Psalm 1 – eine freie Übersetzung

Psalm 1

1 Gesegnet, wer nicht zu denen gehört, die Gott nicht kennen, die sich um Gottes Gebote nicht scheren oder die sich über den Glauben lustig machen,
2 sondern die Bibel gut findet und ständig darüber nachdenkt.
3 Die ist wie ein Baum, gepflanzt am Ufer eines Gewässers. Dadurch bringt sie Frucht, wenn es Zeit dafür ist, ist immer grün, und alles, was sie tut, gelingt.
4 So sind die nicht, die Gott nicht kennen. Sie sind wie Stücke trockenen Grases, die von jedem Windhauch umhergeweht werden.
5 Darum geben die, die Gott nicht kennen, nichts auf Gerechtigkeit, und die sich um die Gebote nicht scheren, wollen nicht gerecht sein.
6 Gott weiß, wer gerecht handelt. Was die tun, die Gott nicht kennen, hat keinen Bestand.

Zum hebräischen Text:

1 Das Wort אַ֥שְֽׁרֵי leitet einen Segen ein. Dieser Segen spricht zunächst nicht etwas zu – das folgt im 3. Vers -, sondern grenzt die Glaubenden von denen ab, die vom Glauben nichts halten. Der erste Vers des ersten Psalms ist Auftakt und Überschrift des ganzen Psalters, indem er sagt, für wen er nicht bestimmt ist.
Die hebräischen Verben dieses ersten Verses bilden eine Antiklimax, ein Decrescendo. Eine Bewegung kommt zum Stillstand: gehen – stehen – sitzen. Das Gehen – hebr. הלך – ist aber kein Gehen als Fortbewegung, sondern ein Wandeln i.S. des Anschließens wie im Dt. „willst du mit mir gehn?“.
Der Segen gilt
a) dem, der sich nicht dem Plan, wohl eher: der Gemeinschaft der „Gottlosen“ anschließt. Das Wort רשׁע meint zunächst allgemein Menschen, die Böses tun. Aber da der Glaube und das Tun des Willens Gottes stets zusammenhängen, sind die Übeltäter hier im speziellen Fall die Gottlosen: die, die Gott nicht kennen.
b) Weiter gilt der Segen dem, der nicht auf den Weg der Sünder tritt oder auf ihm steht. דרך, der Weg, ist wieder der Lebenswandelt, also der Anschluss an eine Gruppe. Es ist keine neue Gruppe, sondern durch den Parallelismus Membrorum ein anderer Ausdruck für die Gottlosen. Sünder sind die, die sich bei ihren Handlungen nicht nach Gottes Geboten richten.
c) Ein drittes Mal wird variiert: Gesegnet sind die, die nicht bei denen sitzen, die spotten. Auch hier kann sich, wie in a), der Spott über alles mögliche ergießen. Aber da wir es hier mit dem Segen zu tun haben, wird es sich speziell um Spott über den Glauben bzw. über die Gläubigen handeln.

2 Den Menschen, die ohne Gott leben, wird der gegenübergestellt, dem die Tora Freude macht und der sie deshalb Tag und Nacht murmelnd memoriert und meditiert.
Die Tora bezeichnet im engen Sinne die Weisung Gottes, wie sie v.a. in den fünf Büchern Mose aufgezeichnet ist, die deshalb insgesamt als Tora bezeichnet werden.

3 Dieser Toraliebhaber wird einem Baum verglichen, der am Wasser gepflanzt wurde. Er ist nicht von selbst dort gewachsen, wie man auch nicht von selbst zur Tora kommt, sondern in sie gepflanzt wird durch Mütter oder Väter im Glauben. Die Tora wiederum ist das Wasser, durch das der Glaubende Frucht bringt, wenn es so weit ist, das seine Blätter grün erhält und – hier wird das Bild vom Baum verlassen und überschritten – sein Tun zum Ziel führt.

4 Die Gottlosen werden dagegen mit Spreu verglichen – das sind die nach dem Dreschen übriggebliebenen, trockenen und toten Ährenreste, die früher durch Hochwerfen des Dreschgutes („worfeln“) vom Wind von den Körnern getrennt wurden: Die schwereren Körner fielen zu Boden, die leichte, nutzlose Spreu wurde vom Wind verweht. Dem zielgerichteten Handeln der Gläubigen wird die leichte Beeinflussbarkeit der Gottlosen durch jeden Windhauch gegenübergestellt.

