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Archiv für den Monat Juli 2016

„well i used to drive a cab you know, heard a siren scream, pulled over to the corner and fell into a dream. there were two men eating pennies and three young girls who cried, ‚the west coast is falling. i see rocks in the sky.‘ the preacher took his bible and he laid it on the stool. he said ‚with the congregation running, why should i play the fool?“

(Neil Young, Last Trip to Tulsa, zit. bei Navid Kermani, Das Buch der von Neil Young Getöteten, Berlin (st 4461) 2013, S. 13)

„Neil Young war, als er diesen Text verfaßte, höchstens 22 Jahre alt, wahrscheinlich jünger, doch das selbstironische Zähnefletschen, das er dem Leben zeigt … kenne ich sonst nur aus Samuel Becketts älteren Tagen“ (Navid Kermani, a.a.O., S. 21).

So interpretiert Navid Kermani „Last Trip to Tulsa“. Ich komme auf seine Interpretation noch zurück. Was mich an dem zitierten Vers aus Neil Youngs Stück fesselte, war der letzte Satz vom Prediger, der die Bibel auf den Sitz legt und sich (rhetorisch) fragt, warum er sich zum Affen machen soll, wenn die Gemeinde wegbleibt. Das ist eine Frage, die mir sofort einleuchtet: Warum mache ich mich eigentlich immer noch zum Affen, „spiele“ Kirche, indem ich regelmäßig Gottesdienste halte, Kinder, Konfirmanden, Jugendliche und Senioren Angebote mache usw., wenn so offensichtlich der Mehrheit der Christen (von der übrigen Bevölkerung will ich gar nicht sprechen) Kirche völlig gleichgültig geworden zu sein scheint? Warum warne ich in meinen Predigten noch vor den Folgen unseres Tuns, warum träume ich laut von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, wenn das anscheinend niemanden interessiert?

Kirche ist zu einem Dienstleistungsbetrieb geworden, zu dem die Menschen nicht mehr kommen, weil sie etwas wollen, sondern der den Menschen hinterherläuft und (fast) alles tut, um es ihnen recht zu machen. Praktisch-theologisch wird dieses Verhalten damit begründet, dass man eben mit der Zeit gehen müsse: Von antiquierten „Komm-Strukturen“ müsse man auf moderne „Geh-Strukturen“ umschalten, wenn man die Menschen, die sich der Kirche abgewandt haben, noch erreichen will. Das ist aber kein inhaltliches Argument, sondern nur eine Verbrämung der Tatsache, dass man an den Strukturen der Volkskirche und der beamteten Pfarrerinnenschaft so lange wie irgend möglich festhalten will. Diese Strukturen „funktionieren“ nur durch (ausreichende) Zahlen. Die in der Kirche Mitarbeitenden sind Gefangene der Zahl geworden: So-und-soviel Gemeindeglieder bedeuten eine ganze Pfarrstelle, so-und-so-viele braucht man für eine Kirchenmusikerin, so-und-so-viele für eine Diakonin. Deshalb rennen wir den Leuten hinterher: Um Stellen abzusichern oder zu erhalten (davon, neue Stellen zu schaffen, ist nicht mehr die Rede). Erst in zweiter (oder gar dritter) Linie, weil wir ihnen die Gute Nachricht nahe bringen wollen.

Bei diesem Hinterhergerenne brennen immer mehr Kolleginnen aus. Weil man nicht länger die Augen davor verschließen kann, dass man sich zum Affen macht. Und weil man das immer stärker so erlebt. Brautpaare machen kein Hehl daraus, dass sie der Traugottesdienst inhaltlich überhaupt nicht interessiert; sie wollen eine schöne Zeremonie, sie wollen schöne Bilder. Eltern lassen ihre Kinder taufen, weil sich ein Rest magischen Denkens erhalten hat, dass die Taufe so etwas wie eine Lebensversicherung für ihre Kinder sein könnte; bei all den anderen Vorkehrungen, die man zum Wohl des Kindes trifft, kann eine Taufe sicher nicht schaden. Der Gedanke, dass ein Kind dadurch in die Gemeinde aufgenommen wird, dass Eltern und Paten mit der Taufe auch eine Verpflichtung eingehen, ihr Kind christlich zu erziehen, kommt dabei den wenigsten. Und so wird die Taufe immer seltener im Hauptgottesdienst und immer mehr als Einzelkasualie gefeiert – weil, wenn man die Einzelkasualie den Eltern verweigerte, sie ihr Kind überhaupt nicht taufen ließen. So tröstet man sich damit, dass man wenigstens wieder einen Christen „gemacht“ hat, der vielleicht eines Tages …

