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Archiv für den Monat August 2011

Hier soll es darum gehen, einige Probleme des Lebens im Pfarrhaus aufzuzeigen. Es handelt sich nicht um eine soziologische Studie; Basis sind allein die Erfahrungen aus dem Leben in bisher zwei Pfarrhäusern und dem mehr oder weniger engen Miterleben aus etwa einem dutzend weiteren, überdies beschränkt auf die Verhältnisse in der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig. Es handelt sich um eine möglichst sachliche Beschreibung – soweit einem das als persönlich Betroffenen möglich ist.

N.B.: Ich verwende die weibliche Form „Pfarrerin“ als Inklusivform, meine damit also sowohl Pfarrer (wie mich) und Pfarrerinnen.

 

Das Pfarrhaus ist das Paradox eines öffentlichen Privatraums. Privat ist dieser Raum, insofern zugestanden wird, dass den Bewohnern ein gewisses Maß an Privatheit zusteht. Dabei fällt auf, dass Besucherinnen des Pfarrhauses i.d. Regel nicht von ihrem Bedürfnis an Privatheit ausgehen. Sie legen eine Schwelle an, die ihnen angemessen erscheint, die aber weit unterhalb dessen liegt, was sie selbst zu tolerieren bereit wären. So wird es bspw. nicht als übergriffig empfunden, Fenster und Türen des Pfarrhauses zu beobachten; bei Besuchen die Auswahl der Möbel, der Tischwäsche, der Gardinen, des Geschirrs, der Speisen und Getränke zu kommentieren, ebenso wie die (anhand des brennenden oder gelöschten Lichtes) ermittelten Wach- und Schlafzeiten. Es ist bekannt, wo das Amtszimmers der Pfarrerin (wenn es sich im Pfarrhaus befindet) und das Schlafzimmer liegt und wie lange dort Licht brennt. Müllart und -menge werden ebenso kommentiert wie der tägliche Einkauf, kurz: Die Pfarrerin lebt auch ihr Privatleben im Pfarrhaus zu einem nicht unerheblichen Teil unter den Augen der Öffentlichkeit.

Man ist geneigt, dies als das Maß sozialer Kontrolle zu verbuchen, das man nun einmal ertragen muss – bis man feststellt, dass man sich anderswo derart übergriffiges Verhalten verbittet. Viele Pfarrhäuser sind so einsichtig, so hellhörig (bzw. geben durch die angrenzenden Gemeinderäume so vielen Menschen Anteil am Leben der Pfarrerin), dass es schwer fällt, einen Ort für wirklich Privates zu finden. Mein Vorgänger ging in den Keller, wenn seine Frau und er Streit miteinander hatten.

 

Obwohl oft Vorkehrungen getroffen wurden, den Amtsbereich vom Privatbereich auch baulich zu trennen (durch separaten Eingang, durch Einbau einer Zwischentür), ist die Nähe zwischen beruflich und privat oft sehr groß. Besucher benutzen die gleiche Tür, blicken beim Eintreten in den privaten Wohnbereich. Noch schwieriger wird die Trennung zwischen öffentlich und privat, wenn die Pfarrwohnung Teil des Gemeindehauses ist oder mit diesem einen Gebäudekomplex bildet. Dadurch hat man mehrmals in der Woche ungewollt Anteil an den Proben von Chören, aber auch an Feiern, wenn das Gemeindehaus vermietet wurde. Konflikte können entstehen, wenn das Ruhebedürfnis der Pfarrerin mit – oft spontanen – Lärm verursachenden Nutzungen des Gemeindehauses kollidieren; wenn z.B. der Aufenthalt im Wohnzimmer oder auf der Terasse durch Probenarbeit unmöglich wird, oder wenn man sich nach einem anstrengenden Gottesdienst aufs Sofa legen möchte, unter einem aber gerade ein Geburtstag gefeiert wird oder die Pfadfinder sich zum Liedersingen versammeln.

Die Pfarrerin nimmt auf diese Weise ungewollt Anteil an allen Aktivitäten im Haus. Das gilt auch für andere, an das Pfarrhaus angrenzende Gebäude. Mein erstes Pfarrhaus bildete mit dem kirchlichen Kindergarten und dem Gemeindehaus einen Gebäudekomplex. Der Architekt hatte die Toiletten der Mitarbeiterinnen des Kindergartens direkt gegenüber der Terasse der Pfarrwohnung gebaut, so dass man während der Sommermonate (wenn man Zeit hatte, draußen zu sitzen) unweigerlich Zeuge der Verdauungstätigkeit der Mitarbeiterinnen wurde.

Einbrüche sind unter den Aktivitäten, an denen die Pfarrerin Anteil nimmt, ein besonderes Kapitel. Ich habe in meiner bisherigen Amtszeit etliche Einbrüche in Gemeinderäume erlebt. Belastend sind dabei die Angst und Verunsicherung für einen selbst und die Familie – mit der Frage, ob die Einbrecher demnächst auch in die Pfarrwohnung einsteigen werden. Immer folgt auf einen Einbruch sehr viel Arbeit. Einbrecher haben ein sicheres Gespür dafür, wann die Arbeitsbelastung der Pfarrerin besonders groß ist, und wählen gerade diesen Zeitpunkt für ihren Einbruch aus.

