Psalm 4 – mit Demütigungen umgehen

1 Für den Chorleiter. Mit Saitenbegleitung. Ein Psalm Davids.

2 Wenn ich rufe, reagiere, Gott, der mir zum Recht verhilft!
In Bedrängnis hast du mir Raum verschafft.
Hab Mitleid mit mir und höre mein Gebet!

3 Herrschaften, wie lange wollt ihr mein Ansehen beschädigen?
Ihr liebt Machtspielchen; ihr lügt, ohne rot zu werden. Sela.

4 Aber seht doch endlich ein, wie wunderbar GOTT mit dem umgeht, den er lieb hat!
GOTT hört, wenn ich ihn rufe.

5 Ihr regt euch auf – aber lasst Gott das nicht hören!
Macht es mit euch im stillen Kämmerlein ab, ansonsten seid still! Sela.

6 Beschafft euch Gottes Unterstützung
und vertraut auf ihn.

7 Viele fragen: Von wem können wir Gutes erwarten?
Du, GOTT, hast dich von uns abgewandt.

8 Du hast mir Freude geschenkt,
die größer ist als die Menge ihres Reichtums.

9 In Frieden lege ich mich hin und schlafe gleich ein,
denn allein du, GOTT, lässt mich in Sicherheit wohnen.
Zum Text:

1 Hier handelt es sich um technische Angaben, die wir heute nicht mehr verstehen, weil wir kein Wissen darüber haben, wie die Psalmen im Gottesdienst gebetet oder vorgetragen wurden.
Das Wort למנצח (lemanzeách) könnte sich auf den Chorleiter oder Dirigenten beziehen; der Begriff ist aber unklar.
Möglicherweise hat auch das rätselhafte Wort סלה (Séla) mit der Art des Vortrages zu tun. Es gibt drei grundsätzliche Verstehensmöglichkeiten: 1. könnte es ein Zeichen für ein Zwischenspiel sein (im gregorianischen Psalm die Antiphon), 2. ein Wiederholungszeichen (der vorhergehende Abschnitt wird wiederholt), oder 3. die Aufforderung, sich zu verbeugen.

2 Wörtlich bedeutet ענה (anáh): erhöre mich. Wie soll man sich ein Erhörtwerden von Gott vorstellen? Tritt ein, was der Beter erbittet? Erhören ist mehr als anhören; es ist eine Reaktion mit eingeschlossen. Deshalb kann man vielleicht, um die Antwort offen zu halten, mit „reagieren“ übersetzen.
Der Beter spricht Gott als אלחי צדיקי (Elohé zidkí) an; dabei handelt es sich um eine Gottesbezeichnung: „Gott meiner Gerechtigkeit“. Was will diese Gottesbezeichnung aussagen? Wir befinden uns offenbar in einer Situation, in der Gott dem Beter zu seinem Recht verholfen hat oder verhelfen wird. Es geht nicht um Rechtfertigung von einer Schuld, sondern um Gerechtigkeit in einem konkreten Fall, z.B. einer Anklage oder Verleumdung. Ich stelle mir vor, dass der Psalmbeter sich ungerechten Anschuldigungen oder Vorwürfen ausgesetzt sieht.
Die zweite Vershälfte erinnert an bereits erfahrene Hilfe durch Gott, die darin bestand, dass Gott in einer bedrängenden Situation Raum verschaffte – indem sich Handlungsalternativen auftaten? Indem sich ein Ausweg zeigte? Oder indem das Gefühl der Beklemmung wich?
Diese Hilfe wird auch in der konkreten Situation erfleht, weshalb Gott um sein Erbarmen gebeten wird. Wir sprechen heute kaum noch von Erbarmen, sondern von Mitgefühl.

