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Archiv für den Monat September 2014

Mark Carrigan beschreibt hier, wie man seinen Blog als eine Art kollaboratives Notizbuch nutzen kann. Ich finde diesen Ansatz bemerkens- und nachahmenswert, wenn man seinen Blog nicht nur zur Publikation belletristischer Artikel nutzt, sondern als wissenschaftliche Plattform, um seine Meinung über ein best. Thema darzutun oder ein Thema überhaupt anzustoßen. Der von Marc Carrigan vorgeschlagene Weg führt zu der hier schon öfter wiedergegebenen Idee der kollaborativen Webgesellschaft von Gerald Fricke. Ich würde mich freuen, wenn das Beispiel Marc Carrigans viele ansteckte – ich jedenfalls werde versuchen, meinen Blog in diesem Sinne zu verwenden.

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Ralf Peter Reimann sucht nach einer theologischen Begründung dafür, dass Open Source die der Kirche gemäße Haltung gegenüber Copyright und Software ist. Ich habe mit meinen Thesen zu Kirche und Computer ein ähnliches Ziel verfolgt, allerdings nicht so explizit wie Ralf Peter Reimann. Vllt entwickelt sich daraus eine fruchtbare Diskussion.

Θ TheoNet.de

Augustinus: Advokat freier Software?

Korrekt formuliert müsste man von Ethik statt Moral sprechen, auf Software bezogen müsste man fragen: Ist Open Scource Software bzw. Free Software die ethisch bessere Software? Oder ist sie einfach nur besser? Gibt es ethische Gründe für Open Source Software?
Ich suche dabei nach einer Begründung für freie Software, die nicht auf einer Argumentation aus Informatik oder Ökonomie fußt, sondern ethische Begründungszusammenhänge anführt. Und wenn wir uns im kirchlichen Kontext bewegen, lässt sich präzisieren, welche theologischen Gründe gibt es für den Einsatz freier Software.
In der Kirche müssen wir dazu eine theologische Position entwickeln. Die Annahme bzw. der Hinweis, dass Open Source Software besser sei, mag sich aus der Informatik begründen oder wiederlegen lassen, genügt aber nicht den Grundsätzen theologischer Urteilsfindung.

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Diese Gedanken entwickelten sich in einem Gespräch mit Benny auf seinem Blog: http://blog.debenny.de/2014/09/14/kirche-und-computer-ein-diskussionsbeitrag/. Danke an Benny für diese Kooperation!

Zur meiner Rolle des Pfarrers gehört es, Seelsorger zu sein. Da ich zu der glücklichen Gruppe von Menschen gehöre, die ihr Hobby zum Beruf machen konnte, bin ich „immer“ Pfarrer. D.h., auch wenn ich unter Pseudonym auf Twitter unterwegs bin, lese ich die Tweets auch als Seelsorger. Ein Beispiel dafür ist das, was ich als “Seelsorge auf Twitter” erlebt habe. In einem Fall entwickelte sich tatsächlich ein Seelsorgegespräch, das ausgerechnet von Kollegen ge- bzw. zerstört wurde, die plötzlich schrieben: Hey, kommt alle her, Güntzel führt ein Seelsorgegespräch auf Twitter! Da war es mit der Vertraulichkeit natürlich schlagartig vorbei … Wobei es nicht so war, dass ich nicht selbst im Laufe des Gespräches ein mulmiges Gefühl bekommen hätte und schon den Gesprächspartner daran erinnern wollte, dass alle mitlesen können, was er schreibt. Um in einem vertraulichen Rahmen miteinander zu sprechen, wie er zum Seelsorgegespräch unbedingt gehört, könnte man theoretisch bei Twitter auf DMs ausweichen. Aber ich denke, damit wäre auch ein Gespräch, das sich in der TL anbahnte, erledigt. Also, natürlich muss ich als Seelsorger darauf achten, dass die Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Aber auf Twitter geht man ja nicht zum Seelsorger (obwohl ich mich damals explizit als Pfarrer geoutet hatte, was ich heute nicht mehr tue – jetzt muss man sich die Mühe machen, dem Link auf meinen WordPress-Blog zu folgen, um herauszufinden, dass ich Pfarrer bin), sondern es entwickelt sich ein (im weitesten Sinne) seelsorgerliches Gespräch, wenn man bei einem Tweet genau “hinhört”, wenn man versucht und es gelingt, sich in das Gegenüber einzufühlen. Dann kann u.U. schon ein einziger Tweet hilfreich sein. Ich vergleiche diese Erfahrung für mich mit der Krankenhausseelsorge, deren Setting mit dem der Social Media vergleichbar ist:

