Twitter – Ein Aufgesang

Twitter gibt es schon eine ganze Weile. Ich hörte zuerst durch einen Artikel in der c’t davon. Es schien mir nur etwas für Insider zu sein, nichts für Neugierige wie mich. Doch Twitter verbreiterte seine Basis sehr schnell; die Schwelle zum Mitmachen wurde schließlich so niedrig, dass ich mich auch traute, mich anzumelden. Vom ersten Tag auf Twitter begleitete mich die Frage, was Twitter eigentlich ist, wozu es gut ist. Nicht so sehr, weil ich sie mir selbst gestellt hätte – ich vertraute darauf, dass sich im Verlauf meines Twitterlebens schon zeigen würde, was es ist -, sondern weil diese Frage in meiner Timeline (TL) in Variationen auftauchte: als immer wieder probierter Vergleich (Twitter ist wie …) oder als der Versuch, Ge- oder Verbote aufzustellen. Gerade die “Elite-Twitterer” blickten verächtlich auf jene herab, die die (genauer: ihre) Twitterregeln nicht kannten und befolgten. Auch aus Reaktionen auf meine Tweets lernte ich, was “man” auf Twitter darf und was nicht – und dadurch indirekt ja auch, was Twitter ist bzw. nicht ist (oder sein soll). Z.B. wird es durchaus nicht goutiert, wenn sich ein “Jungtwitterer” über Mentions in das Gespräch anderer einklinkt (weil er seinen Senf dazugeben will oder es ihn interessiert), obwohl die Unterhaltung öffentlich stattfindet. Da ist Twitter wie ein Schulhof: Auch wenn man hören kann, was in einer Clique erzählt wird, darf man noch lange nicht mitreden. Erst einmal muss man dazugehören.

Die wieder und wieder angestellten Vergleiche wie der mit dem Schulhof zeigen: Es ist noch nicht erschienen, was Twitter “ist”. Vielleicht bleibt es immer unbestimmt. Ich sehe es als eine Stärke von Twitter an, dass es sich bisher Regeln, einer Definition und einer eindimensionalen Nutzung verweigerte. Auf diese Weise bleibt es spannend und lädt dazu ein, seine Entwicklung mit zu gestalten. Twitter ist, um noch einmal einen Vergleich zu bemühen, wie ein Werkzeug, von dem man noch gar nicht so genau weiß, wozu man es benutzen kann. Im Moment schlagen wir damit Nägel ein, aber vielleicht entdecken wir eines Tages, dass es für viel filigranere Arbeiten taugt.

Nichtsdestowenigertrotz darf und muss die Frage, was Twitter ist und wozu es dient, immer wieder gestellt und beantwortet werden, weil jede Userin (und bald auch jede Generation von Userinnen) es auf ihre spezifische Weise nutzt. Denn: Je kleiner die Schnittmenge zwischen dem unterschiedlichen Gebrauch und Verständnis von Twitter, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass man einander folgt. Anders herum: Leute, denen ich folgen kann bzw. die mir folgen werden finde ich am ehesten unter denen, die mein Bild von dem, was Twitter ist oder sein sollte, teilen. Vielleicht erklärt sich daraus auch, dass die Versuche, Twitter zu beschreiben oder mit etwas zu vergleichen, nicht abreißen.

Natürlich spielen für’s Folgen noch ganz andere Kriterien eine Rolle: das Interesse an einem Thema, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (oder das dazugehören-Wollen) wie z.B. zu den schon genannten “Elite-Twitterern”, Bekanntschaften aus dem RL, die sich auf Twitter wiederbegegnen, oder ein besonders gelungener Tweet. Aber wenn man nicht zur selben Zeit auf Twitter ist, wenn man nicht direkt aufeinander reagieren kann, verliert man sich irgendwann aus den Augen. Nicht nur die Gleichzeitigkeit ist für’s einander Folgen von Bedeutung, auch die Bereitschaft, geworfene Bälle aufzufangen und zurückzuspielen, auf Anfragen zu reagieren, Links zu folgen und ggf. zu kommentieren, kurz: sich auf Interaktionen, auf einen Dialog einzulassen – oder eben nicht. Es gibt Twitterer, die absolute Enthaltsamkeit predigen oder die es aufgrund ihrer Followerzahl nicht nötig haben, zu antworten. Alle anderen pendeln sich irgendwo zwischen einer Minimalinteraktion von Favs und Retweets (RT) und “echten” Dialogen ein. Meistens wird die Bereitschaft zur Interaktion dabei noch einmal zwischen verschiedenen “Klassen” von Twitterern differenziert.

