Kirche und Social Media

Wenn die Institution Kirche ins Internet geht, geschieht das nicht „bloß zum Spaß“; es ist auch nicht narzisstisch motiviert (aber natürlich spielen solche Motive unweigerlich in jede Form der Selbstdarstellung mit hinein – besonders dann, wenn man sie sich nicht eingesteht). Kirche geht ins Internet, weil das nun einmal der neue öffentliche Raum ist, wo sie, ihrem Auftrag gemäß, Christus bezeugen soll.

Mit den Social Media [SocMed] etabliert sich gesellschaftlich eine Kommunikationsform, die dem kirchlichen Verkündigungsauftrag besonders in die Hände zu spielen scheint: durch direkte Kommunikation, und dazu noch ortsunabhängig. Man kann Menschen ansprechen, um sie für die Sache Jesu zu begeistern – und das, ohne vor die Haustür treten zu müssen. Allerdings haben die SocMed auch einen Haken, und zwar nicht nur einen. Wenn man z.B. nicht aufpasst, lädt man aus Versehen über Facebook eine Tausenschaft von Gästen zu sich nach Hause. Mit den SocMed kommunizieren nicht nur Menschen guten Willens, sondern auch sog. Trolle, die ihre Lust am Zerstören ausleben. Geheimdienste verfolgen und speichern, wo wir waren, was wir sagen, was wir „liken“. Und die hinter den SocMed stehenden Firmen sind keine Weltverbesserungsanstalten, die sich dem Schönen, Wahren, Guten verschrieben haben, sondern Unternehmen, die um jeden Preis Gewinne und Shareholder Value generieren wollen und müssen. Der Preis für das kostenlose Internet sind die Daten, die der User zur Verfügung stellt – erst allmählich wird manchem bewusst, dass ihm dieser Preis zu hoch ist. Wer über die SocMed kommuniziert, gibt Kontrolle ab – Kontrolle über seine Daten, Kontrolle darüber, wer was mit seinen Inhalten macht, die er online stellt. All das vollzieht sich in einem virtuellen Raum, der wenig Reelles generiert. Wie viele von denen, die Kirche über ihre Webseiten, über Facebook oder Twitter erreicht, sind wieder in die Kirche eingetreten, zahlen Kirchensteuern? Hat das Engagement in den SocMed überhaupt einen messbaren Erfolg, wächst Kirche dadurch? Oder bleibt Glaube im Internet, ebenso wie in den Gemeinden, auf die kleine Zahl der kirchlich Interessierten beschränkt, kreist Kirche auch hier im Wesentlichen um sich selbst, nur auf einer sozusagen höheren Ebene?

Zurecht kann man fragen, ob das Internet, und speziell die SocMed, das geeignete Mittel zur Menschenfischerei sind. Allerdings ist es völlig gleichgültig, wie wir diese Frage beantworten. Längst sind Internet und SocMed als eine Macht etabliert, die unsere Kommunikation dominiert und in ähnlich revolutionärer Weise verändert, wie es Buchdruck, Radio und Fernsehen taten. Die institutionelle Kirche kann diese neue Kommunikationsform ignorieren und sich auf die althergebrachte Kommunikation face-to-face beschränken. Möglicherweise wird sie dadurch aber in Zukunft noch weniger Menschen erreichen als ohnehin schon, gesellschaftlich weiter an Einfluss verlieren.

Aber anstatt das Klagelied vom drohenden Mitgliederschwund anzustimmen und aus Angst (oder aus Hybris, mit den SocMed ein besonders mächtiges Propaganda-Instrument in Händen zu halten, das die Menschen in Scharen der Kirche zutreibt) die SocMed zu instrumentalisieren, sollte man ein neues Lied anstimmen (vgl. dazu: http://geraldfricke.wordpress.com/2014/05/26/das-nachste-web-ist-emphatisch-meine-vorlesung-zur-webgesellschaft/). Das Internet, in seinen Anfängen elitär, ist mit den SocMed demokratisch und partizipativ geworden – woran die Open-Source-Bewegung (englisch für Allmende) keinen geringen Anteil hat. Die Allmende oder Gemeine aber ist ein genuin kirchliches Anliegen. Will sagen: Mit den SocMed ist eine Kommunikationsform entstanden, die kirchliche Verkündigung nicht bedroht, sondern sie in genuiner Weise ergänzt und neue – virtuelle – Räume erschließt – möglicherweise gerade dort, wo reale Räume geschlossen werden (müssen).