  1. Keine Privatheit (im Krankenzimmer hört mind. eine/r mit),
  2. nur ein Versuch, das Gegenüber zu verstehen, und
  3. begrenzte Zeit (20 min bzw. einer oder wenige Tweets/ Posts).

Eine Social Media-Seelsorge lässt sich nicht einfach aus bestehenden Seelsorgemodellen übertragen. Man muss sie erst entwickeln, und das schließt Irrtümer mit ein – doch das spricht m.E. nicht dagegen, sich als Seelsorger/in anzubieten. Neben der Empathie, einem liebevollen Interesse für das Gegenüber und einem genauen Lesen (Hinhören) ist für mich eine Erfahrung aus Beerdigungsansprachen wichtig geworden: Ich habe diese Traueransprachen immer sehr persönlich gehalten, dabei aber die Fakten – besonders die „heiklen“ – nur angedeutet, sozusagen kodiert, indem ich Begriffe verwendete, die im Trauergespräch gefallen waren, oder Bilder zeichnete, die denen korrespondierten, die im Trauergespräch eine Rolle spielten (sowohl Metaphern als auch reale Fotos). So war den Freunden und Familienmitgliedern völlig klar, worüber ich sprach, während Außenstehende diese Passagen überhörten oder bestenfalls als “nettes Detail” mitnahmen. Ich meine, dass man in den Social Media ähnliche Codes der Kommunikation entwickeln kann bzw. dass sie schon verwendet werden. Wenn ich als Seelsorger/in (durch sorgfältiges Hinhören – das kostet keine Anstrengung, sondern wird nach einigen Jahren sowieso zur Gewohnheit) solche Codes entdecke, kann ich versuchen, auf sie zu reagieren. Wenn ich Glück habe bzw. mit einiger Erfahrung treffe ich den Code meines Gegenübers, und Verstehen ist möglich, ohne dass mein Gegenüber sich bloßgestellt fühlen muss, weil wir ja in Codes kommunizieren. Ich behaupte also, eine Seelsorge, wie wir sie aus einem Vieraugen-Setting kennen, in den Social Media gar nicht möglich ist. Statt dessen muss und wird sich eine andere Form der Seelsorge entwickeln – wahrscheinlich eine extrem medienspezifische.

Aber ist Seelsorge im Internet überhaupt statthaft, wenn jede/r mitlesen kann – und die Geheimdienste das ja auch ausgiebig tun? Vertraulichkeit im Internet gibt es nicht. Durch Snowdens Enthüllungen ist uns nur bewusst geworden, was die ganze Zeit schon Fakt war, was wir nur nicht wahrhaben wollten oder verdrängt haben, weil die Illusion einer freien Kommunikation und eines Freien Netzes einfach zu verlockend war. Ich bin Jg. 1966 und an der ehem. Grenze zur DDR aufgewachsen. Solange die DDR bestand, war es völlig klar, dass Telefonate und Briefe von und nach “drüben” abgehört oder mitgelesen wurden (oder jedenfalls die Möglichkeit dazu bestand, mit der man zu rechnen hatte). Ich denke, wir wollten damals wie auch nach dem Fall der Mauer nicht wahr haben, dass “unsere” Geheimdienste nicht nur nicht besser sind als die Stasi, sd sogar viel effektiver. Kurz: eine geschützte Kommunikation im Internet wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Mein Hinweis oben auf die DMs sollte keine Alternative aufzeigen, sd nur illustrieren, dass ein solcher Wechsel des Mediums zum Abbruch des Gesprächs führt. Also haben wir hier eine Crux: es gibt seelsorgerliche – sagen wir mal: – Gelegenheiten z.B. auf Twitter, aber es ist als verantwortungsvolle Seelsorgerin im Blick auf den Gesprächspartner egtl nicht möglich, diese Gelegenheit zu ergreifen. M.E. gibt es drei (sich ergänzende oder bedingende) Lösungen dieser Crux.

a) Der Inhalt des Gesprächs orientiert sich am Medium.

