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Archiv für den Monat Juni 2015

Mit der Rede von der Allmacht Gottes ist es so eine Sache. Beharrt man darauf, dass Gott im Wortsinn allmächtig ist, muss man erklären, warum Gott könnte, aber nicht will. Solche Erklärungen verlangen entweder das sacrificium intellectus – Gott sei eben einfach eine Nummer zu groß für unser beschränktes Verstehen und wisse schon, was sie tue oder lasse – oder sie enden im mal patzigen, mal Paul Gerhardtsfrommen „er wird’s schon recht machen“ (EG 361). Folgert man mit Dorothee Sölle aus den privaten wie globalen Katastrophen, v.a. aus dem beispiellosen Verbrechen des Holocaust, dass Gott „tot“ sein müsse und keinesfalls allmächtig sein könne, dann bleibt die Frage, wie man von Gott als „Schöpfer“ reden und ob man das „an den Allmächtigen“ des Glaubensbekenntnis noch mitsprechen kann bzw. sollte.

Die Frage nach der Allmacht Gottes ähnelt einer Erfahrung, die wir im Prozess des Heranwachsens machen: eines Tages erleben wir die Enttäuschung, dass unsere Eltern nicht alles wissen, nicht alles können, sondern manchmal so hilflos und ohnmächtig sind wie wir. Diese Enttäuschung zerbricht das kindliche Vertrauen in die Eltern, wo, wenn es gut ging, die Eltern als Versorger und Beschützer erlebt wurden. Ein neues Verhältnis zu den Eltern muss erst gefunden werden und an Stelle des alten treten. Wenn es wiederum gut geht, werden die Eltern zu Partnern, deren Schwächen und Grenzen man kennt und akzeptiert hat und die man deshalb respektieren kann.

Unsere Beziehung zum allmächtigen Gott macht eine ähnliche Wandlung durch, wenn aufgrund leidvoller Erfahrungen der kindliche Glaube an einen Gott, der tut, um was man ihn bittet, wenn man nur „richtig“ betet, nur „fest“ genug glaubt, an der Härte der Realität zerbricht – zerbrechen muss, weil nur so der Glaube erwachsen wird und wir von unmündigen Kindern, die nur Milch vertragen (1.Kor 3,1f), zu geistlichen Menschen werden, die Schwarzbrot (Fulbert Steffensky) kauen und verdauen können.
Dadurch bleibt aber die Frage erst recht drängend, wie Gottes Allmacht gedacht und wie von ihr geredet werden kann. Möglicherweise gibt es auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort. Wahrscheinlich muss jede und jeder auf dem Weg des Erwachsenwerdens im Glauben ihre und seine persönliche Antwort finden. Es kann durchaus sein, dass diese persönliche Antwort auf einem der oben skizzierten Pole liegt: dem Festhalten am Gedanken der Allmacht Gottes oder dem Bild vom Tod Gottes – wenn man sich denn zu dieser Antwort durchgerungen hat, d.h. wenn sie den eigenen leidvollen Erfahrungen standhielt, vor allem der Frage nach dem Warum, der Theodizeefrage.

Als Pfarrer kann ich nicht bei meiner persönlichen Glaubensantwort bleiben. Ich muss Antworten finden, die auch anderen gerecht werden – Frömmeren als mir, und Menschen, die größere Schwierigkeiten mit dem Glauben haben als ich. Auf den ersten Blick scheinen sich beide Adressaten auszuschließen – wie kann eine Antwort zugleich einen tief religiösen Menschen und eine Zweiflerin zufriedenstellen?
Ich will es einmal versuchen, indem ich ein Gedicht des Atheisten Bertold Brecht interpretiere, der auf die Frage, welches Buch er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, antwortete: „Sie werden lachen, die Bibel“. Es lautet „Die unbesiegliche Inschrift“:

Zur Zeit des Weltkriegs
In einer Zelle des italienischen Gefängnisses San Carlo
Voll von verhafteten Soldaten, Betrunkenen und Dieben
Kratzte ein sozialistischer Soldat mit Kopierstift in die Wand:
HOCH LENIN!
Ganz oben, in der halbdunklen Zelle, kaum sichtbar, aber
Mit ungeheuren Buchstaben geschrieben.
Als die Wärter es sahen, schickten sie einen Maler mit einem Eimer Kalk.
Und mit einem langstieligen Pinsel übertünchte er die drohende Inschrift.
Da er aber mit seinem Kalk nur die Schriftzüge nachfuhr
Stand oben in der Zelle nun in Kalk:
HOCH LENIN!
Erst ein zweiter Maler überstrich das Ganze mit breitem Pinsel
So daß es für Stunden weg war, aber gegen Morgen
Als der Kalk trocknete, trat darunter die Inschrift wieder hervor:
HOCH LENIN!
Da schickten die Wärter einen Maurer mit einem Messer gegen die Inschrift vor.
Und er kratzte Buchstabe für Buchstabe aus, eine Stunde lang.
Und als er fertig war, stand oben in der Zelle, jetzt farblos
Aber tief in die Mauer geritzt, die unbesiegliche Inschrift:
HOCH LENIN!
Jetzt entfernt die Mauer! sagte der Soldat.
(Svendborger Gedichte, 1939)

