"Morphologischer Fundamentalismus"

Noch einmal aus dem eben zitierten Vortrag von Prof. Peter Krusche auf der Tagung der Landessynode der Braunschweigischen Landeskirche vom 8.-10. Mai 1967. Prof. Krusche prägt darin den Begriff des „morphologischen Fundamentalismus“, den er für gefährlicher hält als den biblischen Fundamentalismus. Auch diese Gedanken sind so aktuell, dass ich sie hier zitieren möchte:

Kann es und muß es nicht in unserer Situation von einem evangelischen Umgang mit der Bibel her zu einer Erneuerung unserer Kirche und unserer Gemeindestrukturen kommen? Das ist es, was mich auch, im Hinblick auf die gemachten praktischen Vorschläge immer wieder bewegt. Sind wir nicht im Grunde durch unsere Überlegungen herausgefordert, in der Bemühung um evangelische Verkündigung, um mündige Gemeinde, um den Satz: „Die Bibel in der Hand eines jeden Christen“ sehr viel weiter zu gehen in unseren gottesdienstlichen Strukturen, in einer Schwerpunktbildung der Aufgabenstellung des Pfarrers, sehr viel weiter zu gehen in reformerischen Bemühungen, als wir es bis jetzt getan haben. Natürlich kann man sagen, solche Bemühungen bringen Unruhe, sie machen Arbeit, sie strukturieren etwa im Pfarramt manches um. Sie setzen mündige Laien voraus, die wir nicht haben. Also laßt sie uns zurückstellen! Aber ist es eigentlich in unserer Situation noch möglich zu warten? Hier steht genau betrachtet die Frage der Solidarität (…) auf dem Spiel. Können wir es uns eigentlich leisten, in der jetzi- | gen Stunde dies so großzügig hinzunehmen, daß uns immer mehr Menschen nicht verstehen, daß sie uns „als Gemeinde unterwegs“ nicht mehr erkennen, weil wir es offenbar nicht mehr sind oder weil wir vergessen haben, wie das aussieht?

Ich möchte zum Schluß sagen, daß kirchliche Strukturen, daß die Art, wie wir als Gemeinde leben und zusammenkommen, die Bibel, lesen und Zeugnis geben, u.U. lauter verkündigen, als die Predigt im Gottesdienst. Strukturen predigen heute lauter als das, was wir in ihnen sagen. Und deshalb geht es (…) darum, daß wir die Strukturen dem Wort gemäß gestalten, so daß sie die Sendung der Gemeinde nicht mehr hindern, sondern sie fördern. Das ist ja überhaupt der Sinn jeder strukturellen Ausbildung, jeder Ordnung in der Kirche! Sie sollen nicht die Sendung der Gemeinde abfangen, sondern sie sollen die Sendung der Gemeinde voranbringen. Sie sollen die Zurüstung der Laien in ihrer alltäglichen Situation zu Zeugen Jesu Christi sicherstellen, kontinuierlich machen; allerdings nicht in einem letztgültigen Sinne, sondern offenbar in dem Sinne, daß Strukturen auch flexibel und überprüfbar sein müssen. Wir können prüfen: soll man das machen, soll man jenes lassen? Im Hintergrund muß aber die Frage stehen: wie kommen wir von unserem „morphologischen Fundamentalismus“ weg? Wie kommen wir davon weg, daß wir über „Bibel in der Gemeinde“ reden und zu ganz eindrücklichen Ergebnissen kommen, hier uns auch kritisch zurüsten lassen und eine gewisse Selbständigkeit gewinnen, dann aber den Strukturen unseres Gemeindelebens gegenüber von einer erstaunlich fundamentalistisch-positivistischen Einstellung sind?

Es ist ja heute häufig schon so, daß man über die Frage, wie das mit der Auferstehung ist, absolut kritisch und frei diskutieren kann. Aber wenn es an die Frage geht, wie es mit dem Pfarramt und seiner Organisation sei, dann stößt man auf leidenschaftliche Abwehr. Hier sind doch die Begrif- | fe und Gewichte offensichtlich verschoben. Der „morphologische Fundamentalismus“ scheint mir noch fragwürdiger zu sein als der biblische, denn er zeigt einfach in der Praxis, daß wir es offenbar so ernst mit dem Worte und mit dem Glauben, so ernst mit dem Gehorsam, mit der Sendung und mit der Rechtfertigung garnicht nehmen wie wir vorgeben. Hier wird einfach aufgedeckt, daß wir nicht bereit sind, Konsequenzen zu ziehen, weil wir fürchten, daß wir selbst in unserer Armut und Schwäche aufgedeckt werden könnten.

Nun ist Selbstkritik kein Selbstzweck. Wir sind von Jesus Christus nicht dazu genötigt, unsere Schwäche sozusagen zu Markte zu tragen. Aber hier wird doch gefragt, ob wir bereit sind, Buße zu tun. Buße ist gar kein so erbaulich-inneres Geschehen, wie wir manchmal meinen, sondern Buße tun heißt ganz einfach, aus dem Hören Konsequenzen ziehen, zu dem Leben, zu dem Gehorsam, zu dem Glauben zurückkehren, zu denen uns das Wort ruft.

Ich meine, daß sich dann aus der Frage: „Umgang mit der Bibel in der Gemeinde“ Konsequenzen ergeben können, die in der Struktur und Gestalt unserer Kirche so deutlich Ausdruck finden, daß wir an Glaubwürdigkeit in unserer heutigen Zeit nicht pausenlos verlieren, sondern an ganz bestimmten Punkten wieder an Glaubwürdigkeit gegenüber der jüngeren, aber auch der älteren Generation gewinnen.“

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