Spätestens seit Snowden schickt niemand wirklich vertrauliche Inhalte übers Internet. Ich jdfs habe mir von Anfang an angewöhnt, alles, was ich im Internet schreibe, auch in den Händen potenzieller Gegner sehen zu können. Die Erfahrung lehrt, dass nicht nur im Internet, sondern sogar in vier-Augen-Gesprächssituationen das Setting eine entscheidende Rolle für die Offenheit des Gegenübers spielt (neben anderen Faktoren wie der Professionalität der Seelsorgerin, Alter, Geschlecht, Vertrautheit usw.): wenn ich mich total sicher fühle, bin ich eher bereit, etwas von mir preiszugeben, als wenn ich fürchte, jmd könnte mithören. Ein Gespräch im Amtszimmer der Pastorin, neben dem, nur durch die geschlossene Tür getrennt, die Sekretärin sitzt, bietet nicht die gleiche Vertraulichkeit wie ein separater Raum in einem anderen Teil des Hauses oder ein Spaziergang im Freien. Will sagen: die Gesprächspartnerin weiß i.d.R. intuitiv, was und wie viel sie mir in diesem bestimmten Setting anvertrauen kann und will. Das entbindet mich nicht von meiner Sorgfaltspflicht und meiner Verantwortung gegenüber der Gesprächspartnerin. Ich meine, man kann dieses Wissen der Gesprächspartnerin aber als regulatives Element beobachten und in Betracht ziehen. Auf Twitter wie den anderen Social Media wird mir i.d.R. niemand etwas mitteilen, das in irgendeiner Weise gegen sie/ihn verwendet werden könnte. Wenn er/sie in der Gefahr steht, es zu tun, muss ich als Seelsorgerin natürlich eingreifen. Evtl. muss man aber auch seine eigenen Erwartungen an das, was in einem Seelsorgegespräch passiert, hinterfragen: Das Spannende ist nicht, was mitgeteilt wird, sondern vielmehr, dass sich die Gesprächspartnerin überhaupt traut, etwas von sich preiszugeben. Der große Schritt der Gesprächspartnerin in der Seelsorge ist nicht die Mitteilung eines für sie beschämenden, kompromittierenden, nachteiligen Sachverhalts. Sondern mir überhaupt etwas Persönliches von sich zu erzählen. Dieser Schritt wiederum, etwas Persönliches von sich preiszugeben, ist in der (scheinbaren) Anonymität des Netzes leichter geworden. Dazu passt, dass die Geheimdienste gar nicht so sehr an den Inhalten unserer Tweets, Posts und Blogeinträge interessiert sind, sd an bestimmten Stichworten, die eine Beobachtung triggern, und v.a. an den Metadaten. Natürlich kann das Eingestehen eines bestimmten Sachverhalts, der für mich nachteilig ist, jederzeit im Netz aufgefunden werden – wenn denn einer danach sucht. Aber in Seelsorgegesprächen geht es i.d.R. nicht um spektakuläre Verbrechen, schräge Fetische oder abwegige Vorlieben, sondern darum, jemanden zu finden, der mir zuhört. Mich ernst nimmt. Meine Fragen, Zweifel, Ängste nicht blöd findet, sondern respektiert. Es geht um Fragen wie: Bin ich ein guter Mensch? Kann ich vor Gott, vor anderen, vor mir bestehen? Natürlich möchte niemand, dass der Chef von solchen Fragen weiß. Aber die Gefahr, dass solche Dinge im Netz gefunden werden, ist m.E. vertret- und kalkulierbar. Doch man muss sich gar nicht erst solchen Gefahren aussetzen, denn die Kommunikation im Netz funktioniert gar nicht im Klartext, sondern verschlüsselt durch Codes, und damit komme ich zu Punkt

b) Kommunikation findet in Codes statt.

