Ein prophetisches Wort

Bischof Gerhard Heintze hält im Mai 1972 ein Referat vor der Landessynode der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig, die sich anschickt, eine neue Kirchengemeindeordnung zu erarbeiten. Dabei sagt er zur Form der Kirchengemeinde etwas, das nach 40 Jahren noch bzw. wieder sehr aktuell klingt:

„Im NT fällt auf, wie offen die Terminologie ist, in der von der Kirche geredet wird. Ein und dasselbe Wort kann sowohl die Hausgemeinde wie die Ortsgemeinde wie die universale Kirche im ganzen bezeichnen. Die Ortsgemeinde beginnt sich schon als Hauptform der kirchlichen Organisation herauszubilden. Aber es gibt noch keineswegs das Prinzip, daß jeder Ort auch seine eigene Kirche haben müsse. Der Anfang des 1.und 2.Korintherbriefes läßt z.B. vermuten, daß Korinth sozusagen Vorort für alle im Bereich des nördlichen oder sogar des ganzen Peloponnes wohnenden Christen war. Paulus hat jedenfalls Schwer- | punktmission getrieben und in den  Gebieten, in denen er Mission trieb, keineswegs an allen Orten selbständige Gemeindegründungen vorgenommen. Wenn es auch großartig ist, wie intensiv später namentlich in den europäischen Ländern die Missionierung und Gemeindegründung Ort für Ort durchgeführt wurde, – so ja auch in der Geschichte unseres Landes -, so ist das sicher nicht als das einzig mögliche und zu allen Zeiten anzustrebende Ordnungs-Schema anzusehen. Ob wir auch weiterhin an dem uns überkommenen dichten Parochialsystem werden festhalten können, wird nicht nur von dem künftigen Pfarrernachwuchs abhängen, der aller Voraussicht nach dafür zahlenmäßig nicht ausreichen wird, sondern ebenso sehr davon, in welchem Maß die jeweilige Ortsgemeinde über Kraft und Bereitschaft verfügen wird, eine eigene lebensfähige Gemeindeorganisation aufrechtzuerhalten. Es mag sein, daß wir in Zukunft zu einem sehr viel weitmaschigerem Gemeindesystem kommen werden und die Zahl selbständiger organisierter Gemeinden sehr viel geringer sein wird als heute. Bei den Freikirchen und Diasporakirchen ist das ja seit je her ohnehin der Fall.

Die Paulusbriefe zeigen aber auch zugleich, wie von Anfang an jede Gemeinde darauf hingewiesen wird, lebendige Verbindung mit anderen Gemeinden zu halten und über den eigenen Sorgen und Interessen die gesamte Christenheit nicht zu vergessen. Die Grüße, mit denen die Paulusbriefe schliessen, haben eine bedeutsame ökumenische Funktion. (…)

So treibt nicht nur die Not des nicht ausreichenden Pfarrer- und Mitarbeiternachwuchses dazu, die Zusammenarbeit der Einzelgemeinden in grösseren Verbänden zu intensivieren und das Bewusstsein der Verantwortung für das Ganze zu stärken. Vielmehr steht das Grundverständnis von Gemeinde selber auf dem Spiel, die niemals Gemeinde für | sich, sondern immer nur zusammen mit anderen und für andere Gemeinde sein kann.“

(Gerhard Heintze, Vortrag ohne Anschreiben (Sperrfrist 5.5.1972). Quelle: Landeskirchliches Archiv, Rundschreibensammlung Kuhr und Acc. 102/07, Rundbriefe, S. 13-15)

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