Was wäre die Alternative? Kehrt man den volkskirchlichen Strukturen den Rücken (die Volkskirche gibt es längst nicht mehr, aber wir tun noch so), läuft man Gefahr, zu einer einfluss- und wirkungslosen Sekte zu werden, warnen die, die sich an die Vorstellung einer Volkskirche klammern. Und ich muss gestehen: Auch ich finde eine Kirche, die ihre Mitglieder nicht auf eine Form der Frömmigkeit, auf eine Liturgie, auf ein enges Bekenntnis festlegt, sympathischer als alle Freikirchen, die ich bisher kennengelernt habe. Wohl, weil ich selbst ein Kind dieser „Volkskirche“ bin, brauche ich das Gefühl der Freiheit, glauben und meinen Glauben leben zu können, wie ich will. Als Pfarrer tue ich das im Rahmen eines Bekenntnisses, auf das ich mich bei meiner Ordination verpflichtet habe, weil ich es teile. Trotzdem bleibt mir eine große Freiheit in der Ausgestaltung dieses Bekenntnisses durch mein Leben, meine Predigten, meine Arbeit.

Also will ich die Volkskirche gar nicht durch etwas anderes ersetzen. Und trotzdem habe ich manchmal das oben zitierte Gefühl, stellvertretend für viele Christinnen und Christen Kirche zu „spielen“ und mich dabei zum Affen zu machen, weil die anderen nicht mitspielen, sondern mir bestenfalls amüsiert zusehen. Wenn mich dieses Gefühl beschleicht, fällt mir ein Zitat von Fulbert Steffensky ein:

„Mein allerliebster Pfarrer liest täglich in der Bibel und betet täglich, nicht, weil er von Glauben glüht, sondern weil es sein Beruf ist.“
(Fulbert Steffensky in GPM 87, 1998, S. 303)

Und in Epiktets Encheiridion lese ich:

„Bedenke: Du bist Darsteller eines Stücks, dessen Charakter der Autor bestimmt, und zwar eines kurzen, wenn er es kurz, eines langen, wenn er es lang wünscht. Will er, dass du einen Bettler darstellst, spiele auch diesen einfühlend; ein Gleiches gilt für einen Krüppel, einen Herrscher oder einen gewöhnlichen Menschen.
Deine Aufgabe ist es nur, die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen, steht einem andern zu.“
(Epiktet, Handbüchlein der Moral, Dt. von Kurt Steinmann, München (Reclam 8788) 1992, S. 25)

Um auf die eingangs zitierte Interpretation Navid Kermanis zurückzukommen:

„Neil Young hat sich seine gesamte Karriere hindurch als Arbeiter vorgestellt, oder genauer: als Vorarbeiter einer Mannschaft, die sich Crazy Horse nennt, als jemand, der den Auftrag hat, einen bestimmten Groove, ein bestimmtes musikalisches Gefühl zu erzeugen, ähnlich einem Bäcker, der für sein Schwarzbrot berühmt ist, oder einem Farmer, der eine besondere Art von Mais zu züchten hat, weil sie nur auf seinem Acker wächst. … Ein Greis wird er sein, der tut, was er zu tun, was er immer schon getan hat, nämlich tagein, tagaus zum Marsch durch die Seelenwelt zu blasen. Mehr ist das Leben nicht, aber das ist das ganze Leben.“
(Navid Kermani, a.a.O., S. 22f)

Wir sind, um es etwas kitschig zu sagen, Arbeiterinnen und Arbeiter im Weinberg des Herrn. Wir haben uns diese Rolle nicht ausgesucht; sie ist uns auch nicht unbedingt auf den Leib geschrieben worden. Aber wir haben sie, und müssen sie nach besten Kräften ausfüllen. Niemand hat versprochen, dass es leicht sein würde.
Und wir sind Vorarbeiterinnen und Vorarbeiter unserer Gemeinde, die sich „Sankt Wenzel“ nennt oder „Dietrich Bonhoeffer“, oder einfach nach dem Ort, in dem sie sich befindet, und unsere Aufgabe ist es, diesen Groove zu erzeugen, der die Menschen um uns herum spüren und sagen lässt: Ja, das ist meine Kirche!

