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Archiv für den Monat Mai 2011

Vortrag von Frau OKRin Dr. Mareile Lasogga (Referentin für Theologische Grundsatzfragen der VELKD, Hannover – Kurzbio) „Zwischen Seelsorge und Management – Perspektiven des Pfarramtes angesichts aktueller Veränderungsprozesse in Kirche und Gesellschaft“ im Braunschweiger Pfarrkonvent am 11. Mai 2011.

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Vorbemerkung: Ich gebe diesen Vortrag wieder, weil Frau Dr. Lasogga darin das Pfarramt inhaltlich hinsichtlich seines Verkündigungsauftrages profiliert und – im Rückgriff auf Schleiermacher – Pfarramt und Gemeinde in eine wechselseitige und vor allem gleichwertige Beziehung setzt. Ich halte beide Ansätze für selbstverständlich. Gerade die Bestimmung des Verhältnisses von Pfarramt und Gemeinde als wechselseitig und gleichwertig scheint mir jedoch keineswegs selbstverständlich zu sein.

 

1. Das Problem – und mögliche Lösungsansätze:

Die nordelbische und die bayerische Landeskirche haben Befragungen zur Situation der Pfarrerinnen und Pfarrer durchgeführt. Bei beiden Studien zeigen sich zwei Probleme besonders:

a) die Überkomplexität der pfarramtlichen Arbeit -> Reaktion: Prioritäten setzen.

b) die Diffusität des Pfarrberufs -> Reaktion: Theologische Profilierung.

Konsequenzen:

I: Prioritäten lassen sich setzen durch Selbstbescheidung und Selbstbegrenzung der PfarrstelleninhaberInnen – d.h. eine verantwortliche und selbst verantwortete Auswahl aus der Fülle der Aufgaben muss getroffen werden. (Kritik an der Qualitätsdebatte)

II: Aufgabe pfarramtlicher Arbeit ist nicht die Selbstdarstellung der Kirche; es geht auch nicht darum, die Gläubigen an die Kirche zu binden, sondern an das Evangelium. (Kritik an der Quantitätsdebatte: „Wachsen gegen den Trend“)

III: PfarrstelleninhaberInnen distanzieren sich von fremden und eigenen Ansprüchen und vom Erwartungsdruck, dem sie begegnen.

 

2. Die theologische Grundlage: Die protestantische Ekklesiologie

In CA V („Solchen Glauben zu erlangen hat Gott das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakramente gegeben, dadurch er, als durch Mittel, den heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, wirkt …“) wird das Allgemeine Priestertum aller Gläubigen definiert. Einen Spezialfall dieses Allgemeinen Pristertums stellt das Pfarramt dar, das in CA XIV so bestimmt wird: „Vom Kirchenregiment wird gelehrt, daß niemand in der Kirche öffentlich lehren, predigen oder die Sakramente reichen soll ohne ordentliche Berufung [rite vocatus]“.

Das Priestertum aller Gläubigen äußert sich im christlichen Leben, der Spezialfall des Pfarramtes betrifft das öffentliche Lehren, Predigen und die Sakramentsverwaltung. Dazu bedarf es der ordentlichen [rite] Berufung.

Das Pfarramt stellt also nach der CA  das Priestertum aller Gläubigen sicher, indem es der theologischen Entwicklung und der geistlichen Leitung der Gemeinde dient. 

Mit Eilert Herms: „Das Pfarramt wacht kritisch über die Verkündigung der Gemeinde“ kann man diese Funktion als „Episkopie“ bezeichnen.

Neben der Episkopie hat das Pfarramt auch die Aufgabe der Repräsentation und der Apologie des Glaubens nach außen.

In der Jetztzeit hat diese Funktion des Pfarramtes zentrale Bedeutung: Apologetik kann man definieren als Diskursfähigkeit im vernünftigen Gottesdienst im Alltag der Welt.

Zu dieser Diskursfähigkeit gehört grundlegend eine theologische Urteilskompetenz aufgrund akademischer Bildung und eine theologische Professionalität, die durch pastorale Selbstbildung gefördert und erhalten wird, nämlich

i. durch Teilnahme an pastoralen Fortbildungen

ii. durch die Teilnahme am Pfarrkonvent

iii. durch Pflege der eigenen Spiritualität („Exerzitien“) in Zeiten der Stille/ Einkehr/ Besinnung

iv. durch Supervision.

 

3. Das Verhältnis von Pfarramt und Gemeinde

Die Gemeinde hat aufgrund der Definition von CA V eine theologische Urteilskompetenz und die Pflicht, theologisch zu urteilen. Theologie ist hier auf der Grundlage von Johannes 10,4-5 („Die Schafe folgen ihm [dem guten Hirten] nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm“) definiert als Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen der Stimme des Guten Hirten und den anderen Stimmen.