3 Dieser Vers redet die Gegner direkt an. Als „Söhne [eines] Mannes“ wurden vornehme, einflussreiche Leute angesprochen. Mir fällt die Anrede aus dem Lied Le déserteur ein: „Ihr sogenannten Herrn“; auch hier ist die Anrede vielleicht ironisch gemeint. Aber mir gefällt der Ausdruck besser, den Gustav mit der Hupe im „Fliegenden Klassenzimmer“ von Erich Kästner benutzt. Als neutrale Wendung könnte man die Briefanrede „Sehr geehrte (Damen und) Herren“ wählen.
Die vornehmen Leute beschämen den Psalmbeter, indem sie seinen כבוד (kawód) „zur Beschämung“ machen. Das Verb, das diesem Wort zugrundeliegt, bezeichnet das Gewicht – entsprechend ist כבוד das (gesellschaftliche) Gewicht, das jemand hat: das Ansehen oder der Einfluss. Ich stelle mir vor, dass die Vornehmen „das Ansehen“ des Psalmbeters schmälern, indem sie es durch ihre Anschuldigungen oder Vorwürfe beschädigen.
Die Vornehmen lieben „Leeres“ (ריק, rik). Das dem Wort zugrundeliegende Verb bedeutet „ausleeren, ausgießen“; als Adverb „vergeblich“. Das Wort steht nicht für einen konkreten, gar theologischen Begriff; dass sie „Leeres“ lieben, ist eine Bewertung des Psalmbeters. Im Parallelvers geht es um Lüge, nach der die Vornehmen „trachten“. Die Anschuldigungen der Gegner sind erlogen; sie dienen ihren Machtspielen.

4 Der „Fromme“, הסיד (chasíd), ist der, der „Gott lieb ist“. Das „Sehen“ ist kein Wahrnehmen, sondern ein Einsehen (und damit zugeben), dass Gott den Beter besser behandelt als die sogenannten Herrn. Gott hört nämlich auf ihn – und auf die Vornehmen nicht.

5 Deshalb regen sie sich auf. Aber der Psalmbeter warnt sie: sie sollen sich nicht „versündigen“, indem sie ihrem Ärger Gott gegenüber Luft machen, sondern sollen „zu ihrem Herzen“ sprechen „auf ihrem Bett“ – wir sagen dazu: etwas mit sich selbst abmachen im stillen Kämmerlein. Weil er Gott auf seiner Seite weiß, nimmt sich der Beter ganz schön was heraus, indem er ihnen sagt, sie sollen „die Klappe halten“.

6 Was sind „rechte Opfer“? Psalm 4 weiß nichts von der prophetischen Opferkritik und auch nicht von der übertragenen Deutung der Opfer auf „dankbare Lieder“, wie sie Paul Gerhardt in EG 449,3 vornimmt. Hans-Joachim Kraus schlägt vor, die „rechten Opfer“ als Opfer zu verstehen, mit denen Gottes Recht erfleht wird; sie sind also eine Art Rechtshilfe, um die bei Gott im Tempel nachgesucht wird (Hans-Joachim Kraus, Die Psalmen, BK XV,1, Neukirchen-Vluyn 1973, S. 34). Der Psalmbeter, mit Gott im Rücken, schlägt seinen Gegnern ironisch vor, sich durch Opfer Gottes Rechtsbeistand zu verschaffen (den sie natürlich nicht bekommen werden, weil Gott auf seiner Seite ist) und so auf Gott zu vertrauen wie er.

7 Jetzt kehrt sich die Situation um: Nicht mehr der Psalmbeter ist in einer bedrängenden Lage, sondern seine Gegner – oder andere „Viele“ -, die sich im Unglück befinden und meinen, dass Gott sich von ihnen abgewandt hätte. Wie kommt diese Umkehrung zustande?

8 Doch nur, wenn die Gegner erkennen, was der Psalmbeter schon erkannt hat: dass es wichtiger ist, bei Gott im Ansehen zu stehen, als bei den Menschen; dass es wichtiger ist, Gottes Freude im Herzen zu haben als viel zu besitzen. Eine Einsicht, die von jedem Menschen jeder Generation neu erworben werden muss – und zu der mancher nicht in der Lage ist, weshalb Jesus sagt, dass Reiche unmöglich ins Reich Gottes gelangen können (Matthäus 19,24 parr).

9 Die von Gott geschenkte Freude lässt den Beter ruhig schlafen und gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

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