Apologie des Christentums?

Christinnen und Christen regieren auf Kritik von außen, speziell von atheistischer Seite, oft äußerst kleinkariert und humorlos. Und manche Christinnen und Christen reagieren auf gesellschaftliche Themen ebenfalls oft äußerst kleinkariert und humorlos. Möglicherweise handelt es sich dabei um die beiden Seiten einer Medaille.

In den USA scheint das die Kirche bestimmende Thema die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu sein, zu der sich Präsident Barrack Obama jüngst zustimmend bekannte. Einige US-Bundesstaaten haben die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Eheschließung als Zusatz zu ihrer Verfassung („amendment“) aufgenommen, obwohl der entsprechende Abschnitt über die Ehe bereits die homosexuelle Ehe ausschließt. Der Verfassungszusatz dient, so die Theologin Rachel Held Evans in einem Blogpost, allein einer ideologischen Zuspitzung. Das Traurige daran ist, dass dieser Verfassungszusatz besonders vehement von Christinnen und Christen gefordert wird – mit Billy Graham als Gallionsfigur an der Spitze.

Rachel Held Evans argumentiert in ihrem Beitrag nicht für die homosexuelle Ehe, sondern respektiert, dass man als Christ/in auch anderer Ansicht sein kann. Sie stellt aber fest, dass unter Theologiestudierenden – ganz gleich, ob sie Befürworter/innen („A“) oder Gegner/innen („B) gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sind, das blanke Entsetzen über die ideologische Borniertheit „ihrer“ Kirche herrscht – und dass viele Menschen ihrer Kirche den Rücken kehren, weil sie nur „dagegen“ ist. Sie argumentiert – gut christlich: „Regardless of whether you identify most with Side A or Side B, (or with one of the many variations within those two broad categories), it should be clear that amendments like these needlessly offend gays and lesbians, damage the reputation of Christians, and further alienate young adults—both Christians and non-Christian—from the Church.“ Mit anderen Worten: Statt eine Ideologie über den Menschen zu stellen, der er sich gefälligst anzupassen hat, stellt sie den Menschen in den Mittelpunkt, wie es Jesus in vielfältiger Opposition zu den „Ideologien“ seiner Zeit getan hat. Wenn man die vielen biblischen Geschichten liest, in denen Jesus bewusst dagegen opponiert, ein Prinzip über den Menschen – ob gläubig oder ungläubig – zu stellen, fragt man sich, wie ein Christenmensch überhaupt darauf kommen kann, das Gegenteil zu tun: Menschen aus ideologischen Gründen auszugrenzen und zu verletzen.

Für diesen Blopost hat sie heftige Kritik einstecken müssen – vor allem von Leuten, die sie als „Nestbeschmutzerin“ verunglimpften, nach dem Motto: Kirche muss zusammenhalten. Darauf hat Jonathan D. Fitzgerald in seinem Blog „patrol“ eine Replik verfasst: „Christianity is Not Above Criticism„. Ihre Gegner werfen ihr vor, sie stünde nicht auf dem Boden des christlichen Glaubens, sondern hänge ihr Glaubensmäntelchen in den jeweiligen modischen Wind – ein Totschlagargument, das immer wieder gern von erzkonservativen Glaubenswächtern benutzt wird. Sie setzen damit wieder den Buchstaben eines Prinzips über den Menschen – statt zu fragen (wie Jesus es tat), wie der Buchstabe in der gegenwärtigen Situation richtig, und das heißt: menschlich angewendet werden kann. Um sich diese Frage stellen zu können, braucht man allerdings ein wenig Vertrauen in den eigenen Glauben: dass dieser nicht gleich zerbröselt und umfällt, wenn man ihn hinterfragt. Es ist befremdlich zu sehen, wie die „Glaubenswächter“ so vehement um Dinge streiten, die in Fragen des Glaubens gemeinhin als „Adiaphora“ gelten, wie z.B. die Gestaltung einer menschlichen Beziehung. Als hinge davon das Seelenheil ab!

 

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5 Kommentare
  1. Anonymous sagte:

    Ohne einen der verlinkten Artikel (bisher) gelesen zu haben, kann ich doch feststellen, dass du der eigentlichen Frage aus dem Weg gehst.Ist es richtig, als Christ gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe einzutreten, oder eben nicht? Ich sage, dass es nicht nur richtig, sondern auch notwendig ist.Freilich w??re es geradezu unchristlich, Menschen in dieser Situation nicht auch im Sinne der Br??derlichkeit in Christus anzunehmen. Aber der Kernbestand kirchlicher Wahrheiten darf doch deswegen nicht zur Disposition gestellt werden.Und aus meinem Verst??ndnis des katholischen Glaubens heraus mag ich deinem letzten Satz widersprechen. Das Seelenheil des (katholischen) Christen h??ngt eben (auch) von den Sakramenten der Kirche ab! Mit dieser klaren Definition der Wertigkeit der Sakramente mag der Katholizismus alleine stehen, aber sowohl die Orthodoxie, als auch die meisten anderen christlichen Gemeinschaften und Konfessionen erkennen den "sakramentalen Charakter" (um mal tief zu stapeln) der Ehe durchaus an.

