Zum Biblizismus

Beim Einscannen von Rundschreiben unseres Altbischofs Dr. Heintze aus den 60er Jahren bin ich auf ein Schlusswort gestoßen, das Prof. Peter Krusche auf der Tagung der Braunschweiger Landessynode zu „Bibel und Gemeinde“ vom 8.-10. Mai 1967 gehalten hat. Darin äußert er sich kritisch zu einem biblizistischen (oder fundamentalistischen) Glauben mit Argumenten, die ich für sehr überzeugend und sehr aktuell halte, weshalb ich die Passage hier zitieren möchte:

 

„Es ist in unserer Diskussion an einigen Stellen die Frage aufgetaucht, warum denn nicht auch das Fürwahrhalten von im Kerygma berichteten Fakten und Tatsachen Geltung beanspruchen könne. Ob man nicht in einer gewissen Großzügigkeit, in der Freiheit eines Christenmenschen dieses im Grunde biblizistische Verständnis von Glauben gelten lassen könne. Ich habe heute vormittag bereits gesagt, daß ich durchausVerständnis dafür aufbringe, allerdings auch nur bis  zu einem gewissen Punkt. Martin Luther hat dieses Fürwahrhalten von berichteten Fakten in bestimmter Hinsicht scharf kritisiert, nämlich dort, wo eine Verwechslung zwischen dem rechtfertigenden Glauben, der sich allein an das Wort, allein an Jesus Christus hält, und einem Fürwahrhalten von Fakten und berichteten Tatsachen, die niemals rechtfertigen können, eintreten könnte. Dieses Fürwahrhalten, meine sehr verehrten Damen und Herren, liegt im Bereich der frommen Leistung und kann nicht rechtfertigen. Mag man also aufs Ganze gesehen mit den Menschen großzügig umgehen, die da sagen: „ich blicke hier mit einer gewissen Naivität in die Heilige Schrift; ich bin nicht angekränkelt von Kritik und Skepsis und sehe mich nicht gedrungen, weiter zu fragen und zu prüfen, ob diese Fakten haltbar sind oder wie sie verstanden | werden müssen im Blick darauf, was dahinter liegt, was sie bedeuten, was mir im Kerygma unter Bezugnahme auf diese Fakten verkündigt werden soll“. Man wird das aber nur bis zu einem gewissen Punkt gelten lassen dürfen. Geht diese Einstellung so weit, daß an die Stelle des rechtfertigenden Glaubens die fromme Leistung des Fürwahrhaltens tritt, dann muß dieses Mißverständnis um der reformatorischen Partikel willen: allein das Wort, allein Christus, allein der Glaube, zurückgewiesen werden. Geschieht das nicht, handeln wir seelsorgerlich leichtfertig. Martin Luther ist nicht müde geworden, auf die schrecklichen Konsequenzen hinzuweisen, die immer dann eintreten, wenn der Glaube zu einer Leistung entartet, die dann in der Anfechtung zusammenbricht und den Menschen in tiefste Verzweiflung stürzt. Weil Leben und Tod auf dem Spiele steht, gibt es hier Exklusivität, kritische Einstellung, besteht die Notwendigkeit, den reformatorischen Ansatz durchzuhalten. Es ist natürlich in unser seelsorgerliches Ermessen gestellt, wie weit wir hier im Zeichen der Freiheit eines Christenmenschen großzügig sein können; ob wir Ansätze für ein Gespräch suchen, oder ob wir mit einer gewissen Schärfe, die auch aus der Bibel kommt, warnen und Mißverständnisse ausräumen müssen. Es geht letztlich in diesen Dingen immer wieder um die Menschen. Ihr Heil, ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Ich betrachte von daher gesehen das Thema: „Bibel und Gemeinde“ nicht als ein theoretisch abzuhandelndes Thema, sondern es geht eben um des „sola scriptura“ der Reformation willen (allein die Schrift), hier um Aussagen, die an den Bereich der Entscheidung – Scheidung von Glaube und Unglaube – herankommen.“

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