Exegetische Überlegungen zur Jahreslosung

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Jesaja 66,13 (L)

Urtext: כְּאִ֕ישׁ אֲשֶׁ֥ר אִמֹּ֖ו תְּנַחֲמֶ֑נּוּ כֵּ֤ן אָֽנֹכִי֙ אֲנַ֣חֶמְכֶ֔ם

wörtl.: Wie [einer, von dem gilt: seine Mutter tröstet ihn =] einen seine Mutter tröstet, so [werde =] will ich euch trösten.

Der Vers steht im letzten Kapitel des 3. Teils des Jesajabuches, dem sog. „Tritojesaja“. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Sprüchen aus dem 6. Jh. v. Chr.  – aus der Zeit Sacharjas also (um 520). Sie entstand in der Zeit zwischen Exil (Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr.) und Rückkehr der Exilierten nach Israel (Kyrusedikt 538 v. Chr.), aber wohl noch vor Wiederaufbau von Stadtmauer und Tempel (1.4.515 Tempelweihe).

Der Vers 13 steht in einem eschatologischen (bzw. sogar apokalyptischen) Abschnitt, in dem das Heranbrechen von Gottes neuer Welt mit einer (Neu-)Geburt verglichen wird. Dabei wird Zion = Jerusalem als Mutter vorgestellt. Die Geburt erfolgt plötzlich, ohne Wehen (Vers 7+8). Gott ist sozusagen die Hebamme (Vers 9). Die Leser werden zur Freude aufgefordert (Vers 10), weil sie „saugen und euch satt trinken dürft an den Brüsten ihres Trostes“. Jerusalem stillt die Israeliten mit Trost, nimmt sie in die Arme und auf ihren Schoß (Vers 12). In Vers 13 wird aus der Mutter plötzlich das göttliche Ich: „Ich will euch trösten“ – um dann in der zweiten Vershälfte wieder auf Jerusalem gedeutet zu werden: „ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden“.

Aus diesem Bild Jesajas könnte die Vorstellung von den „Wehen der Endzeit“ stammen.
Der Trost, der hier vermittelt wird, ist der, den ein Neugeborenes von seiner Mutter erfährt, indem es die Brust bekommt und auf dem Arm Geborgenheit erfährt. Wenn Gott von sich sagt, dass er uns so tröstet, dann sollen wir uns offenbar ebenso als Neugeborene vorstellen – hier könnte christliche Exegese einen Bogen zur Taufe schlagen, die uns sozusagen zu Neugeborenen macht.
Welchen Trost erfährt ein Säugling auf dem Arm der Mutter? Sättigung und Nähe. Es geht also nicht um Trost bei Angst oder Trauer, sondern um das ganz elementare Bedürfnis des Sattwerdens an Leib und Seele – um den Anschluss an eine Fülle, die nicht versiegt. Dahinter steht die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies = der umfassenden Versorgung durch die Mutter. Das Bild der Mutter steht im Text also für ein neues Paradies (das „Reich Gottes“), das die Sehnsucht nach „Bemutterung“ stillt.
Wenn Gott sich in der Jahreslosung mit dieser Mutter identifiziert, dann zeigt er sich als der, der uns sättigen und erfüllen, d.h. den Hunger und Durst unserer Existenz stillen kann („Leben in Fülle“, vgl. Epheser 3,14-20).

Historisch gesehen sind die Trostbedürftigen die Exilierten, die im babylonischen Exil (noch) auf ihre Rückkehr nach Israel warten. Da Jeremia die Exilierten aufgerufen hatte, sich im Exil einzurichten („Suchet der Stadt Bestes, Jer 29), handelt es sich hier um die (frommen bzw. „orthodoxen“) Teile der Exulantenschaft, die noch in ihre Heimat, die sie seit mind. zwei Generationen nicht gesehen haben, zurück wollen.

Die Trösterin ist Zion = Jerusalem; Zeichen des Trostes ist der Wiederaufbau von Stadtmauer und Tempel, der hier offenbar noch nicht erfolgt ist, aber erwartet wird. An diesen Wiederaufbau knüpfen sich große Hoffnungen auf ein eschatologisches Friedensreich Gottes; es eine Neugeburt des Volkes erwartet.

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