Psalm 3 – Aufstand

1 Psalm Davids
bei seiner Flucht vor seinem Sohn Absalom. (2.Samuel 15-18)

2 GOTT, warum sind meine Gegner so zahlreich?
Viele leisten mir Widerstand.
3 Zahlreich sind die, die mir einreden:
Für den gibt’s keine Hilfe bei Gott. SELA
4 Aber du, GOTT, umgibst mich als Schutzschild.
Du bist meine Ehre,
und du lässt mich zu Ehren kommen.
5 Wenn ich laut zu GOTT rufe,
antwortet er mir von seinem heiligen Berg. SELA
6 Ich liege und schlafe ein,
ich wache wieder auf, denn GOTT unterstützt mich.
7 Ich habe keine Angst vor der Menge des Volkes,
die mich umgibt, sich gegen mich stellt.
8 Steh doch auf, GOTT! – – –

Ja, du hast alle meine Gegner beschämt,
den Bösen den Biss genommen.
9 Bei GOTT ist die Hilfe.
Auf dein Volk komme dein Segen. SELA

Zum Text:

1 Die Überschrift ordnet den Psalm einer historischen Begebenheit zu: David muss vor seinem Sohn Absalom fliehen, der eine Revolution angezettelt und sich zum König gemacht hat. Absalom hat viele Anhänger im Volk gefunden. Bei seiner Flucht vor Absalom muss David erleben, dass er als König nicht nur beliebt ist; er sieht sich Ablehnung und Angriffen ausgesetzt.
Der Psalm ist einer konkreten biblischen Geschichte zugeordnet, so als habe David den Psalm in dieser Situation gedichtet, aber er stammt nicht von David. Mit dieser Überschrift wird der Psalm in den Kontext der Bibel eingeordnet und erhält durch die angebliche Verfasserschaft Davids eine Verbindlichkeit, wie sie auch die Deuteropaulinen und die Petrusbriefe im Neuen Testament durch die Pseudepigraphie beanspruchen.

2 Der Psalm spricht von „Feinden“ – ein Ausdruck, den wir i.d.R. nicht mehr benutzen. Wir sehen uns Gegnern gegenüber, die uns manchmal feind sind, mit harten Bandagen oder sogar fiesen Tricks gegen uns intrigieren und kämpfen. Das Verb im zweiten Versteil meint wörtlich das Aufstehen. Wie sich auch im Dt. der Aufstand vom Aufstehen ableitet, so auch im Hebr.

3 Die Gegner reden zur נֶפֶשׁ des Psalmbeters, zur Seele, zum Gemüt. Was hier beschrieben wird, ähnelt der Erfahrung einer Depression: Der Beter redet sich ein (bzw. bekommt eingeredet), dass Gott sich von ihm abgewendet hat.

4 Zu einer Depression würde auch die Selbstabwertung gehören. Aber der Psalmbeter bekommt die Anerkennung, die ihm seine Gegner verweigern, von Gott. Denn für ihn ist allein wichtig, dass er von Gott anerkannt wird; auf diesem Hintergrund wird das, was Menschen über ihn denken, unwichtig. Gott ist sein Schutzschild vor der Abwertung seiner Gegner.

5 Unser Gebet findet heimlich und lautlos statt; nur im Gottesdienst beten wir stimmhaft. Der Ruf des Beters findet sein Echo auf dem Zion, wo der Tempel steht. Vom Gotteshaus wird der Gebetsruf beantwortet: nämlich durch die Stimmen der Mitbetenden, die dem Beter bewusst machen: Ich stehe nicht allein da. Und durch das Gebäude, das die Stimme auf den Beter zurückwirft und ihm so Klarheit über sein Anliegen verschafft.

6 Noch ein Anklang an die Depression: Das Liegen und Schlafen kann man verstehen als Antriebslosigkeit, als Rückzug von der Welt. Aber Gott (unter)stützt den Beter und bringt ihn dazu, wieder aufzustehen.

7 Die schiere Menschenmenge kann Angst machen, wenn man vor der Gemeinde im Gottesdienst oder auf einer Bühne vor Publikum steht. Wenn man sich einer Demonstration gegenübersieht, deren Zielen man widerspricht. Das „Ich habe keine Angst“ klingt zunächst wie ein Pfeifen im dunklen Wald. Aber der Beter weiß, dass ihm die Menge nichts tun kann.
Wenn wir uns einer Übermacht gegenübersehen, denken wir in Kategorien der Gewalt. Wir fühlen uns von der Übermacht körperlich bedroht, und das sind wir möglicherweise auch. Vor dieser gefühlten Gewalt wird man entweder hart wie Stein, bringt sich in eine Haltung, die den erwarteten Angriff abwehrt. Oder man knickt ein, verleugnet seine Meinung, passt sich an. Ein dritter Weg könnte der Weg des Glaubens sein, bei dem man sich auf Gottes guter Seite weiß und deshalb keine Bestätigung durch Dritte braucht und auch nicht in seiner Haltung von einer großen Menge unsicher gemacht wird.

8 Der Beter ruft Gott zum Aufstand auf – die selbe Vokabel wie im zweiten Halbvers von Vers 2: Dem Aufstand der Gegner begegnet nicht die eigene Gewalt, sondern der Aufstand Gottes. Gott schlägt den Gegnern auf die Wange – eine Geste der Schmähung, vgl. Matthäus 6,39. Gott zerbricht den Gegnern die Zähne – nicht besonders brutale Gewalt wird hier beschrieben; vielmehr wird hier den Gegnern der „Biss“ genommen; ihnen wird der Schneid abgekauft.
In der ursprünglichen, liturgischen Verwendung des Psalms liegt zwischen der Bitte um Hilfe und dem Schlag auf die Wange das Eingreifen Gottes. Eigentlich liegt hier also eine Zäsur; man müsste beim Vortrag an dieser Stelle eine Pause machen.

9 Im Psalm hat sich alles um die Situation des Beters gedreht; es ging um seine persönliche Erfahrung und Befindlichkeit. Im letzten Vers weitet sich der Blick: Die erfahrene Hilfe lässt von sich absehen und für andere bitten. So macht die Gewissheit, bei Gott geborgen zu sein, frei dazu, sich um andere zu sorgen.
Die Anspielung auf Erfahrungen der Depression soll diese Krankheit weder verharmlosen, noch suggerieren, dass Gebet oder Glaube etwas dagegen vermöchten. Gegen eine Depression hilft kein Zuspruch, kein Gebet und kein Wollen. Allerdings erleben alle Menschen depressive Verstimmungen, bei denen man durchaus für Zuspruch von außen offen bleiben kann.

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