Religiöse Fitness

Unser Glaubensleben findet überwiegend im Inneren unserer Hirnkästen und Herzen statt. Nur selten gewinnt es leibliche Gestalt – in den kurzen Momenten sakramentaler Handlungen wie Taufe und Abendmahl bei den Protestantinnen, während Katholikinnen mit ihren sieben Sakramenten hier klar die Nase vorn haben. Wie sie auch sonst viel „körperbetonter“ glauben (wenn ich das mal so formulieren darf) (ich denke an Prozessionen, Rosenkranz, Reliquienverehrung, Wallfahrten) als ihre protestantischen Geschwister. Kein Wunder, dass manche Protestantin ihr Glaubensleben als defizitär ansieht und sich fragt, wie ihr Glaube spürbar, erfahrbar werden könnte.

Gerade evangelische Pfarrerinnen scheinen hier besonders versuchlich zu sein. Als professionell Glaubende erleben sie in ihrem Berufsalltag nur selten Momente, in denen der Glaube tatsächlich die Hauptsache ist. Die obligatorische Andacht, die sie zu Beginn vieler Sitzungen halten müssen, wird „abgefeiert“, weil die Tagesordnung drängt. Bei Amtshandlungen stellt sich oft die Frage, wie ernst die Teilnehmenden die Sache nehmen. Wer den Gottesdienst leitet, kann sich nicht in die Liturgie versenken, sondern muss den Ablauf im Auge, die Gemeinde im Blick behalten. Im Berufsalltag bleibt das Bedürfnis nach „Spiritualität“ oft ungestillt. Und weil im täglichen Einerlei so selten Raum dafür ist, sieht man sich nach spirituellen Angeboten um, nach Formen und Übungen – so, wie man z.B. auch seine Fitnessübungen absolviert.

Wenn ich über Religiöse Fitness nachdenke, fällt mir als erstes die Meditation ein. Sie hat mich fasziniert, seit ich mich ernsthaft dem Glauben zuwandte – sei es das orthodoxe Herzensgebet, die Koan-Meditation des Zen-Buddhismus, der Rosenkranz oder das monastische Stundengebet. Zugleich spürte ich aber auch eine Hemmung, es tatsächlich zu versuchen; über erste Schritte kam ich nie hinaus. Zunächst habe ich die Schuld, gut protestantisch, bei mir gesucht, in Angst vor Entgrenzungserfahrungen, vor Extase, vor dem, was passiert, wenn man sich zu intensiv mit dem lebendigen Gott einlässt. Aber wenn ich mich so umschaue, scheinen viele Protestantinnen ihre Schwierigkeiten mit der Vorstellung zu haben, den Glauben anders als geistig zu leben. Paradebeispiel für die „Leibfeindlichkeit“ des Protestantismus sind wohl die Pietistinnen, die in dem Film „Babettes Fest“ so treffend und zugleich liebevoll karikiert werden.

Das bedeutet aber nicht, dass protestantisches Glaubensleben defizitär wäre. Antje Schrupp hat jüngst in einem Beitrag auf „Evangelisches Frankfurt“ den Drang nach Spiritualität unter dem Titel „Religion geht auch ohne Spiritualität“ sehr pointiert kritisiert. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen: Auch Protestantinnen können Mystikerinnen sein – oder, anders gesprochen: Mystik funktioniert auch ohne Übungen der Versenkung oder Ekstase als eine Haltung, die das Alltagsleben bestimmt.
Das Phänomen der speziellen evangelischen Mystik, wie ich sie nennen möchte, hat mich neben Adolf Holls „Mystik für Anfänger“ ein Roman verstehen gelehrt, „Franny and Zooey“ von Jerome D. Salinger.
(Ich möchte dieses Buch, obwohl es bereits 1955 veröffentlicht wurde, wärmstens zur Lektüre empfehlen und hoffe, dass ich damit einen kleinen Beitrag zu einer fälligen Salinger-Renaissance leisten kann.)

