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Archiv für den Monat Mai 2012

„Ich kann dich gut riechen“ ist ein Kompliment, das man nur selten hört. Dabei gehört das sich-gut-riechen-Können zum Fundament einer Partnerschaft: Menschen finden durch den Geruch zueinander; er spielt eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl. Wen man nicht gut riechen kann, auf den lässt man sich auch nicht näher ein.

Auch das Adjektiv „dufte“ wird nicht mehr verwendet. Es hatte seine Zeit, um Dinge und Menschen zu bezeichnen, die man besonders mochte. Die Zeit zarter olfaktorischer Komplimente ist lange vorbei; heute geht es derber und weit unterhalb der Nase zu: man findet’s „geil“, und nicht mehr „dufte“.

Auch das Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist auf Geruch gegründet. Im Alten Testament gibt es viele Stellen, an denen Gott sich am „lieblichen Geruch“ erfreut. Die erste dieser Stellen findet sich gleich im ersten Buch der Bibel, am Ende der Sintflutgeschichte. Noah baut Gott aus Dankbarkeit über die Rettung einen Altar und verbrennt darauf Fleisch – er grillt, um es mal flapsig zu sagen. Gott kann das offenbar gut riechen, denn es heißt dann weiter: „Gott roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen … Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1.Mose 8,20-22)

Gott ist ein Freund des Grillgeruchs – das haben alle Grill-Fans schon lange gewusst. Aber diese Einstellung zum Gegrillten ändert sich, wenn man in der Bibel weiterliest. Wenn nämlich der Geruch des Gebratenen und der Qualm des Grills dazu dienen, eigene Fehler zu vernebeln; wenn sie gar die Zuwendung zum Mitmenschen ersetzen sollen, kann Gott sie nicht mehr riechen. Statt durch Weihrauch und Parfum sollen die Menschen lieber durch gute Taten auf sich aufmerksam machen. So schreibt der Prophet Hosea:

„Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer,

an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6,6)

Jesus hat sich dieses Wort Hoseas zu eigen gemacht (Matthäus 9,13 und 12,7) und vorgelebt, dass Liebe und Barmherzigkeit wirklich „dufte“ sein können.

Und er hat am eigenen Leib erfahren, wie sich das anfühlt, wenn man sehr lieb gehabt wird. Kurz vor seiner Verhaftung wird er von Maria Magdalena mit kostbarem Parfum gesalbt, so dass, wie es bei Johannes heißt, „das Haus erfüllt wurde vom Duft des Öls“ (Johannes 12,3). Bei aller Wertschätzung von Liebe und Barmherzigkeit vergisst auch Jesus nicht, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt; der Duft des Parfums zeigt an, wie sehr Maria Jesus liebt – und er ist auch ein Hinweis auf seinen nahen Tod und seine Bestattung.

In dieser Geschichte vermischen sich der reale Duft des Parfums mit dem symbolischen Duft der guten Tat, die Gott gut riechen kann. Womit sich der Kreis schließt: Nicht nur Weihrauch und Parfum, auch liebevolles, barmherziges Verhalten sorgen dafür, dass Gott uns gut riechen kann. Das gilt ja vielleicht auch für das Zusammenleben: Statt Parfum oder Rasierwasser könnte man es ja auch mal mit einem Lächeln, einem freundlichen Wort versuchen. Vielleicht können wir dann auch über uns sagen, was Paulus von sich schreibt:

„Gott sei gedankt, der … offenbart den Wohlgeruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten! Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden …: ein Geruch des Lebens zum Leben.“ (2.Korinther 2,14-16)

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Dem christlichen Glauben geht es um die Wahrheit. Glaube ist, anders, als es der alltägliche Sprachgebrauch suggeriert, keine vage Angelegenheit, die sich mit Halbwahrheiten zufrieden gäbe. Es geht beim Glauben darum, ob ich mich auf das, worauf ich vertraue und mein Leben gründe, verlassen kann, ob es wahr ist oder nicht. Denn wenn es nicht wahr wäre, wäre der Glaube weitgehend sinnlos. Er wäre dann, wie Karl Marx es formuliert hat, „Opium für’s Volk“, also ein Mittel, die Realität schönzufärben oder zumindest leichter zu ertragen. Aber er wäre eben nicht mehr als das, was Atheisten ohnehin darin sehen: Eine Massenpsychose ohne realen Hintergrund.

