Der Fremde ist nur in der Fremde fremd

Die Nachrichten sind voll vom Thema Flüchtlinge. Das erinnert mich daran, dass auch die Bibel voller Fluchtgeschichten steckt, sogar mit einer beginnt: Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben. Der erste der „Patriarchen“, Abraham, verlässt seine angestammte Heimat und zieht später als „Wirtschaftsflüchtling“, wie wir heute sagen würden, für einige Zeit nach Ägypten. Rut, die Urgroßmutter von König David, war eine Fremde. Und auch Josef und Maria mussten mit ihrem Neugeborenen vor Herodes nach Ägypten fliehen. Flucht und Flüchtlinge sind in der Bibel ein wiederkehrendes Thema.

Dabei wird man auch in biblischen Zeiten zwischen „Einheimischen“ und „Auswärtigen“ unterschieden haben, begegnete man auch damals Fremden mit Misstrauen. Aber stärker noch als die Fremdheit des Fremden war das Gebot der Gastfreundschaft – damals so selbstverständlich, dass es geradezu als Frevel galt, sie zu verletzen. Der Untergang von Sodom und Gomorrha wird als Gottes Strafe für die Fremdenfeindlichkeit ihrer Bewohner geschildert.
In biblischen Zeiten waren es oft wirtschaftliche Gründe, die Menschen zum Auswandern in ein anderes Land zwangen. Aber damals sprach man nicht von „Wirtschaftsflüchtlingen“. Man hatte Verständnis für ihre Not, weil man selbst Dürre und Hunger erlebt und vielleicht auch selbst schon an fremde Türen geklopft hatte.
Auch in unserem Land gibt es kaum eine Familie, die ohne Fluchterfahrungen wäre. Aber das ist lange her und fast vergessen; manche haben dabei schlimme Erfahrungen gemacht, an die sie nicht gern erinnert werden. Die Bibel ist ein Vorbild darin, Verständnis zu haben für die, die fliehen müssen oder ein besseres Leben suchen, weil wir oder jemand aus unserer Familie ähnliches erlebt haben. Der Hebräerbrief mahnt: „Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebr 13,2) Oder, mit Worten des Pfarrers und Dichters Wilhelm Willms: „Wer weiß, wer zu uns unterwegs ist. Gott und das Glück kommen incognito.“

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