Wenn man sich die Frage stellt, was Twitter ist oder soll, ist man nicht mehr allein auf eigene Beobachtungen angewiesen. Gerade in jüngster Zeit haben einiger Twitterer Reflexionen über das Phänomen “Twitter” angestellt.
@neurosophie zitiert in seinem Blogpost http://neurosophie.wordpress.com/2013/10/12/kleine-phanomenologie-des-tweets-und-der-welt/ Hegel: “Es ist übrigens nicht schwer zu sehen, dass unsere Zeit eine Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen. …. Der sich bildende Geist reift langsam und stille der neuen Gestalt entgegen.” Twitter ist Monitor dieses Umbruchs, der sich in Attitüden zeigt, die von Eliten in Codes umgewandelt werden. Diese Codes wiederum verarbeitet Twitter zu Überzeugungen. Mit anderen (eigenen) Worten: Mit der neuen Technik und dem “Web 2.0” erleben wir einen gesellschaftlichen Umbruch ähnlich dem, den Hegel seinerzeit beschrieb. Twitter ist das Medium, das diesen Umbruch in Echtzeit begleitet. Diejenigen, die sich den Veränderungen aussetzen und auf der Welle des Neuen surfen, die “Eliten”, schaffen, indem sie darüber twittern, “Codes” – Metaphern -, die von Twitter aufgenommen und verdaut werden. Manches geht unter und verschwindet, anderes differenziert sich weiter aus und verfestigt sich zu einer Überzeugung.
@Fritz schreibt dazu im Kommentar: “Kann gut sein, dass sich hier die Massen selbst darüber vergewissern, wovon sie überzeugt sind. Zudem entstehen Positionen, die von anderen als trendstark wahrgenommen werden. (…)
‘Twitter ist ein Monitor der Veränderung’ – ja vermutlich, für den, der den Monitor zu sehen versteht (‘There is ecstasy in paying attention’). Die Veränderung ist meiner Meinung nach namenlos, aber wird zunehmend fühlbar. Twitter propagandiert oder emuliert allein durch sein Funktionsdesign eine Form von klassenloser Gesellschaft, einer Gesellschaft, wo innerhalb dieser ‘Massenkommunikation’ (hat hier ganz andere Bedeutung als früher) allein zählt, was einer gerade sagt.”

In einem zweiten Blogpost visualisiert @neurosophie das neuronale Netz oder die Landschaft, die sich aus seinen 100 am meisten auf Twitter verwendeten Begriffen ergibt: http://neurosophie.wordpress.com/2014/01/09/twitter-und-die-landschaft-des-denkens/. Dabei zeigt sich nicht nur seine inhaltliche Nähe zu bestimmten Twitterern, auch Themenfelder erscheinen, die sich aus der Interaktion des Autors mit anderen Twitterern “ergeben”. Diese Themenfelder sind durch die Interessen und das Wissen des Autors zunächst begrenzt, aber durch Interaktionen, durch Reaktion auf Fragen, Ideen, Anregungen Anderer weiten sie sich aus, bis man schließlich den Eindruck gewinnen kann, Twitter “denke sich” selbst.