  2. Anonymous sagte:

    Als evangelischer Christ bin ich in der bequemen Position, dass Luther nur die beiden Sakramente gelten lassen wollte, die biblisch fundiert sind: die Taufe und das Abendmahl, aber damit w??rde ich wieder, wie Du sagst, der eigentlichen Frage aus dem Weg gehen. Ich denke aber, es geht aus dem Duktus des Posts hervor, dass ich die gegens??tzliche Position, die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe, vertrete.Der "Kernbestand kirchlicher Wahrheiten" wird immer wieder zur Disposition gestellt. Jesus hat damit angefangen, indem er Kernbest??nde j??discher Glaubenswahrheiten, wie z.B. das Gebot der Sabbatheiligung, hinterfragte. Allerdings nicht als "L‘ art pour l’art", und deshalb sollte man zwischen "zur Disposition stellen", also letztlich "aufgeben", und "hinterfragen" unterscheiden. Das Beispiel Jesu lehrt aber, dass alle Glaubenswahrheiten aus Diskussionen hervorgegangen sind und deshalb IMHO diskutiert und hinterfragt werden d??rfen – und m??ssen. Und es kann sein, um es mit Brecht zu sagen ("Lob des Zweifels"), dass man dann eines Tages im dicken Buch der christlichen Dogmatik einen Satz, der ??ber Jahrhunderte felsenfest gegolten hat, bed??chtig (!) durchstreicht.

  3. Anonymous sagte:

    Ein Hinterfragen kann nat??rlich niemals falsch, oder gar verboten sein. Aber bei gewissen Punkten muss man nach dieser Reflexion notwendigerweise immer zum gleichen Ergebnis kommen. Sonst w??re ja nicht zu erkl??ren, weshalb der christliche Glaube sich heute immer noch in kirchlichen Rahmen bewegt.Das Fundament der Kirche ist doch gerade, dass ihre Glieder bei der Frage nach einigen, relativ wenigen Punkten alle zum gleichen Ergebnis kommen. W??re alle Menschen das Verst??ndnis der Sakramente freigestellt, g??be es keine Kirche. Dann g??be es maximal Interessensgemeinschaften.Man k??nnte jetzt nat??rlich – mit dem Bild des Revoluzzer-Jesus – sagen, dass diese Festlegungen in der Sakramentenlehre nicht von Christus eingesetzt wurden und damit nicht zu beachten sind. Das widerspr??che aber zumindest meinem Verst??ndnis des christlich-katholischen Glaubens. Denn dieser r??hrt nat??rlich ausschlie??lich vom Evangelium her, aber die Kirche als Mittlerin und Auslegungsinstanz des Evangeliums ist damit untrennbar verbunden.

  4. Anonymous sagte:

    @kilianmartin schrieb:"die Kirche als Mittlerin und Auslegungsinstanz des Evangeliums ist damit untrennbar verbunden"Hier trennen sich unsere Wege: in der Ev. Kirche ist die Kirche keine solche Instanz. Deshalb hat die Ev. Kirche weder viel mit Maria als personifizierter Kirche zu tun (und auch sonst nicht – was sehr zu bedauern ist!) – obwohl sie im Rahmen des "Consensus quinquesaecularis" die beiden ersten Mariendogmen ??bernommen hat -, noch kennt sie einen Papst als Vertreter der Kirche, der f??r alle Gl??ubigen bindende Entscheidungen treffen kann.Die ev. Kirche kennt auch Dogmen – alle Pfarrer/innen werden bei ihrer Ordination auf die Bekenntnisse der Alten Kirche und – in meinem Fall – auf die lutherischen Bekenntnisschriften verpflichtet. Diese Bekenntnisse bilden den Ma??stab, an dem unsere Predigt und Lehre beurteilt wird. Wer diese Bekenntnisgrundlage verl??sst, muss u.U. mit dem Ausschluss rechnen, wie es dem G??ttinger ntl. Theologen Gerd L??demann ("das Grab war voll") widerfahren ist. Der Fall L??demann zeigt, ebenso wie ??hnliche F??lle in der gesamten Geschichte der Ev. Kirche sowie die Zersplitterung der weltweiten Ev. Kirche in unglaublich viele Denominationen, dass der unverbindliche Umgang mit den Dogmen auch einen gewissen "Sprengstoff" beinhaltet, was die Einheit der Kirche angeht.Vielleicht darf ich es – etwas ??berspitzt – so zusammenfassen:Die katholische Kirche stellt die Einheit des Glaubens ??ber die Vielfalt der Meinungen, um den Preis der Ausgrenzung z.B. der Frauen, was das Priestertum angeht, oder der Lesben und Schwulen;die evangelische Kirche gibt die Einheit des Glaubens zugunsten der Vielfalt der Meinungen auf, um den Preis der Eindeutigkeit und Verbindlichkeit.

  5. Anonymous sagte:

    Einheit, Eindeutigkeit und Verbindlichkeit sind wohl wirklich die Werte, die von der katholischen Kirche so sehr gewahrt werden, wie von keiner anderen. Und ich muss sagen, dass ich das f??r absolut erstrebenswert halte.Ich habe ja kein Problem mit Meinungsvielfalt, aber – wie gesagt – in gewissen Fragen des Glaubens gibt es meines Erachtens, denn so habe ich das Christentum verstanden, keine verschiedenen Meinungen, sondern nur eine richtige, und viele die nicht ganz richtig sind."Ausgrenzung von Frauen, bzw. gleichgeschlechtlichen Partnerschaften" halte ich f??r eine falsche Herangehensweise. Es ist ja nicht so, dass andere Lebensformen gegen??ber der Ehe erniedrigt werden. Vielmehr wird die Ehe aufgrund ihres sakramentalen Wertes herausgehoben. Das ist auch auf staatlicher Ebene so: Der Staat diskriminiert (bspw. im steuerlichen Bereich) nicht die ??brigen Lebensformen, sondern r??umt der Ehe einen Vorteil ein; auch aufgrund geistesgeschichtlicher Hintergr??nde.Mit der Tatsache, dass nur M??nner wirksam geweiht werden k??nnen, verh??lt es sich nat??rlich ??hnlich.

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