Was mich an „Franny und Zooey“ (so der deutsche Titel) gerade als Pfarrer fasziniert, ist – neben seiner Verwendung der damaligen Umgangssprache nebst Kraftausdrücken in einem Roman, seiner liebevollen, fast bewundernden Zeichnung seiner Figuren und seinem Humor – vor allem, dass es Salinger gelungen ist, ein theologisches Thema im Gewand eines Romans abzuhandeln. Ohne dass man es als aufdringlich oder gar missionarisch empfindet, obwohl Salinger im Motto seines Buches einen durchaus missionarischen Eindruck erweckt:
„Möglichst im selben Geist wie Matthew Salinger, der, ein Jahr alt, einen Tischgenossen drängte, eine kalte Limabohne von ihm anzunehmen, dränge ich meinen Lektor [und damit auch die Leserin, G.S.] (…), dieses recht dürftig wirkende Buch anzunehmen.“
(J. D. Salinger, Franny und Zooey, Hamburg (Rowohlt) 2003, S.6)

Tatsächlich entfaltet Zooey, eine der beiden Hauptfiguren des Romans, einen geradezu missionarischen Eifer um die „richtige“ Spiritualität (oder Frömmigkeit). Schon im „Fänger im Roggen“ (den ich im Übrigen auch für ein sehr religiöses Buch halte) regt sich dessen Held Holden über die Verlogenheit und Doppelmoral seiner Mitmenschen auf; sein Lieblingswort ist phony. Ich finde, der Begriff phony ist treffend mit Martin Luthers „homo incurvatus in seipsum“, dem in sich selbst verkrümmten Menschen, umschrieben.

Auch Franny, die andere Hauptfigur in „Franny und Zooey“, ereifert sich über die Verlogenheit ihrer universitären und gesellschaftlichen Umwelt und sucht Zuflucht in der Meditation des Herzensgebetes, mit dem sich Salinger offenbar sehr intensiv beschäftigt hat. Zooey beschreibt seiner Mutter gegenüber, die sich Sorgen um ihre Tochter macht, was sie da gerade tut:
„Es wird angenommen, dass du, wenn du den Namen lang genug und regelmäßig genug aussprichst und buchstäblich aus dem Herzen heraus, früher oder später Antwort bekommst. Nicht einfach nur eine Antwort, sondern eine Offenbarung.“ (S. 90)

Aber Zooey kritisiert seine Schwester – nicht dafür, dass sie das Gebet spricht. „Von mir aus kannst du für den Rest deines Lebens da auf der Couch liegen und die Präambel der Verfassung zitieren“ (S. 124). Er kritisiert ihre Beweggründe und unterstellt ihr, dass sie sich nicht der Wirklichkeit stellt. Dazu gehört auch, Jesus so zu sehen, wie er ist, und nicht zu versuchen, „aus Jesus einen Franz von Assisi zu machen, damit er ‚liebenswerter‘ wird – was genau das ist, was achtundneunzig Prozent der Christen immer wieder beharrlich versucht haben“ (S. 130). „Wenn du schon das Herzensgebet sprichst, sprich es wenigstens zu Jesus und nicht zum heiligen Franziskus, Seymour und Heidis Großvater, die du dir zu einem Bündel zusammengeschnürt hast. Denk an ihn, wenn du es sagst, an ihn allein, an ihn, wie er wirklich war, und nicht wie du gern hättest, dass er gewesen wäre“ (S. 132).

Welches Recht hat Zooey, so in Franny zu dringen und darauf zu insistieren, dass sie Jesus sieht, wie er wirklich ist? Warum soll man sich klar machen, aus welchen Motiven und zu welchem Ziel man sich spirituellen Übungen unterwirft, was man damit erreichen möchte? Schließlich leben wir in einem freien Land, in der jede machen kann, was sie will.
Die intellektuelle Redlichkeit verlangt es. Wir können nicht so tun, als hätte Eva nie vom Baum der Erkenntnis gegessen. Eva hat uns damit die Fähigkeit geschenkt, zu denken, zu hinterfragen, zu verstehen.

Bei den Zisterziensern gibt es zwei Gruppen: die Chormönche, die das Stundengebet verrichten, und die Laienbrüder, Konversen genannt, die überwiegend Handarbeit verrichten und vom Stundengebet befreit sind. Statt dessen beten sie, oft „ohne Unterlass“, wie es das Herzensgebet vorsieht, einfache Gebete wie das Ave Maria oder das Vaterunser. „Die Konversbrüder galten bei uns als die ‚kontemplativeren‘ Mitglieder der Klostergemeinschaft als die Chormönche“, schreibt Bernardin Schellenberger (Die Stille atmen. Leben als Zisterzienser, Stuttgart, 2005, S. 21). „Sie zogen den ausgiebigen liturgischen Feiern eine schlichte Form des Betens vor; vielen gelang es, Arbeit und Gebet auf überzeugende Weise zur Einheit zu verschmelzen. Ihr Tagesablauf war nicht derart zerhackt wie derjenige der Chormönche, die in kurzen Abständen von der Glocke zu den Stundengebeten gerufen wurden.“ (ebd.)
Bernardin Schellenberger beneidet die Konversen um ihr kontemplatives Leben, das ihm verwehrt bleibt, weil er seinen Glauben zu reflektieren gelernt hat und nicht mehr dahinter zurück kann.
Vielleicht muss man als Intellektuelle bedauern und betrauern, dass man seine geistige „Unschuld“ und seine Naivität verloren hat. Aber man wird nicht mehr dahinter zurück wollen. „Mein Instinkt sagt mir, dass mein Kopf ein Organ zum Bohren ist, wie es bei manchen Tieren Schnauze und Vorderpfoten sind“, schreibt Henry David Thoreau (Walden oder Leben in den Wäldern, Zürich 1979, S. 105). Gott hat uns unser Gehirn geschenkt, damit wir es benutzen; damit wir bohrende Fragen stellen und den Dingen auf den Grund gehen.