Wer sich im Internet bewegt, muss Codes kennen – Codes, die längst Allgemeingut geworden sind. Dazu gehören die Akronyme wie RTFM oder LOL, die Emoticons und Hashtags. Diese Codes sind mehr oder weniger bekannt – man muss sie kennen, wenn man mitreden will (und man kann davon ausgehen, dass die Geheimdienste sie auch kennen). Daneben kodiert aber jede Userin für sich. Gerade auf Twitter mit seinen 140 Zeichen ist es gar nicht anders möglich zu kommunizieren. Ich muss darauf setzen oder zumindest hoffen, dass der eine oder die andere Userin meine Codes entschlüsselt. Die meisten Gesprächspartner, die “erfolgreich” miteinander kommunizieren, kennen sich aus dem RL; das macht es leicht, weil man auf RL-Kommunikation rekurrieren kann und das auch tut. Und es schafft bei denen, die diese Unterhaltungen mitlesen, ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, weil man nicht versteht, worüber geredet wird, weil man die verwendeten Anspielungen und Bilder, eben: die Codes, nicht kennt und deshalb nicht mitreden kann. Das geht einem auch so, wenn man ein Mdm oder einen trending topic verpasst hat oder länger nicht auf Twitter präsent war – so, wie man auf dem Schulhof nach einer Krankheit oder einem Auslandsaufenthalt erst wieder “reinkommen” musste. Aber es ist trotzdem – entsprechenden Willen und Erfahrung vorausgesetzt – möglich, zu einer Verständigung zu kommen, selbst wenn man sich überhaupt nicht kennt. Je unterschiedlicher die Kulturkreise, je fremder die Sprache, desto schwieriger wird es, desto größer und häufiger sind die Missverständnisse. Aber das unumgängliche Scheitern so mancher Kommunikation bedeutet nicht deren prinzipielle Unmöglichkeit. Es braucht eben nur viel Frustrationstoleranz … Um noch einmal meine Paranoia zu bemühen: Selbstverständlich ist es möglich, dass auch Schlapphüte sich die Mühe machen, sich in meine Tweets einzulesen und die von mir verwendeten Codes zu lernen und zu entschlüsseln. Aber dann hätten wir echte Stasi-Verhältnisse, dass sich nämlich ein Mitarbeiter des Geheimdienstes dauerhaft mit mir befasst. Das ist denkbar und möglich, aber nicht wahrscheinlich.

