Ein Pfarrer auf Twitter!?

“Was haben Sie als Pfarrer denn auf Twitter verloren?” Diese Frage wird einem nicht nur von älteren Kollegen gestellt, die Social Media als Zeitverschwendung ansehen und die Beschäftigung damit als Versuch, sich vor der “eigentlichen” Arbeit zu drücken. Auch Netzaffine, die womöglich nur diese älteren Kollegen kennenlernten (bei allen älteren Kolleginnen und Kollegen, die im Internet unterwegs sind, möchte ich mich an dieser Stelle in aller Form entschuldigen. Sie wissen, wen ich meine) und “Kirche” deshalb für hoffnungslos antiquiert halten, geben mit ähnlichen Worten ihrem Unglauben Ausdruck, dass Pfarrerinnen derart mit der Zeit gehen sollten. Dieser “Ungläubigen” wegen im Netz aktiv zu sein und damit zu zeigen, dass Kirche moderner ist, als sie annehmen, wäre allein schon Anlass genug, sich auf Twitter anzumelden. Es gibt aber noch viele andere Gründe. Einer ist uns gleichsam ins Stammbuch geschrieben: die Mission. “Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker”, gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag (Matthäus 28,18) – was läge näher, als die Social Media als Missionsfeld zu begreifen, auf dem es Jüngerinnen und Jünger Jesu zu gewinnen gilt? Eine weitere Möglichkeit könnte sein, dass die Social Media eine „umgekehrte“ Form der Mission ermöglichen, die Apologetik, die all die vielen Halb- und Unwahrheiten über Kirche und den christlichen Glauben aus der Welt schaffen und ”den Atheisten“ beweisen will, dass Glaube und Intellekt sich nicht widersprechen oder gar ausschließen müssen. Man kann seine Teilnahme an Twitter auch als kirchliche Dienstleistung begreifen, nach dem Motto: ”Sie haben eine Frage? Wir haben die Antwort für Sie“. Schließlich (ohne dass damit die Liste möglicher Motivationen abgeschlossen wäre) könnte eine Pfarrerin mit ihrem ”Auftritt“ auf Twitter für ihren Glauben, ihre Kirche oder ihren Beruf werben wollen. Nicht, indem sie virtuelle Flugblätter verteilt oder fromme Sprüche klopft. Sondern indem sie durch ihr Mitmachen zeigt, dass sie und ihre Kirche nicht weltfremd sind, dass sie sich der Öffentlichkeit stellt und dabei keine schlechtere Figur macht als all die anderen, die im Web unterwegs sind. Durch ihren Humor, ihre Aufgeschlossenheit und Neugier räumt sie so ganz nebenbei mit Vorurteilen auf, die viele (oft zu recht) über Kirche und ihre Vertreterinnen haben. – Gerade der letztgenannte Grund scheint bei vielen meiner twitternden Kolleginnen unbewusst oder bewusst eine Rolle für ihr Engagement auf Twitter gespielt zu haben. Jedenfalls habe ich sie auf Twitter so humorvoll, aufgeschlossen und neugierig erlebt und mich über sie und ihre Tweets gefreut. Allerdings muss man einräumen, dass die meisten meiner Kolleginnen überwiegend aus beruflichen Gründen im Netz unterwegs sind: als Öffentlichkeits- oder sonstwie Social-Media-mäßig Beauftragte ihrer jeweiligen Landeskirchen. Kolleginnen, die rein privat auf Twitter sind, gibt es kaum; das wird wohl erst die nächste Generation sein, wie man an den Dienstanfängerinnen sehen kann, die sich auf Twitter tummeln. Im anglophonen Bereich (ich spreche hier von den USA, Canada, England und Schottland) ist das ganz anders. Gerade in den USA (wer hat’s erfunden?) ist Twitter viel weiter verbreitet als bei uns. Was die weltweite Twitternutzung angeht, rangiert Deutschland sowieso auf den hinteren Plätzen. Deshalb müsste man eigentlich bei der Frage, was Twitter ist bzw. sein könnte, über den nationalen Tellerrand und über den Kanal bzw. den großen Teich schauen. Jedenfalls sind die anglophonen Kolleginnen nach meiner Beobachtung viel stärker auch privat auf Twitter unterwegs und twittern nicht primär als Pfarrerinnen. Zudem findet viel kollegialer Austausch über Twitter statt. Das schönste aber, was ich erlebte, war die Hochzeit eines lutherischen Pfarrerehepaares in Texas, die live über eine Webcam übertragen wurde und an der wir via Twitter teilnehmen konnten – wie das derzeit mit der Abendandacht #twomplet täglich um 21.00 Uhr auf Twitter versucht wird (allerdings ohne Bild & Ton ;-).