Als Glaubende aber halten wir daran fest, dass Jesus tatsächlich gelebt hat, dass er gestorben ist und von Gott auferweckt wurde. Wir halten es für eine Tatsache, dass Gott existiert, als Person, nicht nur als Idee oder eine bisher unbekannte Energieform; dass es tatsächlich eine leibliche Auferstehung gibt, usw. Das Festhalten an den Wahrheiten des Glaubens ist nicht leicht, wenn man sich zugleich am gesellschaftlichen Diskurs, und darin speziell am wissenschaftlichen Diskurs beteiligen will. Denn die Gesellschaft glaubt, überspitzt gesagt, nur, was sie sieht, und die Wissenschaft kann die Wahrheiten des Glaubens nicht verifizieren und daher nicht anerkennen. Die Wahrheit des Glaubens ist außerhalb des Zirkels der Glaubenden fast nicht zu kommunizieren.

Aber selbst innerhalb der Glaubenszirkel besteht über die Frage, was die Wahrheit des Glaubens ist, Uneinigkeit. Daher die verschiedenen Religionen und Konfessionen. Die Mehrzahl der Religionen ist in der Frage der Wahrheit nicht konsens- oder kompromissbereit: Es kann nur eine Wahrheit geben. 

Das Christentum hat seinen Wahrheitsanspruch in der Vergangenheit oft in wenig christlicher Weise durchgesetzt: Wer die kirchlich verordnete Wahrheit nicht glauben wollte, der musste dran glauben. „Ketzer“, Kritiker des Glaubens oder Andersgläubige, wurden zum Widerruf ihrer Meinung gezwungen – oder getötet. All das geschah, um die Wahrheit des Glaubens zu schützen und zu verteidigen.

Die Zeiten, in denen Nichtchristen von der Kirche auf unchristliche Weise verfolgt wurden, sind gottlob lange vorbei. Doch die Intoleranz gegenüber anderen hält in der christlichen Kirche an. Sie zeigt sich z.Zt. massiv in der Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA; latent ist sie in allen christlichen Konfessionen vorhanden.

Das Kernproblem besteht für die Glaubenden in der Frage, ob es mehr als eine Wahrheit geben kann. Ob also die Exklusivität, die Gott im Islam, Judentum und Christentum für sich beansprucht, auch reziprok für die Glaubenden gilt. Wenn Gott nur Israel erwählt hat, dann können Muslime und Christen nicht zu Gottes Volk gehören; ihr Glaube ist somit falsch.

Die Christen haben sich aus diesem Dilemma mit einem Trick gerettet: Paulus, der erste Theologe der Christenheit, hat die Gotteskindschaft auf Abraham zurückgeführt, und zwar nicht über die (Bluts-)Verwandtschaft, sondern über den Glauben, den Abraham bewies (Galater 3). Wer den Glauben Abrahams hat, gehört zu Gottes Volk. Auf diese Weise haben sich nicht nur die Christen einseitig in das Volk Gottes adoptiert, auch für die Muslime war bereits der Weg bereitet – wie für alle Menschen, die an Gott glauben, ganz gleich welcher Herkunft sie sind.

Kaum aber hatten die Christen sich theologisch einen Platz in Gottes Volk erobert, begannen sie, wie ein Kuckucksküken, die ursprünglichen Kinder Gottes, die Juden, aus dem Nest zu schubsen. Und die Muslime, die sich doch mit gleichem Recht wie die Christen auf Abraham berufen konnten, wollten sie gar nicht erst hineinlassen ins Nest.

