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Archiv für den Monat August 2012

Ich gehöre zu der immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen, die von einer „Olivetti“ träumen. Für die Jüngeren: das ist keine Motorradmarke, sondern eine mechanische (!) Reiseschreibmaschine, auf der Schriftsteller wie Alfred Andersch ihre Texte verfassten.Ich habe selbst als Student alle meine Arbeiten bis hin zur Examensarbeit auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt. Dazu gehörte unweigerlich das Fläschchen TippEx. Wie arm dran waren die früheren Generationen, die mit einem Federmesser oder der blauen Seite des Radiergummis – es gab zu diesem Zweck auch diskusförmige – die Tippfehler auskratzen oder -radieren mussten! Mehr als einmal gelang das kaum, ohne das Papier zu perforieren; dann blieb nichts anderes übrig, als die Seite neu zu schreiben. Wie viel bequemer ging es mit TippEx! Notfalls konnte man mehrere Schichten des flüssigen Papiers übereinanderlegen – ein wahres El Dorado für zukünftige Paläographen! (Harry Rowohlt rühmt sich öffentlich, seine Manuskripte bestünden aus mehreren Lagen dieses Fluidums) Einziger Nachteil war, dass man warten musste, bis das scharf riechende Lösungsmittel verdunstet und die Flüssigkeit getrocknet war. Bei älterem TippEx geriet schon das Auftragen zu einer Geduldsprobe, weil es mit der Zeit immer pastoser und schließlich bröselig wurde. Zum Glück gab es statt des Fläschchens mit dem widerspenstigen Plastikpinsel auch schmale, weiße Streifen, auf denen das TippEx als eine Art Film aufgetragen war. Den Vorläufer des Korrekturbandes brauchte man nur richtig herum (!) vor den falsch getippten Buchstaben zu halten, diesen noch einmal anzuschlagen – und schon war der Tippfehler verschwunden, viel sauberer, als das mit flüssigem TippEx möglich war (aber auch viel umständlicher). Jede Studentin, jeder Student kannte und besaß in den 80ern diese schmalen, weißen (und für die umweltbewussten, die UWS-Papier verwendeten, sogar grauen) TippEx-Streifen. Und anders als die mechanischen Schreibmaschinen sind diese weißen Streifen auch heute noch in Benutzung. Allerdings nicht im Umfeld von Texten und ihren Korrekturen. „TippEx“ heißen im TheologInnenjargon die weißen Kunststoffstreifen, die in den Kragen des Kollarhemdes geschoben werden. Das Kollarhemd kennzeichnet den kirchlichen Amtsträger, den Pfarrer oder die Pfarrerin. Am verbreitetsten ist es wohl in der katholischen und anglikanischen Kirche, aber auch die skandinavischen LutheranerInnen bedienen sich des Kollars. Von dort, nehme ich an, ist es nach Deutschland gekommen – wenn es nicht von den katholischen Kollegen übernommen wurde. Denn vor 15 Jahren, während meines Vikariates, war es noch nicht verbreitet – im Gegenteil. Über meinen Mentor, der sich angewöhnt hatte, Kollarhemden zu tragen, rümpften die Kollegen damals lautstark die Nase (einige von ihnen tragen allerdings heute auch gern Kollar). Was hat dazu geführt, dass viele lutherische Pfarrerinnen und Pfarrer heute ein Kollar tragen? Für manche, die z.B. im Krankenhaus oder in einer Citykirche als PastorIn erkennbar sein wollen oder müssen, mag es praktisch sein, sich so als zuständigeR PastorIn kenntlich zu machen – statt eines Namensschildes, das nur aus der Nähe lesbar ist. Aber die Mehrzahl der KollarträgerInnen arbeitet nicht in so exponierter Position. Was bewegt sie, sich als PastorIn zu „outen“? Geht es vielleicht darum, ums „Coming out“ als Pastor oder Pastorin? Wenn ich daran denke, wie lange es bei mir gedauert hat, bis ich mich mit meiner Rolle als Pastor identifizieren