Was ist Wahrheit? (Johannes 18,38)

Dem christlichen Glauben geht es um die Wahrheit. Glaube ist, anders, als es der alltägliche Sprachgebrauch suggeriert, keine vage Angelegenheit, die sich mit Halbwahrheiten zufrieden gäbe. Es geht beim Glauben darum, ob ich mich auf das, worauf ich vertraue und mein Leben gründe, verlassen kann, ob es wahr ist oder nicht. Denn wenn es nicht wahr wäre, wäre der Glaube weitgehend sinnlos. Er wäre dann, wie Karl Marx es formuliert hat, „Opium für’s Volk“, also ein Mittel, die Realität schönzufärben oder zumindest leichter zu ertragen. Aber er wäre eben nicht mehr als das, was Atheisten ohnehin darin sehen: Eine Massenpsychose ohne realen Hintergrund.

Als Glaubende aber halten wir daran fest, dass Jesus tatsächlich gelebt hat, dass er gestorben ist und von Gott auferweckt wurde. Wir halten es für eine Tatsache, dass Gott existiert, als Person, nicht nur als Idee oder eine bisher unbekannte Energieform; dass es tatsächlich eine leibliche Auferstehung gibt, usw. Das Festhalten an den Wahrheiten des Glaubens ist nicht leicht, wenn man sich zugleich am gesellschaftlichen Diskurs, und darin speziell am wissenschaftlichen Diskurs beteiligen will. Denn die Gesellschaft glaubt, überspitzt gesagt, nur, was sie sieht, und die Wissenschaft kann die Wahrheiten des Glaubens nicht verifizieren und daher nicht anerkennen. Die Wahrheit des Glaubens ist außerhalb des Zirkels der Glaubenden fast nicht zu kommunizieren.

Aber selbst innerhalb der Glaubenszirkel besteht über die Frage, was die Wahrheit des Glaubens ist, Uneinigkeit. Daher die verschiedenen Religionen und Konfessionen. Die Mehrzahl der Religionen ist in der Frage der Wahrheit nicht konsens- oder kompromissbereit: Es kann nur eine Wahrheit geben. 

Das Christentum hat seinen Wahrheitsanspruch in der Vergangenheit oft in wenig christlicher Weise durchgesetzt: Wer die kirchlich verordnete Wahrheit nicht glauben wollte, der musste dran glauben. „Ketzer“, Kritiker des Glaubens oder Andersgläubige, wurden zum Widerruf ihrer Meinung gezwungen – oder getötet. All das geschah, um die Wahrheit des Glaubens zu schützen und zu verteidigen.

Die Zeiten, in denen Nichtchristen von der Kirche auf unchristliche Weise verfolgt wurden, sind gottlob lange vorbei. Doch die Intoleranz gegenüber anderen hält in der christlichen Kirche an. Sie zeigt sich z.Zt. massiv in der Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA; latent ist sie in allen christlichen Konfessionen vorhanden.

Das Kernproblem besteht für die Glaubenden in der Frage, ob es mehr als eine Wahrheit geben kann. Ob also die Exklusivität, die Gott im Islam, Judentum und Christentum für sich beansprucht, auch reziprok für die Glaubenden gilt. Wenn Gott nur Israel erwählt hat, dann können Muslime und Christen nicht zu Gottes Volk gehören; ihr Glaube ist somit falsch.

Die Christen haben sich aus diesem Dilemma mit einem Trick gerettet: Paulus, der erste Theologe der Christenheit, hat die Gotteskindschaft auf Abraham zurückgeführt, und zwar nicht über die (Bluts-)Verwandtschaft, sondern über den Glauben, den Abraham bewies (Galater 3). Wer den Glauben Abrahams hat, gehört zu Gottes Volk. Auf diese Weise haben sich nicht nur die Christen einseitig in das Volk Gottes adoptiert, auch für die Muslime war bereits der Weg bereitet – wie für alle Menschen, die an Gott glauben, ganz gleich welcher Herkunft sie sind.

Kaum aber hatten die Christen sich theologisch einen Platz in Gottes Volk erobert, begannen sie, wie ein Kuckucksküken, die ursprünglichen Kinder Gottes, die Juden, aus dem Nest zu schubsen. Und die Muslime, die sich doch mit gleichem Recht wie die Christen auf Abraham berufen konnten, wollten sie gar nicht erst hineinlassen ins Nest.

Gotthold Ephraim Lessing hat versucht, das Wahrheitsproblem mit seiner „Ringparabel“ zu lösen: Die drei Religionen Christentum, Islam und Judentum sind wie drei gleichartige Ringe, die man äußerlich nicht unterscheiden kann, aber nur einer ist der Ring, der den wahren Erben zeigt. Wie soll man ihn erkennen? Indem der Erbe sich seines Ringes als würdig erweist. Lessing, der als Aufklärer an das Licht im Menschen glaubte, hoffte, dass sich das Wahrheitsproblem auf dem Wege humanistischer Anstrengungen und Ideale von selbst erledigen würde. Die Idee war gut, leider harrt sie bis heute ihrer Verwirklichung. Die Religionen, statt sich gegenseitig an Liebenswürdigkeit, Menschlichkeit, Toleranz zu überbieten, definieren sich noch immer primär durch Abgrenzung.

Was an dieser Abgrenzung besonders schmerzt ist, dass sie gegenüber „anderen“ geschieht. Die Vehemenz, mit der Lesben und Schwulen die Ehe, mit der Frauen früher das Pfarramt verweigert wurde und bis heute das Priestertum verwehrt wird, legen fromme Eiferer nicht an den Tag, wenn es darum geht, Kinder in Afrika vor dem Verhungern oder in Deutschland vor dem Missbrauch zu bewahren; die Gier der Börsianer anzuprangern und die Ungerechtigkeit unseres Wirtschaftssystems zu bekämpfen. 

Als Glaubender bin ich der Überzeugung, dass der Glaube selbstevident ist für den, der den „Sprung“ in den Glaubenszirkel gewagt hat, und keiner Verteidigung, keines Schutzes bedarf. Wenn Gott tatsächlich allmächtig ist, wie wir glauben, benötigt er unseren Eifer nicht, um seinen Glauben zu erhalten. Im Gegenteil. Gott, der sich, wie wir als Christinnen und Christen glauben, zu uns herabbegeben hat, muss es in der Seele weh tun mit anzusehen, wie wir mit denen umgehen, die „anders“ sind (wobei zu fragen ist, wer definiert, wer bzw. was „anders“ ist!). Wenn es einen Beweis der Allmacht und Größe Gottes bräuchte, dann ist es die Tatsache, dass Gott noch nicht völlig über uns verzweifelt ist, weil es uns so gar nicht gelingt, uns menschlich zu verhalten. Deshalb hat mich der Beitrag von Rachel Held Evans so berührt, mir so aus dem Herzen gesprochen: Unsere Priorität ist nicht die „Wahrheit“ des Glaubens, sondern wahrhaftiges Leben als Glaubende.

Zum Schluss möchte ich einen Satz aus dem Post zitieren, den Rachel Held Evans auf ihren so stark kritisierten, aber auch sehr geteilten Post geschrieben hat: „The popularity of Wednesday’s post speaks to a growing desire, among both young and old, for radical change in how we treat one another as Christians and as citizens. Ready or not, a movement is afoot – a movement toward reconciliation, healing, grace, and love. People are ready to lay down their arms, and I am ready to join them.“

 

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