@stporombka beschreitet einen anderen Weg: er beschreibt (als Germanist, der er ist) Twitter als “nächste Literatur”: http://www.stephanporombka.de/die-naechste-literatur-anmerkungen-zum-twittern/ und begründet seine These: “Was getwittert wird, ist nächste Literatur, weil hier lesend und schreibend mit Geräten experimentiert wird, die zu den Leitmedien der Gegenwart geworden sind. Die sind auf eigenartige Weise auf das ‘Nächste’ verpflichtet. Sie sind die Treibsätze einer Kultur, die sich immer mehr für das nächste große Ding interessiert, die Vergangenheit entwertet und dabei vor der Gegenwart nicht Halt macht. (…) Mit all dem verhält sich Twitter zum Buch wie die Performance zum Ölbild. Während die gedruckte Literatur und all ihre Institutionen darauf aus sind, Bleibendes zu schaffen, gibt sich das geschriebene Wort bei Twitter der fortlaufenden Bewegung hin. Hier gilt nicht: Wer schreibt, der bleibt. Bei Twitter gilt: Wer schreibt, der verschwindet, um das Nächste vorzubereiten. Schreibend schafft man Treibstoff, der verbraucht wird. Niemand twittert mit Substanz. Aber alle twittern stimulierende Substanzen.” – Tweets, so verstehe ich diese Sätze, sind flüchtig, geradezu auf’s Verschwinden, auf den nächsten Tweet angelegt. Dem kontrastiert der Versuch, einen “Zettelkasten” von Tweets anzulegen, die inspirierend sind, etwas auf den Punkt bringen oder an etwas erinnern wie an den Fallrückzieher Bernd Schusters, einen Werbespruch aus der Kindheit, ein Buch, das man lesen sollte oder wollte. Solche Tweets enthalten meist einen Link auf eine Quelle, was sie (für mich) wertvoll macht. Die Idee dazu, Tweets als solche Zettel (ich halte für einen Moment inne und gedenke an Arno Schmidt’s 100.) zu benutzen, habe ich von @sms2sms. Auf http://dissent.is hat er einen ziemlich ausgefuchsten Zettelkasten mit (überwiegend eigenen) Tweets angelegt. @r33ntry scheint ihm darin mit seinem Blog http://www.sinnsysteme.de zu folgen, und auch @autopoiet beschäftigt sich auf seinem Blog http://sebastian-ploenges.com/blog/tag/zettelkasten/ mit dem Thema. Ich selbst habe die Zettelkastelei nicht so sophisticated betrieben; mir genügt das Faven; dadurch waren alle interessanten Tweets in einer Liste gespeichert, und ich konnte (wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen!) wiederfinden, was ich irgendwie in Erinnerung behalten hatte.

@stporombka dagegen bezeichnet solche “Zettelkasten-Tweets” als “verbrannte” Tweets: “Noch häufiger enthalten die Tweets Links auf Beiträge im Netz. Weil nicht viel in 140 Zeichen passt, wird man zum Weiterlesen nach draußen geschickt. Damit verbrennen die Tweets. Sie geben ihre Energie ab. Sie sind nur dazu da, um auf etwas anderes zu verweisen. Die blau gefärbte Verknüpfung weist darauf hin: Sie bleiben nicht. Sie wollen mit etwas Nächstem verknüpfen. Klick. Und weg.” – Mir ist nicht klar, ob er damit die Links als “verbrennen” von Tweets tadeln will oder vielmehr gerade darin Tweets zu ihrem Ziel kommen sieht, wie @sms2sms, der mit geradezu missionarischem Eifer behauptet, gerade in Links und Hashtags komme ein Tweet zu seinem Ziel: http://dissent.is/2013/11/25/was-ist-ein-guter-eintrag-in-einen-zettelkasten-was-ein-guter-tweet/.

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5 Kommentare
  1. langsamer. du notierst – ganz am ende – „wie @sms2sms, der mit geradezu missionarischem Eifer behauptet, gerade in Links und Hashtags komme ein Tweet zu seinem Ziel“

    das will ich so nicht stehen lassen.

    (1)
    in jenem text http://www.medienheft.ch/index.php?id=14&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=648&cHash=8f21510d5a44473e4a1c905c714c9225 – ausführlicher und langsamer in: „die form der unruhe“, band 2, junius verlag – geht es uns nicht darum, dass ein tweet zu seinem ziel findet. (oder irgend sowas)

    wir beschäftigen uns (auch dort) mit der beobachtung einer möglicherweise grösseren „umstellung von kommunikation“. einer umstellung vom „buchdruck zum computer“… eine voraussetzungsreiche forumulierung. vergl. dazu die arbeiten von dirk baecker etc. etc.

    wir haben in dem text versucht anhand des beispiels #twitter diese umstellung leichter zu erahnen! (bildlich werden zu lassen! es sich leichter vorzustellen. o.ä) und wir reden dann von einer „konstellatorischen kommunikation“: http://dfdu.org mit ganz unterschiedlichen ausdrucks- und experimentierformen: falls du auch aby warburg spannend findest: http://youtu.be/kwy8pflAAHo etc. etc. es wäre ebenfalls leicht, hinweise zu machen auf arbeiten von sparrer/von kibed, systemische strukturaufstellungen etc. etc.