c) Anonymität

Die Anonymität im Netz erleichtert, etwas von sich preiszugeben. Wenn ich nicht als Realperson, sondern unter einem Pseudonym und mit einem Avatar im Netz auftrete, lassen sich meine Aussagen nicht auf mich als Realperson zurückverfolgen. Natürlich stellt die Verbindung meiner pseudonymen Äußerungen mit meiner Person für eine geschulte Person keine große Hürde dar, und @ballkultur erkannte mich nach über einjähriger Twitterabstinenz allein durch meine Themen und die Personen, denen ich folgte, wieder. Aber wer es wirklich darauf anlegt, anonym zu bleiben, der wird es zumindest für die „normalen“ User auch sein. M.E. ist die Anonymität i.S. von Trennung zwischen RL-Identität und Netzidentität gar nicht das Entscheidende, also der Versuch, unerkannt und unentdeckt zu bleiben. Sondern sie ist die Maske, die wir durch unsere Internetpersönlichkeit aufsetzen und die es uns ermöglicht, selbst zu bestimmen, wie viel wir von uns zeigen und preisgeben wollen. Die die Möglichkeit bietet, sich jederzeit von Aussagen distanzieren zu können, sie umetikettieren (z.B. als Ironie) oder notfalls auch löschen zu können. Das gibt einem möglichen Gesprächspartner in einem Seelsorgegespräch ein hohes Maß an Sicherheit und schafft den „Raum“, den es braucht, um sich einem anderen Menschen öffnen zu können. Auf der anderen Seite ist die Seelsorgerin ein Mensch, von dem die Gesprächspartnerin zunächst gar nichts näheres wissen will. Sie hat kein Interesse an der Seelsorgerin, weil sie von sich und ihrem Problem berichten möchte. Die Probleme, Fragen, Zweifel, die die Seelsorgerin ja auch hat, will sie nicht wissen, sie gehen sie nichts an. Die Gefühle, Eindrücke, Wahrnehmungen, Gedanken der Seelsorgerin haben heuristische Funktion für die Seelsorgerin, darüber hinaus haben sie im Seelsorgegespräch nichts zu suchen. Auch hier kommt also die Anonymität der Seelsorgesituation entgegen bzw. schafft die Voraussetzung, dass ein seelsorgerlicher Kontakt stattfinden kann. Allerdings kann die Seelsorgerin nicht völlig anonym bleiben: Ihre Professionalität und ihre Vertrauenswürdigkeit sind entscheidend für das Gespräch. Es genügt dabei nicht, sich als Seelsorgerin, also z.B. als Pfarrerin, im Netz zu präsentieren, denn das könnte ja nur ein Avatar sein. Deshalb sind Querverweise – Links – sehr wichtig: Querverweise, die auf andere Orte verweisen, an denen die Seelsorgerin im Netz präsent ist und an denen sich ihre Profession und ihre Vertrauenswürdigkeit zeigen. Im Gegensatz zur Gesprächspartnerin kann die Seelsorgerin also nicht völlig anonym bleiben. Wenn sie auch ihre RL-Identität, ihre Adresse usw. geheim halten kann, muss sie doch zeigen, wer sie ist, wofür sie steht, ob man ihr vertrauen kann, indem sie in den Social Media aktiv ist und dort Spuren hinterlässt.

Die Kehrseite der Anonymität, die Möglichkeit zum Missbrauch, soll hier nicht verschwiegen werden. Wenn mein Gegenüber sich hinter einem Avatar versteckt, kann ich als Seelsorgerin auch auf einen Troll hereinfallen. Das kann sehr frustrierend sein. Ich fürchte, diese Erfahrung wird sich nicht gänzlich vermeiden lassen. Aber die Seelsorgesituationen, die ich in den Social Media bisher kennen gelernt habe bzw. die ich mir vorstelle, sind, wie im Krankenhausbeispiel oben gezeigt, punktuelle Begegnungen. Was nicht heißt, dass einem eine Klientin z.B. als Followerin auf Twitter nicht immer wieder begegnet und die punktuelle Seelsorge zu einer dauerhaften Seelsorgebeziehung werden lassen will. Hier ist es für die Seelsorgerin sehr wichtig, sich abzugrenzen und sich nicht auf eine dauerhafte Seelsorgebeziehung einzulassen. Denn der virtuelle Kontakt kann den RL-Kontakt natürlich nicht vollwertig ersetzen, und die Klientin wird nach Mitteln und Wegen suchen, die Beziehung zu intensivieren oder mehr über die Seelsorgerin herauszufinden. Es muss also von vornherein – oder spätestens nach dem Seelsorgekontakt – deutlich werden, dass es sich um eine einmalige Sache handelt und dass für einen längeren oder dauerhaften Seelsorgekontakt eine Fachperson im RL aufgesucht werden sollte.

Eine Unterhaltung mit @wtlx und @letterus auf Twitter gab den Anstoß, einige Beobachtungen und Gedanken zu Kirche und Computer – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in Thesenform zusammen- und zur Diskussion zu stellen. Dazu zunächst einige Vorbemerkung in Form eines „historischen Abrisses“:

Als EDV in den Verwaltungen auch der Kirche eingeführt wurde, beging die Institution Kirche den historischen Fehler, nicht auf Linux und Open Source als Betriebssystem und Software zu setzen. Diesen Fehler kann man der Kirche nicht ankreiden – „damals“ war Linux noch nicht so ausgereift, dass man es ohne Vorkenntnisse benutzen konnte, und keine der für die kirchliche Verwaltung benötigten Programme waren auf Linux portiert. Überdies erfolgte die Einführung nicht von oben nach unten, sondern umgekehrt: computeraffine Pfarrerinnen und Pfarrer hatten in ihren Büros und Gemeinden bereits erste Schritte mit der EDV gemacht, so, wie sie später das „Neuland“ Internet betraten, Homepages einrichteten – oft, bevor die Landeskirche dazu kam. Die dabei verwendeten Betriebssysteme spiegelten wahrscheinlich die damals übliche Verteilung wider, d.h. mehrheitlich wurde Microsoft Windows eingesetzt. Die Computerisierung der Kirchengemeinden war somit abhängig vom Angebot auf dem Markt und von den Fähigkeiten und Vorlieben der Pfarrstelleninhaber bzw. engagierter Gemeindeglieder, die Zeit und Knowhow in die Einrichtung und den Support des Gemeinderechners (bzw. -netzwerkes) investierten.

Die Kirche versäumte es, frühzeitig Standards für den Einsatz von Hard- und Software wie auch für die Datenssicherheit zu setzen (immerhin war Kirche in Fragen des Datenschutzes bereits sehr früh sehr sensibel). Auch dies kann man ihr nicht als Fehler ankreiden. Die Bedeutung, die Computer und Vernetzung heute für unseren Alltag spielen, war lange nicht abzusehen. Anfangs galt – zumindest in der Pfarrerschaft – die Beschäftigung mit Computern und Internet als Allotria, denen man allenfalls in seiner Freizeit nachgehen könne, die aber keinesfalls Dienstzeit in Anspruch nehmen dürften. Die Allgegenwart des Internets durch Smartphones und Social Media, deren rasante Ausbreitung und Entwicklung hat die Kirche daher mehr oder weniger kalt erwischt.

Aus dieser Situationsbeschreibung (wenn sie denn konsenfähig ist) ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:

1. Kirche sollte bei Betriebssystem und Software auf Linux und Open Source setzen, weil diese per se dem Organisationsbild von Kirche entsprechen.

Der „Gemeinde“ entspricht die Open Source-Bewegung, weil sie sich einerseits in „communities“ organisiert, weil aber auch die „Allmende“ (wie man Open Source übersetzen könnte) ein Kennzeichen einer Gemeinde ist.
Linux und Open Source ist Software, die von Idealisten hergestellt wird, die damit keinen Shareholder Value generieren müssen. Das bedeutet nicht, dass freie Software immer kostenlos sein muss – im Gegenteil: auch im Bereich der freien Software gilt Dtn 25,4. Aber die Entwicklungs- oder Supportkosten betragen nur einen Bruchteil dessen, was für den Kauf der geschlossenen Software großer Firmen wie Microsoft ausgegeben werden muss.
Für Linux spricht, dass es die geringste Anfälligkeit für Schadsoftware aller Betriebssysteme hat und – durch die strikte Trennung von Benutzer- und Adminkonto – sehr sicher ist. Die Open Source-Bewegung ist zudem in Sachen Privatheit und Datenschutz den etablierten Softwarefirmen weit voraus.
Ein Argument gegen Linux war, dass die Software zu unzuverlässig und die Lernkurve zu steil sei. Beide Argumente stimmten in der Vergangenheit, sind aber überholt. Viele Distributionen wie z.B. Ubuntu sind ebenso intuitiv bedienbar wie z.B. Max OS X. Office-Programme wie Libre Office oder Open Office unterscheiden sich weder in Zuverlässigkeit noch im Funktionsumfang von Microsoft Office, sind vielmehr sogar in der Lage, dessen Dokumentformat zu öffnen und zu speichern.

2. Kirche sollte die Open Source-Bewegung und ihre Ziele der Standardisierung und des Schutzes der Privatsphäre aktiv unterstützen.