Es kommt darauf an, welche Geschichte das Web 2.0 erzählt. Wir sind der Evolution des Internet nicht hilflos ausgeliefert als zum Zusehen verdammte Opfer, die erleiden, was „die großen Firmen“ entwickeln und unter die Massen streuen. Als User gestalten wir das Internet mit. Und wenn wir auch nur Einzelne unter vielen Milliarden sind, haben wir doch die Macht, die Erzählung, die das Internet ist, zu verändern. Gerade als Kirche, die in den „stories“ (Dietrich Ritschl) der Bibel lebt und sie hütet, indem sie sie weitererzählt, haben wir Erfahrung mit der Erzählung und der Gestaltung der Wirklichkeit durch „stories“. Die SocMed bieten eine ganz besondere Gelegenheit für Kirche, das Internet mit zu gestalten – und damit die Gesellschaft von morgen. Im Folgenden seien einige Thesen zu den Bedingungen genannt, die für die Nutzung der SocMed in der Institution Kirche von Bedeutung sein könnten. Ich würde mich freuen, wenn sie zu Kommentaren und Rückmeldungen anregten.

#1. Kommunikation ist Öffentlichkeitsarbeit ist Kommunikation
Die Beschäftigung mit SocMed fällt in der kirchlichen Organisationsstruktur unter „Öffentlichkeitsarbeit“. Damit ist sie am falschen Ort angesiedelt. Denn nicht Institutionen sind die Protagonisten der SocMed, sondern Personen. Kirchenmitglieder haben die SocMed schon längst für sich entdeckt, nutzen sie – und vertreten, auch wenn sie privat im Internet unterwegs sind, ihre Institution Kirche (sofern ihre Gesprächspartner wissen, dass sie Christen sind). Kirche wirbt für sich durch ihre Mitglieder, die in den SocMed Beziehungen zu anderen Usern aufbauen. Das haben die SocMed mit dem „richtigen Leben“ gemein: Für den Glauben kann man nicht mit der Gießkanne werben, sondern nur in direktem Gespräch; Christen werden nicht durch Medien gewonnen, sondern durch Menschen.
Die Beschäftigung mit den SocMed gehört daher nicht in den Bereich „Öffentlichkeitsarbeit“, weil es in den SocMed nicht darum geht, Meinungen oder Botschaften an „Mutiplikatoren“ zu versenden, sondern Beziehungsnetze aufzubauen. Innerhalb dieser Netze wirbt Kirche für die eigene Sache. Wer nur mit dem Megaphon senden und nicht zuhören will, wird in den SocMed keinen Erfolg haben.

#2. Pluralität der Glaubenszeugnisse statt Uniformität des Bekenntnisses
Die Institution Kirche zeichnet ein gemeinsames Bekenntnis aus, das ihre Mitglieder teilen und auf das sie sich verpflichten. Von Zeit zu Zeit werden die Grenzen des Bekenntnisses überschritten und erweitert – in der jüngeren Geschichte z.B. durch die Frauenordination, Amtshandlungen an Ausgetretenen, Abendmahl für Kinder, Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Das geschieht nicht von selbst, sondern indem Mitglieder Rechte für sich oder andere einfordern, die sie vorher nicht hatten; indem neue theologische Argumente vorgetragen werden, die scheinbar unumstößliche Überzeugungen widerlegen.
Im Kontakt mit den professionellen Medien ist die Institution Kirche und ihre Öffentlichkeitsarbeit gefragt. Wenn es darum geht, was „die Kirche“ zu einer bestimmten Frage sagt, muss Kirche „offiziell“ über etablierte Kanäle und mit ihren Repräsentantinnen und Repräsentanten Stellung beziehen.