    (2)
    und dann noch das missionarische… ähm… weisst du: ja. es tut weh einer technologie zu begegnen, welche die kraft hätte, verkrustete strukturen zu unterlaufen. (zb cluetrain manifest: hyperlinks unterlaufen hierarchien 😉 und dann zugucken müssen, wie das ganze teil zermalmt wird… das kann einem vielleicht dann doch etwas… jaja… ich versteh schon… darum beziehe ich mich gerne auf die sog. „radio theorie“ von bert brecht. immerhin: seit elektrizität in sprache, schrift, buchdruck, in unsere kommunikation gefahren ist – wie der blitz! – seit dieser zeit müssen wir technisch richtig heftig aktiv werden, dass kein rückkanal zuwege kommt. oder näher an brecht: da ein #kommunikationsapparat auf einen #distributionsapparat“ reduziert… aber jetzt wiederhole ich mich. das hast du ja oben alles in diesem textchen „warum twitter ein sicherer ort ist“ aus dem jahre 2010. (ich glaubz, dass ich heute ein anderer titel vorschlagen würde. abernu 😉 aber ich finds natürlich blöd, missionarisch rüber zu kommen. rebellisch wäre mir lieber gewesen. abernu ;-)))

    zum schluss:

    finde deinen text „schön“. (okhe: das ist kein akademisches lob.) aber deiner zusammenstellung ist neugier spürbar. und das finde ich wunderschön.

    /sms 😉

    ahja: wie gefällt dir mein aktuellster missionarischer ruf?

    „ENTFOLGT EUCH!“

  2. Leserlars sagte:

    Hallo, deinen – oder ihren Text, die Reflexion über Twitter fand ich gut. Da steckten viele Gedanken darin, die ich selbst vielleicht dumpf geahnt habe und es ist dann immer gut, sie einmal schön formuliert zu finden, es war interessant und angenehm gedankenreizend. In einem Tweet habe ich aufgeschnappt, das „Briefe schreiben die einzige Möglichkeit ist Einsamkeit und Gesellschaft zu verbinden.“ – Das wurde vor dem Internet gesagt – nun eignet sich Twitter dafür, man kann einer Art Publikum etwas vortragen, auch den bunten Zwitscherstimmen lauschen, etwas aufschnappen, Leute finden, die einfach angenehm Twittern, ihnen ein Stück folgen; etwas schönes, lustiges, buntes, kreatives, poetisches mit auf den Weg bekommen, Twitter als Inspirationsquellchen nutzen, oder als Gesellschaftsersatz – man kann vieles damit machen und am Ende ist es vielleicht das, was die Einzelnen daraus machen, manche für sich, manche in der Elitestruktur – das Vokabular in dem Text hat mir auch gefallen – man kann zeigen, was man mag, wie man denkt, wie man ist, oder sein könnte – manchmal geht es nur darum favorisiert zu werden, viele Folger zu haben, Retweets, Einfluss auf’s Zwitschergeschehen zu haben, Protektion und Promotion zu finden um dann selbst mehr mögliche momentane Leser zu finden – es ist ja auch angenehmer, wenn Tweets etwas Resonanz finden, für manches ist man dankbar, was man so liest, manchmal nervt es, das es schon weitgehend ein festes Gefügchen ist, in das man etwas sschwer hineinkommt, aber die Leute, machen halt, was sie machen – naja, Twitter ist Twitter – vielleicht gemischtes Miniaturblogen – Austauschmedium – vieles eben – oder was man daraus macht – also gut, schön, dass ich zum Beispiel dieses Textchen gefunden habe – eine interessante Reflexion, eine interessante Perspektive, ich bin froh ihn gelesen zu haben und nun noch einen lieben Gruß, ihr Leserlars.

  3. Sehr schöner Text, danke…! Aber eine kleine Korrektur: Bernd Schusters Fallrückzieher? Nein, nein, es kann nur einen geben: Klaus Fischers Fallrückzieher. Am liebsten den gegen Frankreich 1982, oder?

    • Womit zu beweisen war, dass ich von Fußball keine Ahnung habe … Danke für die Korrektur!

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