Was mich persönlich betrifft: für mich spielten die o.g. Gründe keine Rolle. Ich habe mich zwar bewusst als Pfarrer “geoutet”, mich mit Klarname und Wohnort identifizierbar und für meine Tweets haftbar gemacht. Aber getwittert habe ich als Privatmensch (wenn eine solche Differenzierung bei Pfarrerinnen überhaupt möglich ist), als jemand, der twittert und dabei “zufällig” nicht Klempner, Kassierer, Krankenpfleger oder Kaufmann ist, sondern eben Pastor, hier aber als (Mit-)Mensch wahrgenommen werden will. Da ich mein Pfarrersein nicht leugnete, habe ich mich nicht verweigert, wenn ich als Pfarrer angesprochen wurde. So entwickelte sich einmal ein sehr persönliches Gespräch auf Twitter, das wir abbrachen, als immer mehr “offen” mitlasen und es kommentierten. Seelsorge und Twitter gehen nicht zusammen, weil Seelsorge die Vertraulichkeit braucht, die Twitter nicht bieten kann. Trotzdem kann man mit einem Tweet auf die Stimmungslage, die jemand auf Twitter zum Ausdruck bringt, einfühlsam reagieren. Gerade die amerikanischen Kollegen tun das untereinander ganz selbstverständlich, meist wird um “prayers” gebeten, oder sie werden zugesagt. Ich habe meine Timeline (TL) auch als Seelsorger gelesen – Berufskrankheit, ich kann nicht anders.
Obwohl ich mich als Pastor, als eine ganz bestimmte Person, “geoutet” hatte, reizte mich auf Twitter besonders das Spiel mit Rollen und Masken. Ob @zarenfrau oder @vergraemer, man kann sich nie sicher sein, dass hinter dem Avatar und hinter den Tweets der Mensch steckt, den man vor sich zu haben meint. Bei einigen “Rollen” auf Twitter ist es relativ eindeutig; letztlich haftet diese Unsicherheit aber jeder Userin an (sofern man sich nicht aus dem RL kennt). Ich empfinde diese Unsicherheit als ein großes Stück Freiheit. Es hat mich daher nie gereizt, Twitterer persönlich kennen zu lernen – von einigen wenigen, die mir auf Twitter zu Freundinnen geworden sind, einmal abgesehen. Im Gegenteil: das schillernde Spiel der Avatare ist eine Freiheit, die es unbedingt zu verteidigen (und auszuhalten) gilt! Es ist die Ursache für die Komplexität der Tweets, ihre Vielschichtigkeit, die Twitter so spannend macht. Ich finde @stporombkas Charakterisierung von Twitter als “nächste Literatur” sehr treffend – James Joyce hätte seine Freude an Twitter gehabt!

Was mich aber am meisten an Twitter (wie an den anderen Social Media) reizt, ist das, was @ballkultur als “kooperative Webgesellschaft” beschreibt und über die er an der TU Braunschweig lehrt. Die nächste Gesellschaft beginnt hier, und ich schreibe daran mit – “Ins-Internet-Schreiben als Bürgerpflicht” (Gerald Fricke).

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