In den SocMed geht es manchmal auch um „große“ Themen. Dort versuchen Kirchenmitglieder in eigener Verantwortung, Antworten des Glaubens zu geben auf Fragen, die ihnen andere stellen – oder sie sich selbst. Das könnte man kritisch beurteilen als unkontrollierten „Wildwuchs“, der von der Amtskirche „beschnitten“ werden müsste (wenn sie es denn könnte). Man kann es aber auch schätzen lernen als Äußerung mündiger Christinnen und Christen, die versuchen, ihren Glauben und ihr Bekenntnis auf Fragestellungen anzuwenden, die bisher nicht im Blick waren. Wenn Christinnen und Christen solche Antworten versuchen, sprechen sie nicht mit einer Stimme, sondern in einem polyphonen, zuweilen auch dissonanten Chor. Dies nicht als Mangel, sondern als Reichtum sehen zu lernen, ist eine Herausforderung, vor die uns die SocMed stellen. Statt mit der einen Stimme des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit spricht Kirche mit den vielen Stimmen ihrer Mitglieder. Das mag besonders für die Kirchenleitung eine beunruhigende Vorstellung sein. Gerade für sie gilt es deshalb, Vertrauen in die theologische Kompetenz ihrer Mitglieder zu entwickeln und zu gewinnen.

#3. Theologische Kreativität entdecken und entwickeln
Die akademische theologische Ausbildung legt – zu recht – wert auf ein hohes wissenschaftliches Niveau theologischer Arbeiten. Dadurch kann der Eindruck entstehen, theologische Arbeiten müssten immer diesen Standards genügen – bzw. die oben erwähnten theologischen Bemühungen der Kirchenmitglieder seien keine „richtige“ Theologie. Selbst Pfarrerinnen und Pfarrer, die theologisches Denken gelernt und geübt haben, bringen selten den Mut auf, ihren theologischen Standpunkt zu einem Thema zu formulieren und zu begründen – vermutlich, weil sie meinen, den hohen akademischen Anforderungen nicht zu genügen.
Wenn Kirche am Prinzip der theologischen Kompetenz auch der Laien festhalten will (vgl. Luthers Schrift von 1523, Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen), dann muss sie zu theologischem Denken und Argumentieren ermutigen. Die SocMed bieten eine sehr einfache Möglichkeit der Veröffentlichung theologischer Gedanken und des Austausches darüber – sei es in ausführlicher Form in Blogs oder in kurzen, prägnanten Statements auf Twitter. Was Kirchenmitglieder lernen und worin sie ermutigt werden müssen ist, dass sie als Gläubige theologisch argumentieren können und „dürfen“. Theologische Sprachfähigkeit ist nicht nur Aufgabe und Privileg des Klerus, sondern jedes Gläubigen.

#4. SocMed-sprachfähig und SocMed-polyglott werden
Wer die SocMed nutzen will, muss mit ihnen umgehen können. So simpel es ist, einen Twitter-Account oder ein Blog zu eröffnen, gibt es dabei doch viel zu lernen. Gerade am Anfang fällt man auf vieles herein, täuscht sich in Menschen, macht Fehler. Man stellt ernüchtert fest: die Welt hat nicht auf mich gewartet; und dass man sich seine Leserschaft erst erarbeiten muss – dabei gilt es, Durststrecken und Rückschläge zu überwinden. Wie Abraham bei seinem Handel um Sodom (Genesis 18) lernt der User, seine Erwartungen herunterzuschrauben – von Tausend auf Hundert auf Fünfzig auf Zehn – und gleichzeitig, diese Zehn zu schätzen. Das Veröffentlichen in den SocMed macht demütig – eine durchaus christliche Tugend.
SocMed-Kompetenz sollte zum Kanon der theologischen Ausbildung gehören, und es sollte selbstverständlich werden, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sich am Gespräch im Internet über SocMed beteiligen, Predigten oder theologische Gedanken ins Netz stellen.
Es gibt nicht das SocMed schlechthin – jede und jeder muss für sich selbst das Medium finden, das seinen Vorstellungen und Fähigkeiten entspricht. Ob Podcast, Videoblog auf Youtube, Fotos auf Instagram oder Flickr, Facebook, Twitter, Pinterest, Tumblr, ein Blog oder eine eigene Webseite – um zu wissen, was einem liegt, muss man erst einmal vieles ausprobieren, bis man das richtige Medium für sich gefunden hat.