Die „unbesiegliche Inschrift“ ist mächtiger als die Machthaber, weil sie nicht nur allen Auslöschungsversuchen widersteht, sondern am Ende dem Häftling sogar die Freiheit bringt. Der Nachteil, wenn man so will, des Brechtschen Gedichts besteht darin, dass die Inschrift austauschbar ist. Natürlich nicht beliebig austauschbar – „Persil bleibt Persil“ hätte den Soldaten zu keiner weiteren Reaktion veranlasst. Auch ΧΡΙΣΤΟΣ ΑΝΕΣΤΗ, wie groß auch immer geschrieben, hätte die Mauer nicht niedergerissen. Aber erinnern wir uns, dass dies einmal anders war und dass diese Worte zumindest zu Paulus‘ Zeiten durchaus provozieren konnten (vgl. 1.Kor 1,18). Der Soldat geht gegen die Inschrift vor, weil sie ihn provoziert und er sie deshalb ausmerzen will – was zum gegenteiligen Effekt der Perpetuierung der Inschrift bzw. ihrer Erfüllung führt. Man kann sich also durchaus vorstellen, dass ein Wort so viel Widerspruch erregt, dass es die Mauer einreißt. Jedenfalls hat man das auf dem Kirchentag in Düsseldorf 1985 dem Wort „Frieden“ zugetraut:

Das Wort ist mit Kalk auf die Mauer geschrieben.
Der Stein ist zerstaubt, das Wort ist geblieben.
Das Wort Frieden.

Das Wort ist mit Blut in die Erde geflossen.
Doch hat keine Kugel das Wort erschossen.
Das Wort Frieden.

Das Wort hat Gewalt in Kerkern und Gittern.
Das Wort hat Macht, dass die Mächtigen zittern.
Das Wort Frieden.

Das Wort soll der Sturm in alle Welt treiben.
Das Wort ist ein Wort und darf kein Wort bleiben.
Das Wort Frieden.
(Rudolf Otto Wiemer, 1985)

Das Brecht’sche Vorbild lugt deutlich zwischen und hinter den Zeilen hervor.
Beiden Gedichten gemeinsam ist, dass sie in einer Situation der Ohnmacht entstanden: Brecht schrieb sein Gedicht im schwedischen Exil (der Weltkrieg, auf den er sich im Gedichtanfang bezieht, ist der erste), in das er vor dem NS-Regime geflohen war; Wiemer dichtete seine Zeilen nach dem Nato-Doppelbeschluss, als die Friedensbewegung niedergeschlagen war, weil alle Demonstrationen die Aufrüstung nicht hatten verhindern können. Beide halten an der Macht eines Wortes fest, das von den herrschenden Verhältnissen zum Schweigen gebracht und gänzlich machtlos zu sein schien. Sie tun es gegen alle Vernunft, indem sie darauf hoffen, dass die Macht dieses Wortes auf Dauer stärker ist als die Verhältnisse; dass es andere Menschen, zukünftige Generationen zu überzeugen, zu begeistern, aufzurütteln vermag.

Die Parallele zur Allmacht Gottes ist, denke ich, erkennbar. Sie wird vollends deutlich, wenn man sich den Weg Jesu in Erinnerung ruft, der auf alle Macht verzichtete und allein darauf vertraute, dass mit seinem Tod am Kreuz zwar seine Fähigkeit zu lieben ausgelöscht werden konnte – eine Fähigkeit, die er bis zuletzt ausübte -, nicht aber die Liebe selbst. Seine größte Macht entfaltet Gott, der die Liebe ist, in der denkbar größten Ohnmacht: im Grab. Die Auferstehung ist das, was mit „Allmacht Gottes“ gemeint ist: die Hoffnung, dass noch etwas kommt – und zwar nicht erst nach unserem Tod. Und der Glaube daran, dass etwas gekommen ist: dass Jesus nicht im Grab liegt, sondern lebt.

Johannes, der Gott mit der Liebe identifiziert, nennt Jesus das „Wort Gottes“, das schon im Anfang bei der Erschaffung der Welt da war, weil Gott alle Dinge durch ein Wort ins Sein rief. In Jesus als dem Wort Gottes schließt sich also der Kreis: das Wort hat Macht, weil es nicht nur die Welt mit erschuf, sondern weil es den Tod überwand – es hat, mit anderen Worten, schöpferische Kraft und kann vom Tod nicht überwunden werden.

Die Allmacht Gottes kann man sich also mit der ohnmächtigen Macht des Wortes veranschaulichen, das zugleich das eine Wort Gottes ist, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen haben (Barmen I). Wohlgemerkt, die Allmacht Gottes ist nicht identisch mit der Macht des Wortes; sie ist ja, sagten wir oben, die Auferstehung. Aber da die ohnmächtige Macht des Wortes und die Auferstehung zusammen hängen, darf man sich vielleicht die Allmacht Gottes so vorstellen, wie Bertold Brecht und Rudolf Otto Wiemer die Macht des Wortes herbeigeschrieben haben. Die Allmacht Gottes wird, wie die Macht das Wortes, immer nur eine behauptete, eine ersehnte sein. Faktisch kann sie nur in der individuellen Erfahrung werden – dadurch, dass ein Wort mich aufrichtet, mich wieder aufstehen lässt.

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