Ein Hirtenbrief zur Überforderung im Pfarramt

Der Braunschweiger Landesbischof Gerhard Heintze schreibt im Juli 1971 einen warmherzigen Brief an alle Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich ausgebrannt und überfordert fühlen – Worte eines Bischofs, der sich in die Situation „seiner“ Pfarrerinnen und Pfarrer einfühlt und die deshalb auch heute noch Mut machen.

Ich „möchte (…) gern dem Denken an Sie wieder einmal sichtbaren Ausdruck in Gestalt eines Rundbriefes geben. Besonderen Anlaß gibt mir dazu, daß ich gerade in letzter Zeit auf mancherlei Weise zu spüren bekam, wie viele unter denen, die im Pfarramt oder in einem anderen kirchlichen Dienst stehen, sich überfordert fühlen und unsicher sind, ob sie den auf sie wartenden Aufgaben überhaupt noch gerecht werden können. Freudlosigkeit und Resignation sind dann fast zwangsläufig die Folge. An diejenigen, denen es so geht, möchte ich mich heute in erster Linie wenden.

1.1  Die Gründe dafür, weshalb für viele die Arbeitslast beträchtlich zugenommen hat und wahrscheinlich noch weiter zunehmen wird, brauche ich nicht im einzelnen zu schildern, Besorgnis erweckt vor allem die zunehmende Last zusätzlicher Vakanz- und Krankheitsvertretungen. (…) In den anderen kirchlichen Berufen | ist die Nachwuchsfrage nicht weniger bedrängend und vor allem die Unsicherheit hinsichtlich des künftigen Berufsbildes noch beträchtlicher.

1.2  Ferner ist die Erkenntnis, daß es weder im Pfarrdienst noch in den sonstigen kirchlichen Berufen angeht, nur das Bestehende aufrecht zu erhalten, sondern daß es überall auf neue Planung und auf die Entwicklung neuer Arbeitsformen ankommt, fast schon Allgemeingut. Auch im Bereich unserer Landeskirche gibt es in dieser Hinsicht viel eifriges Bemühen. Aber gerade wer selber ernsthaft und engagiert daran beteiligt ist, weiß auch, welch enorme zusätzliche Arbeitslast damit zu bewältigen ist. Der Abstand zwischen dem, was man eigentlich leisten möchte, und dem, was Zeit und Kräfte faktisch erlauben, ist gar nicht zu übersehen und verstärkt das Empfinden, unter einem ständig sich steigernden Leistungsdruck zu stehen. In den kleinen und kleiner werdenden Landgemeinden kommt als zusätzliche Erschwerung hinzu, daß das Kräftereservoir geeigneter Mitarbeiter in der Regel recht begrenzt ist und das Gefühl, isoliert zu sein und alles allein tun zu müssen, sich noch leichter einstellt als in den zahlenmäßig größeren städtischen Gemeinden.

