganz abgesehen davon, dass es an Persönlichkeiten in den Gemeinden mangelt, die sich vor Ort für ihre Kirche oder für die Gemeinde verantwortlich fühlen.

Da also die Gemeinden auf „business as usual“ bestehen, kämpfen Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort um die Begrenzung ihrer Arbeitszeit. Denn dass mehr Gemeinden bedeuten, dass die Pfarrperson in den einzelnen Gemeinden jeweils weniger leisten kann, wird zwar von den Ältesten konzediert, aber im Zweifel soll eben bei der anderen Gemeinde gekürzt werden.
Die Pfarrerin/ der Pfarrer findet sich plötzlich nicht mehr mit seinem Kirchenvorstand an einem Tisch, sondern an der anderen Seite des Tisches wieder, wenn es um rechtlich zustehende freie Tage und Wochenenden geht, die Begrenzung der Arbeitszeit und des Arbeitsumfanges. Sie fühlt sich in solchen Situationen oft von der Leitungsebene allein gelassen, weil die – wie der Vater in der ersten Szene, oder der Sup in der zweiten – sich auf die Moderation des Konfliktes beschränkt.

Wenn man die kirchliche Leitungsebene darauf anspricht, heißt es, dass man dazu keine allgemeine Regelung treffen könne; das müsse individuell vor Ort entschieden werden. Auch KollegInnen fürchten um die Freiheit ihrer Dienstgestaltung – eines der wenigen Schmankerln, das der Pfarrberuf noch bietet -, wenn der Dienst kirchenamtlicherseits „geregelt“ wird.

Was aber tatsächlich geschieht, ist folgendes: Es ist noch nicht erschienen, was die Kirche der Zukunft sein wird. Keine/r hat bisher ein Bild für das gefunden, was nach der Parochie kommt. Die Mehrheit derer, die jetzt ehrenamtlich oder hauptamtlich im Dienst ist, wuchs mit dem „klassischen“ Bild der Pfarrperson auf, die in ihrer Gemeinde für alle und alles da ist. Wie sollen da auch neue Bilder und Denkmodelle entstehen? Aber die Konflikte, die der Tod der Parochie mit sich bringt, werden zwischen Pfarrpersonen und Gemeinden ausgetragen. Zugespitzt formuliert: Die Leitungsebene beschließt die Änderungen, die Basis badet sie aus.
Das mindeste, was die Leitungsebene ihren Pfarrerinnen und Pfarrern schuldet, ist, Rahmenbedingungen und Möglichkeiten für ein gedeihliches Arbeiten festzulegen. Dazu gehört, dass sie Grenzen setzt und diese gegenüber den Gemeinden auch vertritt. Nicht Pfarrer/in, sondern Superintendent/in oder Kirchenrat/-rätin müssen den Gemeinden gegenüber Rede und Antwort stehen, dass und wie die Versorgung der Gemeinden eingeschränkt wird. Die Pfarrperson muss in diesem Prozess bei ihrem Kirchenvorstand sitzen können – nicht auf der Gegenseite.
Zur Verantwortung für die Pfarrpersonen gehört auch, dass man Grenzen nach oben setzt. Nur so kann man tatsächlich mit gutem Gewissen den 3. Gottesdienst am Sonntag, die 5. Beerdigung in der Woche abtreten oder absagen. Nur so endet die latente Konkurrenz unter den Pfarrerinnen und Pfarrern um Gottesdienstbesuch, Konfirmandenzahlen und Dienststunden. Nur so lässt sich vermeiden, dass Pfarrer/innen sich totarbeiten, um sich nicht mit ihren Kirchenältesten oder der Gemeinde streiten zu müssen. Es braucht den Dritten, die Leitungsebene in der Kirche, die für ihre Hauptamtlichen Verantwortung übernimmt. Nicht, indem sie haarklein vorschreibt, wie und in welchem Umfang der Dienst zu leisten ist, wie es in Krankenhäusern und Altersheimen geschieht. Sondern indem sie einen Rahmen schafft und setzt, innerhalb dessen Gestaltung tatsächlich möglich ist, weil er Freiraum zu einer Entfaltung lässt. Das bedeutet allerdings auch, dass Kirchenleitung die Verantwortung für die Veränderungsprozesse, die sie beschlossen hat, nicht länger an die Pfarrpersonen delegieren kann, sondern es aushalten und ihren Kopf dafür hinhalten muss, wenn Gemeinden deswegen auf die Barrikaden gehen.