#5. Viele Wege führen nach … – wohin soll’s eigentlich gehen?
Wenn die Institution Kirche sich den SocMed zuwendet, muss sie sich darüber klar werden, was sie von ihnen erwartet – und ob die SocMed diese Erwartungen überhaupt erfüllen können. Dazu muss sie sich mit Mitgliedern austauschen, die bereits Erfahrungen im Bereich der SocMed gesammelt haben, und mit ihnen gemeinsam an der Formulierung von Zielen und Rahmenbedingungen arbeiten. Es ist wichtig, dabei realistisch zu bleiben – so viele Follower wie Justin Bieber wird Kirche niemals bekommen. Ebenso ist es wichtig, SocMed nicht „von oben“ einzusetzen, evtl. sogar in Kooperation mit einer externen Firma, die für viel Geld ein „Social-Media-Konzept“ für die Kirche erarbeitet. Durch ein solches Konzept werden noch keine Beziehungen geknüpft, keine Inhalte produziert, sondern nur potiemkinsche Dörfer errichtet. Die Userin ist schlau und lässt sich von solchen Fassaden nicht blenden. Ein Konzept, das auf Form, nicht auf Inhalte setzt, wird nicht nachhaltig sein. Inhalte aber lassen sich nicht von Wenigen generieren; dazu braucht es die große Zahl der Mitglieder, ihre Vielfalt und Phantasie. Und wiederum: wenn die Inhalte interessant, neu und originell sind, ist die Fassade, in der sie dargeboten werden, zweitrangig.

#6. Gespräch statt Monolog
Die SocMed funktionieren in einer Weise, die kirchlichem Handeln sehr entgegenkommt: Sie stellen keine Einbahnkommunikation dar, sondern einen Dialog, in dem die User auf Inhalte reagieren und durch den sich Beziehungen entwickeln können, die sich über die SocMed hinaus ins „wirkliche Leben“ [RL] auswirken (vgl. http://geraldfricke.tumblr.com/post/67474151414/das-affirmationskapellchen-im-weltkapitalismus). Die SocMed erweisen sich so als eine der Straße oder den öffentlichen Plätzen ebenbürtige Kontaktfläche. Eine Seelsorgerin trifft Gemeindeglieder im Supermarkt oder am Gartenzaun und kann ihnen in scheinbar belanglosen Gesprächen eine verständnisvolle, hilfreiche, „echte“ Gesprächspartnerin sein: „Ich biete mich dem andern an als Gegenüber, der für die Dauer des Gesprächs bereit ist, die Sache des andern mit zu seiner zu machen. … Ich versuche, gegenwärtig zu sein, und meine Methode ist die Gegenwärtigkeit“ (Hans-Christoph Piper, Kommunizieren lernen in Seelsorge und Predigt. Ein pastoraltheologisches Model, Göttingen, 1981, S. 69). Solche Gelegenheiten bieten sich auch in den SocMed, wenn man ein aufmerksamer und „gegenwärtiger“ Gesprächspartner ist. Natürlich sind keine Gespräche wie im RL möglich. Manchmal aber reicht ein einziger Tweet, um einem Gesprächspartner Verständnis zu signalisieren. Oder das Verhalten in den SocMed dient als „Test“, ob man tatsächlich ein Gesprächspartner im RL sein kann. Wichtig ist, die Userin nicht zu unterschätzen, sondern sie als ebenbürtigen Gesprächspartner zu achten. Die SocMed entwickeln unsere Art, miteinander zu kommunizieren, weiter; dadurch entwickeln sich die Möglichkeiten weiter, als Christin präsent und empathisch zu sein. Es gibt diese Möglichkeiten in dem Maße, wie es einen hohen Bedarf an Empathie und Aufmerksamkeit in den SocMed gibt. Für Kirche ist es wichtig, schon jetzt an dieser Entwicklung teilzunehmen, um auch in Zukunft dialogfähig zu sein.