Was kommt dabei heraus, wenn man seinen Kopf anstrengt und sich selbst „anbohrt“ nach Gründen, sich in religiöser Fitness zu üben? Wenn ich mich selbst befrage, entdecke ich in mir den Wunsch, mich von anderen zu unterscheiden. Ein religiöser „Leistungssportler“ zu sein, nicht nur ein Sonntagsjogger. In Gegenden vorzustoßen, in die nur Wenige gelangt sind, vielleicht sogar bis in den dritten Himmel oder ins Paradies (2.Korinther 12,2-4). Satori zu erlangen, die Erleuchtung, die alle Fragen, alles Leiden, ja, das Sein selbst transzendiert.
Dahinter steht, gestehe ich mir ein, der Wunsch, den Glauben sicherer, handgreiflicher zu „haben“ als bisher. Der Wunsch, selbst etwas dazu beitragen zu können und ihn mir nicht jeden Tag von Gott schenken lassen zu müssen und so ein Leben lang Gottes Schuldner zu sein.
Mit diesem Wunsch aber bin ich wieder der homo incurvarus in seipsum, der Mensch, der sich selbst rechtfertigen, der selber Gott spielen möchte. Weil ich das für mich nicht ausschließen kann, versuche ich micht nicht in religiöser Fitness, sondern beschränke mich auf meinen innerlichen Glauben, den ich weder zeigen noch beweisen kann.

Trotzdem muss ich dabei nicht auf die Mystik verzichten. J.D.Salinger lässt Zooey einen Weg aufzeigen, der vielleicht viel „frommer“ ist, als man das einem intellektuellen Glauben zutrauen würde:
„eines Abends fing ich vor der Sendung an, bockig zu werden. Seymour hatte mir (…) gesagt, ich solle mir die Schuhe putzen. Ich war wütend. Ich sagte zu Seymour, das Publikum im Studio bestehe aus lauter Schwachköpfen, der Ansager sei ein Schwachkopf, die Auftraggeber seien Schwachköpfe, verflucht, ich dächte nicht daran, mir für die die Schuhe zu putzen, und ich sagte, ich säße ja so, dass sie meine Schuhe überhaupt nicht sehen könnten. Er sagte, ich solle sie trotzdem putzen. Er sagte, ich solle sie für die Dicke Frau putzen. Verdammt, ich wusste nicht, was er damit meinte, aber er machte dabei ein echtes Seymour-Gesicht, und so putzte ich mir die Schuhe. Er hat mir nie gesagt, wer die Dicke Frau ist, aber jedesmal, wenn ich wieder zum Rundfunk ging, putzte ich mir die Schuhe für die Dicke Frau, die ganzen Jahre hindurch (…) ich werde dir ein schreckliches Geheimnis erzählen … Da unten sitzt keiner, der nicht Seymours Dicke Frau wäre. (…) Und weißt du noch nicht – jetzt pass gut auf -, weißt du nicht, wer diese Dicke Frau in Wirklichkeit ist? – Aber Mädchen, Mädchen. Es ist Christus selber, Christus selber, Mädchen.“ (a.a.O., S. 158f)

Es ist die selbe banale Pointe, die sich auch durch die meisten Harry-Potter-Bände zieht und wegen der sich Voldemort immer wieder über Harry lustig macht (bis J.K.Rowling im 7. Band [nicht ganz überzeugend, wie ich finde, weil in den davor liegenden Bänden nicht wirklich konsequent angelegt] die Sache mit den Zauberstäben bringt): es ist die Liebe, die selbst die verkopfteste Gläubige zur Mystikerin macht. Die Liebe, die mich im Säugling, der mich zum Strahlen bringt, und im alten Menschen, in der Ausländerin und selbst im Gesicht eines Politikers Jesus erkennen lässt, Seymours „Dicke Frau“.

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