Wozu braucht man Religion?

Ein gläubiger Glaubender (was nicht dasselbe ist wie ein glaubender Gläubiger) möchte, da sie oder er den Glauben als das Wesentliche in seinem oder ihrem Leben erfuhr, dass auch andere Menschen diese heilsame Wahrheit erkennen. Darum versuchen Glaubende, andere Menschen zu erreichen, indem sie sich z.B. in einer Fußgängerzone auf Apfelsinenkisten stellen; zu zweit an fremden Haustüren klingeln und die Bewohner in ein Gespräch über den Glaubenden zu verwickeln suchen; ein Blog wie dieses schreiben u.v.a. mehr. Man nennt das mit einem Fachwort „Mission“. Sie steht in keinem guten Ruf, weil Glaubende in früheren Zeiten recht hemdsärmelig missionierten, um es vorsichtig auszudrücken. Karl der Große ließ z.B. etliche Sachsen köpfen, die sich nicht taufen lassen wollten; die Kreuzzüge könnte man insgesamt als völlig fehlgeleiteten und grausamen Missionsversuch abtun, wenn die machtpolitischen und finanziellen Gründe für ihre Organisation und Durchführung nicht so unübersehbar wären. Aber trotz dieser und weiterer sehr düsteren Beispiele ist es ja nicht unredlich, andere mit einer Wahrheit bekannt zu machen, die man für sich selbst als außerordentlich hilfreich und förderlich erlebt – solange man seinem Gegenüber die Freiheit läßt, anderer Meinung zu sein und die eigenen Bemühungen höflich, aber bestimmt abzulehnen.

In unserer modernen Zeit ist die Mission auch deshalb stark zurückgegangen, weil man als Glaubender i.d.R. mit starker Skepsis konfrontiert wird, was das Postulat eines göttlichen Wesens angeht. Haben unsere Vormütter und -väter ihre Wissenslücken noch mit dem Verweis auf Gott schließen können, geht das heute nicht mehr. Unser Wissen ist so fortgeschritten und umfassend, dass wir Gott als „Lückenbüßer“ für unsere Wissenslücken nicht mehr brauchen. Wenn wir auch heute noch nicht alles erklären können, so ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis jemand die fehlende Erklärung entdeckt – auch, wenn das kein Ende unserer Fragen bedeutet; wartet doch die folgende Frage schon hinter der nächsten Ecke. An Gott zu glauben, ist für einen modernen, mit dem wissenschaftlichen Weltbild erzogenen Menschen ein peinlicher Anachronismus.
Natürlich könnte und würde man andere Argumente für die Notwendigkeit eines Glaubens an Gott anführen, die meistens mit der Erfahrung von Ohnmacht, dem Erleben von Schuld oder der Einsicht in die Endlichkeit des Lebens und der Angst vor dem Tod zu tun haben. Aber für einen skeptischen Menschen erfordert es einen gewaltigen Schritt, sich auf eine solche Argumentation einzulassen. Ein Schritt, der, wenn überhaupt, erst in einer Lebenskrise gegangen wird – aber dann ist es oft zu spät, weil Glaube wie alles andere, was einem im Leben helfen soll (z.B. Schwimmen oder Radfahren), geübt werden muss.
Einer Skeptikerin oder einem Skeptiker viel näher ist ein Argument, das ich bei Terry Pratchett gefunden habe und das so simpel und dabei so einleuchtend ist, dass ich es ab sofort in mein Missionsrepertoire aufnehme. Die Zwerge, von denen Pratchett hier spricht, stehen dabei symbolisch für den skeptischen Menschen:

“Es gab so etwas wie Zwergengötter. Zwerge waren keine von Natur aus religiöse Spezies, aber in einer Welt, in der Grubenhölzer ohne Vorwarnung nachgeben und schlagende Wetter jederzeit explodieren konnten, hatten sie die Notwendigkeit von Göttern als eine Art übernatürliche Entsprechung zum Schutzhelm anerkannt. Abgesehen davon ist es, nachdem man sich einen acht Pfund schweren Hammer auf den Daumen gedroschen hat, sehr befreiend, wenn man ganz fürchterlich fluchen kann. Man muss schon ein ungewöhnlich willensstarker Atheist sein, wenn man in diesem Fall mit der Hand unter der Achsel auf und ab hüpft und dabei laut ‘Oh, zufällige-Fluktuationen-im-Raum-Zeit-Kontinuum!’ schreit oder ‘Aaaaua, primitives-und-völlig-überholtes-Hilfskonstrukt!’”

(Terry Pratchett, Helle Barden, Dt. von Gerald Jung, München, 2014, S. 81, ISBN: 978-3-442-54719-7)

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8 Kommentare
  1. Muriel sagte:

    (Argh, Terry Pratchett. Genau wie bei Douglas Adams war da dieser komische Moment, in dem ich ganz plötzlich feststellen musste, dass ich diesen Schriftsteller bitte nicht mehr lesen will, weil mir sein monotoner Stil massiv auf den Geist geht.)
    Ich glaube, ich kann dem nicht ganz folgen.
    Ich finde einerseits, dass der Glaube an Götter weniger inhaltlich schwieriger geworden ist als methodologisch. Es stimmt ja gar nicht, dass wir heute weniger offene Fragen haben als früher. Wir wissen zwar ein bisschen mehr, aber es gibt so unendlich viele Lücken, Not zuletzt die ganz große am (mutmaßlichen, falls der Begriff überhaupt einen Sinn hat) Anfang unseres Universums. Die Ablehnung rechtfertigt sich nicht aus mehr inhaltlichem Wissen, sondern aus der Einsicht, dass wir nur glauben sollten, wenn wir vernünftige Gründe dazu haben.
    Was der zweite Teil ist, den ich nicht verstehe: Was sind denn aus Ihrer Sicht diese Gründe? Ich würde Ihren Text so verstehen, dass es halt hilft, weil es eine tröstliche Vorstellung ist, aber ich vermute, dass Sie nicht sagen wollen, dass das in Ihren Augen als Rechtfertigung für einen Glauben reicht. Oder wie?

    • (Von diesem komischen Moment bin ich noch etwas entfernt, weil ich sowohl Douglas Adams als auch Terry Pratchett bisher nur in homöopathischen Dosen genossen habe. Aber ich verstehe, was Sie meinen.)

      Ich freue mich, dass Sie meinen Beitrag trotz seines satirischen Gewandes so ernst genommen haben, wie ich ihn gemeint hatte, und ich überlege, ob Ihre Präzisierung, dass der Glaube an Gott (als Monotheist bevorzuge ich den Singular) methodologisch schwieriger geworden ist, meine Intention besser trifft. Ich bin versucht, Ihnen zuzustimmen, aber etwas in mir erhebt Einspruch dagegen. Um diesen Einspruch formulieren zu können, muss ich Ihre zweite Frage vor der ersten beantworten.