#7. Maske? Welche Maske? Das Spiel mit Identität
Kirchliche Angebote, die sich an kirchenferne oder unkirchliche Menschen richten, werden als „niedrigschwellig“ bezeichnet. Die Hindernisse, die eine in gewisser Weise esoterische kirchliche Kultur (in der Sprache, Interaktionsformen, Räume und Einrichtung für Außenstehende fremd sind) Interessierten gegenüber aufrichtet, sollen abgebaut werden. Trotzdem muss man immer noch selbst über die Schwelle gehen, auch wenn sie niedrig ist; muss sich überwinden, sich zeigen, evtl. sogar bei etwas mitmachen, von dem man gar nicht weiß, ob man das will.
Die SocMed bieten die Möglichkeit, in eine persona, eine Maske zu schlüpfen und unerkannt Neues kennen zu lernen und auszuprobieren. So können kirchliche Angebote angesehen und ausprobiert werden, ohne dass man sich als Interessierter „outen“ muss. So kann Kontakt zu Menschen aufgenommen werden, die sich als Christen kenntlich machen, ohne dass sie ahnen, dass sie mit einem Gemeindeglied oder der Nachbarin in Beziehung treten.
Gleichzeitig ist es wichtig, dass Kirchenmitglieder in den SocMed den Mut haben, sich als Christen, als Pastorinnen oder Pastoren zu „outen“. Dadurch machen sie sich angreifbar; dadurch werden sie aber überhaupt erst als Christen ansprechbar.
Die persona hat auch eine theologische Dimension: Wer sich selbst in einer anderen Rolle zeigt und erlebt, erfährt dadurch ein Äquivalent zu dem, was Paulus als „Christus anziehen“ beschreibt und Luther als „in die Taufe kriechen“. Die Erfahrung, in den SocMed eine ganz andere sein zu können, morgen mit einem neuen Account quasi ein neuer Mensch werden zu können, bildet den Verstehenshorizont für das, was theologisch Vergebung heißt.

#8. Gemeinde als #Hashtag – den virtuellen Raum betreten, entdecken und nutzen
Der virtuelle Raum ist omnipräsent – beinahe jeder Mensch trägt ihn in Form eines Smartphones bei sich in der Tasche. Noch sind wir nicht gänzlich in die Virtualität eingetaucht, obwohl mit Google Glass z.B. an einer Verschmelzung von Realität und Virtualität gearbeitet wird. Noch ist das Internet ein Raum, den man ganz bewusst betritt – auch, wenn er nicht mehr die Exklusivität der früheren Chatrooms hat. In diesem virtuellen Raum bilden sich Kreise (Google+), Gruppen (Facebook, WhatsApp), sammeln sich Menschen unter einem #Hashtag (Twitter), um sich zu einem Thema auszutauschen oder an einer Konferenz teilzunehmen, z.B. #rp14. Über „livestream“ kann man virtuell Gast einer realen Hochzeit am anderen Ende der Welt sein (zB Twitter: #epicenterofmatrimony). Es gibt auch Versuche mit Twittergottesdiensten oder der #Twomplet, einer Komplet auf Twitter. Gemeinde im Web 2.0 ist nicht mehr an einen bestimmten Ort, an eine Parchie gebunden, sondern muss nur noch einen Hashtag vereinbaren, um sich zu treffen. Das ist neu – und für alle Beteiligten noch ungewohnt. Ob die überkommenen Formen des Gottesdienstes auch in der virtuellen Welt „funktionieren“? Möglicherweise erfordern die neuen Medien auch neue Formen. Wichtig ist, dass man die Erkundung des virtuellen Raums nicht von vornherein beschränkt und beschneidet, sondern zu Experimenten ermutigt, sie dokumentiert und bewährte Modelle und Formen weiterverbreitet. Ob so etwas wie „Gemeinde“, die über den Moment eines Anlasses hinaus besteht, im virtuellen Raum möglich ist? Möglicherweise ändert sich unser Bild von Gemeinde von einer statischen zu einer dynamischen Größe, die „ad hoc“ zusammentritt, um das Quorum von zwei oder drei Gläubigen zu bilden, unter denen Christus gegenwärtig ist. Ob es einen virtuellen Leib Christi gibt – der dann ja so etwas wie potenzierte Virtualität wäre – ist eine theologische Frage, die wir uns in nicht allzu ferner Zukunft stellen werden.

#9. Über das Wort hinaus: neue Mittel der Kommunikation
Die Kirche existiert durch das Wort, und Jesus Christus ist „das eine Wort Gottes“ (Barmen I). Noch sind es hauptsächlich Texte, die über SocMed ausgetauscht werden. Die Geschichte von Twitter zeigt aber, dass hier vieles im Umbruch ist: Ursprünglich waren es reine Textnachrichten, die über Twitter versandt wurden; dann kamen Hyperlinks dazu, dann Bilder. Inzwischen wird alles getwittert, was es im Internet gibt. Noch springt nicht sofort eine Video- oder Audiodatei an, die in einem Tweet gesendet wurde, aber das ist sicher nur eine Frage der Zeit. Unsere Möglichkeiten der Kommunikation erweitern sich. Eine Kirche als Dienerin des Wortes muss sich damit auseinandersetzen, dass das Wort Konkurrenz von anderen Medien bekommt. Oder, besser gesagt: Die Kirche als Dienerin des Wortes entdeckt neue Wege der Weitergabe ihrer Botschaft, die Menschen auf ganz andere Weise erreichen, die andere Gaben erfordern und damit Menschen zur Verkündigung befähigen, die sich bisher nicht dazu mächtig fühlten.