5 Das Wort משפט ist ein Terminus aus dem Gerichtswesen; er bedeutet Urteil, Fall, Rechtsanspruch oder Gesetz. Das Verb קוּם bezeichnet den Vorgang des Aufstehens, nicht das Stehen selber. Das bedeutet: Gottlose und Sünder stehen im (göttlichen) Gerichtsverfahren bzw. in der Versammlung der Gerechten nicht auf, weil sie gar nicht dazugehören – sie werden nicht zugelassen oder schließen sich selbst aus. Die „Versammlung der Gerechten“ ist übrigens eine messianische Vorstellung, vergleichbar der „Gemeinschaft der Heiligen“ im Glaubensbekenntnis.

6 Der letzte Vers begründet, greift die Weg-Metapher aus Vers 1 wieder auf und führt so den Psalm zu seinem Anfang zurück: Gott kennt den Weg der Gerechten. Hier geht es nicht um ein Vorherwissen oder gar um Prädestination, sondern um ein Wissen um, wie man um seine Familienmitglieder weiß: die Gerechten gehören zu Gott. Ihr Leben wird von Gott wohlwollend begleitet und bewahrt. Die Gottlosen dagegen haben niemanden, der ihr Leben so begleitet. Deshalb geht ihr Leben verloren. Das Bild von der Spreu klingt hier noch einmal an.

Zu den Übersetzungsentscheidungen:

Der Psalm richtet sich an Glaubende. Er versucht nicht, Ungläubige zu gewinnen oder vom Glauben zu überzeugen, sondern Glaubende zu bestärken, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Und er dient als Einleitung zum Psalter, stellt also die Leser zu denen, die über Gottes Tora Tag und Nacht nachdenken. Damit werden die Psalmen zugleich in den Rahmen der hebräischen Bibel, des Tenach, eingeordnet, denn die Psalmen selbst sind keine Tora. Sie sind aber die wohl am häufigsten gebeteten Texte der Bibel – in den Klöstern wurde der gesamte Psalter einmal pro Woche durchgebetet.

Bei der Übertragung des Psalms habe ich versucht, einen zeitgenössischen Text zu schreiben. Darum habe ich auf die Wegmetapher verzichtet, obwohl sie für den Psalm charakteristisch ist (bei Luther mit schöner Alliteration: „Wohl dem, der nicht wandelt …“). Die Metapher vom Weg setzt die Kenntnis des Bildes vom Lebensweg als Lebensentwurf voraus. Hier werden ja zwei unterschiedliche Lebensentwürfe einander gegenübergestellt: ein Leben mit und eines ohne Gott. Ich finde diese Polarität entscheidender als das Bild des Weges.

Weiter habe ich versucht, die theologischen Begriffe „Gottloser“, „Sünder“, „Tora“, „Gerechter“ und „Gericht“ ebenfalls zu übersetzen. Für meine Zielgruppe, LeserInnen mit christlichem Horizont, die wenig Hintergrundwissen haben, ist „Tora“ unverständlich. Als christlicher Übersetzer fand ich es legitim, die Tora als „Wort Gottes“, also als Bibel, wiederzugeben. Auch den Spezialbegriff der „Spreu“, den ich als aus der Landwirtschaft Stammender aus eigener Anschauung kenne, habe ich durch ein allgemein verbreitetes Bild ersetzt: wohl jeder kennt trockenes Gras.

Schließlich habe ich mir erlaubt, statt der im Psalm vorherrschenden männlichen Form die weibliche zu benutzen. Im Judentum war zwar über lange Zeit der Mann der entscheidene Glaubende. Die Frau glaubte auch, aber das „zählte“ nicht – weder für den Minjan, noch für die Beschäftigung mit der Tora. Die Bibel erzählt von Theologinnen wie Miriam oder Hulda und von vielen Frauen, die tragende Rollen übernahmen. Aber die Gesellschaft war damals wie heute patriarchal. Heute allerdings gibt es aber zumindest im Protestantismus und im liberalen Judentum ideell keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen – strukturell sieht das jedoch leider noch immer anders aus.

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