Das Ziel der Open Source-Bewegung, allen Menschen die Möglichkeit zur Kommunikation über das Internet zu geben und dazu Mittel in Form von Betriebssystem und Software unentgeltlich bereit zu stellen, berührt sich mit dem der Kirche, das Evangelium aller Welt zu verkündigen. Die Sozialen Medien lassen sich dazu in besonderer Weise nutzen und werden bereits erfolgreich zur Verkündigung genutzt. Anders als die (notwendigerweise) auf Gewinn ausgerichteten Softwarefirmen wird die Open Source-Bewegung von idealistischen Motiven geleitet. Dennoch ist sie von finanzieller Unterstützung abhängig. Statt Geld in teuere Betriebssysteme und deren Support zu investieren, sollte Kirche in die Open Source-Bewegung investieren.
Ein wichtiges Argument gegen Linux als Betriebssystem war und ist, dass die in der kirchlichen Verwaltung verwendete Software nicht auf diesem Betriebssystem läuft und eine Portierung zu kostspielig wäre. Das elektronische Gesangbuch lässt sich z.B. nur unter Microsoft Windows installieren (eine Version für den Mac wurde wegen zu kleiner Nutzerzahlen nicht entwickelt). Nun ist es heute kein Problem mehr, auf aktueller Hardware Microsoft Windows in eine VM zu installieren. Doch wenn das (was in der Kirche selbstverständlich sein sollte) legal geschehen soll, muss eine Version des Windows-Betriebssystems gekauft werden; dann kann man aber, was den Kostenfaktor angeht, gleich ein Betriebssystem von Microsoft installieren. Statt dessen sollten auf EKD-Ebene für alle Landeskirchen Software-Entwickler anstellt werden, die die in der kirchlichen Verwaltung benötigte Software auf Linux portieren bzw. diese für Linux neu entwickeln.
In der Frage von Standards für Dokumente im Internet gab und gibt es Auseinandersetzungen zwischen Microsoft (das das DOCX-Format zum Standard erheben lassen wollte) und der Open Source-Bewegung (mit dem Open-Document-Format); hier kann und sollte Kirche Stellung für die Offenen Formate beziehen.
Auch in der Frage des Datenschutzes sollte Kirche sich eindeutig positionieren, indem sie z.B. konsequent PGP-Verschlüsselung in ihrem Mailverkehr einsetzt, Daten verschlüsselt und die Gemeinden anweist und anleitet, ihre Daten ebenfalls zu verschlüsseln, sowie ihre Webauftritte nur über sichere https-Verbindungen anbietet.

3. Die Beauftragung und Entwicklung von kirchlicher Verwaltungssoftware sollte nicht Sache der Landeskirchen sein, sondern gehört auf EKD-Ebene.

Bisher ist es m.W. so, dass jede Landeskirche selbständig darüber entscheidet, welche Software sie z.B. für ihre Finanz- und Mitgliederverwaltung verwendet und dazu auf verschiedene kommerzielle Angebote zurückgreift. Deren Weiterentwicklung und der Support sind ebenfalls kostenpflichtig. Dieses „outsourcing“ wurde u.a. aus der Not geboren, dass innnerhalb der kirchlichen Verwaltung keine Kompetenz zur Erstellung von Anforderungskatalogen für Software und zur Beurteilung der Qualität von Software vorhanden ist. Man verfuhr wie beim Kauf des häuslichen Computers: Das, was man brauchte, kaufte man sich bzw. gab es in Auftrag – meist, ohne in der Lage zu sein, das gelieferte Produkt anders als im produktiven Einsatz überprüfen zu können.
Statt dessen sollten die Landeskirchen darüber nachdenken, sich eine Entwicklungsabteilung auf EKD-Ebene zu leisten, die eigene Software-Entwickler anstellt. Dies hätte nicht nur den Vorteil der Kompatibilität der Landeskirchen untereinander, sondern auch den, dass die Entwickler die Bedürfnisse und die interenen Strukturen der Kirche wirklich kennen und verstehen.