 

Wenn Pfarrhaus und Gemeindehaus eine Einheit bilden, befindet sich die Pfarrerin in einer Zwickmühle: Einerseits muss es in ihrem Sinne sein, wenn das Gemeindehaus möglichst rege genutzt wird. Es sind Gruppen ihrer Gemeinde, die sich da treffen – und die nicht selten darauf warten, dass die Pfarrerin vorbeischaut; sie wohnt schließlich im selben Haus und hat doch wohl nichts Besseres zu tun.

Auch einer Vermietung wird die Pfarrerin nicht generell widersprechen, sie bringt Geld in die Gemeindekasse. Wenn allerdings das vereinbarte Ende der Mietzeit überschritten wird, wenn Nachbarn sich durch die Vermietung gestört fühlen, wenn die Mieter Schäden am Haus verursachen – dann ist es die Pfarrerin, die sich darum kümmern muss.

 

Auf der anderen Seite steht das Ruhe- und Erholungsbedürfnis der Pfarrerin, der Wunsch nach und das Recht auf Privatheit. Die Pfarrerin selbst muss ihr Recht, ihr Bedürfnis durchsetzen. Die Gruppen, die das Gemeindehaus nutzen, die Privatpersonen, die es mieten, haben dafür kein Verständnis. Eine Gruppe, die man bittet, ihre Extraprobe nicht im Gemeindehaus, sondern in einem anderen Raum durchzuführen, reagiert enttäuscht oder sogar wütend, weil sie ihren angestammten Raum nicht benutzen soll, womöglich (durch den Transport von Noten und Pulten oder den Aufenthalt in der kalten Kirche) Unannehmlichkeiten auf sich nehmen muss. Manche Mieter stehen sogar auf dem Standpunkt: Ich komme sowieso nicht wieder, also kann ich mich benehmen, wie ich will. Es gibt i.d. Regel niemanden, der darauf achtet, dass die Pfarrerin Zeiten ungestörter Ruhe verbringen kann; auch von den Gruppenleiterinnen kann sie solche Rücksichtnahme nicht erwarten.

 

Bei der Nutzung und der Vermietung der Gemeinderäume kann man zudem die Erfahrung machen, dass mit dem Eigentum der Gemeinde ganz anders umgegangen wird als mit Privateigentum: Es wird rücksichtslos behandelt; es wird nicht oder nur flüchtig sauber gehalten; Müll wird nur widerwillig entsorgt; Schäden werden nicht oder nur notdürftig behoben; Material wird nicht wieder ordentlich zurückgeräumt, Verbrauchtes nicht ergänzt. Gibt es eine Küche, bleibt oft Kaffee in den Kannen zurück und verschimmelt; Essen im Kühlschrank verdirbt; Geschirr bleibt ungespült. Wenn keine Hausmeisterin oder Küsterin für das Gemeindehaus verantwortlich sind, wenn es keine tatkräftigen Ehrenamtlichen (meist Frauen) gibt, die das Haus regelmäßig nutzen und putzen, ist die Sorge um das Haus, die Instandhaltung und Pflege ebenfalls Sache der Pfarrerin.

 

Jedes Gemeindehaus hat auch ein Außengelände – und das macht Arbeit. Wer räumt im Herbst das Laub, im Winter die Wege? Wer jätet das Unkraut, wer sammelt Müll
auf? In Zeiten gemeindlichen Wohlstands gab es dafür Mitarbeiterstunden; in heutiger Zeit finanzieller Knappheit bleibt diese Arbeit liegen. Es bleibt der Schmerzgrenze der Pfarrerin überlassen, sich um Abhilfe zu kümmern – oder selbst Hand anzulegen. Wenn die Pfarrerin Wert auf die Erhaltung und einen guten, jederzeit eine Nutzung ermöglichenden Zustand des Gemeindehauses legt, muss sie dafür sorgen; in der Gemeinde ist ein Verantwortungsgefühl für die eigenen Räume selten vorhanden. In einem besonders schneereichen Winter gab man mir, nachdem ich alle Wege und Zugänge freigeschaufelt hatte, zu verstehen, ich hätte doch anrufen können, dann hätte man gern geholfen …

 

Zum Außengelände zählt der Pfarrgarten. Auch er teilt die öffentliche Privatheit des Pfarrhauses. Oft grenzt der Pfarrgarten an den der Gemeinde, oder es gibt gar keinen Unterschied. Der Pfarrgarten ist meist offen einsehbar; dann fällt auch er der Beobachtung und Kommentierung durch Gemeindeglieder und Passanten anheim. Die ersten Schritte unseres Kindes wurden durch einen Nachbarn, der vom mehrstöckigen Nachbarhaus freie Sicht in unseren Garten hatte, fotografisch dokumentiert – ohne unsere Einwilligung, versteht sich.