Gotthold Ephraim Lessing hat versucht, das Wahrheitsproblem mit seiner „Ringparabel“ zu lösen: Die drei Religionen Christentum, Islam und Judentum sind wie drei gleichartige Ringe, die man äußerlich nicht unterscheiden kann, aber nur einer ist der Ring, der den wahren Erben zeigt. Wie soll man ihn erkennen? Indem der Erbe sich seines Ringes als würdig erweist. Lessing, der als Aufklärer an das Licht im Menschen glaubte, hoffte, dass sich das Wahrheitsproblem auf dem Wege humanistischer Anstrengungen und Ideale von selbst erledigen würde. Die Idee war gut, leider harrt sie bis heute ihrer Verwirklichung. Die Religionen, statt sich gegenseitig an Liebenswürdigkeit, Menschlichkeit, Toleranz zu überbieten, definieren sich noch immer primär durch Abgrenzung.

Was an dieser Abgrenzung besonders schmerzt ist, dass sie gegenüber „anderen“ geschieht. Die Vehemenz, mit der Lesben und Schwulen die Ehe, mit der Frauen früher das Pfarramt verweigert wurde und bis heute das Priestertum verwehrt wird, legen fromme Eiferer nicht an den Tag, wenn es darum geht, Kinder in Afrika vor dem Verhungern oder in Deutschland vor dem Missbrauch zu bewahren; die Gier der Börsianer anzuprangern und die Ungerechtigkeit unseres Wirtschaftssystems zu bekämpfen. 

Als Glaubender bin ich der Überzeugung, dass der Glaube selbstevident ist für den, der den „Sprung“ in den Glaubenszirkel gewagt hat, und keiner Verteidigung, keines Schutzes bedarf. Wenn Gott tatsächlich allmächtig ist, wie wir glauben, benötigt er unseren Eifer nicht, um seinen Glauben zu erhalten. Im Gegenteil. Gott, der sich, wie wir als Christinnen und Christen glauben, zu uns herabbegeben hat, muss es in der Seele weh tun mit anzusehen, wie wir mit denen umgehen, die „anders“ sind (wobei zu fragen ist, wer definiert, wer bzw. was „anders“ ist!). Wenn es einen Beweis der Allmacht und Größe Gottes bräuchte, dann ist es die Tatsache, dass Gott noch nicht völlig über uns verzweifelt ist, weil es uns so gar nicht gelingt, uns menschlich zu verhalten. Deshalb hat mich der Beitrag von Rachel Held Evans so berührt, mir so aus dem Herzen gesprochen: Unsere Priorität ist nicht die „Wahrheit“ des Glaubens, sondern wahrhaftiges Leben als Glaubende.

Zum Schluss möchte ich einen Satz aus dem Post zitieren, den Rachel Held Evans auf ihren so stark kritisierten, aber auch sehr geteilten Post geschrieben hat: „The popularity of Wednesday’s post speaks to a growing desire, among both young and old, for radical change in how we treat one another as Christians and as citizens. Ready or not, a movement is afoot – a movement toward reconciliation, healing, grace, and love. People are ready to lay down their arms, and I am ready to join them.“

 

Christinnen und Christen regieren auf Kritik von außen, speziell von atheistischer Seite, oft äußerst kleinkariert und humorlos. Und manche Christinnen und Christen reagieren auf gesellschaftliche Themen ebenfalls oft äußerst kleinkariert und humorlos. Möglicherweise handelt es sich dabei um die beiden Seiten einer Medaille.

In den USA scheint das die Kirche bestimmende Thema die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu sein, zu der sich Präsident Barrack Obama jüngst zustimmend bekannte. Einige US-Bundesstaaten haben die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Eheschließung als Zusatz zu ihrer Verfassung („amendment“) aufgenommen, obwohl der entsprechende Abschnitt über die Ehe bereits die homosexuelle Ehe ausschließt. Der Verfassungszusatz dient, so die Theologin Rachel Held Evans in einem Blogpost, allein einer ideologischen Zuspitzung. Das Traurige daran ist, dass dieser Verfassungszusatz besonders vehement von Christinnen und Christen gefordert wird – mit Billy Graham als Gallionsfigur an der Spitze.

