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Archiv für den Monat Oktober 2011

Slavoj Zizek: Aggressives Schweigen. Die Occupy-Bewegung ist in Gefahr

in: Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 27. Oktober 2011

 

„Das Tabu ist gebrochen, wir leben nicht in der besten aller Welten, wir dürfen nicht nur, wir sollten sogar über Alternativen nachdenken.“

„Ein langer Weg liegt vor uns. Bald werden wir uns den wirklich schwierigen Fragen widmen müssen – Fragen, die sich darum drehen, was wir wollen, und nicht mehr, was wir nicht wollen. Welche Gesellschaftsform ist imstande, den bestehenden Kapitalismus zu ersetzen? Von welchem Schlage müssen die neuen Anführer sein? Und welche Organe, einschließlich jener der Kontrolle und Gewaltausübung, brauchen wir? Die Alternativen, die uns das 20. Jahrhundert aufgezeigt hat, waren bekanntlich keine guten.“

„Sie [die Demonstranten, GS] werden als Träumer abgetan, aber die wahren Träumer sind jene, die glauben, dass die gegenwärtigen Verhältnisse – mit einigen wenigen kosmetischen Korrekturen – für immer fortbestehen könnten. Sie sind keine Träumer, sie erwachen vielmehr gerade aus einem Traum, der dabei ist, sich in einen Alptraum zu verwandeln. Sie zerstören nichts, sie reagieren nur auf die Art und Weise, wie sich das System nach und nach selbst zerstört.“

„Man sollte in dieser Phase der Versuchung widerstehen, die Energie der Proteste auf die Schnelle in eine Reihe ‚konkreter‘ Forderungen zu übersetzen. Ja, die Proteste haben ein Vakuum geschaffen – ein Vakuum im Feld der vorherrschenden Ideologie. Man braucht Zeit, dieses Vakuum in angemessener Weise zu füllen, denn es ist ein bedeutungsschwangeres Vakuum, es eröffnet wahrhaft Neues.“

„Man sollte immer daran denken, dass jede im Hier und Jetzt geführte Debatte notwendigerweise immer eine Debatte auf feindlichem Gebiet bleiben muss: Es braucht Zeit, die neuen Inhalte in Stellung zu bringen. Alles, was wir jetzt sagen, kann uns weggenommen werden – alles, nur nicht unser Schweigen.“

 

Zwei Gedanken dazu:

(1) (politisch, im weitesten Sinne)

Slavoj Zizek redet von „uns“ und „wir“. Ist die Occupy-Bewegung eine einheitliche Bewegung? Gehört er dazu, besetzt er irgendwo einen Platz, oder vereinnahmt er die Bewegung für sich und seine Ziele, indem er sich mit ihr solidarisiert? „Darf“ er das, „darf man“ das: sich eine Bewegung deuten als eine Bewegung in die eigene Richtung, in die Richtung des eigenen Anliegens? Kann es nach all den Erfahrungen mit historischen „Bewegungen“ überhaupt noch eine Bewegung geben, die eine „gute“ Bewegung ist, die in die „richtige“ Richtung geht? Die aktuellen „Bewegungen“ der „Wutbürger“ lassen Schlimmes befürchten. Und wer würde die richtige Richtung definieren, Slavoy Zizek? Ist das dann der „neue Anführer“, von dem er spricht?

Ich hinterfrage seine Suche nach einem neuen „System“: Welcher -ismus kommt nach dem Kapitalismus? Das ist der 10. Schritt vor dem nächsten, den er ganz richtig als Schweigen benennt, dass ja auch mein, Ihr und damit „unser“ Schweigen werden könnte.

