Dazugehören

Als wir auf das Gymnasium wechselten, waren unsere bisherigen Schulfreunde plötzlich keine mehr. Sie wollten mit uns nichts mehr zu tun haben. Mein Freund, der das nicht wahrhaben wollte, holte sich ein „Hau ab, du Gymnasiast!“, ab. Das war meine erste Erfahrung mit dem Nicht Dazugehören. Seitdem habe ich sie unzählige Male gemacht: als Sohn eines Landwirts war ich doch kein Bauer, weil ich, wie mein Vater sagte, von Landwirtschaft keine Ahnung hatte. Aber im Büro hieß es, als ich mal keine Krawatte einband: „Sie sehen aus wie ein Bauer!“ In meinem Heimatdorf aufgewachsen, gehörte ich doch nicht dazu, weil ich manchmal barfuß lief und lange Haare hatte. Aber für die Mitschüler aus der Stadt war ich ein „Dörfler“. Als wir uns im Studentenwohnheim über unsere Herkunft austauschten, sagte ich „Norddeutschland“, worauf mich ein Schleswig-Holsteiner barsch zurechtwies, ich sei doch kein Norddeutscher; das reiche nur bis zur Elbe.
Ich könnte noch viele weitere solche Erlebnisse aufzählen. Sie reichen bis in die Gegenwart. In Thüringen wurde mir gesagt, nie würde ich ein Thüringer sein, obwohl ich seit drei Jahren Bürger dieses Bundeslandes bin. Außerdem, Wessi bleibe Wessi, das würde sich niemals ändern.

Jede dieser Erfahrungen hat mich ratlos und traurig zurückgelassen. Warum nur wird betont, dass ich nicht dazugehöre? Warum ist das so wichtig? Und warum geht man so selbstverständlich davon aus, dass ich dazugehören will?
Anfangs dachte ich, es läge an mir, dass man mich vielleicht nicht dabei haben wolle. Aber dann stellte ich fest, das andere die gleiche Erfahrung machten. Außerdem wollte und will man mich dabei haben. Es war und ist offenbar nur wichtig, dass ich nicht „wirklich“ dazu gehöre, sondern nur ein Gast bin.

„Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland“, dichtet Paul Gerhardt (EG 529). Längst habe ich mich daran gewöhnt, nur Gast zu sein. Und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch gar nicht anders haben. Denn die Dazugehörigkeit gibt es nur um den Preis des Ausgrenzens anderer. Und doch macht mich immer noch traurig, dass gerade in Kirchengemeinden besonders viel Wert auf Zugehörigkeit gelegt wird. Noch immer ist es für die meisten undenkbar, in die Nachbargemeinde zum Gottesdienst zu gehen, mit den Nachbarn zusammenzuarbeiten. Aber auch innerhalb der Gemeinde wird unterschieden zwischen den Engagierten und den „Weihnachtschristen“, die sich nur einmal im Jahr in der Kirche blicken lassen. Dabei hat Jesus immer und immer wieder eingeladen, ohne nach Herkunft oder Würdigkeit zu fragen – im Gegenteil: wer von anderen ausgegrenzt und an den Rand gedrängt wurde, war ihm gerade recht. „Kommt her zu mir, alle, ruft er (Matthäus 11,28). Würdig ist man nicht durch Abstammung, Herkunft, Leistung, sondern „alle, die ihr mühselig und beladen seid“, sind eingeladen.
Darum bin ich Pfarrer geworden: Weil die Kirche der einzige Ort ist, an dem – jedenfalls in der Theorie – kein Unterschied gemacht wird. Weil sie ein Ort ist, an dem man „weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, weder Mann noch Frau“ ist, sondern alle eins sind in Christus“ (Galater 3,28).

Ich wünsche mir, dass in der Kirche aufgehört wird, nach der Herkunft zu fragen, und angefangen wird, die Türen für alle zu öffnen, die kommen wollen. Dass Gemeinden ihre Grenzen nicht schließen, sondern vergessen. Dass man Fremde im Gottesdienst nicht argwöhnisch beäugt und allein sitzen lässt, sondern sie herzlich willkommen heißt und sich neben sie setzt.

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