Zuständig für die Pflege des Gartens ist die Pfarrerin. Das heißt, dass sich in Zeiten einer Vakanz niemand dafür verantwortlich fühlt. Als ich in mein erstes Pfarrhaus einzog, stand das Gras auf dem Rasen hüfthoch, weil niemand es für nötig befunden hatte, den Rasen zu mähen. Andererseits hatten sich Gemeindeglieder um die vom Vorgänger zurückgelassenen Pflanzen gekümmert und sie in ihre eigenen Gärten transferiert.

Gartenarbeit fällt in eine arbeitstechnische Grauzone: Sie gehört nicht zu den Dienstpflichten einer Pfarrerin. Doch der Garten ist eine Visitenkarte auch für die Gemeinde und sollte deshalb gepflegt werden. Und schließlich möchte die Pfarrerin den Garten auch zur Erholung nutzen.

 

Wenn die Pfarrwohnung Teil der Gemeinderäume ist, wird die Pfarrerin automatisch zur Hausmeisterin. Das beginnt mit der Bitte, die Räume aufzuschließen, weil der Schlüssel vergessen wurde, und endet nicht mit dem Problem Jugendlicher, die sich auf dem Gemeindegelände betrinken. Die Pfarrwohnung eines Kollegen grenzte an einen öffentlichen Platz, auf dem jedes Wochenende Saufgelage stattfanden, die bis spät in die Nacht dauerten. Wenn die herbeigerufene Polizei die Jugendlichen vertrieb, waren sie nach einer halben Stunde wieder da. Nachdem alle Möglichkeiten ausgeschöpft waren, konnte und wollte der Kollege nicht mehr im Pfarrhaus wohnen. Der Kirchenvorstand widersetzte sich seinem Auszug, weil dann niemand mehr da wäre, der Aufsicht über das Grundstück und das Gemeindehaus ausübt.

Man kann das Anliegen des Kirchenvorstands verstehen. Man fühlt sich gedrängt, den Jugendlichen zu helfen, ihnen eine Perspektive zu bieten (was mein Kollege anfangs auch versucht hatte). Andererseits besteht die Notwendigkeit und die Pflicht der Pfarrerin, ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten (was nach einer durchwachten Nacht schwierig ist). Und es gibt auch für Pfarrerinnen das Recht auf ein gewisses Maß an Lebensqualität.

 

Die Pfarrerin sieht sich im öffentlich-privaten Raum ihres Pfarrhauses diversen Konflikten ausgesetzt, die fast immer ihr Rollenbild tangieren (Zuwendung zu Gemeindegruppen; Hilfsbereitschaft; Offenheit für Anliegen; Hinwendung zu Benachteiligten oder sozial Randständigen; Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten, um nur einige, beliebig ergänzbare Schlagworte zu nennen). 

Sie sieht sich einer Beobachtung ausgesetzt, die das Maß sozialer Kontrolle, die jede im Ort zu ertragen hat, weit übersteigt. 

Von ihr wird Verantwortung nicht nur für die eigene Wohnung, sondern für das gesamte Gebäude erwartet.

Mit all diesen Konflikten, mit der Verantwortung und der öffentlichen Beobachtung muss die Pfarrerin selbst zurecht kommen. Sie muss lernen, damit umzugehen oder sie auszuhalten. Hilfe oder Verständnis dafür erfährt sie in den seltensten Fällen. Im Gegenteil – das Wohnen in den oft sehr schönen Pfarrhäusern mit großzügig bemessener Wohnfläche wird ihr geneidet. Sie hat den Eindruck, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Die Nachteile (Heizkosten, Pflegeaufwand und die eben aufgezählten Bedingungen des Lebens im Pfarrhaus) werden von den Neidern nicht wahrgenommen. Die Gemeinde interessiert sich nicht dafür, wie es sich im Pfarrhaus lebt.

 

Die Pfarrerin ist keine Berühmtheit, aber sie ist in ihrer Gemeinde eine Person des öffentlichen Interesses. Je ländlicher oder je enger die Gemeinde, desto größer ist die soziale Kontrolle, desto öffentlicher lebt die Pfarrerin ihr Leben. Der Versuch, sich einen Privatraum zu schaffen und ihn gegen Übergriffe von außen zu verteidigen, führen zu einer Belastung, die zur Arbeitsbelastung hinzukommt. Dieser Anteil an real zu leistender Arbeit findet m.W. bisher keine Berücksichtigung. Ebenso gibt es m.W. bisher keine Sensibilität dafür, Pfarrerinnen, deren Wohnung Teil eines Gemeindehauses ist, zu entlasten; allein steuerlich kann man die dadurch entstehenden Benachteiligungen geltend machen. Dies ist immerhin als ein Anerkenntnis zu verstehen, dass solche Nachteile existieren.

Das Rollenbild „Hausmeisterin“ und „Sozialarbeiterin“ ist im klassischen Pfarrmodell nicht vorgesehen. Pfarrerinnen übernehmen zusehends diese Pflichten mit – das wird Auswirkungen auf das Rollenbild haben. 

 

P.S.: Deutschlandradio Kultur hat eine Sendung zum Ev. Pfarrhaus gemacht: „Das Evangelische Pfarrhaus – ein Abgesang“