Psalm 2 – die entfesselte Welt

1 Warum machen die Völker so einen Wind?
Warum reden die Nationen dummes Zeug?

2 Staatschefs auf Erden stellen sich breitbeinig hin
und Regierungschefs verschwören sich untereinander
gegen GOTT und seinen Messias:

3 „Lasst uns zerreißen, womit sie uns fesseln!
Wir wollen uns befreien von dem, was uns bindet!“

4 Der im Himmel sitzt, lacht.
Der Herr spottet ihrer.

5 Dann spricht er zu ihnen in seinem Zorn,
und in seiner Zornesglut erschreckt er sie:

6 „Ich selbst habe meinen Staatschef eingesetzt
auf dem Zion, meinem heiligen Berg.“

7 Ich will erzählen, was GOTT vorhat:
Er sprach zu mir: „Du bist mein Sohn.
Ich habe dich heute dazu gemacht.

8 Bitte mich, dann gebe ich dir Völker zu eigen
und die Enden der Erde zum Besitz.

9 Du kannst sie mit eisernem Stab zerbrechen,
sie wie ein Tongefäß zerschlagen.“

10 Darum, Staatschefs, habt Einsicht!
Lasst euch warnen, ihr Richter auf Erden!

11 Dient Gott mit Furcht,
küsst seine Füße mit Zittern,

12 damit er nicht in Zorn gerät
und euer Vorhaben ruiniert, denn sein Zorn ist leicht entzündlich.
Selig alle, die bei ihm Zuflucht suchen!

Zum Text:

1 Das hebräische Verb רגשׁ bedeutet „sich in unruhiger Bewegung befinden“; in der zweiten Vershälfte heißt es wörtlich: „Sie ersinnen Leeres“. Da die beiden Halbverse sich im Parallelismus membrorum befinden, legen sie sich gegenseitig aus, entweder synonym – was hier nicht der Fall sein kann (antithetisch scheidet von vornherein aus), oder synthetisch, d.h. der zweite Halbsatz führt den Gedanken des ersten fort. Was also ist mit Gesellschaften, die sich in unruhiger Bewegung befinden und „Leeres“ ersinnen? Offenbar wird hier aus religiöser Perspektive die Weltpolitik als „much ado about nothing“ charakterisiert, als viel Lärm um Nichts.

2 Der Psalm spricht von „Königen“ und „Fürsten“; die haben in unserer modernen Welt allenfalls repräsentative Funktion. Dem König als Staatsoberhaupt entspricht heute die Präsidentin, neutral formuliert: der Staatschef; den Fürsten als Berater und Regierungsbeamte des Königs entsprechen die Regierungschefs oder Minister – in diesem Fall wären es die Außenminister. Die Staatschefs stellen sich Gott und seinem Messias gegenüber feindselig hin; das Verb bezeichnet eine Aufstellung zum Kampf. Die Minister beratschlagen (von יסד Perfekt Nif’al). Hans-Joachim Kraus schlägt vor, das Verb von סוד abzuleiten (dafür gibt es keine Belegstelle im AT; es gibt nur das Nomen) und „sich zusammentun“ zu übersetzen. Da es um eine Verabredung gegen Gott geht (die hebräische Präposition על), kann man sie etwas freier mit „Verschwörung“ übersetzen, zumal aus der Sicht des Psalms Gott bzw. sein Messias der legitime Herrscher ist.

3 Die Staats- und Regierungschefs sind oder fühlen sich von Gott gefesselt. Womit könnte Gott einen Menschen fesseln? Es kann sich m.E. nur um Gottes Gebote handeln, also um die Fesselung durch eine religiöse Ethik, die die Handlungsfähigkeit einschränkt, weil sie bestimmte Handlungen verbietet. Deshalb wähle ich für die Übersetzung einen doppeldeutigen Ausdruck, der auch an moralische Bindungen denken lassen kann.