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Ein gläubiger Glaubender (was nicht dasselbe ist wie ein glaubender Gläubiger) möchte, da sie oder er den Glauben als das Wesentliche in seinem oder ihrem Leben erfuhr, dass auch andere Menschen diese heilsame Wahrheit erkennen. Darum versuchen Glaubende, andere Menschen zu erreichen, indem sie sich z.B. in einer Fußgängerzone auf Apfelsinenkisten stellen; zu zweit an fremden Haustüren klingeln und die Bewohner in ein Gespräch über den Glaubenden zu verwickeln suchen; ein Blog wie dieses schreiben u.v.a. mehr. Man nennt das mit einem Fachwort „Mission“. Sie steht in keinem guten Ruf, weil Glaubende in früheren Zeiten recht hemdsärmelig missionierten, um es vorsichtig auszudrücken. Karl der Große ließ z.B. etliche Sachsen köpfen, die sich nicht taufen lassen wollten; die Kreuzzüge könnte man insgesamt als völlig fehlgeleiteten und grausamen Missionsversuch abtun, wenn die machtpolitischen und finanziellen Gründe für ihre Organisation und Durchführung nicht so unübersehbar wären. Aber trotz dieser und weiterer sehr düsteren Beispiele ist es ja nicht unredlich, andere mit einer Wahrheit bekannt zu machen, die man für sich selbst als außerordentlich hilfreich und förderlich erlebt – solange man seinem Gegenüber die Freiheit läßt, anderer Meinung zu sein und die eigenen Bemühungen höflich, aber bestimmt abzulehnen.

In unserer modernen Zeit ist die Mission auch deshalb stark zurückgegangen, weil man als Glaubender i.d.R. mit starker Skepsis konfrontiert wird, was das Postulat eines göttlichen Wesens angeht. Haben unsere Vormütter und -väter ihre Wissenslücken noch mit dem Verweis auf Gott schließen können, geht das heute nicht mehr. Unser Wissen ist so fortgeschritten und umfassend, dass wir Gott als „Lückenbüßer“ für unsere Wissenslücken nicht mehr brauchen. Wenn wir auch heute noch nicht alles erklären können, so ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis jemand die fehlende Erklärung entdeckt – auch, wenn das kein Ende unserer Fragen bedeutet; wartet doch die folgende Frage schon hinter der nächsten Ecke. An Gott zu glauben, ist für einen modernen, mit dem wissenschaftlichen Weltbild erzogenen Menschen ein peinlicher Anachronismus.
Natürlich könnte und würde man andere Argumente für die Notwendigkeit eines Glaubens an Gott anführen, die meistens mit der Erfahrung von Ohnmacht, dem Erleben von Schuld oder der Einsicht in die Endlichkeit des Lebens und der Angst vor dem Tod zu tun haben. Aber für einen skeptischen Menschen erfordert es einen gewaltigen Schritt, sich auf eine solche Argumentation einzulassen. Ein Schritt, der, wenn überhaupt, erst in einer Lebenskrise gegangen wird – aber dann ist es oft zu spät, weil Glaube wie alles andere, was einem im Leben helfen soll (z.B. Schwimmen oder Radfahren), geübt werden muss.
Einer Skeptikerin oder einem Skeptiker viel näher ist ein Argument, das ich bei Terry Pratchett gefunden habe und das so simpel und dabei so einleuchtend ist, dass ich es ab sofort in mein Missionsrepertoire aufnehme. Die Zwerge, von denen Pratchett hier spricht, stehen dabei symbolisch für den skeptischen Menschen:

“Es gab so etwas wie Zwergengötter. Zwerge waren keine von Natur aus religiöse Spezies, aber in einer Welt, in der Grubenhölzer ohne Vorwarnung nachgeben und schlagende Wetter jederzeit explodieren konnten, hatten sie die Notwendigkeit von Göttern als eine Art übernatürliche Entsprechung zum Schutzhelm anerkannt. Abgesehen davon ist es, nachdem man sich einen acht Pfund schweren Hammer auf den Daumen gedroschen hat, sehr befreiend, wenn man ganz fürchterlich fluchen kann. Man muss schon ein ungewöhnlich willensstarker Atheist sein, wenn man in diesem Fall mit der Hand unter der Achsel auf und ab hüpft und dabei laut ‘Oh, zufällige-Fluktuationen-im-Raum-Zeit-Kontinuum!’ schreit oder ‘Aaaaua, primitives-und-völlig-überholtes-Hilfskonstrukt!’”

(Terry Pratchett, Helle Barden, Dt. von Gerald Jung, München, 2014, S. 81, ISBN: 978-3-442-54719-7)