Psalm 23 – Ich hab Polizei*

Die Absicht dieser freien Übersetzung des 23. Psalms ist, ein zeitgemäßes Bild für den Hirten auszuprobieren, den heute niemand mehr kennt. Der Hirt ist ja eine Metapher, ein Bild dafür, wie Gott ist. In einer Gesellschaft, in der Hirten allgegenwärtig waren, war es ein wirksames Bild, das auch die Ambivalenzen des Hirten mit einschloss (er wendet Gewalt gegen die Schafe an; er hütet sie, damit sie später geschlachtet werden). Die Metapher des Hirten ohne ein Fundament in der Realität führt zu einer Verselbständigung und Verarmung der Metapher: Gott ist nur noch der gute Hirte, der liebe Gott. Als der Psalm 23 geschrieben wurde, begegnete man Hirten auf Schritt und Tritt. Das waren nicht nur gute Hirten, sondern auch schlechte, gemeine, sogar hassenswerte. Das Bild vom Hirten war ambivalent, es trug auch problematische Züge in sich. Heute kennen wir keine Hirten mehr persönlich. Wir idealisieren das Bild des Hirten, die Ambivalenzen fallen weg. Weil der Hirt eine Metapher für Gott ist, idealisieren wir auch Gott und blenden alle Ambivalenzen aus, die Gott für uns haben könnte: z.B. dass Gott nicht so will wie wir, dass er uns seinen Willen aufzwingt und seinen Sohn wie ein Schaf zur Schlachtbank führt. Um die Metapher vom Hirten wieder so zu verstehen, wie sie zur Zeit des 23. Psalms verstanden wurde, muss eine Metapher gefunden werden, die an unseren heutigen Alltag anschließt. „Understanding a thing is to arrive at a metaphor for that thing by substituting something more familiar to us. And the feeling of familiarity is the feeling of understanding“ (Julian Jaynes, The origin of conciousness in the breakdown of the bicameral mind, Boston 1976, S. 52). Das Problem: Es gibt kein Bild, das den Hirten ersetzen könnte.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was uns heute an Ambivalenzen entgeht, wähle ich als aktuelle Metapher für die Funktion des Hirten die Polizistin. Ihre beschützende Funktion ist jeder sofort präsent. Das Bild der Polizistin ist ebenso ambivalent wie das des Hirten: eine Polizistin kann einschüchtern, wirkt in ihrer Schutzkleidung, mit ihrer Pistole bedrohlich. Das Bild der Polizistin kann das Bild des Hirten nicht vollständig ersetzen; es fehlt der versorgende Aspekt, den der Hirte hat. Aber auch ein Hirte deckt seinen Schafen keinen Tisch. Er salbt sie nicht und schenkt ihnen nicht ein. Auch der Psalm überschreitet die Metapher vom Hirten.

1 Ein Psalm von David.
Gott ist meine Polizistin.
Mir fehlt nichts.
2 Dank ihr habe ich zu essen und zu trinken.
3 Sie beschützt mich. Sie leitet mich an, gerecht zu sein; das ist ihr Beruf.
4 Machen dunkle Schatten mir Angst, fürchte ich mich nicht.
Denn du bist bei mir.
Deine Autorität und deine Waffe beschützen mich.
5 Du deckst für mich einen Tisch direkt gegenüber meiner Feinde.
Du lässt mich gut dastehen und verwöhnst mich.
6 Sicher ist: An allen Tagen meines Lebens werden mir Gutes und Mitgefühl begegnen.
Mein Leben lang werde ich in Gottes Haus wohnen.


 

*“Ich hab Polizei“ stammt von Jan Böhmermann, Polizistensohn.

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