 

(2) (kirchenpolitisch, im engeren Sinne)

Wann wird die erste Kirche besetzt? Wann kommt die Occupy-Bewegung in der Kirche an? Vor einigen Jahren hatte eine kath. Gemeinde ihre Kirche in Worpswede besetzt, um gegen deren geplante Schließung zu protestieren. Mich hat diese Besetzung als Aktion der Gemeinde „von unten“ beeindruckt, ich habe aber nicht mehr verfolgt, was daraus geworden ist. Das könnte auch das Schicksal aller Occupy-Bewegungen werden: Wenn keine/r mehr hinsieht und hinhört, hat das Besetzen ein Ende. Es sei denn, die BesetzerInnen machen weiter, machen etwas Neues.

Unsere (Landes-)Kirche, die sich dem System, in dem sie existiert, angepasst hat und weiter anpasst – siehe das jüngste Schreiben des Landeskirchenamts zur Anpassung der Dienstzeit der Pfarrer an das allgemeine Beamtenrecht – kollabiert mit dem System. Der Satz Zizeks „die wahren Träumer sind jene, die glauben, dass die gegenwärtigen Verhältnisse – mit einigen wenigen kosmetischen Korrekturen – für immer fortbestehen könnten“, gilt auch für die Kirche. Es wird sich grundsätzlich etwas ändern müssen – nur, was?

Die Antwort ist – Schweigen. Und das ist ja vielleicht die richtige Antwort, einstweilen.

 

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Heute zwei wunderbare Perlen im Feuilleton der SZ:Dankesrede von Brigitte Kronauer anlässlich der Verleihung des Jean-Paul-Preises über Jean Paul als „allmächtigen Gleichnis-Schöpfer“, die in einem Plädoyer gipfelt, ihn zu lesen: „lesen wir ihn … als unseren Zeitgenossen!“

Von Navid Kermani stammt eine Rede, die er am Sonntag im Dt. Theater Berlin im Rahmen der Reihe „Reden über Europa“ gehalten hat und in der er jenseits aller wirtschaftlichen Überlegungen für das Freiheitsprojekt Europa eintritt, das jüdisch-christliche Wurzeln hat und anfangs eine Vision einer Minderheit der Dichter und Denker war. „… der politische und in vielen Fällen auch biographische Impuls, ein einiges Europa zu denken, war nicht die Erfahrung des Krieges, sondern des nationalen Chauvinismus.“ Eine politische Überzeugung, für die man bereit ist, sich einzusetzen, braucht eigene Erfahrung. Die Frage heute lautet: „In welcher Gesellschaft will ich leben?“ Die Europagegner streben einen nationalen Chauvinismus an, der jenem entspricht, der im 19. Jahrhundert die Ausbildung des europäischen Gedankens bewirkte. Man erkennt diesen Chauvinismus u.a. an „der verächtlichen Rhetorik gegenüber Minderheiten, der Aufkündigung jedweder Solidarität, sei es gegenüber den Schwachen in der eigenen Gesellschaft, sei es gegenüber den Armen in der Welt“. Was dem Freiheitsbegriff, den auch die Europagegner vertreten, fehlt, ist das Moment der Solidarität – 1789 hieß es „Brüderlichkeit“. Die Solidarität bildet die Differenz zum antiken Freiheitsbegriff der polis, bei dem sich die Freiheit nur auf die Bürger der Polis bezieht. „Damit ist der antike Freiheitsbegriff in seinem Wesen gerade nicht universal, kann es nicht sein.“ „Das religiöse Moment, das in die Aufklärung eingegangen ist, damit auch in das europäische Projekt, liegt in der Erweiterung des politischen Raums, der polis, auf alle Menschen, gleich welcher Rasse, Religion und Herkunft: Alle Menschen werden Brüder.“

Und auf der Medienseite eine weitere Perle: Ein Bericht über David Protess, em. Prof. für investigativen Journalismus an der Uni von Chicago, der mit seinen Studierenden fünf Fehlurteile aufdeckte und so fünf unschuldig Verurteilten zur Freiheit verhalf – dafür rächt sich die Staatsanwaltschaft jetzt an ihm, und auch die Uni hat sich von ihm getrennt.