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Archiv für den Monat November 2014

Ein kurzer Twitter-Dialog zum Thema Gesangbuch. @ZielKost fragte:

Musik bei #Konfer: Traditionelle Gesangbuchlieder kennenlernen gehört dazu. Und was ist mit anderen Liedern? Was sagt ihr?
https://twitter.com/ZielKost/status/534754886425255936

Meine Antwort darauf:
@ZielKost würde im Konfer keine trad. Lieder behandeln – ist nicht die Welt der Konfis. Ich fand Goethe als Jugendlicher auch langweilig.
https://twitter.com/HHubchen/status/534759555839062016

@ZielKost entgegnete:
@HHubchen in Konfer lernen die Konfis traditionelle Lieder, um im Gottesdienst mitzusingen. Neue find ich persönlich aber zusätzlich wichtig
https://twitter.com/ZielKost/status/534765403621560320

Wie ist das: Sollten Konfirmandinnen und Konfirmanden um Konfirmandenunterricht Lieder aus dem Gesangbuch singen lernen, damit der Gemeindegesang am Sonntag nicht gar so kläglich klingt? Mein Vater musste im Konfer noch Lieder aus dem Gesangbuch auswendig lernen; er kann sie noch immer auswendig. Fast alle seines Altersgenossinnen haben Gesangbuchlieder auswendig gelernt. „Es hat ihnen nicht geschadet“, aber sie haben es auch nicht als sinnvoll erlebt. @ZielKost sprach nicht von Auswendiglernen, sondern überhaupt von singen. Ich unterstelle ihr die gute Absicht, die Konfirmandinnen mit dem Gesangbuch vertraut zu machen, ihnen die Hemmung vor’m Singen zu nehmen, den Gemeindegesang zu beleben und ihnen vielleicht sogar zu zeigen, dass in diesem Gesangbuch z.T. ganz tolle Texte drinstehen. Aber: ist das wirklich so?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich singe unheimlich gern. Ich liebe das Gesangbuch, das alte EKG ebenso wie das (schon nicht mehr so) neue EG. Ich kenne fast alle Lieder des Gesangbuchs, viele sogar auswendig, und sammle mit Begeisterung neue Kirchenlieder. Trotzdem bin ich skeptisch, ob das Gesangbuch etwas für Konfirmandinnen und Konfirmanden ist. Ich möchte noch weiter gehen: Ich frage mich, ob das Gesangbuch überhaupt etwas für unsere Gemeinden ist. Will sagen: ob wir mit dem Gesangbuch wirklich ein Liederbuch haben, aus dem die Gemeinde ihre Lieder singt, oder ob es sich nicht vielmehr um eine Sammlung von Liedern handelt, die „man“ eben im Gottesdienst singt, weil man so etwas nun einmal im Gottesdienst singt.

Ein kurzer Blick in die Geschichte:
Der Ursprung des Evangelischen Gesangbuches liegt in der Reformation. Luther hat seine reformatorische Entdeckung vor allem über das Lied propagiert, das schnell in aller Munde war. Warum? Weil er (für die Menschen seiner Zeit) verständliche und eingängige Texte dichtete auf Melodien, die allgemein bekannt waren – „Schlager“ der Liturgie oder Gassenhauer, die jeder Spatz von den Dächern pfiff.
Eine ähnliche Bedeutung hatte das Lied im Pietismus. Er verbreitete sich vor allem über das Kirchenlied; das Luthertum reagierte darauf mit dem Versuch, solch häretisches Liedgut zu unterbinden, oder dichtete, so gut es konnte, dagegen an. Auch die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts wurde durch das Kirchenlied zu einer europaweiten Bewegung, und wenn man heute in die Megachurches der USA schaut, dann ist es vor allem die Musik, die die Massen in die Gottesdienste lockt.
Auch für meine kirchliche Sozialisation hat die Musik eine wichtige, wenn nicht sogar eine entscheidende Rolle gespielt – zuerst in Form eines Chores der landeskirchlichen Gemeinschaft, später durch die Kirchentagshits von Piet Janssens und Fritz Baltruweit.

