Jean Paul, Europa und ein Journalismus-Prof.

Heute zwei wunderbare Perlen im Feuilleton der SZ:Dankesrede von Brigitte Kronauer anlässlich der Verleihung des Jean-Paul-Preises über Jean Paul als „allmächtigen Gleichnis-Schöpfer“, die in einem Plädoyer gipfelt, ihn zu lesen: „lesen wir ihn … als unseren Zeitgenossen!“

Von Navid Kermani stammt eine Rede, die er am Sonntag im Dt. Theater Berlin im Rahmen der Reihe „Reden über Europa“ gehalten hat und in der er jenseits aller wirtschaftlichen Überlegungen für das Freiheitsprojekt Europa eintritt, das jüdisch-christliche Wurzeln hat und anfangs eine Vision einer Minderheit der Dichter und Denker war. „… der politische und in vielen Fällen auch biographische Impuls, ein einiges Europa zu denken, war nicht die Erfahrung des Krieges, sondern des nationalen Chauvinismus.“ Eine politische Überzeugung, für die man bereit ist, sich einzusetzen, braucht eigene Erfahrung. Die Frage heute lautet: „In welcher Gesellschaft will ich leben?“ Die Europagegner streben einen nationalen Chauvinismus an, der jenem entspricht, der im 19. Jahrhundert die Ausbildung des europäischen Gedankens bewirkte. Man erkennt diesen Chauvinismus u.a. an „der verächtlichen Rhetorik gegenüber Minderheiten, der Aufkündigung jedweder Solidarität, sei es gegenüber den Schwachen in der eigenen Gesellschaft, sei es gegenüber den Armen in der Welt“. Was dem Freiheitsbegriff, den auch die Europagegner vertreten, fehlt, ist das Moment der Solidarität – 1789 hieß es „Brüderlichkeit“. Die Solidarität bildet die Differenz zum antiken Freiheitsbegriff der polis, bei dem sich die Freiheit nur auf die Bürger der Polis bezieht. „Damit ist der antike Freiheitsbegriff in seinem Wesen gerade nicht universal, kann es nicht sein.“ „Das religiöse Moment, das in die Aufklärung eingegangen ist, damit auch in das europäische Projekt, liegt in der Erweiterung des politischen Raums, der polis, auf alle Menschen, gleich welcher Rasse, Religion und Herkunft: Alle Menschen werden Brüder.“

Und auf der Medienseite eine weitere Perle: Ein Bericht über David Protess, em. Prof. für investigativen Journalismus an der Uni von Chicago, der mit seinen Studierenden fünf Fehlurteile aufdeckte und so fünf unschuldig Verurteilten zur Freiheit verhalf – dafür rächt sich die Staatsanwaltschaft jetzt an ihm, und auch die Uni hat sich von ihm getrennt.

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