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Archiv für den Monat September 2012

Der Brief nahm sich Zeit.
Dreimal nimmt sich der Brief Zeit.

Die erste Zeit, in der er geschrieben wird.
Die Mitteilung muss bedacht sein,
Weil sie dasteht und stehen bleibt.
Das gibt Kontrolle, mehr zumindest,
Als wenn das Wort nur von der Zunge geht.

Die zweite Zeit, die sich der Brief nimmt,
Ist das Unterwegssein.
Die Gedanken müssen die Reise aushalten,
Noch mitteilenswert sein, wenn sie ankommen,
Ja, standhalten der neuen Atmospähre.
Abend-Geschriebenes soll am hellen
Vormittag zu lesen sein.

Die dritte Zeit, die sich der Brief nimmt:
Das Gelesenwerden.
Zeile um Zeile muss dem Auge Interesse bleiben
Für den, der geschrieben hat,
Für das, was er mitteilt.

Der Brief spielt mit der Zeit.
Hebt sie auf, indem er die Stunde festschreibt
Und sie schriftlich dauern macht.
Das gesprochene Wort verfliegt.
Der Brief ist nachlesbar.
Die Situation ist statuiert.
Der Schreibende ist allein.
Nichts verfälscht den Moment,
Nichts lenkt vom Eigentlichen ab.
Er ist als Individuum in besonderer Weise
Präsent und original.
Beim Briefeschreiben kann mehr Intimität sein als im Gespräch.
Der andere, an den er denkt, ist ganz bei ihm, so wie er ihn sich denkt.
Dem Gedanken schriftlich Gestalt zu geben,
Modelliert den Gedanken.
Der Brief zwingt zur Formulierung.
Der Gedanke – im Rahmen der Form – hat den Halt des rational
Überlegten und des emotional Gemeinten.

Der Brief ist in seiner Intensität der Kunst verwandt.
Der Brief war eine große Kultur.
Die Zivilisation hat die Kommunikation perfektioniert
– Und entseelt.
Der Verlust des Briefes ist der Verlust einer Dimension.

Brigitte Petersmann

Brigitte Petersmann lebt in Halifax, Nova Scotia, Canada. Sie hat dieses Gedicht meiner Tante geschenkt, die ebenfalls in Nova Scotia lebt. Dort habe ich es 1981 (!) zum ersten Mal gelesen und mir abgeschrieben.

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Dieses Zisterzienserkloster liegt wirklich abseits, wie es die Regel vorschreibt, einsam in der Landschaft; die Bundesstraße führt direkt daran vorbei. Dem Kloster selbst fehlen wie in Riddagshausen die Konventsgebäude. Das romanische Langhaus hat einen gotischen Chor und bekommen, der ungefähr doppelt so breit und mindestens genauso lang ist wie das Hauptschiff. Vom Dämmerdunkel des romanischen Hauptschiff tritt man ins Licht des Chores. Eigentlich eine sehr schöne Atmosphäre. Aber die Kirche strahlt durch die Einbauten etwas sehr antiquiert-konservatives aus. In der südöstlichen Ecke des Chorumgangs hat man einen Flügelaltar aufgestellt, der mal Mahrenholz gehörte. Er wirkt ein wenig wie ein Altar, an dem Mahrenholz verehrt wird. Der Flügelaltar soll den ungläubigen Thomas darstellen – vier Jünger in zinnoberroten Gewändern, in der Mitte ein fleischfarbener Jesus, der selbst den Finger in seine Wunde legt. Der seiner Seitenwunde am nächsten Stehende soll wohl Thomas sein. Ein Werk der 30er Jahre, kein Expressionismus, glaube ich (sieht man von den kontrastreichen Farben ab). Eine Beschreibung findet sich hier: http://www.kloster-amelungsborn.de/thomas-altar.html

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Im hinteren Teil des Chores hat man aus Kirchen- und Kniebänken zwei Reihen von Stallen gebaut, die vor einem kleinen Altar stehen. Dort findet sich an der Südseite auch der Sitz des Abtes, eine gotische Arbeit in Sandstein, vielleicht der Originalsitz. Es sind drei Stallen: Abt, Prior und Cellerar? Auf der Nordseite an der Säule eine kleine Glocke, wie eine Schiffsglocke. Der ganze Chor atmet den Geist von Agende I, nicht einladend, aber auch nicht hoch liturgisch, sondern eher wie ein Antiquariat.

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Der Kreuzgang ist als Weg gestaltet. An der Südseite der Kirche, zwischen Weg und Wand, ein Beet mit Kräutern – Thymian, Lavendel, Frauenmantel. Eine schöne Lösung, zumal es in Amelungsborn noch die Brunnenschale gibt, in der Wasser plätschert. Hinter dem Gäste- oder Studienhaus die Anlage eines kleinen Klostergartens mit Hochbeeten und vielen Schildern wie in einem botanischen Garten, auf Vollzähligkeit bedacht. Der Garten ist teilweise mit Weidenflechtzäunen abgegrenzt. Die Anlage außen ist schöner als die Atmosphäre des Kircheninneren und als die Kirche selbst, aber die entrückte, antiquierte Atmosphäre dringt auch nach außen.