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Archiv für den Monat Dezember 2015

Die Struktur der evangelischen Kirche ist dreidimensional. Da ist zunächst die zweidimensionale Fläche, die in Landeskirchen, Kirchenkreise und Gemeinden unterteilt ist, wobei sich die Gemeinden mehrheitlich als Parochie konstituieren: als Flächengemeinden, die für die Einwohner eines bestimmten Gebietes zuständig sind. Darüber erhebt sich als dritte Dimension der landeskirchliche Überbau mit seinen verschiedenen Hierarchiestufen.
Diese dreidimensionale Struktur wiederholt sich auf Gemeindeebene. Hier bilden die verschiedenen Kreise und Gruppen die „Fläche“ der Gemeinde, während die verschiedenen Altersstufen die dritte Dimension ergeben. Das „klassische“ Paradigma christlicher Sozialisation durchläuft die altersspezifischen Kreise der Gemeinde; im Idealfall setzt es mit Krabbelgruppe und Kindergottesdienst ein, führt dann über den Konfirmandenunterricht, die Jugendgruppe in die ehrenamtliche Mitarbeit, bis sie in den Seniorenkreis mündet. In der jeweiligen Altersstufe sind die Gleichaltrigen unter sich. Nach den Gesetzen der Gruppendynamik konstituieren sich Gruppen, die innerhalb der Gemeinde Kreise mit einem Wir-Gefühl und einem eigenen Code bilden, der den Zusammenhalt herstellt (diese „inner circles“ gibt es auch auf der Ebene des Kirchenkreises und der Landeskirche), was die Fluktuation zwischen den Altersgruppen weiter erschwert.
Die nach diesem Muster sich konstituierende Gemeinde ist der klassischen Familie nachgebildet, in der die Älteren die Jüngeren betreuen, wobei die Hauptlast der Arbeit bei den Erwachsenen liegt. Erst im Seniorenalter kehrt sich das Verhältnis um: dann werden die Älteren wiederum von den Jüngeren betreut. Dieses Familienmodell der Gemeinde bewirkt bei den ehrenamtlich Engagierten – den „Starken“, wie Paulus sie nennt – das Gefühl, der Gemeinde etwas schuldig zu sein, während es bei denen, die vom ehrenamtlichen Engagement profitieren – den „Schwachen“ nach Paulus – eine Erwartungshaltung weckt, die nicht selten auf die hauptamtlichen Mitarbeiter projiziert wird.

Dieses – kurz umrissene – Modell gemeindlicher Arbeit und gemeindlichen Selbstverständnisses hat keine Zukunft. Folgende Gründe sind dafür zu nennen:
1. Die ev. Kirche zieht sich aus der Fläche zurück.
Die ev. Landeskirchen sehen sich gezwungen, die von den einzelnen Pfarrerinnen zu betreuenden Gemeindegliederzahlen kontinuierlich hinaufzusetzen (oder, mit anderen Worten: Pfarrstellen abzubauen). Parallel dazu werden die Stellen der anderen hauptamtlich Tätigen drastisch reduziert. Diese Entwicklung trifft v.a. die Landgemeinden, wo die Präsenz hauptamtlicher Mitarbeiter und damit die Qualität kirchlicher Arbeit rapide abnimmt.
– Mit der Fläche fällt die zweidimensionale Grundeinheit kirchlicher Arbeit und Organisation.
2. Die Gesellschaft ist multikulturell.
Den Ängsten und Protesten der PEGIDA-Anhängerinnen zum Trotz ist unsere Gesellschaft längst multikulturell. Das Christentum hat keine gesellschaftlche Relevanz mehr; es ist eine Option unter mehreren. Der Schutz christlicher Feiertage und die besonderen Positionen, die Vertreter der christlichen Kirchen in gesellschaftlich relevanten Gremien wie dem Rundfunkrat bekleiden, werden von der Politik anders gefüllt und begründet als von den Kirchen, und immer wieder infrage gestellt.
– Kirche befindet sich in Konkurrenz zu anderen bzw. verliert als Institution an Relevanz. Die Bevölkerung, die früher „automatisch“ entweder evangelisch oder katholisch war, ist nicht mehr homogen, sondern bunt gemischt. Kirche kann nicht mehr den Anspruch erheben, die Bewohner eines bestimmten Gebietes zu vertreten und zu versorgen.
3. Kinder werden nicht mehr christlich sozialisiert.
Die sich als Familie organisierende Kirche profitierte von der christlichen Familie als ihrem Fundament: Kinder wurden getauft, konfirmiert, heirateten kirchlich und ließen wiederum ihre Kinder taufen, bestatteten ihre Eltern mit einer kirchlichen Trauerfeier und wurden selbst kirchlich bestattet. Diese Stufen christlicher Sozialisation werden kaum noch durchlaufen. Christliche Traditionen reißen ab, weil sie nicht mehr von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Christliche Bräuche werden ohne innere Beteiligung begangen (z.B. Ostern, Weihnachten). Ihr ursprünglich religiöser Sinn ist nahezu vollständig vergessen (z.B. Nikolaus wird zum Weihnachtsmann).
– Die dritte Dimension der aufeinander aufbauenden Ebenen bricht in der Gemeinde völlig weg. Entsprechend fehlt es den jeweiligen Ebenen an Nachwuchs. Dies wird noch durch den Gruppencharakter vieler dieser Ebenen und die sich bildenden „inner circle“ erschwert, weil sie nicht nur potentiellen Teilnehmenden den Zugang verwehren, sondern bei den Angehörigen der jeweiligen Gruppe eine Selbstgenügsamkeit erzeugen, die sie davon abhält, auf andere zuzugehen.

