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Archiv für den Monat November 2013

Mechthild Werner hat ein „Blogstöckchen“ geworfen. Da ich zum ersten Mal seit 15 Jahren im Advent Zeit habe, will ich ihr gern auf ihre drei Freitagsfragen antworten:

1. Dein schönstes Kindergebet, der schlimmste Vers im Glaubensbekenntnis?

Ich stamme nicht aus einer Pfarrersfamilie, sondern vom Bauernhof. Ich bin der erste in unserer Familie (sowohl auf Mutters wie auf Vaters Seite), der diesen Beruf ergriffen hat, und der zweite „Akademiker“ überhaupt (der erste war mein Ur-urgroßonkel, der aber sein Studium der Medizin in Magedburg nicht beendete und leider ein schlimmes Ende nahm). Die Frömmigkeit bei uns zuhause beschränkte sich darauf, dass meine Großmutter jedesmal, wenn jemand „Oh Gott!“ oder „mein Gott!“ sagte, das 2. Gebot zitierte: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht“ (und zwar komplett, weshalb ich im Konfirmandenunterricht mit dem Auswendiglernen des 2. Gebotes kein Problem hatte. Mit den anderen schon, d.h. mit Luthers Erklärungen im Kleinen Katechismus). Außerdem pflegte sie zu sagen: „Wo keine Bibel ist im Haus, ach, da sieht es grausig aus.“ Wir hatten folglich eine Bibel in der „Guten Stube“ stehen, in der ich neugierig die Genesis in Fraktur entzifferte, bis ich zu den Geschlechtsregistern kam; die verwirrten mich. In den Gottesdienst gingen wir einmal im Jahr, am Heiligen Abend. Mein Vater nahm aber, meistens in einer seiner Funktionen als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr oder der Jägerschaft, an den Beerdigungen im Dorf teil. Außerdem schickte mich meine Großmutter in den Kindergottesdienst, den unser Kantor sonntags nach dem Gottesdienst allein bestritt. Er war früher der Volksschullehrer meines Vaters gewesen und hatte ihn damals noch geschlagen. Zu uns war er sehr freundlich und nett, unterhielt uns mit erbaulichen Geschichten und seinem Jogging zwischen Alter und Orgel, die in unserer Kirche (der ehemaligen Schule, an der der Kantor früher unterrichtet hatte) im hinteren Teil stand. Am Ausgang bekamen wir bunte Zettel mit, die auf Hochglanzpapier gedruckt waren. Obwohl unsere Familie also die für das Braunschweigische typische Frömmigkeit aufwies („gut, dass es die Kirche gibt, so lange ich nicht hingehen muss“), hat meine Mutter mit mir gefühlt jeden Abend am Bett gebetet: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Hab’ ich Unrecht heut’ getan, sieh es, lieber Gott, nicht an. Deine Gnad’ und Jesu Blut machen allen Schaden gut. Alle, die mir sind verwandt, Herr, lass ruh’n in deiner Hand. Alle Menschen, groß und klein, sollen dir befohlen sein.“ Dieses Gebet habe ich tief in mich aufgenommen, es „betet sich“ manchmal von ganz allein in mir. Anschließend sang meine Mutter das Abendlied aus Humperdincks „Hänsel und Gretel“: „Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein (= Nelken) besteckt, schlupf unter die Deck’, morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“ Dieses „morgen früh, wenn Gott will“ hat mir immer Angst gemacht: was, wenn Gott nicht will? Ich erinnere mich, dass ich als Kind oft wach gelegen und Todesängste ausgestanden habe.

Mit dem Glaubensbekenntnis hatte ich eigentlich keine Schwierigkeiten. Als Jugendlicher konnte ich mit dem Satz „geboren von der Jungfrau Maria“ nichts anfangen. Wir hatten in der Ev. Jugend eine sehr engagierte Feministin, die mich lehrte, auf die Sprache zu achten; ich nehme an, sie hat mich für die „Jungfrau“ sensibilisiert. Ich habe eine ganze zeitlang, auch noch als Student, geschwiegen, wenn dieser Satz im Glaubensbekenntnis dran war. Später hat mir Karl Barth in seinem Credo einen Zugang zur Jungfrauengeburt eröffnet, durch den ich das Glaubensbekenntnis wieder komplett mitsprechen konnte.

