Kirche und Computer

Eine Unterhaltung mit @wtlx und @letterus auf Twitter gab den Anstoß, einige Beobachtungen und Gedanken zu Kirche und Computer – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in Thesenform zusammen- und zur Diskussion zu stellen. Dazu zunächst einige Vorbemerkung in Form eines „historischen Abrisses“:

Als EDV in den Verwaltungen auch der Kirche eingeführt wurde, beging die Institution Kirche den historischen Fehler, nicht auf Linux und Open Source als Betriebssystem und Software zu setzen. Diesen Fehler kann man der Kirche nicht ankreiden – „damals“ war Linux noch nicht so ausgereift, dass man es ohne Vorkenntnisse benutzen konnte, und keine der für die kirchliche Verwaltung benötigten Programme waren auf Linux portiert. Überdies erfolgte die Einführung nicht von oben nach unten, sondern umgekehrt: computeraffine Pfarrerinnen und Pfarrer hatten in ihren Büros und Gemeinden bereits erste Schritte mit der EDV gemacht, so, wie sie später das „Neuland“ Internet betraten, Homepages einrichteten – oft, bevor die Landeskirche dazu kam. Die dabei verwendeten Betriebssysteme spiegelten wahrscheinlich die damals übliche Verteilung wider, d.h. mehrheitlich wurde Microsoft Windows eingesetzt. Die Computerisierung der Kirchengemeinden war somit abhängig vom Angebot auf dem Markt und von den Fähigkeiten und Vorlieben der Pfarrstelleninhaber bzw. engagierter Gemeindeglieder, die Zeit und Knowhow in die Einrichtung und den Support des Gemeinderechners (bzw. -netzwerkes) investierten.

Die Kirche versäumte es, frühzeitig Standards für den Einsatz von Hard- und Software wie auch für die Datenssicherheit zu setzen (immerhin war Kirche in Fragen des Datenschutzes bereits sehr früh sehr sensibel). Auch dies kann man ihr nicht als Fehler ankreiden. Die Bedeutung, die Computer und Vernetzung heute für unseren Alltag spielen, war lange nicht abzusehen. Anfangs galt – zumindest in der Pfarrerschaft – die Beschäftigung mit Computern und Internet als Allotria, denen man allenfalls in seiner Freizeit nachgehen könne, die aber keinesfalls Dienstzeit in Anspruch nehmen dürften. Die Allgegenwart des Internets durch Smartphones und Social Media, deren rasante Ausbreitung und Entwicklung hat die Kirche daher mehr oder weniger kalt erwischt.

Aus dieser Situationsbeschreibung (wenn sie denn konsenfähig ist) ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:

1. Kirche sollte bei Betriebssystem und Software auf Linux und Open Source setzen, weil diese per se dem Organisationsbild von Kirche entsprechen.

Der „Gemeinde“ entspricht die Open Source-Bewegung, weil sie sich einerseits in „communities“ organisiert, weil aber auch die „Allmende“ (wie man Open Source übersetzen könnte) ein Kennzeichen einer Gemeinde ist.
Linux und Open Source ist Software, die von Idealisten hergestellt wird, die damit keinen Shareholder Value generieren müssen. Das bedeutet nicht, dass freie Software immer kostenlos sein muss – im Gegenteil: auch im Bereich der freien Software gilt Dtn 25,4. Aber die Entwicklungs- oder Supportkosten betragen nur einen Bruchteil dessen, was für den Kauf der geschlossenen Software großer Firmen wie Microsoft ausgegeben werden muss.
Für Linux spricht, dass es die geringste Anfälligkeit für Schadsoftware aller Betriebssysteme hat und – durch die strikte Trennung von Benutzer- und Adminkonto – sehr sicher ist. Die Open Source-Bewegung ist zudem in Sachen Privatheit und Datenschutz den etablierten Softwarefirmen weit voraus.
Ein Argument gegen Linux war, dass die Software zu unzuverlässig und die Lernkurve zu steil sei. Beide Argumente stimmten in der Vergangenheit, sind aber überholt. Viele Distributionen wie z.B. Ubuntu sind ebenso intuitiv bedienbar wie z.B. Max OS X. Office-Programme wie Libre Office oder Open Office unterscheiden sich weder in Zuverlässigkeit noch im Funktionsumfang von Microsoft Office, sind vielmehr sogar in der Lage, dessen Dokumentformat zu öffnen und zu speichern.