Kirche muss die vierte Dimension gewinnen

Die vierte Dimension ist die Zeit. Kirche muss sich vom Denken in Räumen und (altersspezifischen) Kreisen verabschieden und statt dessen einen diachronen Ansatz wählen: Kirchliche Arbeit muss alle Altersstufen in einem Angebot ansprechen und umfassen. So, wie man in fortschrittlichen Schulen zur Jahrgangsmischung zurückkehrt, weil davon alle Schüler profitieren; wie man an Gesamtschulen „Starke“ und „Schwache“ nicht trennt, sondern gemeinsam unterrichtet, so muss Kirche von der Separation zur Inklusion und Integration kommen. Dieser gedankliche Ansatz bietet folgende Vorteile:
1. Altersübergreifende Arbeit gibt die christlichen Bräuche und Traditionen weiter.
Bräuche und Traditionen können nicht gelehrt, sie müssen gelebt werden. Wenn aber Familien diese Traditionen nicht mehr leben, brechen sie ab. In Gemeinden können Ältere, wenn sie mit Jüngeren zusammen sind, diese Traditionen vorleben und damit weitergeben. So werden für eine Region, eine Gemeinde typische christliche Bräuche am Leben erhalten. Gleichzeitig kann eine Gemeinde durch das Kennenlernen anderen Bräuche oder durch den Einfluss von Menschen anderer Kulturkreise oder sogar anderer Religionen neue Traditionen entwickeln. Denn Traditionen sind keine statische Erscheinung, sondern wachsen und verändern sich (z.B. der von Johann Hinrich Wichern 1840 „erfundene“ Adventskranz, der aus unserer Adventszeit nicht mehr wegzudenken ist).
Es ist generell zu fragen, ob die Konzentration auf die „richtige“ Theologie nicht die lebenspraktische Seite des Glaubens zu sehr ausgeblendet hat. Das soll kein Argument gegen die Theologie sein. Aber an ihre Seite muss ebenbürtig der gelebte Glaube treten. Der Charme, der von Filmen wie „Sister act“ ausgeht, ist nicht die Präsentation einer gewissen theologischen Wahrheit, sondern die Anziehungskraft, die der Glaube entfaltet, wenn er von den Fesseln befreit wird, die den status quo erhalten wollen.
2. Altersübergreifende Arbeit schließt nicht aus, sondern integriert, weil die Gruppenzugehörigkeit nicht über Gleichaltrigkeit hergestellt wird, sondern durch ein gemeinsames Interesse oder Anliegen. Auch hier können sich familiäre Strukturen herausbilden, dass die Älteren sich für die Jüngeren verantwortlich fühlen. Aber gleichzeitig machen die Jüngeren die Erfahrung, dass sie den Älteren etwas zu bieten haben. Solche Gruppen sind weniger anspruchsvoll, was die Präsenz und den Einsatz hauptamtlich Mitarbeitender angeht. Solche Arbeit geschieht nicht in den klassischen kirchlichen Arbeitsfeldern und -formen, sondern in gemeinwesenorientiertem Engagement, das den Mut hat, über den engen Kreis der Kirchenmitglieder hinauszusehen und zu gehen.
3. Ein diachroner Ansatz schafft Perspektiven, weil das Interesse nicht mit dem Erreichen eines bestimmten Alters („zu alt für den Kindergottesdienst) oder eines bestimmten Zieles (Konfirmation) erlischt. Es ist von vielen Faktoren abhängig, zu denen das Ziel gehören kann, das man gemeinsam erreichen will, die Sympathie, die man füreinander hat und entwickelt, oder die Verantwortung, die man füreinander, für ein Projekt oder einen Personenkreis entwickelt.