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Archiv für den Monat Juli 2011

‚And the sins of the fathers shall be visited upon the heads of the children, even unto the third and fourth generation of them that hate me.‘

Well, then, I hate Thee, unrighteous picture;
Wicked image, I hate Thee;
So, strike with Thy vengeance
The heads of those little men
Who come blindly.
It will be a brave thing.

[Stephen Crane, Schwarze Reiter. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig, Leipzig (Insel-Verlag) 1985, 18]

Wie ist das mit der Vorfahrenschuld? Man stolpert über diesen Zusatz zum dritten der zehn Gebote, wo es von Gott heißt, dass er „die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen“ (Deuteronomium 5,9/ Exodus 20,5). Ein unerträglicher Gedanke, dass Kinder, die keine Schuld trifft, für die Fehler und Verbrechen ihrer Väter büßen müssen! Was ist das für ein Gott, der so etwas über die Menschen verhängt?

Dass die Kinder für die Schuld der Väter büßen müssen, kommt auch noch in einem anderen Zusammenhang in der Bibel vor. Beim Propheten Ezechiel heißt es: „Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: ‚Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden‘? So wahr ich lebe, spricht Gott JHWH: dies Sprichtwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. (…) Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott JHWH, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinem Weg und am Leben bleibt?“ (Ezechiel 18,2-3.23)

Dort sollen die Kinder für die Schuld ihrer Väter büßen, hier wird dem massiv widersprochen – wie geht das zusammen? Bei der Antwort auf diese Frage hilft ein Blick in die Geschichte. Und zwar zunächst in die Zeitgeschichte: Ein Blick in den Umgang unserer Eltern und Großeltern mit Schuld und Leid.

Auch ungesagte, verschwiegene, unterdrückte Erinnerungen der Elterngeneration teilen sich den Kindern mit und entfalten ihre Wirkung – nach neueren Untersuchungen gilt das auch für die deutschen Kriegskinder, die Erwachsenen, die ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs erlebten. (…) Viele der damaligen Kinder, so der Befund einer psychoanalytischen Langzeitstudie, waren unbewusst mit dem Schicksal ihrer Eltern derart verflochten, dass sie auch später nicht ihr eigenes Leben zu leben schienen. Mittlerweile ist man dabei, die Auswirkungen der Kriegskindheiten auf die dritte Generation – die Kinder der Kriegskinder – zu sehen und zu verstehen. Und unwillkürlich wird man erinnert an das Wort aus dem Buch Numeri: ‚Der Herr lässt niemand ungestraft, sondern sucht heim die Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.‘ (4.Mose 14,18)

[Kristina Kühnbaum-Schmidt, Der Wunsch nach Gedenken und der Schmerz der Erinnerung, in: Rammler, D, Strauß, M. (Hg.), Kirchenbau im Nationalsozialismus. Beispiele aus der braunschweigischen Landeskirche, Wolfenbüttel 2009 (ISBN 978-3-9809731-8-2), S. 74-85, 84]

Man nennt das „transgenerationelle Weitergabe“ von Schuld, und so könnte man die Bibelstellen, in denen davon die Rede ist, dass Gott die Schuld der Väter an den Kindern heimsucht, zunächst einmal als Beschreibung eines Sachverhaltes verstehen: Offenbar wird Schuld (und erfahrenes Leid), wenn sie nicht bekannt und erinnert wird, an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben. Nicht nur die in unserer jüngsten Geschichte begangene und erfahrene, sondern bereits die zu biblischen Zeiten. Es gehört zum Menschsein, dass unausgesprochene und unvergebene Schuld an die nächste(n) Genration(en) weitergegeben wird. – So gesehen wird den Kindern, die diese unausgesprochene Schuld ihrer Eltern erleiden, ein Ausweg eröffnet, indem Gott die Verantwortung dafür übernimmt, sie ihnen aufgebürdet zu haben. Sie können ihre Verzweiflung darüber, ihre Wut, ihren Hass an Gott abarbeiten und müssen das nicht an ihren Eltern tun – die das nicht verstehen, die vielleicht gar nicht mehr leben. Die für uns anstößige Rede, dass Gott die Schuld der Eltern an den Kindern heimsucht, schafft den betroffenen Kindern einen Freiraum, in dem sie sich an Gott wenden und so die Kette der Schuldweitergabe zerbrechen und diese aufgebürdete Schuld loswerden können.

Aber es gibt auch noch eine andere, ergänzende Möglichkeit des Verstehens, zu der ein tieferer Blick in die Geschichte verhilft. Die Zehn Gebote, so fundamental und ursprünglich sie heute erscheinen, sind nicht so alt, wie der biblische Zusammenhang glauben macht; sie sind im Vergleich zu anderen Bibeltexten „jüngeren“ Datums und stammen aus der Zeit das Babylonischen Exils, in dem auch der oben zitierte Prophet Ezechiel gelebt hat. Nachdem 587 v.Chr. Jerusalem erobert worden war, wurden große Teile der Bevölkerung ins babylonische Exil verschleppt. Die Erfahrung des Exils war für das jüdische Volk ähnlich traumatisch wie für uns Heutige der Zweite Weltkrieg und die Schoah, sie hatte weitreichende Auswirkungen auch auf das theologische Denken. Der Fall Jerusalems und die Exilierung wurden als Folge der Schuld Israels verstanden; sie waren Gottes Strafe, die die unschuldigen Kinder ebenso traf wie die schuldbeladenen Väter.

Die Theologen der Exils-Zeit … mußten beim Stichwort der Gottes-Strafe konkret an die Erfahrung der nationalen Katastrophe denken, die ihnen wie die Folge aus einer generationenlangen Geschichte von Verschuldung an Gott erscheint (vgl. bes. 2.Kön. 17,7ff.; 23,26-27; 24,20). Diese Geschichte der ‚Schuld der Väter‘ (die ‚Väter‘ im Plural, als Kollektivum!) ist im Jahre 586 v.Chr. zu einem bitteren Ende gekommen; aber wenn das Denken dieser Theologen nur auf dieses Ende ausgerichtet gewesen wäre, hätten sie kein Gesetzes- und Geschichtswerk [das Deuteronomium bzw. das deuteronomistische Geschichtswerk, GS] mehr zu schreiben brauchen. So wird gerade für sie die positive Fortsetzung in V. 10 von besonderer Bedeutung gewesen sein: der Gott, der ‚Treue praktiziert‘ (‚tut‘); er wird aktiv, wie er schon immer zuverlässig, gütig und helfend gehandelt hat. Dieser Wille Gottes ist um ein Vielfaches stärker als derjenige, der wie ein Bestrafen empfunden werden muss (1000:4).

[Martin Rose, 5.Mose Teilband 2 (Zürcher Bibelkommentare AT 5.2), Zürich 1994 (ISBN 3-290-10914-3), 426]

Die biblische Rede vom „eifernden Gott, der die Missetat der Väter heimsucht“, ist anstößig und schwer zu ertragen. Man kann sie historisch verstehen. Sie kann ihr seelsorgerliches Potenzial an Betroffenen entfalten. Darüber hinaus meine ich, ist es wichtig, dass die Aussagen über Gott wiedersprüchlich bleiben, dass wir Gott nicht gänzlich erklären, verstehen, festlegen können. Es gehört zum Lebendigsein eines jeden Menschen, dass sie, er nicht gänzlich zu verstehen, zu erklären, festzulegen ist. Das Stolpern über die biblischen Texte, das Anstößige ist nötig. – Wenn wir den lebendigen Gott festgelegt zu haben meinen, ist er tot. Dann ist er ein Götze. Dann hat er uns nichts mehr zu sagen.