4. Wenn Kirche Computer und Internet will, muss sie auch den Preis dafür bezahlen.

Die Einführung und Unterhaltung von EDV in den Gemeinden (und oft auch in den kirchlichen Verwaltungen) lebte und lebt vom Intersse und vom Enthusiasmus von Mitarbeitern oder Ehrenamtlichen für die Welt der Computer und des Internets. Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer konfigurieren und warten ihre PCs im Büro selbst, installieren Drucker und Netzwerke. Die dabei aufgewendeten Mannstunden werden meist zusätzlich zur regulären Dienstzeit geleistet und nicht vergütet.
Bei Computer- und Netzwerkproblemen greifen kirchliche Institutionen i.d.R. auf externe Dienstleister zurück, die diese auch eingerichtet haben. Dadurch machen sie sich in extremer Weise von diesen Firmen abhängig, was z.B. die Einhaltung von Standards bei der Einrichtung, die Reaktionszeit bei Problemen und Ausfällen, das Verständnis für den Ablauf und die Bedürfnisse bei kirchlichen Verwaltungsvorgängen angeht. Besser wäre es, wenn auf Kirchenkreis- oder Sprengelebene Admins angestellt wären, die für eine einheitliche Hard- und Software, eine einheitliche Ausstattung und Konfiguration in allen Kirchengemeinden und Verwaltungsämtern sorgten. Als kirchliche Mitarbeitende verstünden sie die Bedürfnisse und Anforderungen der Gemeinden und Verwaltungen, wäre in der Lage, Schulungen für Mitarbeitende abzuhalten und bei Problemen schnell Hilfestellung zu leisten – z.B. über einen Remote-Zugriff von ihrer Dienststelle aus.

5. Die Speicherung und Sicherung von Daten sollte nicht Sache der Kirchengemeinde, sondern der übergeordneten Struktur (Kirchenkreis bzw. Landeskirche) sein.

Für die Ablage und Archivierung des (analogen) Schriftverkehrs existiert eine Registraturordnung; eine solche Ordnung gibt es für die Ablage und Archivierung elektronischer Daten bisher nicht. Das hat zur Folge, dass jede/r Pfarrstelleninhaber/in die dienstlichen Daten nach eigenem Gutdünken ablegt, persönliche und dienstliche Daten vermischt und bei Stellenwechsel entweder alle Daten löscht oder private Daten auf dem Dienstrechner belässt.
Die Rechner der Kirchengemeinden und der kirchlichen Mitarbeitenden sollten als Workstations organisiert sein, die ihre Daten auf einem zentralen Server (der vom Kirchenkreisadmin betrieben und gewartet wird) speichern. Die Ordnerstrukturen sollten vorgeschrieben sein, die Speicherung, Sicherung und Verschlüsselung automatisch erfolgen.

6. Computer, Internet und Social Media sind nicht nur technische Entwicklungen, sondern beinhalten gesellschaftliche Veränderungen und haben Auswirkungen auf unser Leben, mit denen Kirche sich auskennen und zu denen sie sich verhalten muss.

Internet und Social Media waren lange kein Thema für die Kirche. Wenn Gemeindeglieder oder Pfarrer sich dafür interessierten, war es ihre Sache; es gab dazu keine Vorgaben oder Handreichungen von Seiten der Kirche. Auch wurden dazu m.W. bisher keine theologischen Überlegungen angestellt. Inzwischen engagiert sich Kirche unter dem Gesichtspunkt der Öffentlichkeitsarbeit im Internet und in den Social Media. Das greift m.E. aber zu kurz. Wenn das Internet und die Social Media das sind, was viele in ihnen sehen: eine gesellschaftliche Revolution, dann muss Kirche sich damit intensiver und vor allem auf ihrem ureigendsten Gebiet, der Theologie, damit beschäftigen. Kirchliche Mitarbeiterinnen müssen ermutigt und u.U. (durch Stellenanteile) ermächtigt werden, die Social Media zu erkunden, ihre Erfahrungen und Einsichten zu reflektieren und der Kirche zugänglich zu machen. Best practices sollten zentral gesammelt und veröffentlicht werden. An dafür geeigneten Orten sollten neue Formen der kirchlichen Verkündigung (z.B. Twittergottesdienste, die #twomplet) ausprobiert und entwickelt werden können. Eine digitale Liturgik steht zur Entwicklung und Erprobung an. Schließlich sollte ein reflektierter Umgang mit den Social Media Ausbildungsinhalt bereits im Theologiestudium, spätestens aber im Vikariat sein.

Wer diese Thesen ergänzen oder korrigieren möchte, kann dies auch auf Hackpad tun: https://hackpad.com/Kirche-und-Computer-z9743YySI70