Warum begeistern Kirchenlieder Menschen für Gottesdienst und Kirche, besser gefragt: Wann tun sie es? – Sie tun es, wenn sie den Menschen ihrer Generation aus dem Herzen sprechen. Wenn sie eine verständliche, eingängige Sprache und Melodien haben, die sowieso schon in der Luft liegen oder leicht zu lernen sind. Alle Kirchenlieder, die Menschen begeistert haben, waren zeitgenössisch. Die Pietisten sind nicht auf Luther abgefahren, sondern auf die Dichter ihrer Zeit. Auf dem Kirchentag haben wir nicht Paul Gerhardt geschmettert, sondern Piet Janssens. Paul Gerhardt hat wunderschöne Verse gedichtet, z.B.:

“Das soll und will ich mir zunutz zu allen Zeiten machen;
im Streite soll es sein mein Schutz, in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel; und wenn mir nichts mehr schmecken will, soll mich dies Manna speisen;
im Durst soll’s sein mein Wasserquell, in Einsamkeit mein Sprachgesell zu Haus und auch auf Reisen.” (EG 83,6)

Aber, Hand auf’s Herz: wer versteht das? Was ist (wunderschöne Wortschöpfung!) ein “Sprachgesell”? Konfirmanden wüssten es nicht, aber die Erwachsenen auch nicht. Ein paar Theologinnen und Germanistinnen vielleicht; und die eine oder andere Liebhaberin der Poesie freut sich daran. Wenn wir solche Lieder im Gottesdienst singen (lassen) (was ich oft und gern tue), dann ist dieses Singen letztlich nicht viel mehr als das Abspielen einer Platte. Man ordnet den Text den Noten zu und singt das dann, aber der Sinn erschließt sich einem nicht. Bestenfalls (darauf hoffe ich, und damit rechtfertige ich für mich das Singen dieser alten Lieder) tun die – ja: gewaltigen – Worte ihre Wirkung und schaffen Stimmungen, Bilder; bleiben vielleicht hängen und gehen nach, so dass man später, zuhause, darüber nachgrübelt: “Sprachgesell – was für ein schönes Wort! Was das wohl sein mag?” Aber ich glaube nicht, dass es allzu viele Gottesdienstbesucher sind, die so angerührt werden.

Ein anderes Beispiel, falls der Gerhardt zu antiquiert ist, ebenfalls eins meiner Lieblingslieder, eine Vertonung von Philipper 4,4-7:

„Kündet eure Lindigkeit allen Augen, Ohren.
Keiner bannt den Sieger mehr,
Christus mit dem lichten Heer
erscheint schon vor den Toren.“ (EG 359,3)

Kurt Müller-Osten hat dieses Lied 1941 gedichtet, ist auch schon eine Weile her und war eine dunkle Zeit, aber näher an unsrer dran als Paul Gerhardt. Und trotzdem ist dieser Vers noch komplizierter als der Gerhardts: Was ist “Lindigkeit”, was bedeutet “bannen”, und was ist ein “lichtes Heer”? Einem Scherzbold würde wohl “lichtes Haar” dazu einfallen.

Ich glaube, ich muss keine weiteren Beispiele anführen. Man beobachte nur sich selbst im Gottesdienst und frage sich nach so einem Choral, was man da eigentlich gerade gesungen hat.
Kann die Behandlung von Gesangbuchliedern im Konfer das ändern? Wohl kaum. Man kann doch wohl nur wenige Lieder wirklich „durchnehmen“. Für die Konfirmandinnen und Konfirmanden wäre es so, wie im Deutschunterricht ein Gedicht von Goethe zu analysieren. Es macht ihnen keinen Spaß. Man leitet sie also nur dazu an, eine Platte abzuspielen: einen Text, eine Melodie so zu lernen, dass sie sie im Gottesdienst mitsingen können.

Wozu das ganze?
In mir keimt der Verdacht, dass unsere Gottesdienste das sind, was man immer wieder der Kirche vorgeworfen hat: das Abfeiern eines toten, weil von den Feiernden nicht verstandenen Rituals. – Nun bin ich der letzte, der meint, man müsse im Gottesdienst alles verstehen, was vor sich geht, und deshalb alles erklären. Der Gottesdienst lebt davon, dass er selbstverständlich ist. Aber er hat schon so vieles, was wir nicht verstehen – angefangen bei Worten wie „Kyrie“ über ein Glaubensbekenntnis, in das man einstimmen soll, dem man aber selten voll zustimmen kann, bis hin zum Essen und Trinken von Jesu Leib und Blut.