      Ich denke nicht, dass man Glauben rechtfertigen muss. Das ist geschehen – nennt sich im Fachjargon „Apologetik“ -, führt aber m.E. zu nichts (Gutem), weil ein Nicht-Glaubender dem Glaubenden ja nicht den Glauben abstreiten will – schon der „Alte Fritz“ meinte, jeder solle nach seiner Façon selig werden -, sondern das Postulat eines göttlichen Wesens oder Willens nicht akzeptiert, dem zudem noch eine Macht über das Schicksal einzelner Menschen sowie den Lauf der Geschichte zugesprochen wird.
      Glaube ist eine prinzipiell jedem Menschen mögliche Weise, einen Standpunkt in der Welt einzunehmen.
      Der Nicht-Glaubende erklärt sein Dasein letztlich mit dem Zufall: Dass ausgerechnet ich mit meiner Persönlichkeitsstruktur, meinem Aussehen, meinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten usw. in dieser Zeit an diesem Ort existiere, ist ein absolut kontigentes Phänomen, wie die Existenz jedes anderen Wesens auch. Mein Leben hat keinen „Sinn“ über denen der Reproduktion, der Arterhaltung und der Tatsache, dass ich anderen Lebewesen als Habitat und Nahrung diene, hinaus.
      Der Glaube macht dasselbe wie Terry Pratchett: Er erzählt eine Geschichte, in der ich eine Rolle spiele, in der mein Leben einen Sinn und ein Ziel hat, und in der die Kontingenz auch eine Rolle bekommt: die des schöpferischen Zufalls. Der Nicht-Glaubende mag sich heldenhafter fühlen als der Glaubende, weil er dem Dasein sozusagen ungeschützt ins kalte Antlitz blickt (so Nietzsche). Ich denke, der Glaubende lebt dafür glücklicher und entspannter. Selbst wenn sich an einem Ende, das niemand von uns bewusst erlebt, der Glaube als nicht mehr als ein Terry-Pratchett-Roman entpuppen sollte, dann hat zumindest mir dieser Roman erhebliche Lebenshilfe und Trost gespendet, mich zum Leben und zum Widerstand gegen Lebensfeindliches und Ungerechtes motiviert. T.H.White (Oh Gott, nicht der auch noch!, denken Sie jetzt wahrscheinlich) zitiert am Ende des Buches Merlin einen Mönch, “Bruder Clynn, der 1348 gestorben war. Dieser Bruder, der als Chronist seiner Abtei die Annalen führen musste, hatte gemerkt, wie der Schwarze Tode kam, ihn zu holen … Der Mönch hatte sorgsam ein paar Seiten leeres Pergament in dem Buch gelassen, in das er nicht mehr schreiben würde, und mit folgender Mitteilung geendet … ‘Angesichts dieser vielen Leiden’, hatte er in Latein geschrieben, ‘und als wäre die ganze Welt dem Verderben anheimgegeben, während ich zwischen den Toten auf den Tod warte, habe ich aufgeschrieben, was ich wahrheitsgemäß gehört und nachgeprüft habe. Und damit nicht die Schrift mit dem Schreiber untergehe oder die Arbeit mit dem Arbeiter sterbe, lass ich nun etwas Papier für die Fortsetzung zurück – für den Fall, dass vielleicht ein Mensch die Zukunft noch erlebt oder eine Person vom Stamme Adams dieser Pest entkommt und dieses Werk fortführt, das ich einst begonnen habe.’’” (T.H.White, Das Buch Merlin, Dt. von Irmela Bender, München, 1980, S. 150f) Es ist nicht umsonst ein Chronist, der diese Worte aufschreibt. Um einen von sich selbst unabhängigen Entwurf der Zukunft machen zu können, muss man sich als Teil einer Geschichte verstehen, die man mit schreibt, in der man aber auch geschrieben wird.