4 Das Lachen und Spotten Gottes weist ihn als den Herrschenden überlegen aus – er macht sich lustig über sie. Gleichzeitig wird damit festgehalten, dass, wenn auch die Herrschenden ihre Bindungen an Gott lösen, sie dennoch an ihn gebunden bleiben, weil er ihnen nach wie vor „über“ ist – symbolisiert durch das Thronen im Himmel. Hier wird nicht der Himmel zum Aufenthaltsort Gottes, sondern gemäß Jesaja 55,8-9 sind Gottes Gedanken und Pläne so viel höher als menschliche, wie der Himmel höher als die Erde ist.

5 Gott lacht, aber er ist kein Kasper, sondern im Gegenteil ein furchtbarer Gott. Rudolf Otto hat in seinem Buch „Das Heilige“ diese furchterregende Seite Gottes das mysterium tremendum genannt. Dahinter steht die Einsicht, dass das, was Macht hat, Leben zu schenken, es auch zerstören kann. Dabei ist nicht an Yin und Yang gedacht – Gott ist nicht Gut und Böse in einem. Aber zur Freiheit Gottes (wenn wir ihn, wie die Bibel es tut, als Person denken) gehört es, unbegreiflich zu sein. Und diese Unbegreiflichkeit kann beängstigend sein. Vor allem aber entfachen die Taten der Menschen, die die Bindungen an Gottes Willen und Gebot abgestreift haben, Gottes Zorn. Mit anderen Worten: Gott ist parteiisch – auf Seiten derer, die von seinen Geboten geschützt werden. Er wendet sich gegen die Verantwortungslosigkeit, wie sie die Verfechter eines liberalen Marktes zeigen. Gott erwartet von den Menschen verantwortliches Handeln.

6 Weil Gott mit dem entfesselten Markt nicht einverstanden ist, setzt er einen eigenen Regierungschef auf dem Zion ein. Es handelt sich nicht um eine Maßnahme, die bereits geschehen ist, sondern um eine, die in der Zukunft liegt.

7 Allerdings lesen wir Christen diese Stelle anders: Für uns hat dieses „Heute“ der Zeugung bereits vor 2.000 Jahren stattgefunden. Es steht das hebräische Verb für „zeugen“ da; es ist also an den Akt der Zeugung gedacht. Gesprochen wird aber zu jemandem, der schon existiert, denn er wird angesprochen.Hintergrund dafür ist das altorientalische Ritual der Einsetzung eines Königs, die einen sakralen Charakter hatte (wie auch bis heute Königinnen die Krone in einer Kirche aufgesetzt wird).
Der „Plan“ Gottes (hebr.: חק) ist im eigentlichen Sinn die Legitimationsurkunde des Königs: das Protokoll, das bei seiner Einsetzung angefertigt wird und ihn als rechtmäßigen Herrscher ausweist. Hinter der „Zeugung“ des Königs durch Gott steht der Gedanke einer Adoption – der König wird zum Sohn Gottes erklärt. Deshalb übersetze ich entsprechend.

8 Die Übertragung der Völker und der „Enden der Erde“ – was heißt: der ganzen Erde – auf den Messias ist eine ideelle Übertragung. Es soll keine Theokratie errichtet werden. Eher ist gemeint, was in Matthäus 28,19 gesagt wird: Alle Völker sollen in den Machtbereich Gottes gelangen – weil das gut für sie ist. Weil die Entfesselung der Mächtigen Leid und Elend über die Welt bringt.

9 Angesichts dieses Leides, das unsere Art zu leben, zu wirtschaften und mit unseren Ressourcen, unserer Umwelt und unseren Mitgeschöpfen umzugehen, verursacht, möchte man manchmal mit eisernem Stab dreinschlagen. Man möchte die Ställe, in denen Hühner, Schweine und Rinder in Massen auf engstem Raum gehalten werden, die Fabriken, die die Umwelt verpesten, die Bankhäuser, die Atomkraftwerke, die Foltercamps kurz und klein hauen, zerdeppern wie altes Geschirr. Aber nicht uns gibt Gott die eiserne Rute in die Hand, sondern seinem Messias. Von Jesus wissen wir, dass er zwar die Tische der Händler umstieß und sie mit der Peitsche aus dem Tempel vertrieb – dass er also durchaus zu solch einem „heiligen Zorn“ in der Lage war, der alles kurz und klein schlägt. Aber wir sind nicht sein verlängerter Arm.