Rachel Held Evans argumentiert in ihrem Beitrag nicht für die homosexuelle Ehe, sondern respektiert, dass man als Christ/in auch anderer Ansicht sein kann. Sie stellt aber fest, dass unter Theologiestudierenden – ganz gleich, ob sie Befürworter/innen („A“) oder Gegner/innen („B) gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sind, das blanke Entsetzen über die ideologische Borniertheit „ihrer“ Kirche herrscht – und dass viele Menschen ihrer Kirche den Rücken kehren, weil sie nur „dagegen“ ist. Sie argumentiert – gut christlich: „Regardless of whether you identify most with Side A or Side B, (or with one of the many variations within those two broad categories), it should be clear that amendments like these needlessly offend gays and lesbians, damage the reputation of Christians, and further alienate young adults—both Christians and non-Christian—from the Church.“ Mit anderen Worten: Statt eine Ideologie über den Menschen zu stellen, der er sich gefälligst anzupassen hat, stellt sie den Menschen in den Mittelpunkt, wie es Jesus in vielfältiger Opposition zu den „Ideologien“ seiner Zeit getan hat. Wenn man die vielen biblischen Geschichten liest, in denen Jesus bewusst dagegen opponiert, ein Prinzip über den Menschen – ob gläubig oder ungläubig – zu stellen, fragt man sich, wie ein Christenmensch überhaupt darauf kommen kann, das Gegenteil zu tun: Menschen aus ideologischen Gründen auszugrenzen und zu verletzen.

Für diesen Blopost hat sie heftige Kritik einstecken müssen – vor allem von Leuten, die sie als „Nestbeschmutzerin“ verunglimpften, nach dem Motto: Kirche muss zusammenhalten. Darauf hat Jonathan D. Fitzgerald in seinem Blog „patrol“ eine Replik verfasst: „Christianity is Not Above Criticism„. Ihre Gegner werfen ihr vor, sie stünde nicht auf dem Boden des christlichen Glaubens, sondern hänge ihr Glaubensmäntelchen in den jeweiligen modischen Wind – ein Totschlagargument, das immer wieder gern von erzkonservativen Glaubenswächtern benutzt wird. Sie setzen damit wieder den Buchstaben eines Prinzips über den Menschen – statt zu fragen (wie Jesus es tat), wie der Buchstabe in der gegenwärtigen Situation richtig, und das heißt: menschlich angewendet werden kann. Um sich diese Frage stellen zu können, braucht man allerdings ein wenig Vertrauen in den eigenen Glauben: dass dieser nicht gleich zerbröselt und umfällt, wenn man ihn hinterfragt. Es ist befremdlich zu sehen, wie die „Glaubenswächter“ so vehement um Dinge streiten, die in Fragen des Glaubens gemeinhin als „Adiaphora“ gelten, wie z.B. die Gestaltung einer menschlichen Beziehung. Als hinge davon das Seelenheil ab!

 

Noch einmal aus dem eben zitierten Vortrag von Prof. Peter Krusche auf der Tagung der Landessynode der Braunschweigischen Landeskirche vom 8.-10. Mai 1967. Prof. Krusche prägt darin den Begriff des „morphologischen Fundamentalismus“, den er für gefährlicher hält als den biblischen Fundamentalismus. Auch diese Gedanken sind so aktuell, dass ich sie hier zitieren möchte:

Kann es und muß es nicht in unserer Situation von einem evangelischen Umgang mit der Bibel her zu einer Erneuerung unserer Kirche und unserer Gemeindestrukturen kommen? Das ist es, was mich auch, im Hinblick auf die gemachten praktischen Vorschläge immer wieder bewegt. Sind wir nicht im Grunde durch unsere Überlegungen herausgefordert, in der Bemühung um evangelische Verkündigung, um mündige Gemeinde, um den Satz: „Die Bibel in der Hand eines jeden Christen“ sehr viel weiter zu gehen in unseren gottesdienstlichen Strukturen, in einer Schwerpunktbildung der Aufgabenstellung des Pfarrers, sehr viel weiter zu gehen in reformerischen Bemühungen, als wir es bis jetzt getan haben. Natürlich kann man sagen, solche Bemühungen bringen Unruhe, sie machen Arbeit, sie strukturieren etwa im Pfarramt manches um. Sie setzen mündige Laien voraus, die wir nicht haben. Also laßt sie uns zurückstellen! Aber ist es eigentlich in unserer Situation noch möglich zu warten? Hier steht genau betrachtet die Frage der Solidarität (…) auf dem Spiel. Können wir es uns eigentlich leisten, in der jetzi- | gen Stunde dies so großzügig hinzunehmen, daß uns immer mehr Menschen nicht verstehen, daß sie uns „als Gemeinde unterwegs“ nicht mehr erkennen, weil wir es offenbar nicht mehr sind oder weil wir vergessen haben, wie das aussieht?