#10. Der Sender ist der Empfänger ist der Sender
Die SocMed kennen keine Hierarchien. Natürlich gibt es die Stars, die eine unglaubliche Zahl von Followern oder Freunden haben, deren banalste Äußerung noch von zehntausenden wahrgenommen und bejubelt wird. Und natürlich gibt es in jedem der SocMed Menschen, die sich als Experten fühlen und anderen vorschreiben wollen, wie man es „richtig“ benutzt, bzw. sie für ihr angebliches Fehlverhalten zu maßregeln suchen – aber mit nur einem Klick ist man sie los.
Inhalte werden „geteilt“ oder „geliked“, „retweetet“ oder „reblogged“. Es geht zuerst um Inhalte, nicht so sehr um den, der sie erstellt hat. U.U. heimst ein anderer die Lorbeeren für einen fremden Inhalt ein, weil er ihn weiterleitete und sein Name damit verbunden wird. Andererseits kann ein „Fav“, ein „Like“ von einer Internet-Größe einem Inhalt eine ungeahnte Leserschaft bescheren.
Das Prinzip der SocMed ist jedenfalls nicht das Recht am geistigen Eigentum, sondern der freie Warentausch. Das wiederum kommt kirchlicher Verkündigung entgegen, der es auf Viralität ankommt, nicht so sehr auf Originalität. Schon Paulus hatte nichts dagegen, dass seine Briefe abgeschrieben wurden.

#11. Die SocMed als gelebte Ökumene
Nach wie vor ist die Ökumene ein hehres, aber weit entferntes Ziel, das trotz gemeinsamer Erklärungen und ähnlich klammer Finanzen nicht näher gerückt zu sein scheint. Im Internet ist der andere Kontinent, die andere Konfession nur einen Mausklick entfernt. Nicht so sehr *wer* etwas sagt ist interessant, sondern *was* und wie originell er es sagt. So kann man Christen aus aller Herren Länder folgen, denn die Lingua franca des Internet, das Englische, beherrschen fast alle. Das Interesse an einem Thema, das Spiel mit Worten kennt keine konfessionellen Schranken. So können Vorurteile fallen, so wächst Interesse und Anteilnahme am anderen.

Fazit
Man kann noch kein Fazit ziehen; dazu sind die SocMed zu neu. Das Web 2.0 ist als neuer Kontinent aufgetaucht; ob er fruchtbares Land oder eine Wüste birgt, muss erst erkundet werden. Schon haben sich erste Entdeckerinnen aufgemacht, diesen neuen Kontinent zu erforschen.
Was Kirche tun kann: die Entdeckerinnen und Entdecker ermutigen, weiterzugehen, tiefer in diesen Kontinent vorzudringen, und sie dabei materiell, aber auch ideell zu unterstützen: durch das Interesse an dem, was in der terra incognita des Internets gefunden wurde. Manches mag hieroglyphisch, unverständlich anmuten; mit etwas Geduld lässt es sich entschlüsseln.
Die Erforschung der SocMed, das Entwickeln und Ausprobieren einer neuen Sprache, neuer Formen der Kommunikation, der Liturgie, der Verkündigung ist Arbeit. Eine Arbeit, die von allen Kirchenmitgliedern getan werden kann und sollte. Die, wenn sie von Hauptamtlichen getan wird, nicht nur Freizeitbeschäftigung sein kann. Kirche muss sich entscheiden, ob sie das Internet als einen Raum anerkennen will, in dem christliche Verkündigung, Mission und Seelsorge nötig und möglich sind. Wenn sie diese Frage bejaht, sollte das langfristig in das Arbeitsprofil ihrer Hauptamtlichen und in ihr Gemeindebild einfließen. Bis es soweit ist, sollte sie Hauptamtliche aussenden, den neuen Kontinent Internet für Kirche zu erkunden.

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