2. Was würdest Du als Päpstin oder Kirchenpräsident als erstes tun?

Als erstes würde ich – zuhören. Und auch als zweites und als drittes. Ich würde eine ganze Weile zuhören, bis ich mit eigenen Ideen kommen würde. Aber Dich interessieren ja die Ideen … Ich würde einen sehr radikalen Vorschlag machen: Sofort alle Theologiestudierenden auffordern, einen Beruf zu erlernen und es, falls die Rücklagen der Kirche es ermöglichen, allen Pfarrerinnen nahelegen und dann peu a peu auf das anglikanische Modell umstellen: Pfarrerin im Nebenberuf. Ich denke, die Ortskirche steht und fällt mit der Präsenz einer Pfarrerin vor Ort – was die Kolleginnen auf dem Land, aber auch in der Stadt, mittlerweile an Gemeinden bzw. Gemeindegliedern „versorgen“ müssen, führt langfristig zu einem Zerfall der Kirche. Weil ein persönlicher Kontakt mit der Pfarrerin nicht mehr erfolgen kann (außer zu Amtshandlungen), und weil (auf dem Land) nicht mehr in jedem Ort zuverlässig Gottesdienst gefeiert, Konfirmandenunterricht angeboten werden kann. Es sollte möglichst in jedem Dorf eine Pfarrerin sein, bzw. die Seelsorgeeinheiten in der Stadt sollten eine Größe haben, in der persönliche Kontakte über den kirchlichen Service hinaus noch möglich sind. Aber für das Geld, was eine Pfarrerin nun einmal kostet – und was sie auch verdient! -, kann sich eine Gemeinde nun mal keine Pfarrerin leisten. Deshalb führt m.E. an einer Änderung in der Bezahlung von Pfarrerinnen kein Weg vorbei. Am Ende steht vielleicht ein Modell, in dem eine Pfarrerin im Alltag ihrem Beruf nachgeht, und nach Feierabend und am Wochenende für ihre – entsprechend kleine – Gemeinde da ist.

3. Sollte sich die Kirche in der Tat mehr „Beulen“ holen?

Ich freue mich sehr über „Evangelii Gaudium“ und habe mir viele Sätze des Franziskus angestrichen. Ich denke, dass wir auch in der Ev. Kirche dieses Apostolische Schreiben zur Kenntnis nehmen und über sein Anliegen sprechen sollten. Wenn ich mir seine – m.E. richtige und biblische – Forderung, dass Gemeinden nicht um sich selbst und die „eigenen Leute“ kreisen, sondern sich zu den Menschen am Rand der Gesellschaft aufmachen sollen, auf der Zunge zergehen lasse, wird mir aber ganz schön mulmig. Ich fürchte, nur sehr wenige Gemeinden lassen sich dafür begeistern. Deshalb denke ich, ja, die Kirche muss sich auf diesem Gebiet unbedingt jede Menge Beulen holen! Sie hat ja noch nicht einmal angefangen, sich überhaupt die Finger schmutzig zu machen, sondern hat das an ihre sozialen Einrichtungen, Diakonie und Caritas, und damit an hauptamtliche Helfer, ausgegliedert. Bis es für jede Christin selbstverständlich wird, ihren Glauben nicht nur als eine Einstellung zu betrachten, sondern als eine Haltung, die auch Konsequenzen für das Handeln und das Alltagsleben hat – bis sich also Christinnen persönlich um Menschen kümmern, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind, ist es noch ein sehr langer, mühsamer und bestimmt auch schmerzhafter Weg. Die Frage stellt sich, ob, wie Franziskus optimistisch vermutet, die Menschen am Rand der Gesellschaft überhaupt noch auf die Kirche warten bzw. überhaupt noch etwas von der Kirche erwarten. Vielleicht ist das in Sao Paulo so – bei uns ist der Kontakt zu den „Armen“ längst abgerissen. Kirche spielt sich in der von den etablierten Parteien so intensiv umworbenen gesellschaftlichen „Mitte“ ab. Wenn ich ehrlich sein will, muss ich mich fragen: will ich überhaupt mit anderen Menschen als denen, die ich in der Gemeinde antreffe, zu tun haben? Wird die „innere“ Gemeinde je bereit sein, sich den „Fremden“ zu öffnen, auf ihre Codes, ihre „Nestwärme“, ihre reservierten Plätze in der Kirche und am Kaffeetisch des Altenkreises verzichten? Der Aufbruch zu den „Armen“ bedeutet, auf Privilegien zu verzichten und seinen Stil radikal zu ändern – wollen wir das?

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