2. Kirche sollte die Open Source-Bewegung und ihre Ziele der Standardisierung und des Schutzes der Privatsphäre aktiv unterstützen.

Das Ziel der Open Source-Bewegung, allen Menschen die Möglichkeit zur Kommunikation über das Internet zu geben und dazu Mittel in Form von Betriebssystem und Software unentgeltlich bereit zu stellen, berührt sich mit dem der Kirche, das Evangelium aller Welt zu verkündigen. Die Sozialen Medien lassen sich dazu in besonderer Weise nutzen und werden bereits erfolgreich zur Verkündigung genutzt. Anders als die (notwendigerweise) auf Gewinn ausgerichteten Softwarefirmen wird die Open Source-Bewegung von idealistischen Motiven geleitet. Dennoch ist sie von finanzieller Unterstützung abhängig. Statt Geld in teuere Betriebssysteme und deren Support zu investieren, sollte Kirche in die Open Source-Bewegung investieren.
Ein wichtiges Argument gegen Linux als Betriebssystem war und ist, dass die in der kirchlichen Verwaltung verwendete Software nicht auf diesem Betriebssystem läuft und eine Portierung zu kostspielig wäre. Das elektronische Gesangbuch lässt sich z.B. nur unter Microsoft Windows installieren (eine Version für den Mac wurde wegen zu kleiner Nutzerzahlen nicht entwickelt). Nun ist es heute kein Problem mehr, auf aktueller Hardware Microsoft Windows in eine VM zu installieren. Doch wenn das (was in der Kirche selbstverständlich sein sollte) legal geschehen soll, muss eine Version des Windows-Betriebssystems gekauft werden; dann kann man aber, was den Kostenfaktor angeht, gleich ein Betriebssystem von Microsoft installieren. Statt dessen sollten auf EKD-Ebene für alle Landeskirchen Software-Entwickler anstellt werden, die die in der kirchlichen Verwaltung benötigte Software auf Linux portieren bzw. diese für Linux neu entwickeln.
In der Frage von Standards für Dokumente im Internet gab und gibt es Auseinandersetzungen zwischen Microsoft (das das DOCX-Format zum Standard erheben lassen wollte) und der Open Source-Bewegung (mit dem Open-Document-Format); hier kann und sollte Kirche Stellung für die Offenen Formate beziehen.
Auch in der Frage des Datenschutzes sollte Kirche sich eindeutig positionieren, indem sie z.B. konsequent PGP-Verschlüsselung in ihrem Mailverkehr einsetzt, Daten verschlüsselt und die Gemeinden anweist und anleitet, ihre Daten ebenfalls zu verschlüsseln, sowie ihre Webauftritte nur über sichere https-Verbindungen anbietet.

3. Die Beauftragung und Entwicklung von kirchlicher Verwaltungssoftware sollte nicht Sache der Landeskirchen sein, sondern gehört auf EKD-Ebene.

Bisher ist es m.W. so, dass jede Landeskirche selbständig darüber entscheidet, welche Software sie z.B. für ihre Finanz- und Mitgliederverwaltung verwendet und dazu auf verschiedene kommerzielle Angebote zurückgreift. Deren Weiterentwicklung und der Support sind ebenfalls kostenpflichtig. Dieses „outsourcing“ wurde u.a. aus der Not geboren, dass innnerhalb der kirchlichen Verwaltung keine Kompetenz zur Erstellung von Anforderungskatalogen für Software und zur Beurteilung der Qualität von Software vorhanden ist. Man verfuhr wie beim Kauf des häuslichen Computers: Das, was man brauchte, kaufte man sich bzw. gab es in Auftrag – meist, ohne in der Lage zu sein, das gelieferte Produkt anders als im produktiven Einsatz überprüfen zu können.
Statt dessen sollten die Landeskirchen darüber nachdenken, sich eine Entwicklungsabteilung auf EKD-Ebene zu leisten, die eigene Software-Entwickler anstellt. Dies hätte nicht nur den Vorteil der Kompatibilität der Landeskirchen untereinander, sondern auch den, dass die Entwickler die Bedürfnisse und die interenen Strukturen der Kirche wirklich kennen und verstehen.