      Damit komme ich endlich zu Ihrer ersten Frage. Endlich, weil die Übersetzung theologischen (oder, wenn Sie so wollen, mythologischen) Denkens in unsere Alltagssprache sehr viel Redundanz erzeugt. Mit einem Glaubenden könnte ich mit den „innergeschichtlichen“ Begriffen und Bildern argumentieren und käme viel schneller ans Ziel. Aber wenn ich, was u.a. auch mein Anliegen mit diesem Blog ist, auch von Nicht-Glaubenden zumindest verstanden werden will, muss ich weiter ausholen.
      Es gibt keinen vernünftigen Grund, zu glauben. Glaube ist etwa so vernünftig wie ein Terry-Pratchett-Roman (oder, um mal etwas Abwechslung und einen meiner anderen Lieblingsautoren zu bringen, „Franny and Zooey“ von J.D.Salinger). Letztlich ist der Glaube ein Schritt von einer Wirklichkeit – unserer Realität – in eine andere – ein Schritt, den jede Leserin, jeder Leser bei der Lektüre eines Romans geht. Hier sitze ich auf meinem Sessel, in Gedanken befinde ich mich in der Scheibenwelt. Der Glaube unterscheidet sich äußerlich in nichts von diesem Lese-Schritt. Glaubensimmanent ist der Unterschied jedoch gewaltig, denn anders als beim Roman kann man den Schritt in den Glauben nicht selbst vollziehen. Sie können sich nicht sagen: „Ab jetzt glaube ich an Gott“, wenn Sie vorher die Existenz eines göttlichen Wesens nicht akzeptieren konnten. Sie können nicht sagen: „Ab jetzt glaube ich, dass Jesus Christus der Mensch gewordene Gott ist, der durch seinen Tod am Kreuz alle Opfer überflüssig gemacht und durch seine Auferstehung die grenzenlose Macht der Liebe erwiesen hat.“ Der Glaube ist ein Sprung (im Heideggerschen Sinn), vergleichbar dem Sprung, der beim Sich-Verlieben vollzogen wird.
      Ich würde jedem vernünftigen Menschen abraten, zu glauben, denn ich könnte ihr oder ihm nicht garantieren, dass es sich letztlich nicht nur um einen Selbstbetrug handelt.
      Und ich würde jedem vernünftigen Menschen dringend raten, den Glauben zu suchen, denn er gibt meinem Leben Halt, Sinn und Ziel – und ist m.E. einzig in der Lage, unsere Menschheit vor dem Tod zu retten.

      • Muriel sagte:

        Uiuiui. Danke für die ausführlich Antwort!
        Ich habe den Eindruck, dass wir verschiedene Dinge mit Glauben meinen, und es aber trotzdem noch unterschiedlich bewerten. Ich meine den Begriff sehr allgemein (also zum Beispiel glaube ich ja auch, dass ich jetzt gerade hier sitze und einen Kommentar tippe, und das ist aus meiner Sicht nichts grundsätzlich anderes als der Glaube z.B. einer Katholikin, dass der Papst der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden ist, oder dass diese Welt von einer allmächtigen und moralisch vollkommenen Entität geschaffen wurde, oder so) und würde aber durchaus jemandem, der was Falsches glaubt, das tendenziell streitig machen wollen.
        Ich versuche, kein Arsch dabei zu sein, aber ich denke generell, dass es erstens für so ziemlich uns alle vorteilhaft ist, möglichst viel Wahres zu glauben, und möglichst wenig Falsches, weil wir jede irrige Überzeugung das Risiko steigert, falsche Entscheidungen zu treffen, und dass es zweitens auch ganz konkret für mich vorteilhaft ist, wenn möglichst viele andere Menschen das auch so sehen.
        Ich lebe ja schließlich auf einem Planeten, in einer Gemeinschaft mit all den anderen hier, und wenn möglichst viele von denen ein möglichst akkurates Bild von der Welt haben, die wir uns teilen, dann sollte es dadurch viel einfacher werden, gemeinsam möglichst das Beste draus zu machen, zum Beispiel auch, weil wir wissen, dass dieses Leben alles ist, was wir haben, dass danach nichts mehr kommt, und dass es auch außer uns selbst (also, uns allen zusammen, oder so) niemanden gibt, der sich drum kümmert, dass am Ende alles gut wird.
        Was den Trost angeht, so ist das so eine Sache. Ich könnte sicher nicht abstreiten, dass es für mich enorm tröstlich und erfreulich wäre, zu glauben, dass ich 500 Millionen Euro im Lotto gewonnen habe. Das würde mir so manche Sorge nehmen, und ich könnte mich auf ein Leben freuen, in dem ich nur noch tun muss, was mir Freude bereitet, und in dem ich auch vielen anderen Menschen helfen und überhaupt viel Gutes tun kann. Allerdings würde mir das irgendwann auf die Füße fallen, wenn ich diese meine irrige Überzeugung auf die Probe stelle. Und so ungefähr ist das ja mit jeder falschen Überzeugung. Manche („Wenn ich dieses Flugzeug in dieses Gebäude lenke, wird mein Gott mich nach meinem Tod reich belohnen.“) sind riskanter als andere („Wenn ich in diesem Leben ein netter Typ bin, werde ich im nächsten vielleicht auf einer höheren Stufe wiedergeboren.“), aber problematisch sind sie alle, und zwar nicht nur aus sich selbst heraus, sondern (in der Regel) auch, weil sie ja nicht isoliert stehen, sondern aus einer kaputten Epistemologie fließen.
        Find ich jedenfalls.
        Insofern sehe ich da auch einen grundsätzlichen Unterschied zu der Frage, welche Musik ich mag, oder welche anderen Menschen.