Das EKG sollte, wie die Agende I, die unterschiedlichen Traditionen der landeskirchlichen Kleinstaaterei zusammenführen und auf eine solide Basis stellen – das liturgische Äquivalent zur EKD, sozusagen. Aber spätestens in den 80er Jahren hatten die Gemeinden neben dem EKG eigene Liederhefte und Notensammlungen, weil ihnen das, was das EKG anbot, nicht mehr ausreichte. Abhilfe sollte das EG schaffen, das endlich auch „neue“ Lieder aufnahm. Aber die „neuen“ Lieder waren bei der Entstehung des EG schon eine Generartion alt, und bei der Liedauswahl spielten neben den Wünschen der Gemeinden vor allem – ich will mal sagen: philologische und musikhistorische – Argumente eine entscheidende Rolle. Man schaue sich nur die Wochenlieder an, die ja deshalb ausgewählt wurden, weil man meinte, diese Lieder seien es „wert“, gekannt und gesungen zu werden. Die Lieder, die sich über die Zeitläufte im Gesangbuch behaupten konnten, sind fast durch die Bank wertvoll und müssen sich hinter „großer“ profaner Dichtung nicht verstecken. Aber es sind eben „alte“ Texte, in einer Sprache geschrieben, die nicht mehr die unsere ist und die wir deshalb nicht auf Anhieb, nicht ohne entsprechende Bildung verstehen. Die Bibel wird ständig auf den neusten Stand – nicht der Umgangssprache, aber immerhin der Literatursprache – gebracht, die Gesangbuchlieder nicht. Das ginge auch gar nicht und verböte sich – wie man auch Luthers kongeniale Übersetzung der Bibel nicht beliebig modernisieren kann, ohne dass sie ihre Eigenart verliert. Also singen wir im Gottesdienst Dichtung, die wir größtenteils nicht verstehen oder die sich uns erst allmählich, nach unzähligen Wiederholungen, erschließt. Ist das der Sinn des Kirchengesangs?

Hymnen bringen Glaubensinhalte auf den Punkt, beziehen auch Position in theologischen Streitigkeiten (ich denke an manches Lied aus der Reformationszeit wie EG 341,3, aber auch an Marienlieder, die bei der Dogmatisierung des Marienlebens halfen). Sie tun das in der Sprache ihrer Zeit. Was fehlt, sind Zeitgenossinnen, die dichten und ihrem Glauben eine sprachliche Form geben können. Eine Sprachform, die nicht so sehr originell oder künstlerisch sein will als vielmehr verständlich und prägnant – also eher Busch als Benn. Es fehlen Lieder, die auf Melodien gedichtet sind, wie sie im Radio gespielt werden – vielleicht nicht unbedingt Florian Silbereisen, sondern lieber Mumford & Sons. Aber Luthers Vorlage zu EG 341 war ein Volkslied, „Sie gleicht wohl einem Rosenstock, drum liegt sie mir am Herzen“ – also doch die original Oberkrainer???

Ich habe nicht den Mut, die Gemeinde zu fragen, was sie singen will, weil ich befürchte, dass dann all die „guten“ und von mir hoch geschätzten Lieder des Gesangbuchs draußen blieben und ich statt dessen jeden Sonntag „Ins Wasser fällt ein Stein“ und „Komm, Herr, segne uns“ singen muss (nichts gegen diese Lieder, aber nicht jeden Sonntag!). Meine Befürchtung zeigt, dass ich der Gemeinde nicht traue – und dass meine Liedauswahl eben nicht den Wünschen oder Bedürfnissen der Gemeinde entgegen kommt, sondern dass ich besser zu wissen meine, was ihr zu singen not und gut tut. Ich mache also auch nichts anderes, als eine Platte aufzulegen und Lieder singen zu lassen, die aus alter, längst vergangener Zeit stammen, in der leisen, aber doch ziemlich vagen Hoffnung, dass sie die eine oder den anderen anrühren werden. Welche Lieder würde die Gemeinde singen, wenn sie die Wahl hätte? Welche Lieder würde ich mir wünschen, wenn ich mehr zur Auswahl hätte als das Gesangbuch und die mittlerweile auch schon wieder angestaubten „neuen Lieder“?

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