konnte, wäre ein Kollar als Manifestation dieses Prozesses sicher angebracht gewesen. Allein – ich trage kein Kollar und habe auch nicht vor, mir eines anzuschaffen. Oder geht es darum, im gut pfadfinderischen Sinne „allzeit bereit“ zu sein und dies durch das Outfit auch zu belegen? Früheren Generationen gelang das allerdings auch ohne Kollar. Und ständig dienstbereit müssen wir Pfarrerinnen und Pfarrer ohnehin sein. Das auch noch nach außen zu tragen: Seht her, ich bin jederzeit für euch da, sprecht mich an!, zeugt eher von mangelnder Abgrenzungsfähigkeit – wenn man es nicht sogar böswillig als Indiz für Unterbeschäftigung sehen will. Ich glaube fast, es geht beim Kollartragen darum, einen Status zu definieren und zu dokumentieren: Seht her, ich bin Pfarrerin oder Pfarrer, ein homo religiosus, eine „Amtsperson“! Vielleicht hängt das zusammen mit der immer geringeren Rolle, die Kirche gesellschaftlich spielt, mit deswegen paradoxerweise, aber folgerichtig immer größer werdenden Gemeinden, in denen die Pfarrerin oder der Pfarrer längst nicht mehr selbstverständlich nebenan lebt und arbeitet, sondern nur noch eingeflogen kommt und sich dann eben „ausweisen“ muss, um als solcheR noch erkannt zu werden. Damit einher geht, dass es für PfarrerInnen immer seltener den Honoratiorenbonus gibt – im Gegenteil: auch für die meisten Gemeindeglieder sind Geistliche inzwischen ganz normale Menschen, wenn man nicht sogar insgeheim der Meinung ist, eigentlich auch zu können, was eine Pfarrerin, ein Pfarrer kann. Und es wird ja tatsächlich immer häufiger notwendig, dass Laien Pfarrerinnen und Pfarrer ersetzen, einfach, weil es immer weniger gibt. Verständlich, dass manche KollegInnen dem entgegensteuern, indem sie ihr Anderssein, ihr Amtsträgersein betonen. Aber nicht „gut lutherisch“, wie ich meine. Luther legte großen Wert darauf, die Pfarrer (damals waren es leider nur Männer) nicht von der Gemeinde abzuheben. Die evangelische Kirche kennt das Sakrament der Priesterweihe nicht, weil es nicht biblisch fundiert ist. Aber auch sonst wird dem religiösen Personal in der evangelischen Kirche kein besonderer Rang, kein höherer Grad der „Heiligkeit“ zuerkannt. Im Priestertum aller Gläubigen, das auch die katholische Kirche kennt, weil schon Tertullian es gelehrt hat, sind alle ChristInnen homini religiosi, mit allen Konsequenzen, was Rechte (Taufen, Abendmahl einsetzen) und Pflichten (Bekenntnis und Leben als ChristIn) angeht. Nur um der Ordnung Willen, wie Luther betont, setzt die Gemeinde (!) PfarrerInnen ein, in ihrem Namen und Sinne die Sakramente zu verwalten, zu predigen und zu lehren.Das Tragen eines Kollars dagegen betont den Unterschied, grenzt die Amtsträgerin, den Amtsträger von der Gemeinde ab. Vielleicht ist es heutzutage nötig. Vielleicht war das „Priestertum aller Gläubigen“ nur ein Missverständnis. Vielleicht aber ist auch die sog. „Amtskirche“ ein Missverständnis. Denn nach wie vor existiert Kirche nicht, weil es eine kirchliche Behörde und kirchliche MitarbeiterInnen gibt, sondern weil Menschen Gemeinde, Kirche sein wollen. Und dieses Tatsache ist auch die Verheißung von CA VII, dass „immer … eine Kirche sein und bleiben muss“.Vielleicht aber haben das Tragen des Kollars und mein Traum von der Olivetti mehr gemein, als es auf den ersten Blick scheint. Hinter beiden könnte auch die Sehnsucht nach dem Anderssein, nach dem Besonderen stecken. Es kann sein, dass die demographische Entwicklung uns Christinnen und Christen eher zu Exoten macht, als wir denken. Dann könnte ein Kollar durchaus ein Statement sein.

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