  2. Das Wichtigste fällt mir natürlich erst hinterher ein: Glaube braucht (und hat) keine Gründe. Das ist wie mit dem Verlieben: das tut man auch nicht, um Sex zu haben, oder eine/n Partner/in. Das sind sehr willkommene und oft erwünschte Nebeneffekte des Verliebens, aber das Verlieben an sich geschieht „einfach so“. Oder dass man eine bestimmte Musik, ein Gemälde mag: auch das hat keinen Grund. Der Glaube gehört also in den Bereich der (vom Kapitalismus aus gesehen) wertlosen bzw. (von einem kapitalismuskritischen Standpunkt aus gesehen) letzten unbewerteten Dinge, die einfach nur um ihrer selbst willen existieren – wie ja übrigens wir Menschen letztlich auch …

  3. Danke für die Präzisierung! Tatsächlich meinen wir etwas völlig Verschiedenes, wenn wir von „Glauben“ sprechen. Im Gegensatz zu Ihnen verwende ich „Glauben“ hier im speziellen Sinn des „Glauben an“. Zum religiösen Glauben gehört auch das Glauben im Sinne des für-wahr-Haltens von Glaubenssätzen (Dogmen) wie Ihr oben erwähntes Dogma vom Papst als vicarius Christi. Aber im engeren Sinne hat Glaube nichts mir Wahrheit zu tun, sondern mit Vertrauen. Dass wir uns nicht missverstehen: Ich halte die Glaubenssätze, an die ich glaube, für wahr – auf die selbe Weise, wie ich an die Menschenrechte glaube, weil ich sie für wahr und richtig halte. Und insofern kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen: Wir sollten uns auf gemeinsame Wahrheiten einigen. Sinnigerweise beginnt die Unabhängigkeitserklärung „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ Interessanterweise sind diese selbstverständlichen Wahrheiten schon von der Generation der Väter der Unabhängigkeitsbewegung nur halbherzig befolgt bzw. nur auf „Weiße“ angewandt worden …
    Aber der Glaube, den ich meine, hat nichts mit dem für-wahr-Halten von bestimmten Sätzen, Dogmen, Axiomen zu tun, sondern, wie schon gesagt, mit Vertrauen: das Vertrauen, dass da jemand ist, der/die mich kennt, mich sieht, an mir Anteil nimmt, Gutes für mich will. Dieser Jemand ist nicht ein Mensch wie meine Partnerin/mein Partner, der/die das auch will, sondern Gott. Dass man Gott in einem Maße vertraut, wie man nur einer sehr guten Freundin/einem sehr guten Freund oder eben der Partnerin/dem Partner oder den Eltern vertrauen würde: das ist der Glaube, den man nicht „finden“ oder „gewinnen“, sondern in den man nur „springen“ kann.
    Die Sache mit der Musik bezog sich auf die andere Wirklichkeit, die der Glaube (immer noch als „Glaube an“) ist. Der Vergleich mit der Musik oder der bildenden Kunst sollte zeigen, dass es dazu Parallelen in unserer Alltagswelt gibt, wo ebenfalls unsere Realität durch Musik oder Kunst transzendiert wird.