Ich möchte zum Schluß sagen, daß kirchliche Strukturen, daß die Art, wie wir als Gemeinde leben und zusammenkommen, die Bibel, lesen und Zeugnis geben, u.U. lauter verkündigen, als die Predigt im Gottesdienst. Strukturen predigen heute lauter als das, was wir in ihnen sagen. Und deshalb geht es (…) darum, daß wir die Strukturen dem Wort gemäß gestalten, so daß sie die Sendung der Gemeinde nicht mehr hindern, sondern sie fördern. Das ist ja überhaupt der Sinn jeder strukturellen Ausbildung, jeder Ordnung in der Kirche! Sie sollen nicht die Sendung der Gemeinde abfangen, sondern sie sollen die Sendung der Gemeinde voranbringen. Sie sollen die Zurüstung der Laien in ihrer alltäglichen Situation zu Zeugen Jesu Christi sicherstellen, kontinuierlich machen; allerdings nicht in einem letztgültigen Sinne, sondern offenbar in dem Sinne, daß Strukturen auch flexibel und überprüfbar sein müssen. Wir können prüfen: soll man das machen, soll man jenes lassen? Im Hintergrund muß aber die Frage stehen: wie kommen wir von unserem „morphologischen Fundamentalismus“ weg? Wie kommen wir davon weg, daß wir über „Bibel in der Gemeinde“ reden und zu ganz eindrücklichen Ergebnissen kommen, hier uns auch kritisch zurüsten lassen und eine gewisse Selbständigkeit gewinnen, dann aber den Strukturen unseres Gemeindelebens gegenüber von einer erstaunlich fundamentalistisch-positivistischen Einstellung sind?

Es ist ja heute häufig schon so, daß man über die Frage, wie das mit der Auferstehung ist, absolut kritisch und frei diskutieren kann. Aber wenn es an die Frage geht, wie es mit dem Pfarramt und seiner Organisation sei, dann stößt man auf leidenschaftliche Abwehr. Hier sind doch die Begrif- | fe und Gewichte offensichtlich verschoben. Der „morphologische Fundamentalismus“ scheint mir noch fragwürdiger zu sein als der biblische, denn er zeigt einfach in der Praxis, daß wir es offenbar so ernst mit dem Worte und mit dem Glauben, so ernst mit dem Gehorsam, mit der Sendung und mit der Rechtfertigung garnicht nehmen wie wir vorgeben. Hier wird einfach aufgedeckt, daß wir nicht bereit sind, Konsequenzen zu ziehen, weil wir fürchten, daß wir selbst in unserer Armut und Schwäche aufgedeckt werden könnten.

Nun ist Selbstkritik kein Selbstzweck. Wir sind von Jesus Christus nicht dazu genötigt, unsere Schwäche sozusagen zu Markte zu tragen. Aber hier wird doch gefragt, ob wir bereit sind, Buße zu tun. Buße ist gar kein so erbaulich-inneres Geschehen, wie wir manchmal meinen, sondern Buße tun heißt ganz einfach, aus dem Hören Konsequenzen ziehen, zu dem Leben, zu dem Gehorsam, zu dem Glauben zurückkehren, zu denen uns das Wort ruft.