10 Der Psalm spricht eine Warnung gegen die Staatschefs und – hier plötzlich – Richter aus. „Könige“ und „Richter“ stehen in zwei Halbversen im Parallelismus; man kann also in ihnen die selben Personen sehen: Die Herrschenden sind zugleich Richter, weil sie durch ihr Tun Menschen, Bevölkerungsgruppen, ganze Nationen dazu verurteilen, die Konsequenzen ihres Tuns zu tragen.

11 Es gibt eine Hoffnung: Dass die Mächtigen zur Einsicht kommen und sich vor Gott fürchten. Damit ist keine Ehrfurcht, sondern ganz reale Furcht gemeint. Vor der Aufklärung hat die Angst vor dem Unbekannten Menschen davon abgehalten, bestimmte Grenzen zu überschreiten. Heute ist das Unbekannte und Unverstandene Ansporn, auch noch die letzte Grenze zu überwinden. Man tut etwas, weil man es kann, ohne zu fragen, ob es gut, sinnvoll, richtig ist. Die Angst vor Gott besteht in der Einsicht, dass man die Folgen bestimmter Handlungen nicht wirklich abschätzen kann und sie deshalb vielleicht besser lässt, weil man die Konsequenzen selbst nicht tragen kann oder will. Wir sind eben nicht wie Gott; das soll die Geste der Unterwerfung, das Küssen der Füße, deutlich machen.
Noch kurz zu einem Problem der Textüberlieferung. Im hebräischen Text steht wörtlich:
„11 Dient GOTT mit Furcht, frohlockt mit Zittern. 12 Küsst den Sohn …“
Wie soll man sich „zitterndes Frohlocken“ vorstellen? Und warum den Sohn küssen? Das Wort „Sohn“ steht hier im (vergleichsweise) jüngeren Aramäisch. Am sinnvollsten lässt sich das durch eine Verschreibung erklären: Die ersten beiden Worte von Vers 12 gehören vor die letzten beiden von Vers 11; das wurde schon 1908 von A.Bertholet vorgeschlagen (in: ZAW 28, S. 58f). Dadurch ergibt sich die o.a. Übersetzung.

12 Gottes Zorn kann jederzeit entflammen. Das „Heute“, von dem Vers 7 spricht, kann schon morgen sein. Eine Vorstellung, die viele evangelikale Christen und die Zeugen Jehovas teilen – und die in den USA gerade nicht zu einem respektvollen Umgang mit der Natur geführt, sondern deren Raubbau noch beschleunigt hat, weil diese Welt ja sowieso bald untergeht. Die Herrschenden werden sich nicht davon beeindrucken lassen, denn ihre Pläne gehen alle auf. Der Psalm richtet sich auch nicht an sie. Er ist für jene gedacht, die darunter leiden, dass die Welt so ist, wie sie ist. Ihren Zorn teilt Gott. Und zeigt ihnen einen Ausweg an, der in ihm selbst liegt. Nicht so, dass Gott eine Revolution macht. Sondern so, dass Menschen durch Gott zur Vernunft kommen. Die rationale Vernunft, die sich über den Glauben an Gott lustig macht, braucht den Glauben, um nicht in grenzenloser Hybris den Ast gänzlich abzusägen, auf dem sie sitzt.


 

Eine Anmerkung zur Schreibung des Gottesnamens:
Überall, wo in der Übersetzung in Versalien GOTT steht, hat der hebräische Text das Tetragramm. Die Masoreten haben in frommer Ehrfurcht den unaussprechlichen Namen Gottes mit den Vokalzeichen für das Wort „Adonai“, Herr, versehen. Luther hat das in seiner Übersetzung durch Versalien kenntlich gemacht: Da, wo bei ihm HERR steht, steht im Hebräischen der Gottesname. Ich möchte aus Respekt vor meinen jüdischen Glaubensmüttern- und -vätern nicht das Tetragramm ausschreiben, ich finde aber auch „Herr“ nicht ideal, weil es einem patriarchalen Gottesbild Vorschub leistet. Deshalb schreibe ich GOTT.

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