    • Muriel sagte:

      „Aber im engeren Sinne hat Glaube nichts mir Wahrheit zu tun, sondern mit Vertrauen.“
      Ich will nicht unnötig konträr sein, aber ich fürchte, ich kann bei dieser Unterscheidung nicht ganz mitgehen. Was ist Vertrauen anderes als eine spezielle Überzeugung (Dass jemand mich nicht belügt, dass eine Institution Bestand haben wird, dass jemand mich unterstützt…), die wahr oder falsch sein kann und einer Rechtfertigung bedarf (zum Beispiel weil ich nicht nur mir selbst, sondern auch anderen schaden kann, wenn ich mich damit irre)?

      „auf die selbe Weise, wie ich an die Menschenrechte glaube, weil ich sie für wahr und richtig halte“
      Hier interessiert mich, was SIe in diesem Zusammenhang mit „wahr und richtig“ meinen.

      „Wir sollten uns auf gemeinsame Wahrheiten einigen.“
      Wahrscheinlich schon. Und gerade deshalb halte ich es für wichtig, Überzeugungen zu rechtfertigen. Denn wenn der eine sagt „Ich glaube, dass mein Gott Homosexualität voll eklig findet und jeden, der mal gleichgeschlechtlichen Sex hatte, nach seinem Tod so lange kitzelt, bis einer heult“ und der andere sagt „Ich glaube aber, dass mein Gott, der natürlich der einzige echte ist, alle Menschen voll lieb hat, egal wie sie Sex haben“, und vielleicht noch einer „Ich glaube, dass es gar keinen Gott gibt, aber Homosexualität find ich trotzdem schlimm, weil die unnatürlich ist und dazu führt, dass niemand mehr Kinder kriegt und unsere Gesellschaft ausstirbt“, dann wäre es doch wünschenswert, dass die einen Maßstab finden, an dem sie ihre Überzeugungen prüfen können und feststellen, ob und inwieweit sie richtig liegen. Oder wie sehen Sie das?

      „Der Vergleich mit der Musik oder der bildenden Kunst sollte zeigen, dass es dazu Parallelen in unserer Alltagswelt gibt, wo ebenfalls unsere Realität durch Musik oder Kunst transzendiert wird.“
      Inwiefern wird Sie das denn?

      • Oh je, vier Fragen!
        Ich versuche, zu antworten, und fange mit der vierten Frage an:

        „‚Der Vergleich mit der Musik oder der bildenden Kunst sollte zeigen, dass es dazu Parallelen in unserer Alltagswelt gibt, wo ebenfalls unsere Realität durch Musik oder Kunst transzendiert wird.‘
        Inwiefern wird Sie das denn?“

        Ich mache mir die Antwort leicht, indem ich einfach Navid Kermani zitiere:

        „ich nahm wahr, dass ein Gegenstand nach dem anderen mein Bewusstsein verließ und nur der nackte Sound zweier elektrischer Gitarren, einer Baßgitarre und eines Schlagzeuges, die Essenz des Rock ’n‘ Roll übrigblieb, ich spürte, wie ich mich von allem Festen löste, wie ich leer wurde, bis ich am Ende bloß noch die Leere spürte. Daß die Klänge von *Arc* nichts bedeuten, ist ihr Geheimnis: Nach dem Erleben des Mystikers wurde Dschunaid gefragt. ‚Die Farbe seines ursprünglichen Zustandes ist die Farbe des Wassers‘, antwortete er. Dieser Zustand der gefühllosen Empfindung aber ist vermutlich der entspannteste, der einem Mensch zuteil werden kann; womöglich nimmt er den Tod voraus. So nickte ich ein.“