Ich meine, daß sich dann aus der Frage: „Umgang mit der Bibel in der Gemeinde“ Konsequenzen ergeben können, die in der Struktur und Gestalt unserer Kirche so deutlich Ausdruck finden, daß wir an Glaubwürdigkeit in unserer heutigen Zeit nicht pausenlos verlieren, sondern an ganz bestimmten Punkten wieder an Glaubwürdigkeit gegenüber der jüngeren, aber auch der älteren Generation gewinnen.“

Beim Einscannen von Rundschreiben unseres Altbischofs Dr. Heintze aus den 60er Jahren bin ich auf ein Schlusswort gestoßen, das Prof. Peter Krusche auf der Tagung der Braunschweiger Landessynode zu „Bibel und Gemeinde“ vom 8.-10. Mai 1967 gehalten hat. Darin äußert er sich kritisch zu einem biblizistischen (oder fundamentalistischen) Glauben mit Argumenten, die ich für sehr überzeugend und sehr aktuell halte, weshalb ich die Passage hier zitieren möchte:

 

„Es ist in unserer Diskussion an einigen Stellen die Frage aufgetaucht, warum denn nicht auch das Fürwahrhalten von im Kerygma berichteten Fakten und Tatsachen Geltung beanspruchen könne. Ob man nicht in einer gewissen Großzügigkeit, in der Freiheit eines Christenmenschen dieses im Grunde biblizistische Verständnis von Glauben gelten lassen könne. Ich habe heute vormittag bereits gesagt, daß ich durchausVerständnis dafür aufbringe, allerdings auch nur bis  zu einem gewissen Punkt. Martin Luther hat dieses Fürwahrhalten von berichteten Fakten in bestimmter Hinsicht scharf kritisiert, nämlich dort, wo eine Verwechslung zwischen dem rechtfertigenden Glauben, der sich allein an das Wort, allein an Jesus Christus hält, und einem Fürwahrhalten von Fakten und berichteten Tatsachen, die niemals rechtfertigen können, eintreten könnte. Dieses Fürwahrhalten, meine sehr verehrten Damen und Herren, liegt im Bereich der frommen Leistung und kann nicht rechtfertigen. Mag man also aufs Ganze gesehen mit den Menschen großzügig umgehen, die da sagen: „ich blicke hier mit einer gewissen Naivität in die Heilige Schrift; ich bin nicht angekränkelt von Kritik und Skepsis und sehe mich nicht gedrungen, weiter zu fragen und zu prüfen, ob diese Fakten haltbar sind oder wie sie verstanden | werden müssen im Blick darauf, was dahinter liegt, was sie bedeuten, was mir im Kerygma unter Bezugnahme auf diese Fakten verkündigt werden soll“. Man wird das aber nur bis zu einem gewissen Punkt gelten lassen dürfen. Geht diese Einstellung so weit, daß an die Stelle des rechtfertigenden Glaubens die fromme Leistung des Fürwahrhaltens tritt, dann muß dieses Mißverständnis um der reformatorischen Partikel willen: allein das Wort, allein Christus, allein der Glaube, zurückgewiesen werden. Geschieht das nicht, handeln wir seelsorgerlich leichtfertig. Martin Luther ist nicht müde geworden, auf die schrecklichen Konsequenzen hinzuweisen, die immer dann eintreten, wenn der Glaube zu einer Leistung entartet, die dann in der Anfechtung zusammenbricht und den Menschen in tiefste Verzweiflung stürzt. Weil Leben und Tod auf dem Spiele steht, gibt es hier Exklusivität, kritische Einstellung, besteht die Notwendigkeit, den reformatorischen Ansatz durchzuhalten. Es ist natürlich in unser seelsorgerliches Ermessen gestellt, wie weit wir hier im Zeichen der Freiheit eines Christenmenschen großzügig sein können; ob wir Ansätze für ein Gespräch suchen, oder ob wir mit einer gewissen Schärfe, die auch aus der Bibel kommt, warnen und Mißverständnisse ausräumen müssen. Es geht letztlich in diesen Dingen immer wieder um die Menschen. Ihr Heil, ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Ich betrachte von daher gesehen das Thema: „Bibel und Gemeinde“ nicht als ein theoretisch abzuhandelndes Thema, sondern es geht eben um des „sola scriptura“ der Reformation willen (allein die Schrift), hier um Aussagen, die an den Bereich der Entscheidung – Scheidung von Glaube und Unglaube – herankommen.“