4. Wenn Kirche Computer und Internet will, muss sie auch den Preis dafür bezahlen.

Die Einführung und Unterhaltung von EDV in den Gemeinden (und oft auch in den kirchlichen Verwaltungen) lebte und lebt vom Intersse und vom Enthusiasmus von Mitarbeitern oder Ehrenamtlichen für die Welt der Computer und des Internets. Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer konfigurieren und warten ihre PCs im Büro selbst, installieren Drucker und Netzwerke. Die dabei aufgewendeten Mannstunden werden meist zusätzlich zur regulären Dienstzeit geleistet und nicht vergütet.
Bei Computer- und Netzwerkproblemen greifen kirchliche Institutionen i.d.R. auf externe Dienstleister zurück, die diese auch eingerichtet haben. Dadurch machen sie sich in extremer Weise von diesen Firmen abhängig, was z.B. die Einhaltung von Standards bei der Einrichtung, die Reaktionszeit bei Problemen und Ausfällen, das Verständnis für den Ablauf und die Bedürfnisse bei kirchlichen Verwaltungsvorgängen angeht. Besser wäre es, wenn auf Kirchenkreis- oder Sprengelebene Admins angestellt wären, die für eine einheitliche Hard- und Software, eine einheitliche Ausstattung und Konfiguration in allen Kirchengemeinden und Verwaltungsämtern sorgten. Als kirchliche Mitarbeitende verstünden sie die Bedürfnisse und Anforderungen der Gemeinden und Verwaltungen, wäre in der Lage, Schulungen für Mitarbeitende abzuhalten und bei Problemen schnell Hilfestellung zu leisten – z.B. über einen Remote-Zugriff von ihrer Dienststelle aus.

5. Die Speicherung und Sicherung von Daten sollte nicht Sache der Kirchengemeinde, sondern der übergeordneten Struktur (Kirchenkreis bzw. Landeskirche) sein.

Für die Ablage und Archivierung des (analogen) Schriftverkehrs existiert eine Registraturordnung; eine solche Ordnung gibt es für die Ablage und Archivierung elektronischer Daten bisher nicht. Das hat zur Folge, dass jede/r Pfarrstelleninhaber/in die dienstlichen Daten nach eigenem Gutdünken ablegt, persönliche und dienstliche Daten vermischt und bei Stellenwechsel entweder alle Daten löscht oder private Daten auf dem Dienstrechner belässt.
Die Rechner der Kirchengemeinden und der kirchlichen Mitarbeitenden sollten als Workstations organisiert sein, die ihre Daten auf einem zentralen Server (der vom Kirchenkreisadmin betrieben und gewartet wird) speichern. Die Ordnerstrukturen sollten vorgeschrieben sein, die Speicherung, Sicherung und Verschlüsselung automatisch erfolgen.

6. Computer, Internet und Social Media sind nicht nur technische Entwicklungen, sondern beinhalten gesellschaftliche Veränderungen und haben Auswirkungen auf unser Leben, mit denen Kirche sich auskennen und zu denen sie sich verhalten muss.

Internet und Social Media waren lange kein Thema für die Kirche. Wenn Gemeindeglieder oder Pfarrer sich dafür interessierten, war es ihre Sache; es gab dazu keine Vorgaben oder Handreichungen von Seiten der Kirche. Auch wurden dazu m.W. bisher keine theologischen Überlegungen angestellt. Inzwischen engagiert sich Kirche unter dem Gesichtspunkt der Öffentlichkeitsarbeit im Internet und in den Social Media. Das greift m.E. aber zu kurz. Wenn das Internet und die Social Media das sind, was viele in ihnen sehen: eine gesellschaftliche Revolution, dann muss Kirche sich damit intensiver und vor allem auf ihrem ureigendsten Gebiet, der Theologie, damit beschäftigen. Kirchliche Mitarbeiterinnen müssen ermutigt und u.U. (durch Stellenanteile) ermächtigt werden, die Social Media zu erkunden, ihre Erfahrungen und Einsichten zu reflektieren und der Kirche zugänglich zu machen. Best practices sollten zentral gesammelt und veröffentlicht werden. An dafür geeigneten Orten sollten neue Formen der kirchlichen Verkündigung (z.B. Twittergottesdienste, die #twomplet) ausprobiert und entwickelt werden können. Eine digitale Liturgik steht zur Entwicklung und Erprobung an. Schließlich sollte ein reflektierter Umgang mit den Social Media Ausbildungsinhalt bereits im Theologiestudium, spätestens aber im Vikariat sein.

Wer diese Thesen ergänzen oder korrigieren möchte, kann dies auch auf Hackpad tun: https://hackpad.com/Kirche-und-Computer-z9743YySI70

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