Eine zeitgemäße Verkündigung muss sich dabei mit folgenden Faktoren auseinandersetzen:

a) sie knüpft an an die Wissenswelten und Semantiken der Jetztzeit;

b) es fehlen geeignete Sprachformen, um theologische Inhalte zu kommunizieren;

c) sie steht in der Spannung zwischen dem Zwang zur Originalität und der Treue zur Apostolizität, muss also das Alte unter neuen Bedingungen aktualisieren;

d) das „Informationswissen“ nimmt gesellschaftlich zu, das „Sinnwissen“ nimmt ab und bezieht seine Sinngehalte nicht mehr allein aus dem christlichen Glauben, sondern aus dem breiten Spektrum religiöser und esoterischer Inhalte (Synkretismus).

Aufgabe des Pfarramtes ist es, der Gemeinde zur Mündigkeit zu verhelfen, d.h. zur Fähigkeit zu urteilen. Das Pfarramt ist daher (nach CA V) zu verstehen als ein „Dienstbefähigungsamt“: Es befähigt Menschen zur Mündigkeit.

Dieses Charisma der Befähigung anderer muss man in besonderer Weise von den PfarrerInnen erwarten.

Dabei befinden sich Pfarrer und Gemeinde nicht in einem hierarchischen Verhältnis, sondern in dem einer Gleichwertigkeit. Bei Schleiermacher ist dies die „Zirkulation“ der Verkündigung: Die Gemeinde fragt, fordert heraus, der/die Pfarrer/in antwortet. So, wie die Gemeinde die Antwort braucht, braucht der/die Pfarrerin die Frage, die Herausforderung durch die Gemeinde – beide sind voneinander abhängig, aufeinander gewiesen; beide haben ihren Wert.

 

4. Einige kritsche Anmerkungen/ Anfragen aus dem Pfarrkonvent zu diesem Vortrag (die Wiedergabe erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit):

– Eine Priorisierung der pfarramtlichen Arbeit als Episkopie und Apologie ist schön & gut, aber der gemeindliche Alltag mit seinen komplexen Anforderungen sieht anders aus: Gruppen wollen betreut, Verwaltungsaufgaben erledigt werden. Die Prioritäten durchzusetzen bleibt Aufgabe des Pfarrers/ der Pfarrerin.

– Das gilt ebenso für die pastorale Selbstbildung: Zeiten für Fortbildungen, für „Exerzitien“ und Supervision müssen selbst freigeschaufelt bzw. erkämpft werden. Andererseits muss, auch von Seiten der Kirchenleitung, vermittelt werden, dass Fortbildung/ theologische Arbeit elementarer Bestandteil des Pfarrberufes ist.

– „Exerzitien“ haben etwas Künstliches
. Die persönliche Frömmigkeit sollte mit der regionalen Frömmigkeit in Bezug stehen.

– Auf der einen Seite steht die Ablehnung der Überforderung – der PfarrerInnen von außen und der Selbstüberforderung -, auf der anderen Seite der Anspruch an eine zeitgenössische Verkündigung, mit den Wissenswelten und Semantiken der heutigen Zeit (Internet!) vertraut zu sein, geeignete Sprachformen für die Kommunikation des Evangeliums zu finden und den Spagat zwischen Originalität und Apostolizität zu leisten und dadurch diskursfähig mit der unreligiösen Umwelt zu sein. Auch hier handelt es sich um eine massive Überforderung. Zudem stehen die immer größer werdenden Anforderungen an den Pfarrberuf in keinem Verhältnis zu seiner Attraktivität und zur Wertschätzung, auch und vor allem durch die Kirchenleitung.

– Der Begriff der „Apologetik“ ist traditionell, aber unglücklich gewählt, weil er einen Gegensatz des „Wir hier drinnen – die da draußen“ suggeriert. ChristInnen sind Teil der Gesellschaft, und zwar nicht nur als Gruppe innerhalb der Gesellschaft, sondern als Bürgerinnen und Bürger darin auch aufgehend. Daher sollte ein anderer Begriff für die Vertretung des christlichen Glaubens gegenüber der „Welt“ gewählt werden, z.B. „Zeitgenossenschaft“.

– Vor die „Apologetik“ oder die christliche Zeitgenossenschaft muss die Kommunikationsfähigkeit gegenüber der Gesellschaft treten. Die binnenkirchlichen Sprache muss aufgebrochen, theologische Fachbegriffe müssen aufgegeben oder zumindest übersetzt werden.

 

 

Zu Schleiermachers Verständnis der Kirchenleitung: Vgl. Etzelmüller, Gregor, Kirchenleitung jenseits der Konsistorialverfassung. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Friedrich Julius Stahl, Hannoveraner Initiative Evangelisches Kirchenrecht (HIEK), Workingpaper 2/08 <http://www.ekd.de/kirchenrechtliches_institut/download/Etzelmueller02_08.pdf>