1.3  Mir scheint es wichtig zu sein, die Not wachsender Überforderung nicht nur als technisch-organisatorisches Problem anzusehen, das allein durch geeignete Strukturveränderungen aus der Welt zu schaffen wäre. Strukturüberlegungen, wie sie heute auf vielen Ebenen angestellt werden und auch werden müssen, sollen damit keineswegs abgewertet werden. Es steht hier aber zugleich das Grundverständnis unseres Christseins überhaupt auf dem Spiel. Wir müssen uns klar darüber sein, daß das Problem der Überforderung gar nicht erst in außerordentlichen Streß-Situationen entsteht. Schon bei den alltäglichen Aufgaben, die uns in unserem Dienst gestellt werden, stoßen wir fortgesetzt auf Grenzen, die uns selbst bei intensiver Einsatzbereitschaft und besten begabungsmäßigen Voraussetzungen immer nur Stückwerk vollbringen lassen. Das gilt z.B. schon im Blick auf den normalen Predigtdienst. Wann schöpfen wir jemals einen Text wirklich aus und werden zugleich den in der Regel doch sehr verschiedenartigen | Zuhörern gerecht, so daß sie durch unser Predigen hindurch die lebendige Anrede des Wortes Gottes vernehmen und erkennen können: „tua res agitur“ – ganz zu schweigen von der großen Mehrzahl der Gemeindeglieder, die wir durch unser Predigen überhaupt nicht mehr erreichen und doch nicht aus dem Blick lassen dürfen? Oder wann wird aus der kasuellen Begegnung bei Taufen, Trauungen oder Beerdigungen eine kontinuierliche Begleitung, auf die doch gerade nach Todesfällen so viel ankäme? Oder um an die Hauptfunktion des neutestamentlichen Hirtenbildes zu erinnern: wann gelingt uns in unserem seelsorgerlichen Bemühen jemals auch nur von fern ein so anhaltendes, geduldiges, kein persönliches Opfer scheuendes „Suchen des Verloreneu“, wie es etwa den Gleichnissen von Lukas 15 entspricht? Und wer ist davor geschützt, dem Gerichtsurteil Jesu über die „Herr, Herr“-Sager aus Matth. 7,21ff. zu verfallen, selbst wenn er wie die in diesem Wort Angeredeten nicht nur ständig seinen Namen im Munde führt, sondern auch eine beträchtliche praktische Arbeitsleistung aufweisen kann? Dabei ist noch nicht einmal in Rechnung gestellt, was wir aus Nachlässigkeit, Trägheit, Feigheit oder persönlicher Empfindlichkeit versäumen oder verkehrt machen, und was wirklich anders und besser sein könnte. Wenn wir uns über den Stückwerkcharakter all unseres Erkennens und Tuns nicht im klaren sind, verfallen wir hoffnungslos einem gesetzlichen Vollkommenheitsdenken und lassen die Leistung, die wir von uns selbst oder von anderen erwarten, unversehens zum Grund unserer christlichen und kirchlichen Existenz werden. Ich befürchte, daß in dem vielen Klagen, Anklagen und Fordern, das heute weithin das Reden über unser Amt und über die Kirche im ganzen kennzeichnet, allerlei von solchem gesetzlichen, nicht aus der Freiheit des Evangeliums stammenden Denken spürbar wird. Das unsere Gesellschaft bestimmenden Leistungsdenken, das den Wert des Menschen einzig von der von ihm zu erbringenden Leistung her beurteilt, steckt uns allen vermutlich viel mehr im Kopf, als es uns selbst wirklich bewußt ist. Gerade die Streß-Situation, in der wir uns heute befinden, sollte uns aber zum Anlaß werden, uns neu darauf zu besinnen, daß die Botschaft von dem, „was Gott an uns gewendet hat“, all unserem Erkennen und Handeln vorausgeht und Grund und Ermächtigung all unseres Planens und Gestaltens bleibt. Wir können immer nur nach-denken und nach-folgen. D.h. gerade in der Streß- | Situation wird sich erweisen, ob wir die Botschaft von der Rechtfertigung des Gottlosen nur theoretisch als Kernstück unserer Lehre behaupten, oder ob wir uns wirklich von daher orientieren.

1.4 Wenn wir das alles besser zu beherzigen wüßten, würde die Folge nicht sein, daß wir die uns auferlegte eigene Verantwortung gering achten würden. Wir würden aber vielleicht neu das Staunen darüber lernen, daß Gott solche unvollkommenen, anfängerhaften Menschen, wie wir es sind und bleiben, überhaupt als Mitarbeiter haben will, und zwar nicht nur als Statisten, sondern in eigenständiger Mitverantwortung – trotz des großen Risi
kos, das damit für die Sache Gottes gegeben ist. Wir würden uns dann auch unbefangener freuen können, wo einmal etwas gelingt und Fortschritte sichtbar werden – auch das kommt mitunter durchaus vor! – ohne es uns als Verdienst anzurechnen, und ohne sofort wieder ängstlich fragen zu müssen, ob es auch so bleiben wird, oder ob sich nicht neue Verlegenheiten und neuer Rückschritt einstellen werden. Wir würden auch unbeschwerter Freizeit und Urlaub genießen können und vor allem auch mehr darauf achten können, daß in unserem Tagesablauf die notwendige Zeit für das Hören und Nachdenken, für Besinnung und Gebet nicht zu kurz kommt. Umgekehrt würde sich von daher auch die Freiheit ergeben sich auch einmal über das Normalmaß hinaus zu engagieren, wo wir als die Nächsten dazu gefordert werden, ohne vor uns selbst und vor anderen viel Aufhebens davon zu machen. Und nicht zuletzt würde die nüchterne Einschätzung des Stückwerkcharakters all unseres Tuns und die Gewißheit, daß letzten Endes nicht wir selber den Fortgang der Sache Gottes garantieren können und auch nicht zu garantieren brauchen, dann dem heute notwendigen neuen Planen, Experimentieren und Organisieren zugute kommen. Es könnte dann in größerer Freiheit, nicht nur selber zu kritisieren, sondern sich auch kritisieren und in Frage stellen zu lassen, und in anhaltender Geduld, auch wo sich Enttäuschungen einstellen, geschehen.

(Quelle: Quelle: Landeskirchliches Archiv, LBf 14 und Acc. 102/07, Rundbriefe)

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