        Navid Kermani, Das Buch der von Neil Young Getöteten, Berlin 2013 (st 4461), S. 130

        Nun zur ersten Frage:

        „‚Aber im engeren Sinne hat Glaube nichts mir Wahrheit zu tun, sondern mit Vertrauen.‘
        Ich will nicht unnötig konträr sein, aber ich fürchte, ich kann bei dieser Unterscheidung nicht ganz mitgehen. Was ist Vertrauen anderes als eine spezielle Überzeugung … ?“

        Ich siedele das Vertrauen nicht im Bereich des Kognitiven an. Das kann man natürlich – vielleicht muss man es manchmal sogar -, indem man überlegt, ob der andere Mensch vertrauenswürdig ist, was sie oder ihn dazu macht. Man könnte sicherlich auch analysieren, was mich zu einem anderen Menschen Vertrauen fassen lässt, was mindestens nötig ist, damit ich ihr/ihm vertrauen kann. Aber man – oder sagen wir besser: ich – mache das für gewöhnlich nicht. Wenn ich vertraue, geschieht das intuitiv, und es hängt mindestens so stark von meiner „Leistung“ ab wie von dem, was mein Gegenüber mir entgegenbringt. Vertrauen ist also, überspitzt formuliert, keine Überzeugung, sondern Arbeit.

        „‚auf die selbe Weise, wie ich an die Menschenrechte glaube, weil ich sie für wahr und richtig halte‘
        Hier interessiert mich, was Sie in diesem Zusammenhang mit „wahr und richtig“ meinen.“

        „Was ist Wahrheit?“, fragt Pilatus Jesus (Johannes 18,38). Und Paulus schreibt (Römer 1,19-20): „was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen [den ungläubigen Menschen] offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine Kraft und Gottheit, wird seit Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt“.
        Paulus geht mit der Philosophie seiner Zeit davon aus, dass es, wie es auch in der Unabhängigkeitserklärung heißt, Wahrheiten gibt, die allen Menschen einleuchten; man könnte auch sagen: „Das ist doch logisch“. Für Paulus gehört dazu auch die Existenz Gottes (der sog. kosmologische oder teleologische Gottesbeweis, der uns hier nicht zu interessieren braucht).
        Ich denke, dass man sich mit Hilfe der Logik auf Aussagen, für die es keine überzeugenden Gegenargumente gibt, einigen und diese als „Wahrheiten“ festschreiben kann (mit der Einschränkung, die Bertold Brecht in seinem Gedicht „Lob des Zweifels“ vornimmt) – so eben z.B. die Menschenrechte.

        „gerade deshalb halte ich es für wichtig, Überzeugungen zu rechtfertigen. … [es] wäre doch wünschenswert, dass die einen Maßstab finden, an dem sie ihre Überzeugungen prüfen können und feststellen, ob und inwieweit sie richtig liegen. Oder wie sehen Sie das?“

        D’accord. Aber offensichtlich scheint ein Maßstab, auf den sich alle einigen können, zu fehlen. Die sog. „Postmoderne“ hat in meiner Wahrnehmung zu einem Verlust von Maßstäben geführt – so, als wäre das Ur-Meter aus Paris gestohlen worden. Nach dem zwei-Block-Denken des kalten Krieges war das zunächst als Befreiung empfunden worden. Aber an die Stelle der „alten“ Maßstäbe trat kein neues Paradigma – im Gegenteil: Der Neoliberalismus kämpft verbissen dafür, dass es bei der Beliebigkeit bleibt, weil unter diesen Bedingungen der größte Profit zu machen ist. Sich an Maßstäbe zu halten ist zu einer Frage des guten Willens geworden.

      • Muriel sagte:

        Ich sehe das zwar anders, aber ich denke, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Unterschiede zu fundamental sind, als dass wir sie mit vertretbarem Aufwand überbrücken könnten.
        Danke jedenfalls für die Erklärungen, und alles Gute!

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